Das Buch-Fresserchen möchte in dieser Woche wissen, ob ich Gedichte mag, lese oder gar ganze Lyrik-Bände mein eigen nenne.

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Wir erinnern uns: Das Zeilenende nennt Lyrik regelmäßig Quatsch, Kitsch, überflüssig, gekünstelt oder verwendet wunderliche Worte, die er gezielt zur Diffamierung lyrischer Ergüsse einsetzt. Denn Lyrik, so das Zeilenende, macht die Welt nicht besser. Lyrik wurde erfunden um Schüler*innen im Schulunterricht zu quälen und um komische Wörter wie Jambus, Daktylus, Trochäus und Anapäst verwenden zu können.

Also nein, ich besitze keine Gedichtbände. Keine Anthologien, keine Sammlungen mit Shakespeare-Sonetten. Ich bin so unlyrisch, dass ich jederzeit abstreiten würde, mit Gedichten etwas am Hut zu haben. Insbesondere würde ich abstreiten, dass der Vierzeiler aus dem gestrigen Beitrag von mir stammt. Den hat Seamus gedichtet.

Hobbits sind klein,
Sie kommen überall rein,
Sie werden leicht überseh’n
Und können sehr leise geh’n.

Ganz richtig ist es natürlich nicht. Da  wären die kleinen Gedichte, die jnbender schreibt und die mir meistens gefallen. Da wären Poetry Slammer von Lars Ruppel über Sebastian23 bis zu Patrick Salmen, die ja irgendwie auch Gedichte schreiben, nur in lustig. (Nein, ich finde Ringelnatz nicht lustig … meistens). Und da wäre die Musik. Songtexte sind immerhin doch auch Lyrik … irgendwie.

Es gilt also zu differenzieren: Ich LESE keine Gedichte. Ich BESITZE sehr wohl ein Gedichtbuch, nämlich „Holger die Waldfee“ von Lars Ruppel, inklusive Widmung, weil ich ihn live auf einer Lesung erlebt habe. Ich HÖRE also Gedichte. Manchmal mache ich Ausflüge zu Youtube und höre mir Schnipsel von Poetry-Slammern an – und ich höre natürlich gelegentlich Musik (ich schreibe ja sogar manchmal über Musik … wird mal wieder Zeit – Samstag gibt es was Neues). Ich muss mir also dringend was überlegen, um meine Abscheu der Lyrik gegenüber neu begründen zu können. Vielleicht erkläre ich kurzfristig Poetry Slam Poesie ebenso wie Songtexte zu eigenen literarischen Gattungen. Während ich also jetzt gleich ein Vorstellungsgespräch rocken werde und anschließend ein zukünftiges Standardwerk verfasse, das die Literaturwissenschaft revolutionieren wird, wie ist es mit euch:

Besitzt ihr Lyrikbände? Kennt ihr Menschen, die Lyrikbände besitzen? Oder stimmt mein Vorurteil, dass die nur zu Dekorationszwecken in Buchläden stehen?

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22 Kommentare zu „Dichte Gedichte, undichte Gedichte (Montagsfrage)

  1. Bitte sag mir, dass es nicht noch einen Artikel zum Hobbit geben wird! Dann muss ich ja schon wieder Kuchen mampfen! Andererseits, von Seamus lass ich das durchgehen…
    Mit Gedichten kann ich auch wenig anfangen, ich finde manche alten, deutschen Gedichte wunderschön (Eichendorff!) oder aber auch das glatte Gegenteil: Paul Celan aus späterer Zeit. Hatte ich, glaube ich, schon mal erzählt. Hattest du nicht neulich schon mal was über Lyrik geschrieben?
    Wenn ich zufällig über Gedichte stolpere, lese ich sie gerne. Einen ganzen Nachmittag oder auch nur mehr als eine Stunde kann ich aber nicht mit einem Gedichtband zubringen. Zu anstrengend. 🙂

