Es gibt mannigfaltige Beziehungen zwischen Musik und Literatur. Das lässt sich nicht leugnen. Aber die Genres der Literatur und der Genres der Musik stehen insgesamt doch in einem losen Zusammenhang. Rückblickend lässt sich viel mit der „Mentalität einer Epoche“ erklären, weil beide Kunstformen das gleiche Programm verfolgen, aber das ist bereits Interpretation.

Typisches Beispiel ist wahrscheinlich der Barock. Das Sonett und die Fuge, Gryphius und Bach versuchen die Welt mit den Mitteln der Kunst zu ordnen, weil die Welt um sie herum chaotisch war, um es mal platt und sehr wenig differenziert auszudrücken. Und wenn Sie Bertolt Brecht mögen, dann mögen Sie wahrscheinlich auch Ernst Busch. Aber weniger aus Gründen der Kunst, sondern weil beide uns den Aufschrei der Arbeiterklasse gegen das Unrecht in der Welt um die Ohren hauen.

Andere Verbindungen sind loser: Mit Gatsby und anderen Büchern, die in den 20ern spielen, verbinden wir wahrscheinlich nur deshalb den Charleston, weil auf den Partys der 20er Jahre eben Charleston getanzt wurde.

Noch weniger von gegenseitiger Beeinflussung lässt sich wahrscheinlich in solchen Fällen sprechen wie der Vorliebe von Science Fiction zu Kompositionen der Romantik (daran ist nur Stanley Kubrick schuld) und von Klingonen-Fans zu Heavy Metal. Klingonen-Metal ist mir ebenso wenig bekannt wie eine Star-Trek-Folge, die von Amon Amarth inspiriert wurde.

Auch wenn wir die Genres differenzierter betrachten, ist mir zumindest nicht geläufig, dass es Vampirmusik speziell für Twilight-Fans gäbe. Ich vermute, dass es unter entsprechenden Leser*innen mit einer Vorliebe für die blutleeren und seelenlosen Gesellen auch eine Vorliebe für blutleere und seelenlose Musik gibt, sagen wir von Helene Fischer, aber auch das ist doch eine eher zufällige Beziehung. (Und damit habe ich gezielt ein paar Beleidigungen gestreut, die ihr ohne diesen Klammer-Kommentar gar nicht bemerkt hättet. Grandios, oder? 😉 )

Was es natürlich gibt, ist das ein oder andere Konzeptalbum. Die Toten Hosen haben einmal eines zu „A Clockwork Orange“ gemacht und die Welt um „Hier kommt Alex“ bereichert. Aber auch hier ist die Beziehung zufällig, nicht symbiotisch. Gibt es überhaupt so etwas: Genres, die in der Literatur und der Musik existieren, die sich womöglich gegenseitig beeinflussen? Immerhin ist das Schreiben von Liedtexten eine literarische Leistung und der Aufbau eines Spannungsbogens, gerne mit retardierendem Moment etwas, das man auch in der Musik findet und, wer weiß, vielleicht dort geklaut hat?

Blind Guardian und Rhapsody of Fire wären zwei Vertreter des Power Metal, die eng mit dem Fantasy-Genre der Literatur verbunden sind. Da gäbe es sicherlich mehr zu entdecken, aber das überlasse ich beschlageneren Geistern. (Gell, Chris?)

Wenn es das gibt, vertontes Literaturgenre, geschriebene Musik, dann sicherlich im Steampunk. Der Steampunk ist … Der Steampunk ist immer mal wieder das nächste große Ding. Entstanden aus der Cyberpunk-Literatur spielt es gern in einem düsteren alternativen viktorianischen Zeitalter, das zugleich erstaunlich modern ist und uns Computer und allerlei krasse Technologie vorführt, die mit Dampf angetrieben wird. Es ist die Rückkehr der Science Fiction zu ihren Altmeistern: Jules Verne, HG Wells, Kurd Lasswitz. Aber während diese sich fragten, was wohl in der Zukunft möglich wäre, fragt der Steampunk „Was wäre gewesen, wenn?“ Besser erklären können das aber die Jungs und Mädels von Abney Park.

