Ich erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit. Ich war elf oder zwölf Jahre alt und stand eines Abends auf dem Flur. Ich war müde und wollte zu Bett gehen. Aber ich konnte nicht, weil auf dem Flur eine Schnake saß. Ich konnte nicht an ihr vorbei. Und hinter mir als Rückzugsort lauter menschenleere Sackgassen. Ich war wie gelähmt. Ich konnte nicht einmal um Hilfe rufen. Bis die Schnake nach einer halben Stunde ein Einsehen hatte und fortflog.

Zugegeben, ich war nur elf oder zwölf Jahre alt, weil ich die Zahlen dann ausschreiben konnte. Und ich wollte mich alt genug machen, um die Angst merkwürdig wirken zu lassen. Mit elf oder zwölf ist man ja schon ein großer Junge. Es kann also durchaus sein, dass ich erst zehn war, vielleicht aber auch schon 13. An die Begebenheit erinnere ich mich aber noch genau.

Meine Angst vor Allem, was mehr als vier Beine hat, bin ich losgeworden. Schön finde ich Insekten und Spinnen nach wie vor nicht, die meisten dieser Tiere sind mir suspekt, manche finde ich widerlich. So wie Schnaken. Aber als ich meine erste eigene Wohnung bezog und niemanden mehr hatte, der die Tiere für mich beseitigte, musste ich mich meinen Ängsten stellen und es selbst in die Hand nehmen. Die Angst. Nicht die Spinne. Ich bin ja nicht wahnsinnig. Es gibt doch Staubsauger.

Ein Unbehagen, das sich bis heute hält, hat mit Höhen zu tun. Ich kann mich nicht auf Stühle stellen, wenn ich nichts zum Festhalten habe, auf Leitern komme ich nicht über die dritte Sprosse heraus und auf Balkonen fühle ich mich am Wohlsten, wenn ich mich ganz entspannt fest an die Rückseite pressen kann, mit möglichst viel Abstand zum Geländer. Man weiß ja nie, ob der Balkon stabil ist. Vielleicht bricht er, wenn man ihn am frei schwebenden Ende zu sehr belastet.

Doch auch jenseits künstlicher Installationen meldet sich diese Angst mit merkwürdigen Ausprägungen. Meine Heimatregion ist das „Bergische Land“, das so heißt, weil es hier keine Berge, dafür aber unzählige Hügel gibt. Das Leben hier lässt sich wie folgt beschreiben: Entweder es geht bergauf oder es regnet. Man kann den ganzen Tag wandern. Man kann rundwandern. Man beginnt bergauf und abends bei der Rückkehr am Ausgangspunkt geht man ebenso bergauf. Und man stellt fest: Man ist den ganzen Tag über bergauf gegangen.

Das bedeutet nicht, dass es keine exponierten Stellen gäbe. Es gibt sogar eine sehr schöne exponierte Stelle, die sich zum Drachenfliegen eignet. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Leidenschaft zum Drachenfliegen ein Einweisungsgrund in die Psychiatrie ist.
IMGP1414.jpg

 

Die Stelle eignet sich auch für eindrucksvolle Bilder, die den Regen ankündigen, für den Fall, dass es nicht weiter bergauf gehen könnte. Nach solch einem Bild gelüstete es mich. Tapfer schnappte ich mir meine Ausrüstung, ging bergauf … Es war stürmisch. Und wie ich so auf der Felskuppe stand, ungeschützt durch Bäume, dem Wind ausgesetzt, wurde ich kleiner und kleiner, weil ich immer weiter in die Knie ging, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Zaghafter und zaghafter setzte ich einen Fuß vor den Anderen, schaute angestrengt zu Boden, obwohl der Abgrund zwei Meter von mir entfernt war. Doch was würde passieren, wenn jetzt eine Bö käme: Ich würde stolpern und vom Gipfel geweht werden. Ohne Regenschirm, der meinen Fall bremsen könnte. Und meine Kamera ist zwar gegen alles Mögliche abgedichtet und robust, aber so einen Sturz würde sie nicht überleben. Rasch betätigte ich den Auslöser, nahm ein paar weitere Motive mit, wurde dabei aber kleiner und kleiner. Zum Schluss robbte ich über den Boden, denn so bot ich dem Wind logischerweise die geringste Angriffsfläche für seinen teuflischen Plan. Ich war erleichtert, als ich die Kuppe verlassen konnte.

Übrigens: Kaum ging es beim Verlassen der Kuppe nicht mehr bergauf, fing es an zu regnen. Natürlich.

