Der Liebesbrief in Zeiten der WhatsApp-Message. Ich weiß nicht, ob es ihn noch gibt. Früher, als ich noch klein war, gab es keine bedeutungsvolleren Dokumente als kleine gefaltete Zettel, die unter Schulbänken gewandert sind. Stets gab es die bange Hoffnung, ob sie ihr Ziel erreichten und dann auch ihr Ziel erreichten.

Es sollte damit klar sein, dass es mir nicht um den romantischen Liebesbrief gibt, den man in seinen späten Teenager- und frühen Twen-Jahren schreibt. Ihr wisst schon, die seitenlangen Elaborate, die man sich in wertherhafter Stimmung aus den Hirnwindungen presst. Diese Liebesbriefe, deren Erfolglosigkeit dazu führt, dass man sich anschließend die Hirnwindungen herauspresst. Oder zumindest versucht, sie mit Alkohol zu zersetzen. Von solchen Liebesbriefen habe ich keine Ahnung. Und selbst wenn ich sie hätte, das würde ich hier

a) nicht zu geben und sie

b) wegen meiner Allergie gegen Goethe und sonstigen pathetischen Kitsch natürlich ohnehin nicht besprechen.

Mir geht es um die unschuldigen kleinen Dinger wie diesen:

20160422_163351.jpg

Liebe*r XX/XY/XO/XXX/XXY/…

Willst du mit mir geh’n?

Bitte kreuze an:

( ) Ja

( ) Nein

( ) Vielleicht

In ewiger Liebe,

dein

Zeilenende [Bild: fettleibiges Herz]

Ich finde diese Briefe faszinierend. Soweit ich weiß, war es in früheren Generationen noch verbreitet, auf das „Vielleicht“ zu verzichten. Der Generation Y hingegen wird häufig vorgeworfen, sie wisse nicht, was sie wolle. Und wenn man diese Art des Liebesbriefes betrachtet, überrascht der Vorwurf nicht:

Der Autor dieser romantischen Zeilen hat Angst. Er hat Angst davor, abgelehnt zu werden, er hat aber auch Angst davor, „mit dem Objekt der zärtlichen Zuneigung zu gehen“, wie Kinder das so herrlich ungeschickt ausdrücken. Oder tiefgründig und weise. Denn die Liebe ist ja der Beschluss, in Zeiten der Liebe gemeinsam durchs Leben zu gehen. Wenn das nicht mehr hält, trennt man sich … Oder man heiratet. Damit man auch die schlechten Zeiten gemeinsam verleben muss.

Die Angst vor Ablehnung ist offensichtlich: Ein Ja bedeutet die Erfüllung der kindlichen Träume, ein Nein ihre Zerstörung. Das Vielleicht macht Hoffnung. Somit wartet der Liebesbrief mit zwei Optionen auf, die für den Absender günstig sind und nur einer, die ihn zutiefst treffen wird. Zugleich kalkuliert er, dass es dem Empfänger genau so geht. Wer traut sich schon, „Nein“ anzukreuzen und das gemeinsame Gehen kategorisch auszuschließen, wenn er die Möglichkeit hat, sich die Option offenzuhalten, das „Vielleicht“ zu wählen.

Zugleich bedeutet das „Vielleicht“ für Sender und Empfänger Schutz vor unwillkommenen Mitlesern. Wer kennt das nicht: Da wandert ein Zettel durch die Reihen, nicht für sich selbst bestimmt, man soll ihn weitergehen. Dennoch würde man zu gern wissen, was darin steht. Also klappt man ihn auf. Oder der Lehrer fängt den Brief ab, liest ihn vor der Klasse laut vor, um die volle Aufmerksamkeit der gesamten Klasse sicherzustellen. Briefchen, gerade intime Liebesbriefchen sind spannender als der Unterrichtsstoff – egal ob es um Werther geht oder um simples Addieren und Subtrahieren. Wer als Autor das „Vielleicht“ anbietet, senkt das Maß der Demütigung, reduziert die Frage auf Unverbindlichkeit. Und wer das „Vielleicht“ ankreuzt, schützt Sender und Empfänger gleichermaßen vor allzu großer Häme. Ziemlich geschickt.

So gesehen lässt sich das Üble an der heutigen Generation junger Erwachsener, dass sie sich nicht entscheiden können und nicht wissen, was sie wollen, auf dieses fatale Verhalten in der Kindheit zurückführen. Die Liebesbriefe, die so geschickt wirkten, stellen sich im Rückblick als ungeschickt heraus. Sie haben eine Generation verdorben. Wer der Liebe keine Verbindlichkeit gönnt, hat kein echtes Interesse an ihr. Es ist, als sei der Zettel nie durch die Reihen gewandert. Sie sind nicht nur ungeschickt, sie sind auch ungeschickt.