Stärker als die meisten literarischen Genres (vom Manga mit seinen diversen Genres abgesehen, man verzeihe mir die Oberflächlichkeit dieser Bemerkung, denn damit kenne ich mich nicht aus, ich weiß nur, dass der Manga sehr differenziert ist, wahrscheinlich eher Gattung denn Genre) hat sich der Steampunk als ursprünglich literarisches Genre eine eigene Szene geschaffen, in der Literatur, Musik, Kleidung und Habitus einen solch engen Zusammenhang bilden.

Und weil ich gerade in der Laune bin, gebe ich euch noch ein wenig was auf die Ohren, statt euch vollzusülzen:

20 Kommentare zu „Dampf auf die Ohren

  1. Puh… also mit Blind Guardian hast du natürlich voll ins Schwarze getroffen, was die Beeinflussung durch Fantasy-Literatur betrifft. Nicht grundlos wurden sie sogar mal ein ein PC-Spiel (Sacred 2) integriert. „Herr der Ringe“ hat sowieso einige Künstler inspiriert, aber oft sind es dann nur einzelne Lieder, nicht der gesamte Stil einer Band, wobei viele Power-Metal und Symphonic-Metal-Bands sich sehr stark am Fantasy-Genre orientieren. Oft verschwimmen verschiedene literarische Einflüsse auch miteinander, Fantasy, Mythologie, Sagen. Da gibt es Künstler wie Grave Digger mit einem Konzeptalbum über die Nibelungensage, oder Bands, die sich viel mit (nordischer) Mythologie befassen (Tyr, Amon Amarth). Oder Skálmöld, die ihre Texte sogar im „altisländischen Hofton“ verfassen. Für das Phantasma Album „The Deviant Hearts“ hat Charlotte Wessels sogar einen „Roman“ geschrieben, auf dem das Album letztendlich basiert. Dann die Mittelalter-Rockbands, die gerne alte Texte verarbeiten (gerade In Extremo hat da früher vieles gemacht). Aber das sind ja sogesehen wieder keine Literatur-„Genres“. Hm, es ist schwierig.
    Mit fiele sonst noch Coppelius ein, die sich stark an Ernst Theodor Amadeus Hoffmann orientieren: https://www.youtube.com/results?search_query=luftschiffharpunist
    Womit wir auch wieder zum Steampunk kommen 🙂

    Klingonen-Metal gibt es selbstverständlich ebenfalls: https://www.youtube.com/watch?v=2mFksfk6Tyk

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    1. Argh … Ich hatte ganz vergessen, dass es tatsächlich sowas wie Klingonen-Metal gibt. Ich hatte es wohl erfolgreich verdrängt, weil ich es erstens ganz schauderhaft finde und zweitens der Überzeugung bin, dass die Klingonen in den Bereichen Industrial/EBM/NDH besser aufgehoben wären.
      Vielen vielen Dank jedenfalls für deine Expertise, so ein paar lose Dinge hätte ich wahrscheinlich noch zusammenbekommen (gibt es eigentlich irgend eine einschlägige Band, die sich noch nicht an „Herr Mannelig“ versucht hat?). Die Frage ist auch schwierig: Woran macht man fest, ob der Stil einer Band beeinflusst wurde? Ich finde es selbst bei Abney Park schwer. Dieser gleichmäßige Rhythmus, der durch die meisten Stücke läuft, erinnert mich massiv an Uhrwerke oder gleichmäßig laufende Dampfmaschinen, das wäre sicher ein Punkt, ebenso wie „ätherisches Wabern“ in manchen Power-Metal-Stücken was von Elbengesang hat.
      Spannend finde ich die Sache mit dem Roman und dem Phantasma-Album, das wäre ganz klar eine Genre-Verschränkung. Und zwar mal nicht Literatur inspiriert Musik, sondern eine gegenseitige Befruchtung. Musik inspiriert Romane ist ja meistens sowas wie High Fidelity von Nick Hornby, eher Hommage als wirkliche Inspiration. Da lohnt sich tieferes Graben aber offenbar.
      Und danke für den Link von Coppelius, das kannte ich noch gar nicht und wird jetzt intensiv durchgedudelt. 🙂

