Al-Qaida heißt jetzt IS, Irak heißt Syrien, der Stoff bleibt der Gleiche. Wer hätte gedacht, dass die erste Staffel Homeland, eigentlich den aktuellen Geschehnissen ein ganzes Stück hinterher-hinkend, bei späterer Betrachtung wieder aktuell wird? Das spielt fürs Gucken keine Rolle, beklemmend ist es dennoch.

homeland

Inhalt lt. amazon.de

Carrie Mathison ist eine brillante, aber auch unstete CIA-Agentin, die einen geretteten Kriegsgefangenen verdächtigt, ein falsches Spiel zu spielen: Ist Nicholas Brody ein Kriegsheld – oder ein Schläfer von Al-Quaida, der im Geheimen einen spektakulären Terroranschlag auf amerikanischem Boden plant? Carrie verlässt sich auf ihre Intuition und riskiert schließlich alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen: ihren Ruf, ihre Karriere und nicht zuletzt ihren Verstand!

 

Sechs Folgen Langeweile

Ein Soldat wird aus den Klauen islamistischer Terroristen befreit, nach Jahren, endlich. Er wird als Kriegsheld gefeiert, er versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Sechs Folgen lang dürfen wir diesen Prozess recht langatmig und konfliktfrei bewundern. Brody ist ein mustergültiger Held, fühlt sich in seiner Rolle zwar nicht wohl, spielt aber mit. Er ist vor allem froh, seine Familie zurück zu haben und die ist froh, ihn zurück zu haben. Dass er jahrelang verschwunden war, spielt keine Rolle. Dass seine Frau kurz davor stand, eine neue Beziehung öffentlich zu machen, spielt keine Rolle. Dass Brody im besten Fall einen langen Integrationsprozess hat, spielt keine Rolle. Sechs Folgen lang wird der Zuschauer mit Belanglosigkeiten gequält.

Auf der anderen Seite gilt das Gleiche: Carrie ist obsessiv, was Brody angeht, greift zu illegalen Mitteln und wird regelrecht paranoid. Sie überwacht ihn auf Schritt und Tritt, verwandelt sich in Big Brother und glaubt, sie würde Gutes damit tun, sich über alle bestehenden Regeln des Rechtsstaats hinwegzusetzen. Alles weitere, mit dem diese Geschichte garniert wird, ist zu Beginn ebenso unglaubwürdig wie banal und moralisch fragwürdig zugleich.

 

Der Knall

Homeland ist eine der Serien, denen man eine kleine Chance geben muss. Ich überlegte nach den sechs Folgen, ob ich sie ebenso abbrechen soll wie Mad Men. Gründe hätte ich dafür, im Unterschied zu Mad Men sind die Figuren aber sympathischer und ich beschloss, die erste Staffel komplett zu schauen, bevor ich mir ein Urteil erlaube. Schon in der siebten Folge wurde ich belohnt.

Mit der siebten Folge wird Homeland nicht glaubwürdiger, aber die Geschichte nimmt solch irrsinnige Wendungen, dass es spannend wird. Während man sich bislang auf sicherer Fährte wähnte, nehmen die Serienmacher dem Zuschauer alle Gewissheiten weg und suggerieren ihm, jetzt endlich besser Bescheid zu wissen. Das ganze hält dann eine Weile vor und wir bekommen die nächste Wendung serviert.

Auch wenn der Besuch des Vizepräsidenten bei Brody daheim noch ein ziemlicher Bullshit-Moment ist, diese Momente werden weniger. Der geheime Plan, den man im Hintergrund vermutet, wird klarer, die Geschichte wird krasser. Dass sie Wendungen nimmt, war erwartbar, welche Wendungen sie nimmt, lagen zumindest jenseits meiner Vorstellungskraft.

 

Ethik und Storytelling

Die Serie trifft moralisch fragwürdige Aussagen. Carries Überwachungsmaßnahmen sind ebenso illegal wie gefühlt alles, was die CIA oder Carrie unternehmen, um ihren Verdacht zu untermauern, etwas großes sei im Busche, ein Attentat sei geplant. Homeland verfährt strikt nach der Zweck-heiligt-Mittel-Logik. Damit bedient Homeland das, was die Zuschauer sehen wollen: Keine heile Welt, keine sauberen Lösungen, sondern einen unbarmherzigen Blick in den Maschinenraum der Macht. Gleichzeitig wollen sie den Glauben an Helden nicht untergraben und Carrie wird trotz ihrer zahllosen Verstöße zur Heldin, die am Ende bitter für ihre Taten büßen muss. Also zumindest am Ende von Staffel 1, denn es geht ja weiter. Homeland paart also zu verurteilendes Verhalten mit einem Appell an die Zuschauer, das doch gar nicht so schlimm zu finden. Glücklicherweise kann ich die Serie gut finden und sie trotzdem moralisch verurteilen … Und mich auf Staffel 2 freuen.