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    1. Es geht doch um Halblinge allgemein in Seamusens undichten Gedicht. Und ich dachte dabei auch eher an die aus Dungeons and Dragons. Aber es war erst einmal die letzte Erwähnung des Films, denke ich. 😉
      Celans Todesfuge hatten wir mal in … irgendeinem Kontext, das Smartphone weiß nurgerade keinen Rat. Wahr wohl der letzte Liebste, denke ich. Von der Todesfuge abgesehen ist aber auch Celan nicht so meins.Ich habe mit Lyrik meist das Problem: Pathetisch (das im englischen die passendere Bedeutung hat) oder schlicht unschön. Der Mittelweg wird zumindest für meinen Geschmack zu selten getroffen.

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  2. Danke dafür, dem Wort Anapäst hier wieder zu begegnen. Das liegt wohl versteckt sehr tief unten im passiven Wortschatz.
    Und so ähnlich ist es auch mit den Gedichten. Ich zehre von einem Fundus, der in der Schulzeit gelegt wurde und aus dem immer mal wieder was an die Oberfläche steigt. Im Frühling zum Beispiel alljährlich wieder die Verse „Ich sahe mit betrachtendem Gemüte jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte, bei stiller Nacht im Mondenschein.“ Ich muss dann aber jedes Jahr wieder googeln wie der Dichter heisst.

    Mein Eigen nenne ich die gesammelte Lyrik von Schiller, gekauft wegen der schönen Balladen, zwei von eine Freundin handillustrierte Ausgaben schillerscher Balladen, ein kleines Mini-Buch mit verschiedenen deutschen Balladen, und einen schmalen Band mit Rilke-Gedichten (ohne den Panther). Außerdem vermisse ich schmerzlich den Gedichtband meiner Schulzeit, der unterwegs irgendwann verloren ging, und den es heute nicht mehr zu kaufen gibt.

    Nochmal zu Schiller: man lese mal aufmerksam „Das Lied von der Glocke“ und werde erstaunt sein, wieviele Verse daraus es als Redewendung in die Alltagssprache geschafft hat. Meine Lieblingszeile daraus ist „Blökend ziehen heim die Schafe“, die mir immer wieder durchs Hirn funkt, wenn ich Touristengruppen aufgeregt schnatternd einem Schirmchen nachrennen sehe.

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    1. Anapäst finde ich ja allein schon vom Klang her großartig. Anna hat die Pehest *sing*
      Das Lustige ist ja: Ich bin ein großer Verehrer von Schiller und die Balladen habe ich gelesen. Gehören die überhaupt in die Lyrik oder ist die Ballade schon Epik? Jedenfalls verehre ich auch Schiller eigentlich nur der Dramatik wegen. Trotz des Götterfunkens.

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  3. Ich lese nicht nur Lyrik, ich schreibe ja auch hin und wieder welche, wenn ich in der Stimmung bin. Mir gefallen die Texte von Sylvia Kling aktuell sehr gut, aber auch Kempe Weidenbaum schreibt sehr schön. Damit kann man sich direkt hier bei WordPress anfreunden bevor man in den Buchladen eilt 😉

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  4. Lyrikbände dienen definitiv auch der Zierde des eigenen Buchregals 😉
    Schiller, Goethe und Rilke sozusagen ein Muss. Ich habe mich einmal ein Semester lang mit Yeats und Baudelaire & schon vergessen beschäftigt. Obwohl ich eher kein Fan von Lyrik bin, war es ausgesprochen interessant und ist mir bis heute sehr positiv in Erinnerung geblieben, was angesichts meiner Vergesslichkeit/perfektionierten Fähigkeit zur vollständigen Verdrängung etwas bedeutet. Während z.B. ein Semester lang Werke von Handke zu einer gewissen (lebenslangen) Übersättigung führten.
    Gedichte können Stimmungen oft in weniger Worten treffender beschreiben als es die epische Form vermag.

