Mein Kopf funktioniert so ähnlich wie ein großes Lager. Es besteht aus lauter Regalen, zwischen denen Horden von Billiglöhnern aus Osteuropa herumwuseln, die Informationen ablegen oder bei Bedarf hervorholen, in den Bewusstseinsbereich schleppen und nach Verarbeitung wieder an ihren angestammten Ort zurückbringen. Diese Funktionsweise mache ich mir als Lernstrategie zunutze.

Prüfungen, wer kennt sie nicht? Konfirmandenprüfung, Abiturprüfung, Abschlussprüfung in der Ausbildung oder in der Lehre, Führerscheinprüfung und die versteckten Prüfungs-Situationen: Präsentationen, Vorstellungsgespräche, Verkaufsgespräche, …

Ich wirke in solchen Situationen meistens entspannt und spontan, als ob ich drauf los plaudern würde. Dahinter steckt harte Arbeit. Ich präge mir die entsprechenden Fakten sorgfältig ein. Dabei hilft mir, dass ich Informationen in geschriebener Form (und als Diagramm) rasch aufnehme. Ein- bis zweimaliges sorgfältiges Lesen reicht meistens aus, um die Information ins Regalfach zu bekommen.

Das ist aber nur die halbe Miete. Die Information ist nun im Kopf, damit man ansprechend präsentiert, muss sie aber auch rasch wieder aus dem Kopf. Ich beginne also zu memorieren. In einer reichlich monotonen Litanei wiederhole ich immer und immer wieder das Gelernte, variiere die Reihenfolge, memoriere an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Man könnte mich wahrscheinlich immer noch um drei Uhr Nachts wecken und mich nach autoritären Zügen in Platons „Politeia“ fragen. Das habe ich vor zwei Jahren fürs Examen gelernt und immer noch präsent.

Geholfen hat mir beim Memorieren immer das Herumlaufen. Wer mit seinen Gedanken allein ist, merkt schnell, dass sie zu rasen beginnen. Sie auszusprechen reicht nicht aus, um den Gedankenfluss zu kanalisieren. Deshalb gehe ich beim Memorieren. Mein Lauftempo gibt mir einen Sprechrhythmus vor, der wiederum das Tempo vorgibt, in dem die Informationen hervorgeholt werden.

kreisverkehr

In der Vorbereitung aufs Examen bin ich mit meinen Notizzetteln quer durch die Wohnung gegangen. Ich habe an der Haustür begonnen, bin durch den Flur ins Esszimmer gelaufen, durch die Terrassentür in den Garten, eine Runde in den Garten, durch die zweite Terrassentür in mein Zimmer, zurück in den Flur, dann in die Gegenrichtung zurück. Dabei habe ich vor mich hingemurmelt, als sei ich ein verrückter Attentäter. Sobald es zu dämmern begann, bin ich auch die ein oder andere Runde um den Häuserblock gegangen, Kapuze über den Kopf und sorgsam darauf bedacht, keinem anderen Menschen zu begegnen, der mich für verrückt halten könnte, während ich Karl Poppers Analyse von Platon referiere und anschließend als intellektuelle Unredlichkeit zerlege.

Da ich mir diese Technik im Studium angeeignet habe, kannte die Familienbande mich so nicht. Wenn ich für die Arbeit einen Vortrag vorbereiten musste, habe ich mich in den Keller der Bibliothek zurückgezogen, um niemanden zu stören. Außerdem sind die Büros zu beengt, um dort anständig gehen zu können. Als ich aber für ein Vorstellungsgespräch ein paar Zahlen über meinen (Nicht-)Arbeitgeber gepaukt habe und mir eine irrsinnig spontane Antwort auf die Frage nach meinen Schwächen zurechtlegen musste, erwischten sie mich. Ich ging von der Küche ins Esszimmer, von dort ins Wohnzimmer, über den Flur zurück in die Küche. Gelobet sei der Architekt, der die Räume so konstruiert hat, dass man auf diesem Weg im Kreis laufen kann!

Sie haben mich merkwürdig angesehen. Sie haben mich gefragt, ob alles in Ordnung sei. Ich habe keine Antwort gegeben sondern weiter gemurmelt und habe meine Kreise gezogen. Wenn ich memoriere, werde ich nicht gern unterbrochen. Fünf Minuten später habe ich ihnen erklärt, was ich tue. Sie haben das Notfallteam der geschlossenen Psychiatrie wieder abbestellt … Hoffe ich. Ich musste schließlich weiter meine Kreise ziehen. Obwohl solera mich da auf eine vorzügliche Idee gebracht hat.

 

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30 Kommentare zu „Laufend lernen

  1. Interessant: mein Gehirn ist mehr wie ein oftmals umschlungenes Netz mit feinmaschigen und grobmaschigen Bereichen. Memorieren gelingt ihm am besten abends im Bett, kurz vorm einschlafen. Vokabeln im Schlaf lernen klappt prima bei mir. Hingegen bilden sich neue, brauchbare Gedanken gut abrufbar an den Netzknoten, die auch neue Verknüpfungen eingehen können, wenn ich mich bewege. Das brachte mir schon die ein oder andere Diskussion mit meinem Arbeitgeber ein, wenn ich durch oder ums Gebäude spazierte, statt am Schreibtisch zu sitzen.