Denn glücklicherweise bietet Homeland auch ein paar Einblicke: Ein Marine darf hier doch tatsächlich weinen – nicht vor Schmerz, sondern aus Liebe. Und Homeland bietet einen Einblick, dass das Geheimdienstgeschäft einsam macht. Keine Freundschaft, keine Liebe, nichts hat Bestand, wenn man seine Nase beruflich in die intimen Angelegenheiten anderer Menschen steckt und gleichzeitig die nationale Sicherheit beschützt.

Insgesamt funktioniert Homeland aber deshalb, weil die Serie sich der Dan-Brown-Methode (+Cliffhanger) bedient: Eine große Verschwörung, eine offensichtliche Spur, eine nicht offensichtliche Verwicklung, versteckte Hinweise (kleiner Spoiler, zum Lesen markieren: ist jemandem mal aufgefallen, wie sich Brodys Verhalten hin und wieder ändert, vom Mensch zum Roboter und zurück?) Auflösung in letzter Minute, haufenweise Hindernisse für den Einzigen, der alles aufklären kann.

Die Dan-Brown-Methode funktioniert immer genau einmal ganz gut, wenn man die besonderen Mechanismen noch nicht kennt. Der zweite Dan-Brown-Roman ist durchschaubar, der dritte Dan-Brown-Roman macht keinen Spaß mehr, weil man schon nach dem Klappentext weiß, wie er funktioniert. Homeland hat in der ersten Staffel bewiesen, dass es nach lahmem Start spannend werden kann. Die Frage ist: Können sie ihr Strickmuster in den kommenden Staffeln so gut variieren, dass sie von der Dan-Brown-Methode nicht in die Dan-Brown-Falle gehen?

12 Kommentare zu „Besprechung: Homeland, Season 1

  1. Die erste Staffel mochte ich tatsächlich sehr, gerade den langsamen Aufbau in der ersten Hälfte. Die zweite Staffel fand ich deutlich schwächer und die dritte habe ich gar nicht mehr gesehen…

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  2. interessant! es ist ein Weilchen her, dass ich Homeland geschaut habe. Ich finde die Figuren auch alle nicht sympathisch und habe nach der dritten Staffel auch nicht mehr geschaut. Die erste war wirklich die beste.

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  3. Also, ich finde, es lohnt sich, dran zu bleiben – und auch die dritte Staffel zu „überstehen“ (die wird erst in den letzten drei-vier Folgen richtig gut), denn die vierte Staffel fand ich wieder richtig gut!

    Komischerweise hatte mich die erste Staffel aber schon viel eher gepackt – ich fand schon die ersten Folgen, die du langweilig empfandest, richtig gut.

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    1. So viel vorweg, die zweite Staffel fand ich sogar richtig gut. Die restlichen Staffeln kommen nämlich die nächsten Wochen. Ich muss mal ein wenig von meiner Halde abbauen. Zumindest was Reviews angeht, habe ich da noch Zeug, das ich vor nem halben Jahr geschaut habe und eigentlich für schlechte Zeiten horte. Aber Homeland find ich schwierig … Ich werde mit Carrie nicht warm. -.-„

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  4. Ich denke niemand wird mit Carrie warm. Ich denke, gerade dadurch ist sie überzeugend als Charakter. Was sie noch durchmachen wird bzw durchmachte, da muss man ein wenig durchgeknallt sein. Ich mag die Serie gern, die Selbstkritik am System, die Hilflosigkeit……die Kritik an Deutschland in der Staffel, die In Berlin gedreht wurde……mein Lieblingscharakter ist Peter Quinn 😉

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    1. Sagen wir es so: House of Cards glänzt auch mit ausgewiesenen Unsympathen. Dennoch gelingt es der Serie im Unterschied zu Homeland, dass ich den Charakteren was abgewinnen kann. Carrie hingegen nervt einfach nur. Peter ist … Naja … Peter hat seine Momente, aber viel mehr als „Er nervt nicht“ kann ich auch nicht über ihn sagen. Außer seine Affäre, die hatte was.

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  5. House of Cards ist eine ganz andere Show, die ein völlig anderes USA darstellt, ich glaube nicht, dass man das vergleichen kann. Ausserdem ist für uns ein solches Leben schlecht nachvollziehbar 😉 und bipolar (Carrie) zu sein, ist sicherlich nicht einfach 😉

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    1. Jain. Von den Inhalten her nicht, aber Storytelling und Figurenzeichnung sind universale Dinge, die man unabhängig von der Geschichte machen kann. Es ist ja noch nicht einmal so, dass mich die Themen von Homeland nicht interessieren. Aber wie sie es erzählen, dazu finde ich persönlich nur wenig Zugang, obwohl ich mit fehlenden sympathischen Charakteren durchaus leben könnte. Es kommt auf die Art der Unsympathen an.

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