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      1. Och, ich habe Perfektion immer als hehres Ziel angesehen. Auf dem steinigen Weg dorthin lauert dann aber gewöhnlich in einem Schlammloch der innere Schweinehund und bellt grunzend herüber: „Aber es passt doch schon! Bis hierher und nicht weiter!“ 😉

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  5. Ich mag Rilke, Schiller, Goethe, die alten Meister eben….was ich immer wieder lese, das ist auch Erich Fried, Bert Brecht (derzeit gerne „an die Nachgeborenen“).
    Immer mal wieder im Alltag zum Innehalten etwas kurzes Gereimtes 🙂

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  6. Weder könnte ich mich einer nennenswerten Lyrikproduktion rühmen noch fliegen bei mir daheim die Lyrikbände in Schwärmen herum. Dennoch. Für mich hat Lyrik durchaus ihren Platz im großen, weiten Sprachenmeer. Es gibt da natürlich den berüchtigten Schulschatten. Wer in jungen Jahren alte Leiern auswendig herunterzuleiern genötigt wurde, baut naturgemäß eine gewisse Hemmschwelle auf (bei einigen ist es sogar ein Hemmgebirgszug). In meiner Erinnerung ist die Rechnung ausgeglichen. Auch ich habe einige Dichterwerke ohne innere Beteiligung pflichtschuldigst (und mit höchst notdürftig verhohlener Verachtung) heruntergebetet. Als Gegengewicht habe ich eine sehr schöne Erinnerung an eine Sternstunde aus dem Englisch-Unterricht, als ich mit dem Led Zeppelin Song ‚Stairway to Heaven’ eine Unterrichtsstunde gestalten (um nicht zu sagen zelebrieren) durften. Womit auch gesagt ist, dass ich die Lyrics (der Name scheint es diskret anzudeuten) auch zur Lyrik zähle.
    Und da kommen wir auch zu den, für mein Verständnis, starken Seiten der Lyrik. Lyrik ist ja (wenn alles gut geht – und das tut es manchmal) nicht etwas blindwütig Zusammengedichtetes und mit dem Vorschlaghammer in Verse Geschmiedetes. Im Idealfall wird ein Thema verdichtet und konzentriert – dennoch ist das Sprachgewebe eben nicht so dicht, dass es das Denken der Lesenden ersticken würde. Andeuten statt Ausdeuten. Gleichzeitig besteht die Nähe zur Musik. Auch wenn kein Song daraus wird. Die Sprachmelodie und also die Ästhetik (die durchaus nicht immer schön und nett sein muss) ist wichtig. Und nicht zuletzt – auch das ist mir sehr wichtig – ist Lyrik ein prima Tummelplatz um einfach mit Sprache zu spielen. Sich vom Sinnzwang befreit – vielleicht im Alliterationstaumel? – einfach verbal austoben – und möglicherweise doch irgendwo, beiläufig und gut versteckt, einen Sinn einbauen…

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    1. Ach … Eugen Roth, ja der ist super. Also zumindest in der Altenpflege. Weil die Hochbetagten den auch alle kennen. Lyrik ist bis zu einem gewissen Grad – so meine Erfahrung der letzten Jahre – auch eine Generationenfrage. Verschwindet sie aus der Schule, verschwindet sie auch aus dem kollektiven Bewusstsein.

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  7. Was macht das Standardwerk der Literaturwissenschaft? Ich hoff, du konntest es vollenden und hast gleich eine Übersetzung in allen wichtigen Sprachen angefertigt. Lieber PoetrySlam als keine Lyrik 🙂 Viele Slam-Texte sind mir zu lustig und zu wenig tief, aber ich hab schon sehr Gutes gehört. Ansonsten: Kästner und Schiller gehen immer 🙂

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    1. Ich ärgere mich noch damit herum, dass man manchen Poetryslam-Beitrag nicht von Ringelnatz-Gedichten unterscheiden kann … Aber ich arbeite dran und übersetze ihn dann ins Lateinische, damit habe ich alle wichtigen Sprachen abgedeckt. 🙂

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