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      1. Den Klingonen-Metal darf man auch vergessen, da verpasst man nicht viel. Wobei ich mir sie im Industrial-Bereich wirklich gut vorstellen könnte (das wäre doch mal was für Oomph). Bei den „Dampfmaschinen“ war Coppelius einfach sehr naheliegend, immerhin bauen sie die sogar in ihre Texte ein 😀
        Zum „Elbengesang“ fiel mir noch „Oonagh“ ein, die passender Weise sogar zum Teil auf „elbisch“ singt (wenn das mal kein Beispiel für Literaturbeeinflussung ist).
        Ansonsten ist es, abgesehen von eindeutigen Tributen, wohl wirklich so, dass Literatur mehr inspiriert, als dass sie direkten Einfluss nimmt. Sie erweitert den Horizont, lässt Ideen entstehen und dies ohne bestehende Dinge einfach nur zu kopieren.
        Musik und Film zu betrachten, wird sicherlich ebenfalls interessant. Spontan fiel mir dazu sofort „Austrian Death Machine“ ein (wen diese Band wohl parodiert? 😀 ).
        Vielleicht schaue ich mir das zum nächsten Monatsrückblick nochmal näher an. Zu diesem Thema gibt es ja doch einiges zu entdecken.

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  2. Den losen Zusammenhang zwischen Literatur und Musik hast du hier schon herausgearbeitet. Könnte man natürlich auf alle Genres noch ausweiten. Interessant finden wir auch den Zusammenhang zwischen Musik, Literatur und Film. Wäre eine interessante Fortführung dieses Beitrags. LG Ela

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    1. Japp … Definitiv. Vor Allem, weil es ja nun einmal das Genre der „Film-Musik“ gibt. Genauso wie man sich mal den Spaß erlauben könnte, über Literatur und Film jenseits der Literaturverfilmung nachzudenken. Von daher hoffe ich ja, dass der Beitrag für die eine oder den Anderen auch ein Anstupser ist. 🙂

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  3. Dampft gut. Eine originelle Truppe, die ich noch gar nicht kannte. 🙂
    Ja, jetzt wo du’s sagst. Die Beziehung scheint eben so locker wie vielfältig zu sein. Teilweise dürfte eine literarische Vorlage kaum viel mehr als eine inspiratorische Anregung gewesen sein. Oder der literarische Bezug erschöpft sich in Einzelprojekten. Beispielsweise das Album 1984 von Rick Wakeman. Auch wenn dieses Album durchaus auf Orwells Roman basiert – eine besondere Verbindung zwischen Orwell und Wakeman würde man wohl vergeblich suchen. Und selbst bei Komponisten, deren Lebenswerk fast ausschließlich auf literarischen Vorlagen basiert – etwa Giuseppe Verdi – besteht eine von-Fall-zu-Fall Beziehung. Entscheidend war wohl jeweils die Frage: Gibt der Stoff was für eine romantische Oper her? Und auch wenn Verdi mehrere Werke von Shakespeare und Schiller verwendet hat, stellen die jeweiligen Opern keine homogene Gruppe dar. Es gibt keinen spezifischen Shakespeare-Sound oder Schiller-Sound. Die Musiker pflegen in der Regel ihren persönlichen Stil. Und die literarischen Bezüge bestehen wohl meist darin, dass man sich aus dem Regal greift, was dazu passt. Naturgemäß ergeben sich dabei oft gewisse Schwerpunkte. Aber so richtig homogen wird das wohl selten.