Was solls: Das Smartphone schickt sich an, das Zettelchen abzulösen. Die nächste Generation muss nur darauf warten, dass Facebook neben der Freundschaftsanfrage auch die „Geh mit mir“-Anfrage implementiert. Die kann man ablehnen oder annehmen. Wer sie ignoriert, sagt nicht „Vielleicht“, das ist lediglich die Entsprechung zu der traurigen Tatsache, dass mancher dieser Liebesbriefe sein Ziel nie erreicht hat, weil der böse Klassenkamerad dazwischen ihn aufgegessen hat. Auch wenn Liebe durch den Magen geht, ist das sehr unhöflich.

Doch auch wer in seiner Kindheit nie „vielleicht“ gesagt hat, tanzt später doch im Schnee … Vielleicht.

P.S.: Viel Spaß bei der graphologischen Deutung. 😉

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75 Kommentare zu „Ungeschickte Liebesbriefe

      1. Es nahm zwar kein Ende….aber ich beschloss irgendwann nicht mehr mitmachen zu wollen. Bei uns war es üblich Zensuren zu verteilen….und nach etlichen 5en (meine Freundin bekam 1en) hatte ich die Nase voll.
        Mit 50 habe ich dann alles nachgeholt was mir in der Jugend verwehrt wurde!
        Danke für dein Angebot…..😊

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  1. Ich fand das damals alles voll blöd. Mädchen interessierten mich erst, als ich mit 21 beschloss, dass es jetzt an der Zeit war, das erste Bier zu trinken, die erste Zigarette zu rauchen und auch sonst Erfahrungen zu sammeln.
    Entweder war ich zu rational oder mir fehlte einfach das Smartphone, weil es ja damals noch nicht erfunden war. Arme Zeit…

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  2. Tse, ich hab auch nie solche Briefchen oder Zettelchen bekommen. Naja, ich war vermutlich zu sehr damit beschäftigt, dem Unterricht zu folgen, um noch Zeit zu haben, attraktiv zu wirken. XD
    Naja, vermutlich hast du mit dem Teil zu facebook gar nicht mal unrecht, würde mich nicht wundern, wenn das demnächst auch noch käme.

    PS: Saubere Schrift übrigens! So… leserlich! 😳

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    1. Du findest sie leserlich? Die Familie beschwert sich immer, dass da nur Striche und Kringel seien. Aber du bist nicht allein. Ich kann mich auch nur düster an ein oder zwei in Grundschultagen erinnern. Dafür reißen wir die Weltherrschaft an uns. 😉

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  3. Der vollständigkeithalber sollte auf dem Zettel auch noch ein „Klar, wohin?“ anzukreuzen sein, um eventuelle Nachzügler (Spätpubertierende) nicht auszugrenzen 😉
    Die ungeschickten Liebesbriefe blieben wohl nie ungeschickt, und das ist gut so. Ich habe sogar noch einen meiner Urgroßeltern (so mit beigelegtem, bezahlten Antwortkuvert, weil es wäre der Angebeteten nicht zuzumuten gewesen, auf der Post vor aller Augen einem ihr noch nicht näher bekannten Mann einen Brief zu schicken) 🙂

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  4. Ich selbst musste solche Zettel immer weiterreichen. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum dieses Tamtam um die Zettel betrieben wurde. Man konnte doch in der Pause mit einander reden? Soviel zu meinem Level von Romantik.
    Woher diese Nostalgie, lieber Zeilenende?

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  5. Ganz besonders für solche Institutioen, die mich in Arbeit bringen sollen und die an die ich meine Krankenscheine jetzt immer in 2-facher-Ausführung schicken muss bekommen von mir ein ähnliches Formular aus dem Drucker; wenn man sich schon die 3-fache Menge an Briefporto leisten muss, so spart das wenigstens Druckertinte 😉 Aber mit Liebe it da nix.

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  6. Ich komm mit! Bei solch einer Schreibe wird es einem nie langweilig…..das Zeilenende brilliert mal wieder mit Wortwitz und Buchstabenspielereien….ganz grosses Kino! Liebste Grüße vom Marinsche, das gar nicht weiss ob es grad die Bauchmuskeln halten soll oder den Kopp der jedesmal am Schreibtischstuhl anschlägt……ach wat….das nächste Mal setz ich mich einfach gleich untern Tisch zum lesen….