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52 Kommentare zu „Irrationale Ängste

  1. Hehehe. Deswegen ist Ausziehen immer sinnvoll: Da lernt man für’s Leben. Spinnen staubsaugen, Stühle besteigen (Gardinen!), etc.
    Nun sogar ein Hügelchen, den du hättest hinunterrollen und dir ein Hämatom holen können! Jetzt, mein Junge, ist ein echter Mann aus dir geworden 😀

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  2. Was für ein geiles Foto!!

    Mit Spinnen komme ich klar… aber neulich lag bei meinem Spaziergang eine Schlange am Wegesrand… das war echt nicht mein Fall!

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  3. Tolles Foto! Ich hasse Schnaken und lasse den Mann erst schlafen, wenn er die Schnake im Schlafzimmer getötet hat. Er übernimmt das aber auch ganz heldenhaft für mich. Die Angst vor Spinnen wurde bei mir etwas kleiner, während wir in Australien lebten. Da gab es so viele riesige Spinnen, dass ich mich vor den kleinen mittlerweile nicht mehr fürchte. Zur Not zeige ich sie dem Hund und das freut sich über Jahdspielzeug und beißt sie tot. Dann muss ich das tote Getier nur noch wegsaugen. Lebendig wegsaugen birgt für mich immer noch die Gefahr, dass sie theoretisch vielleicht zurück krabbeln könnten und auf dem Weg durchs Rohr zu Menschenfressern mutieren. Eklig sind dagegen Zecken. Da schüttelt es mich, wenn ich dem Hund eine abklauben muss. Die werden dann auch verbrannt. 😊

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    1. Verbrannt? Das ist herrlich altmodisch. Das erinnert mich an meine Zeit als Großinquisitor. 😉
      Riesige Spinnen würden mich wahrscheinlich dazu bringen, einen Industriestaubsauger anzuschaffen. Zwecken hingegen finde ich zwar eklig, aber faszinierend. Parasiten spüren eine gewisse Verbundenheit untereinander. 🙂

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      1. Ich bin ja in einer FSME Gegend aufgewachsen (was einiges erklären dürfte) und deswegen sind Zecken immer (!!!) böse. Die Viecher sind nämlich äußerst widerstandsfähig und überleben das ledigliche runterspülen in den Ausguss leider. Zertreten finde ich bäh und verbrennen erzeugt ein Knacken. Sehr befriedigend. Vor allem wenn man so ein Vieh aus dem Schäfertier klauben musste, dass so etwas immer sehr unschön findet. Hund bekommt dann einen Knochen für’s Stillhalten und ich darf die Zecke verbrennen. Und genehmige mir danach nen Schnaps.

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  4. Schönes Bild – genau so sieht mein idealer Sommertag aus. 🙂

    Was das Unbehagen vor Höhen angeht kann ich dir, solltest du mal in Kopenhagen weilen (ausgesprochen empfehlenswert) einen Ausflug auf den Turm der ‚Vor Frelsers Kirke‘ ans Herz legen. Ganz ernsthaft – nicht als Verarsche gedacht. Das ist zwar eine luftige Angelegenheit. Aber absolut sicher. Denn da gibt’s ein hohes und sehr stabiles Geländer. Und es kann durchaus hilfreich sein, die Gleichzeitigkeit von luftiger Höhe und Sicherheit zu erleben. Die atemberaubende Aussicht vom Turm habe ich vor einiger Zeit als Titelbild verwendet
    https://randomrandomsen.wordpress.com/2015/10/13/klartext/
    (dies nur so als Teaser – diese schöne Aussicht sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen)

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    1. Es war ein Frühlingstag. Und es ist doof, wenn man auf Fototour geht und dabei nass wird. Prinzipiell ist so ein Tag okay. Aber ein wenig Abwechslung hätte ich doch ganz gern. 🙂
      Was luftige Angelegenheiten angeht, bleibe ich aber skeptisch. Ich erinnere mich an den ein oder anderen Leuchtturm, dessen Erklimmen ich auf halber Strecke abbrechen musste. Obwohl der Blick beeindruckend ist. Beeindruckend beängstigend.

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      1. Die perfekten Sommertage gibt’s ja oft im Frühling. 😉 Aber okay – für eine Fototour ist das natürlich hochgradig suboptimal.
        Bei manchen Phobien lässt sich der Teufel mit Beelzebub austreiben. Manchmal klappt das aber auch nicht. Und der Kirchturm ist schon luftig (ich habe noch andere Bilder mit Blick auf die benachbarten Hausdächer). Vielleicht wäre also doch eine Kanalrundfahrt mit dem Boot eher empfehlenswert.
        Ein Leuchtturm würde mir ja als Wohnstätte sehr behagen. Dagegen begebe ich mich ohne Not nicht unter Tage. Ein größerer Stollen geht ja noch – aber enge Schächte. No way!

