Oder: Neues aus dem Bewerber-Dschungel.

Das Zeilenende ist ein begnadeter Bürokrat. Gebt ihm eine Akte und es arbeitet diese Akte gründlich durch, schreibt Vermerke, heftet sie, fertigt Kopien an, schickt sie in mehrfacher Ausfertigung an alle relevanten Stellen, gern auch zur Kenntnisnahme an alle Vorgesetzten und peripher betroffenen Stellen. Anschließend schnüffelt das Zeilenende ein wenig am Aktendeckel, klemmt sich die Akte unter den Arm, stapft damit persönlich ins Archiv und legt sie an der entsprechenden Stelle ab, nicht ohne noch schnell ein Digitalisat anzufertigen, das es ebenfalls archiviert. Zufrieden zieht es sich dann die Ärmelschoner zurecht, stützt die Ellenbogen auf den Schreibtisch und blickt erwartungsvoll einem komplexen Antrag entgegen, der sorgfältiger Prüfung bedarf.

Das Zeilenende würde sich in einer Verwaltung sehr wohl fühlen. Was geht ihm das Herz auf, wenn es selbst Anträge ausfüllen darf und Selbstauskünfte gibt. Manchmal ist es enttäuscht, wenn die Bewerbung per Mail erfolgen soll statt über ein ausuferndes Formular, das penibel ausgefüllt werden will und neben Allerweltsdingen wie Abiturdatum, Führerscheinklasse und Schuhgröße (16.06.2006, BE, 43) auch Grundschuleintrittsdatum, Lieblings-Song mit 20 und Penislänge (08.08.1994, Breakfast at Tiffany’s, … Ihr Ferkel … ) abfragt. Als Pflichtfelder, die natürlich mit dem genauen Tag versehen werden müssen, damit die Bewerbung abgeschickt werden muss. Solche Dinge hat das Zeilenende natürlich spätestens seit dem denkwürdigen Moment parat, als er für eine Stelle mit Berufserfahrung und Hochschulabschluss aufgefordert wurde, sein Abiturzeugnis nachzureichen. Und besagtes Einschulungsdatum in die Grundschule verlangt wurde – mit Tag und Monat als Pflichtfeldern.

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Aber am Schlimmsten sind Papier-Bewerbungen. Vor Allem, weil die meisten roten Bewerbungsmappen furchtbar aussehen und das Zeilenende deshalb auf dieses langweilige Blau ausweichen muss.

Das Zeilenende dachte eine Weile darüber nach, sich als Dienstleister selbstständig zu machen. Es könnte nicht nur solche Bewerberportale für seine Kund*innen bestücken, es könnte auch Selbstauskünfte für die Jobcenter ausfüllen, Flugtickets in die USA kaufen, sich in manchem Online-Shop registrieren und natürlich bei zahllosen Verbraucher-Umfragen teilnehmen. Es könnte die Neugierde des Statistischen Bundesamtes bestimmt über Jahre hinweg befriedigen. Das Glattstreichen der Formulare wäre das Vorspiel. Kreuze gelten in Teilen der Lederszene bereits als Sextoys, warum nicht auch bei Bürokratens? Und Sex am Arbeitsplatz ist ein gut eingeführtes Thema.

Dennoch kann das Zeilenende, dem kaum etwas Menschliches fremd ist, das sogar schon von Sodomie (in beiden Bedeutungen des Wortes) gehört hatte, und damit auch Nicht-Menschliches geläufig war … Dieses Zeilenende war erschüttert. Erschüttert, dass es bislang so nachlässig war. Eine große Behörde, eine bundesunmittelbare Körperschaft des öffentlichen Rechts, hatte ihn etwas gelehrt. Nicht allein, dass „unmittelbar“ und „Körper“ in ihm Gelüste weckten und schmutzige Gedanken ins Bewusstsein rückten.

Was war geschehen? Das Zeilenende hatte dieser Behörde eine Bewerbung geschrieben. Eine harmlose, mehr ein Quickie denn eine ernstzunehmende Bewerbung. Mit standardisiertem Anschreiben, zusammengefasst in einer pdf-Datei zu einer Bewerbung, die er per E-Mail seinem Objekt der Begierde zugeschickt hatte. Sehnsüchtig aktualisierte es die kommenden sechs Wochen seinen Posteingang, ob er wohl einen Liebesbrief zurückbekäme.

