Ich koche nicht oft nach Rezept. Ich probiere zwar manchmal Rezepte aus, in den meisten Fällen lese ich die Rezepte aber lediglich und verwende einzelne Anregungen aus ihnen für meine eigene Küche. Nach Rezept koche ich eigentlich nur noch für Festivitäten. Und selbst da dienen mir die Rezepte nur als Richtschnur dafür, dass es keine Katastrophe im Kochtopf gibt. So kommen die heutigen Kohlrouladen tatsächlich ohne Rezept aus.

Es begab sich, dass ich in der Fernsehzeitschrift meiner Eltern im Herbst über Varianten der Kohlroulade stolperte. Während ich bis heute noch keine einzige Roulade selbst zubereitet habe, verfüge ich über eine gewisse Expertise in Sachen „umwickelte Frikadelle“. Kohlrouladen sind toll, ein deftiges Winteressen. Und man kann sie füllen, wie man will. Es muss keine Frikadellenmasse sein, man kann auch mit Reis hantieren oder Couscous, man kann Tofu verwenden oder Käse. Kohlroulade ist ideal, um Essensreste verschwinden zu lassen.

Ich bin in Sachen Kohlrouladen andererseits konservativ. Ich mache sie eigentlich immer mit Wirsing. Wirsingblätter sind von Haus aus groß und weich. Sie lassen sich einfach vom Strunk lösen, müssen nur in heißes Wasser getaucht werden und lassen sich dann vorzüglich wickeln. Doch die Variante, die ich im Herbst entdeckt hatte, ließ mich nicht los. Ich wollte Kohlrouladen aus Rotkohl machen. Wer weiß, wie lange es noch Rotkohl geben würde. Die SPD lag am Boden, alles Rote schien verpönt.

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Gesagt, getan. Ich kaufte einen Rotkohl und grübelte. Ich schnitt den Strunk heraus und warf den kompletten Kopf in heißes Wasser. Ich ließ ihn darin liegen und grübelte. Ich nahm Hackfleisch zur Hand, wog es, griff zum Couscous und gab ein Drittel des Hackfleischgewichts an Couscous in einen Topf mit heißem Wasser, ließ ihn quellen und rettete unterdessen den Rotkohl aus seinem Bad. Dann ging es an die Füllung: Hackfleisch, gequollener Couscous, Quark, Salz, Paprikapulver, Muskatnuss, Kümmel, Senf und Sumach ergänzten sich zu einer leidlich wohlschmeckenden Frikadellenmasse.

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Das Kneten einer feinen Hackfleischmasse ist eine anstrengende Tätigkeit. Ich überlegte, ob ich mich entblättern sollte. Dann beschloss ich allerdings, dass es sinnvoller sei, zunächst den Rotkohl zu entblättern. Wenn mir anschließend danach war, könnte ich mich ja auch selbst …

Wie dem auch sei. Der Rotkohl lag blattweise vor mir, nun begann der eigentliche Spaß. Jeweils eine Portion Hackfleischmasse musste in eines der Blätter. Dann musste daraus ein Päckchen werden. Ich bereute meinen Leichtsinn. Wirsing war so viel leichter zu händeln. Ich versuchte es mit Rouladennadeln, aber dafür benötigte ich zu viele Nadeln. Mit Garn gelang es mir auch nicht. Also klemmte ich jede Roulade mit Nadeln fest, umwickelte sie mit Garn (ich fühlte mich wie eine Spinne), entfernte die Nadeln wieder und widmete mich der nächsten Frikadelle. Dabei hatte ich mir geschworen, nie wieder etwas einzupacken, wenn nicht Weihnachten war. Und ich wusste wieder, warum. Ich hasse es.

Die gewickelten Rouladen konnten sich dennoch sehen lassen. Als ich fertig war, fehlte mir die Kraft, auch noch mich selbst zu entblättern. Außerdem musste ich dafür sorgen, dass meine Rouladen nicht von der SPD zur AfD überliefen. Also holte ich den Bräter aus dem Keller, briet die Rouladen rundherum ab, löschte mit Brühe, Weißwein und Essig ab. An Gewürzen wanderte zudem etwas Lorbeer in den Topf. Und ein Esslöffel Zucker, weil Rotkohl die Süße braucht, sonst ist er allen anderen Menschen – ich bin da eine Ausnahme – zu herb.