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    1. Wenn ich abends vor dem Einschlafen memoriere, liege ich lang wach, dann komme ich nicht zur Ruhe. Am Besten klappt es bei mir am Vormittag, so zwischen 8 und 10. Neue Gedanken habe ich meistens, wenn ich körperlich ruhig werde. Dann assoziiert mein Kopf gern vor sich hin. Geistesblitze kommen mir gern beim Ins-Leere-Starren. So unterschiedlich kann man ticken. 🙂

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  2. Aus Osteuropa? Wann stellst du denn auf das neue Modell „Flüchtling“ um, da finden sich genug Fachkräfte? 😛
    Ok, der war böse. Jedenfalls: Ich bin beim Lernen meist auch unterwegs in der Wohnung, und sei es nur der Weg vom Schreibtisch zur Toiletteund zurück. Toilette, ja, da kann ich auch ganz gut reflektieren und erinnern, so ein ruhiger Ort. 😀

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    1. In meinem Kopf arbeitet nur eine Fachkraft und das bin ich. Der Rest kann nicht lesen und schreiben, damit er mich nicht plagiieren kann. Aber sobald die Sache mit der Arbeitserlaubnis klar geht, stelle ich auch entsprechend unqualifizierte andere Kräfte ein.
      Was die Toilette angeht: Manchmal schließe ich mich da zum Lesen ein, weil da mehr Platz ist als in meinem Zimmer und im Wohnzimmer mal wieder Fußball läuft. 😊

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      1. Kein Wunder herrscht Fachkräftemangel, wenn jeder seine Fachkraft für den eigenen Kopf braucht. 😀

        Ahaha, echt? Da unser WC alleine ist, ist das Gott sei Dank kleiner als mein Zimmer. XD
        Nur: Was, wenn es bei einem Familienmitglied dringend wird? Müssen die dann in den Garten ausweichen? :mrgreen:

        Was hast du gegen Fußball? Dann schaust du ja gar keine EM? 😮

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        1. Wir haben ein zweites Bad mit WC … Eine der Segnungen dieses Hauses. Da kann ich mich dann vor der EM verstecken. Ich schau die Ergebnisse, um zu sehen ob ich Amerdale in ihrem Tippspiel nassgemacht habe, aber das war es auch schon. 😉

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  3. 🙂 Ich glaube, unsere Gehirne sind sowas wie entfernte Cousins. Ich muss die Information immer als Audio haben, selbst aufgenommen oder sonstwie, und dann herumgehen, herumfahren, herumwerkeln und das Gehörte mit den Orten verknüpfen. Als ich das erste Mal Epiktets Handbüchlein der Moral gehört habe, habe ich einen Steinweg von Unkraut befreit.
    Aber anders als bei Dir bilden sich bei mir Informationen und Strukturen nur sehr kurz ganz klar ab, dann bleiben nur verschwommene Bilder mit ungefähren Richtungshinweisen.

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    1. Ich strukturiere ja auch selbst erstmal die Infos vor. Das ist das Lustige für mich am Visuellen Lernen. Wenn ich das SEHR intensiv betreibe, habe ich tatsächlich meine handschriftlichen Notizen zur Hand.

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        1. Für manche Menschen ist das ganze Leben ein Quiz, für mich ist es eine Prüfung. Letztlich betrachte ich jede Präsentations-Situation als Prüfung meines Sachverstandes und meiner Überzeugungskraft.

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  4. Ein Zeilenende, das in geschlossenen Kreisen geht – ein interessantes Bild & das Notfallteam ist jetzt schon einmal vorgewarnt, wollte das Zeilenende womöglich einmal ausbrechen und über sein, ihm still folgendes Leerzeichen hinwegspringend, etwa ein neuer Satz werden wollen.
    Dank einiger genialer Architekten lassen sich in manchen Häusern wunderbare Kreise gehen, die den Denkfluss nicht unnötig abknicken oder gar stoppen.
    Ich bin auch gerne in Bewegung wenn ich lerne oder wiederhole. Dumm nur, dass bei Prüfungen meist erwartet wird, dass man dann ruhig sitzt oder steht, während man Wissen von sich gibt. Da sind mir Präsentationen lieber. Bei denen kann man gewöhnlich ein wenig herumgehen, das hilft mir, die Inhalte im Kopf auch wieder zu finden. Da ich noch auf keine Hilfskräfte zurückgegriffen habe (zu beengt), wende ich meist das Schüttelprinzip an: Gehen => leichte Erschütterung => die erstbeste Erinnerung, die aus dem Regal plumpst, wird über das Überlaufventil ausgespuckt 😉 [siehe dieses Kommentar von mir]

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    1. Dein Bild ist sehr schön. Ich bin versucht, das Modell zu adaptieren. Ich habe bloß das Problem, dass ich unerschütterlich bin. Da purzelt also nix. Das Rumsitzen ist übrigens lustigerweise kein Problem. Ich weiß, gängige Lerntheorien sagen so Allgemeinplätze wie „morgens für morgendliche Prüfungen“ und „im Sitzen für Klausuren“ lernen. Aber das ist doch spätestens dann Blödsinn, wenn man sich klar macht, dass man nicht am Schreibtisch, sondern im Hörsaal geprüft wird. Wenn man genug Routine hat, kann man es auch transferieren.

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  5. Auch mein Kopf funktioniert so ähnlich wie ein großes Lager. 🙂
    [Anm. d. Red. – ein Ferienlager für hyperaktive Kinder.]

    Was geschähe eigentlich, wenn sich die Lagerarbeiter im Kopf gewerkschaftlich organisierten? Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn jemand in der Schule sagte: «Sorry, Mathefragen kann ich heute nicht beantworten. Die Polen in Lager 3 haben heute ihren freien Tag.»

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    1. Meine Erinnerungen an Marx und andere linke Denker hebe ich in einer Truhe jenseits des Gehirns auf. Im Kopf gibt es nur Gehlen und co. Deshalb habe ich keine Sorgen. Ich drohe ihnen mit Persönlichkeitsverlust, wenn sie es wagen sollten. 😉

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