Dann, eines Tages, war es so weit. Mit einem Anhang. Es durfte gekuschelt werden. Ein Anhang konnte nur eine Einladung beinhalten! Man wollte ihn kennenlernen! Vergesst Tinder, das Zeilenende hat die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit, das ist Tinder für Bürokraten (und ähnlich gut zu bedienen wie Tinder es wäre, wenn Bürokraten es erfunden hätten). Doch oh Weh und Ach! Das Zeilenende brach in Tränen aus. Heiße Tränen.

War es Trauer? Nein, es war Scham. Scham, dass es selbst noch nie auf die Idee gekommen war. Es hatte eine Absage erhalten und angehängt war … Seine Bewerbung! Die pdf-File, die es mit viel Liebe zusammengepackt hatte, auf das sie an fremdem Ort ausgedruckt, vervielfältigt, mit Vermerken versehen und archviert werden konnte. Sein Verlobungsgeschenk! Es war schmählich ignoriert worden. Sie wollten es noch nicht einmal behalten. Sie sandten seine Bewerbung zurück. Ein Relikt aus Zeiten, als Bewerbungen noch teuer waren und aufwändig in Mappen mit hochwertigen Fotografien versehen auf dem Schneckenpost-Wege versandt werden mussten.

Das Zeilenende grübelte. War das wirklich seine Bewerbung? Wie konnte es sicher gehen, dass diese undankbaren Lumpen nicht doch eine Kopie seiner Bewerbung behalten hatten und sich heimlich damit vergnügten, ohne ihn an diesem Spaß teilhaben zu lassen? Das Zeilenende war nun nicht allein beschämt, noch nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein, E-Mails zurückzuschicken, es war auch betrübt. Aber zugleich hatte es eine Idee.

Sollte dieses Beispiel nicht Schule machen? Sollte man den ganzen Spammern ihren Spam nicht zurückschicken, versehen mit dem Kommentar: „Ich danke Ihnen für die Zusendung Ihres Angebots bzgl. des Kaufs einer Penispumpe vom 19.06.2016. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ein anderes Produkt meinen Maßen und Bedürfnissen besser entspricht. Ich wünsche Ihnen bei der weiteren Suche nach einem geeigneten Käufer Ihrer Produkte alles Gute und verbleibe herzlich, Ihr Zeilenende.“ Angehängt das entsprechende Angebot, notfalls ein Screenshot der geöffneten Mail zu Belegzwecken, dass man die Nur-Text-Mail wirklich gelesen hatte.

Ist das nicht eine formidable Idee, Mail-Anhänge zurückzuschicken, die sich noch weiter ausdehnen ließe wie die Zurücksendung von Mail-Bewerbungen auf dem Postwege – ausgedruckt und mit beigelegter CD, die das digitale Original enthielt? Auf Twitter berichteten mir Einzelne von euch, dass einzelne Institutionen diese Praxis bereits pflegen. Und ließe sich das nicht weiter ausbauen? Na, wer von euch hat noch Ideen?

 

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48 Kommentare zu „Deutsche Behörden sind so gründlich

  1. Als Präventivmaßnahme solltest du bereits eine Vielzahl von Textbausteinen entwerfen. Wir bekommen schließlich nicht nur Penispumpen angeboten.
    Meines Erachtens ist es auch einfach unverschämt, wenn man beinahe täglich ein neues I-Phone gewinnt. Derartige Mails würde ich sehr gerne per Dienstleister bearbeiten / ablehnen lassen. Selbstredend nur dann, wenn ich von Quali- und Professionalität seiner Schreiben überzeugt bin…

    Zwischen den Zeilen darfst du hier rauslesen, dass ich mich sehr auf deine Bewerbung als professioneller Mailbeantworter (mittlerer Dienst) freue.