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  5. Spinnen und Schnaken finde ich auch übel. Wenn ich arbeite und so ein Tier entdecke brülle ich immer nach der Reinigungskraft. Zu Hause kreischt Sohn4 los wie ein Mädchen, wenn so etwas sich in die Wohnung verirrt. Da muss dann der Staubsauger her. Schlimmer geht es Sohn3. Der quickt los wie ein Mädchen und kann sich nicht mehr bewegen. Dann muss Schwiegertocher oder seine Schüler auf Jagd gehen.
    Das Bild ist wirklich super.

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    1. Hihi … Da scheint es offenbar ein Mannheitstrauma zu geben, was den Kontakt mit mehrbeinigen Tieren zu tun hat. Ob Menschen und Gottesanbeterinnen gemeinsame Vorfahren hatten? Das würde was erklären. ^^

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  6. Positiv denken / assoziieren üben, selbsterfüllenden Prophezeiungen gar keine Chance geben, Konfrontationstherapie und ab geht die Post! 😉

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  7. Großartige Stimmung, sehr liebliche Landschaft! (wurde zwar schon mehrfach gesagt, aber ich kann und will meinen Mund natürlich nicht halten – zum Glück ist er angewachsen und das Halten erübrigt sich dadurch ohnedies).

    Spinnen, Schnaken – mein Albtraum!!! Aber einsaugen – viel zu unsicher! Da stimme ich mit allesvonherzen überein: Die Monster könnten zurückkehren!

    Das bergische Land ist mir nach deiner Schilderung nun sehr suspekt, so schön es zu sein scheint. Regen ist ja o.k., damit kann ich leben. Aber ich mag die Gegenden am liebsten flach mit Bergen in Sichtweite. Ständig bergauf gehen, da sinkt meine Laune mindestens im gleichen Maße wie der Weg ansteigt bzw. auch mit der Dauer des Anstiegs 😉

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      1. Da sind wir Leidensgenossen! Auch hier Hügel (nennen sich sogar schon vereinzelt Berge) und Getier mit viel zu vielen, viel zu langen Beinen – grusel! Höhenangst kenne ich auch, aber die beschränkt sich mittlerweile auf so etwas wie Glasboden auf über 300m hohem Turm (CN Tower Toronto) 😉

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  8. An sich habe ich wenig Probleme mit Spinnen, hin und wieder gibt es aber Erlebnisse, bei denen ich gehörig erschrecke.

    Einmal lief eine über mein Gesicht, als ich gerade beim Zähneputzen war. Da ich vorher nichts von dem Tier mitbekommen hatte, war ich sehr überrascht — in Kombination mit dem Zahnputzschaum eine eher eklige Angelegenheit. 😳

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    1. Eine Spinne in meinem Gesicht wäre der Moment, in dem ich wie ein kleines Mädchen hysterisch zu kreischen beginnen würde. Ich vermute, ich würde sogar in den Ultraschall-Bereich wechseln. ^^ Was die Sache mit dem Schaum angeht, habe ich allerdings Assoziationen, die in Richtung Schaumparty gehen. 😉

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  9. Alle Insekten auf der Erde zusammen sind 10mal so schwer wie alle Menschen zusammen. Nur mal als kleine Beunruhigung.
    Ich hatte nie Angst vor sowas, im Gegenteil, ich mag alles was krabbelt. Schon immer. Und Höhe ängstigt mich auch nicht sonderlich, hab schon mal Bungee gemacht, 60 Meter und NICHT über einem Gewässer. Ich fiel auf einen Parkplatz zu. Faszinierend finde ich an Höhen aber, das man unweigerlich anfängt darüber nachzudenken was wäre, wenn man runterfällt. Und da ist irgendwie ein Gefühl als würde etwas einen runtersaugen oder so. Ob das daran liegt das die Schwerkraft stärker an einem zerrt – ich weiß es nicht. Ich wusste schon als Kind: Sollte ich mich jemals selbst töten wäre das ein Sprung aus sehr großer Höhe. Noch einmal SO RICHTIG Adrenalin und – splat.

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    1. Das mit den Insekten beunruhigt mich nur dahingehend, dass das an Masse wahrscheinlich dennoch nicht ausreicht, von Schweinefutter auf Heuschreckenfutter umzusteigen. Die sind ja glücklicherweise nur sehr selten an einem Fleck. Obwohl sie dann wahrscheinlich auch gar nicht mehr so fies wären, weil nur noch amorphe Masse. Aber Sprung aus großer Höhe schließt sich bei mir wahrscheinlich aus, selbst unter Lebensmüdigkeit würde ich wohl die Beine nicht übers Geländer bekommen. Wie auch, wenn die Beine eh schon vom Leben müde sind? 😉

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