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    1. Ja, die Oper halte ich ohnehin für einen komplizierten Fall, weil Oper (wie die verwandten Arten auch) irgend so ein komisches Zwischending aus Theaterstück und Symphonie ist. Ohne Libretto ist die Oper halt Tonkunst, ohne Tonkunst ist sie Schmierenkomödie. Ein hochgradig zwitterhaftes Wesen. Wobei es ja schon bezeichnend ist, dass sie sich letztlich doch immer an einem bestimmten Typus Stoff bedient haben – Wagner hat ja immer gern in der germanischen Mythologie gewildert und alles zu Kitsch verkomponiert, was sich nicht händeringend dagegen gewehrt hat (ich weiß immer noch nicht, wie er Siegfried überwältigen konnte … Wahrscheinlich ist er auf einer Walküre über ihn hinweg geritten und hat dann die Reste eingesammelt). Also zumindest einen mythischen Germanensound gibt es. ^^
      Aber auch in der klassischen Musik ist der umgekehrte Weg von der Musik zur Literatur nicht wirklich zu finden, wie mir scheint.

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      1. Oper und verwandte Genres sind nach meiner Auffassung ein interessanter aber anspruchsvoller Versuch. Das kann eben schon darin ausarten, dass dabei ein mit etwas Handlung garniertes eher sinfonisch betontes Werk herauskommt. Oder dass daraus eine Kette von Gesangsnummern wird, die irgendwie mit einem notdürftigen Handlungsstrang verbandelt werden. Ein recht überzeugendes literarisch-musikalisches Gesamtkunstwerk aus neuerer Zeit ist „Kristina från Duvemåla“ von Björn Ulvaeus (Text) und Benny Andersson (Musik). Die musikalische Qualität stimmt. Und das Textbuch ist schlicht phänomenal. Es basiert auf dem großen Auswandererepos von Vilhelm Moberg, wobei erstaunlich viel Wesentliches aus diesen vier Bänden im Textbuch steckt. Aber die Kristina ist ein Einzelfall im Werk des Duos.
        Der Weg von der Musik zur Literatur wurde und wird tatsächlich selten beschritten. Dass ein musikalisches Werk zumindest eine mehr als höchst periphere Rolle in einem literarischen Werk spielt, ist schon eher eine Ausnahme (etwa die Kreutzersonate von Tolstoj). Ansonsten gibt es wohl kaum viel mehr als einige biografische Romane über bekannte Musiküsse. Eine interessante neuere Ausnahme ist „Der Dirigent“ von Sarah Quigley – ein Stück Zeitgeschichte aus dem 1941 belagerten Leningrad, wobei die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch im Zentrum steht (oder zumindest deren Entstehungsgeschichte).

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  4. Mit Steam und Punk habe ich es nicht so, zu viel Schall und Rauch 😉 Aber die Überlegungen sind interessant. Mir fällt zu Musik u Kunst sofort U2/Bono Vox und Surrealismus, v.a. Dali ein. „A fish needs a bicycle like a woman needs a man“. Ach nein, das ist ja gar nicht so surreal, sondern kommt den Fakten recht nah 😉

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    1. Frag mich besser nicht, woher der Punk im Steam kommt … Beim Cyberpunk fand ich es noch nachvollziehbar, der Steampunk ist mehr Steam denn Punk, aber gut. Aber auch wenn die Realität des Vergleichs etwas surreal ist … Der Vergleich selbst ist surreal und wunderschön. 🙂

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    1. Kein Wunder, Wild Wild West ist einer der wenigen Steampunk-Filme – Hellboy und Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen gehen noch in die Richtung, die Sherlock-Filme mit Robert Downey Jr. sind nah dran und „Sky Captain“ ist großartiger Dieselpunk, also verwandt. Aber mehr ist mir an professionellen Produktionen nicht geläufig.
      WWW kam damals während der letzten Steampunk-Welle vor der aktuellen in die Kinos, ich meine mich aber zu erinnern, dass das Interesse schon wieder abflaute – was ich für einen der Gründe halte, warum er nicht sonderlich erfolgreich war. Er kam einfach zu spät. Nett anzusehen war er.

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