    Mit erwartungsvollen Grüßen 😉

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      1. Der ÖD und ich sind aus Prinzip eine Liebesgeschichte. Ich finde, gewisse Dinge sind Aufgabe des Staates, um die er sich kümmern muss. Dafür hat er den ÖD. In dem geht es zwar manchmal etwas arg bürokratisch zu, aber auch nur, weil die Leute nicht den Mut, die Kraft oder die personelle Ausstattung haben, die gegebenen Spielräume zu erkunden und auszunutzen.
        Dennoch mag ich den ÖD aus Prinzip, weil die Alternative, keinen ÖD zu haben, mir wie eine Katastrophe vorkommt. Uneingeschränkter Sieg der radikalen Marktwirtschaft. Es ist also eine gehörige Portion Idealismus mit dabei, aber den lasse ich mir nur ungern durch die Realität vermiesen. 🙂

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  2. Ein Quickie also, nicht wirklich ernst gemeint, ts, ts, ts. An einer Behörde wird ALLES ernst genommen. Und ich habe noch nie vorher oder nachher soviel Ausgedrucktes und Wiedereingesanntes gesehen wie während meines 26-monatigen beruflichen Behördenaufenthalts. Es ist ein spezielles Biotop und nur gut angepasste Pflanzen können dort wachsen.

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  3. Immerhin ist es ja schon mal sehr fortschrittlich, dass die Agentur für Arbeit überhaupt schon Bewerbungen per E-Mail entgegennimmt. Aber wie das immer ist, mit der brandneuen Technik. Sie macht ihnen Angst. Als Nutzer solch teuflischer Technik versetztest du sie in völlige Panik. Vielleicht wärst du mit einer schriftlichen Bewerbung per Post erfolgreicher gewesen. 😀

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    1. Hab ich vertaten, dass es eine Agentur für Arbeit war? *hust* Ich bin doch diskret. Aber da geht in der Tat meistens Mail. Manche bitten sogar drum, vom Papier Abstand zu nehmen. Bis auf unrühmliche Ausnahmen wie Salzgitter. Die wollten Papier haben. Und die haben mir auch noch nicht geantwortet. Ich prangere das an!

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      1. Stimmt, da habe ich etwas durcheinander gebracht.
        In Salzgitter sitzt bestimmt ein Bürokrat an deiner Bewerbung, der sie „gründlich durcharbeitet, Vermerke schreibt, sie heftet, Kopien anfertigt, digitalisiert…“ 😀

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  4. Deine „Länge“ entspricht alse der des Ausdrucks „Ihr Ferkel“ in Schriftgröße 12? Ts, ts, ts, du kleiner Schlawiner du! :mrgreen:

    Dass die pdfs zurückgeschickt werden, das hab ich noch nicht erlebt, und auch wenn es an gute, alte Teiten erinnert, finde ich das schon sehr verquer. XD
    Aber vermutlich mussten sich dazu zig Sachbearbeiter zusammentun, um erst einmal das pdf zu öffnen. ^^‘

    PS: Fun fact, Sodomie hat, meines Wissens nach, nur im Deutschen diese doppelte Bedeutung. Im Englischen und Französischen z.B. fehlt die tierische Komponente. 😛

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    1. Das war ja klar, dass du dich für meinen Penis interessierst. Damit wäre zumindest geklärt, wer von uns aktiv ist, wenn ich dich entführe und zur Ehe zwinge. 😅
      Die eigentliche Herausforderung für die war aber wahrscheinlich das Ausdrucken und anschließende Wiedereinscannen, von dem Tanja im Norden sprach. ^^

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      1. Ich springe nur auf einen möglichst flachen Witz an. Wenn dein Penis die notwendigen Eigenschaften mitbringt, dann ist es so. XD 😉

        Bwahahah, ja, allein mit dem Drucken haben ja manche Behörden schon ein Problem. ^^‘

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  5. Ich hatte mich an einer Hochschule beworben, die bundesweit für ihre technischen Studiengänge bekannt ist. Ich bewarb mich per email und erhielt Wochen später meine ausgedruckten Bewerbungsunterlagen fein säuberlich eingefasst in einem blauen Schnellhefter zurück inklusive einem Absage schreiben.

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    1. Oh … Oh … Aber immerhin. Eine eben solche Universität im westfälischen Rheinland gelegen und ebenfalls prominent als Ingenieurskaderschmiede bekannt, ließ nicht einmal Bewerbungen per Mail zu, als ich mich dort auf eine Stelle bewarb.