Das Ganze ließ ich etwa eine Dreiviertelstunde im Topf schmoren, während Mutter Zeilenende, die ich zum Schiffsjungen degradiert hatte, in der Kajüte Kartoffeln schälen musste. Nicht, dass ich es gern getan hätte. Aber sie hatte nun einmal „Salzkartoffeln“ statt „Pellkartoffeln“ als Beilage vorgeschlagen. Herr Zeilenende Srs. Ansinnen, Fritten als Beilage zu bekommen, lehnten wir beide entschieden ab. Aber wer Salzkartoffeln will, muss die Salzkartoffeln auch schälen.

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Es fanden sich außerdem noch ein grüner Salat, den ich dressierte. Am Ende der Unterrichtseinheit konnte er in einem Joghurt-Dressing schwimmen. Und auch Apfelmus war noch im Keller. Ich schmiss alles auf meinen Teller. Ich hatte immerhin Hunger. Als ich dann mit meinem Lieblings-Spiel bei Tisch (Kartoffelmatschen) beschäftigt war, fiel mir ein, dass ich euch noch ein Bild machen müsste.

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21 Kommentare zu „Weihnachten im Sommer – sozialistische Kohlrouladen

  1. Sehr feine Idee 🙂 Und ich musste natürlich herzhaft lachen bei deiner großartigen Geschichte dazu! Genauso liebe ich „Rezepte“ Danke dafür! Die Bestandteile der Füllung merke ich mir, das mit dem Einwickeln lasse ich. Mag ich eh nicht. 🙂

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    1. Die Geschichten sind auch der eigentliche Grund, warum ich das mache. *gg* Wenn dabei eine Anregung herausspringt, umso besser. Aber ich erhebe ja nicht den Anspruch, Foodblogger zu sein. Wenn ich mit einer Idee wie „Couscous in den Frikadellenteig“ einen Beitrag leisten kann und ansonsten gut unterhalte, reicht mir das. 🙂

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    1. Prinzipiell ist das super … Für eine Portion hätten auch die Rouladennadeln wohl gereicht, allerdings mache ich immer größere Mengen wegen der Bevorratung (man kann Kohlrouladen nämlich super einfrieren), da wäre ich auch in Fisimatenten geraten. *gg*

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  2. Super Idee den CousCous dazu zu geben 🙂 ich wäre eher der Wirsingtyp….aber die Farbe der Sauce passt wiederum zum „briet die Rouladen rundherum ab“…..das ham se nun davon die kleinen Satansbraten 😉

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  3. Hm, die Idee mit dem Couscous gefällt mir. Apfelmus kannst du bei so einem Gericht allerdings behalten, da sind mir ja noch die Fritten des Seniors lieber! 😮
    Zum Glück hab ich schon gegessen, sonst hätte ich jetzt Hunger. 😉

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  4. Neee, also Fritten dazu hätte ich auch strikt angelehnt. Irgendwann habe ich auch einmal so einen Rotkohlrouladen-Testlauf gestartet. Letztendlich bin ich aber wieder zum Weißkohl für Kohlrouladen zurückgekehrt. Der rote gefällt mir als Schmorkohl besser zu Rindsrouladen. Aber so auf deinem Teller sieht es recht schmackhaft aus und Deine Hackfleischmasse ist ja auch irgendwie etwas Spezielles. Klingt auf jeden Fall interessant. Und? War die Familie zufrieden?

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    1. Die Familie, die (bis auf Bruderherz) Couscous höchstens mal (zur Not) als Tabouléh duldet, war sehr angetan … Und verblüfft, als ich verriet, dass Couscous für die Lockerheit der Masse verantwortlich sei. Von daher war es ein Erfolg. Nur den Rotkohl hätten sie gern zukünftig wieder durch Wirsing ersetzt. *gg*

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