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  6. Ich vermisse im Text den korrekten Satzteil „Zu unserer Entlastung… (senden wir Ihnen die Bewerbung zurück / Daten zurück blabla).“ 😀

    Kenn ich aber. Richtig übel wird es, wenn deine E-Mail-Bewerbung ausgedruckt (!) und in Papierform zurückgesendet wird!
    Vom Finanzamt bin ich es ebenfalls nicht anders gewohnt: Ich kann bei meiner Lohnsteuererklärung noch so oft „KOPIE“ quer über den Wisch kritzeln, mit rotem Edding und Schriftgröße „Blatteinnehmend“, immer erhalte ich mehrere Briefe: Einen „Danke für die Unterlagen“, einen „Zu unserer Entlastung hier Ihre Kopien“ und einen „Ihre Lohnsteuerrückzahlung/-zuzahlung beläuft sich auf“. Ich frage mich jedesmal, ob die meine Steuern nicht senken könnten, wenn sie a) diese vielen Briefe in einen zusammenfassen und/oder b) mir einfach per Mail antworten würden…

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    1. Der wird bei Bewerbungsunterlagen übrigens gar nicht benutzt, zumindest bei mir nicht. ABER: Ich erkenne zusätzliches Potential. Jede Seite einzeln per Post schicken. Und das von jeder Kopie, die angefertigt wurde. Oh, was wäre das eine wundervolle Aufgabe für mich. 🙂

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  7. Tja, die guten alten Ärmelschoner werden wahrscheinlich auch nicht so bald aus der Mode kommen. Meine innere Kristallkugel zeigt mir nämlich eine Vision. Eines – für amtsschimmelige Verhältnisse unfernen – Tages wird man sich daran entsinnen, dass man doch eigentlich schon seit geraumer Zeit ein Projekt namens „papierloses Büro“ umsetzen wollte. Natürlich nur punktuell und nach dem bewährten gut-Ding-will-Weile-haben Prinzip. So ist man also zum Schluss gekommen, dass das gute Ding nun der Weile genug genossen habe. Da Fantasie Mangelware ist – auch die Behörden müssen ja irgendwo sparen – scheint sich niemand vorstellen zu können, wo und wie denn, bitteschön, die Papierlosigkeit in Tat umzusetzen sein könnte. Bis ein heller Kopf (wahrscheinlich neu im Amt) den Geistesblitz hat, man könnte die Papierlosigkeit am Ort des gelegentlichen Donnergrollens einführen. Da bei den dort stattfindenden Sitzungen kein Protokoll geführt wird und es ergo nichts zu archivieren gibt (obwohl man sonst penibel jeden Scheiß aufhebt), wäre, so die Logik, dies genau der richtige Lebensraum für die zu kultivierende Papierlosigkeit. Die guten alten Ärmelschoner hat man jahrzehntelang nur aus reiner Gewohnheit getragen, ohne einen Sinn darin zu sehen (wobei letzteres, also keinen Sinn zu sehen, ohnehin zu den bestgepflegten Gewohnheiten gehört). Nun wird man die Dinger also weiterhin aus Gewohnheit tragen. Allerdings nicht mehr immer ganz rein… 😉

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    1. Es soll ja öffentliche Einrichtungen geben, bei denen „Bring your own toilet paper“ gilt. Deutsche Schulen sind da Vorreiter. Aber stattdessen Ärmelschoner? Könnte man nicht stattdessen die Urlaubsanträge streichen? Wer urlaubt, arbeitet schließlich nicht. Das ist unproduktiv. 😉

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  8. Grins, wollte sagen „Wieher!“ Artikel und Kommentare sind ein Genuß! Nur blöd, dass ich bei jedem neuen Kommentar und like-Sternchen einen neuen Ausdruck des Ganzen machen muss, damit ich die neueste Version vor mir in meinem Blog-Lesefolder abheften kann …

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      1. Ui, das ist jetzt fast so ein Moment wie jener, wenn einem die Eltern erklären, dass es doch eigentlich völlig unmöglich ist, dass das Christkind alle Kinder auf einmal besucht und dann auch noch die richtigen Geschenke mit sich rumschleppt – also, schon rein physikalisch: die tonnenschwere Last und ein kleines Kinderl und dann wären da noch die Jugendschutzgesetze und so …
        Aber weißt du was, ich sage jetzt einfach gar nichts und freue mich, dass du dich freust und wische noch einmal mit dem von den Tränen der Rühung feuchten Tuch über den phantastischen Lese-Folder, damit er noch besser zur Geltung kommt 😉

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      2. Verschiedenfarbige Socken und abstehende Zöpfe? Hm, ich muss bei deinen wöchentlichen Selfies doch noch genauer hinschauen, das ist mir bis jetzt doch glatt entgangen!(Obwohl sich das „nach dem workout“-Foto neulich frisurentechnisch schon ein bisschen Pippis Haarpracht annäherte)

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