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  7. Ich frage mich das „wohin“ nach wie vor. „Willst du mit mir gehen“ habe ich damals schon nicht verstanden, auch wenn ich es sogar tatsächlich, neben Zettelchen auch in echt so von Angesicht zu Angesicht gefragt worden bin (da war die Antwort allerdings eh schon abzusehen :D). Bei den Fragen mit den Zettelchen habe ich tatsächlich auch „nein“ angekreuzt, wenn ich das Gefühl, das der jetzt „nur so“ geschickt wurde, weil es gerade in Mode war. Wirklich interessiert hat mich das aber nie, selber habe ich auch keine verschickt. Ich kann mich aber an vorsichtige und zaghafte Liebesbriefe erinnern, die ich verfasst habe. Schreckliche Zeit. Bin ich froh, dass das vorbei ist 😉

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    1. Ich fürchte ja, da ihr euch so oft fragt, wohin es gehen soll, dass in diesem Fall der Weg das Ziel ist. „Gemeinsam durch die Hölle“ wäre dementsprechend die korrekte Antwort. Obwohl ich zugeben muss, dass sich niemand getraut hat, mir diese Frage zu stellen. Wahrscheinlich aus Furcht, ich könnte den Stil kritisieren. Wahrscheinlich habe ich aus ähnlichen Gründen keine „vorsichtigen und zaghaften Liebesbriefe“ bekommen … Weil ich nur am Stil mäkeln würde, an der Gefühligkeit und so. *gg*

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  8. Ach herrje, diese Zettelchen. Ich gehörte auch zur Abteilung stille Postweitergabestation und fand das total doof. Richtige Liebesbriefe hingegen finden ich soooooooooooooooooo zauberhaft. Ich habe meine alle aufgehoben, und als meine Oma starb, habe ich in ihrem Nachlass die uralten Liebesbriefe meiner Großeltern gefunden. An die 100 Briefe voller Liebe und Gefühl in einer herrlichen veralteten Sprache, ich könnte beim Lesen darin versinken, seufz…
    Ach, lieber Zeilenende, danke für dieses romantische Thema zum Wochenende. LG Ela

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    1. Wo ich gerade ein Lehrerwesen habe: Wandern solche Dinger eigentlich immer noch durch die Reihen?
      Was die Liebesbriefe meiner Großeltern angeht, sind die, nach einem ersten Anlesen ungelesen entsorgt worden, weil wir das alle als ungebührliches Eindringen in die Privatsphäre angesehen haben … Außer mir, mir war es egal, weil ich für Liebesbriefe nicht viel übrig habe … Was mich dazu bringt, wieso hier alle glauben, mir ginge es um Romantik. 😉 Aber wenn es dich romantisch gestimmt hat, genieße es. 🙂

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      1. 😁🤗 Danke, ich genieße. Und ja, die Zettelchen wandern tatsächlich noch durch die Reihen. Während der Stunden Handys verboten. Was muss also her? Papier und Stift.😂

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  9. Offensichtlich scheinen diese Zettel mit drei Antwortmöglichkeiten keine ganz neue Erfindung zu sein. Mir ist dieser verunglückte Charlie Chaplin Imitator zwar etwas suspekt – die Fragestellung ist aber originell:

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    1. Das erklärt viel … Interessant wäre in dem Zusammenhang, ob das geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt auch so aussah: „Willst du die Welt mit mir erobern? Ja – nein – vielleicht“

      Aber du kommst echt auf noch abwegigere Gedanken als ich, gefällt mir. 😀

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      1. 🙂
        Durchaus denkbar, dass da auch der eine oder andere ‚Lapp geschribbelt‘ wurde. Vielleicht hat er sogar den gleichen Zettel wiederverwendet. ‚Zusammen zu werden?‘ lässt sich ja auf verschiedene Weise deuten…

        Apropos abwegige Gedanken – ich bin ein Offroad-Denker. 😀

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  10. Oh, da werden Erinnerungen wach … *Schmacht*

    Meine Freundin war im übrigen die ständige Zettelübergabe leid (sie saß genau in der Klassenmitte, dort kreuzten sich die Postwege) was sie dazu veranlasste, ein „Die Post streikt“ – Schild aufzustellen. Das war das Ende der Liebesbriefe…

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  11. Ich fand diese Briefe allgemein damals „voll doof“. Weil der einzige, welchen ich bekommen hatte, mit Sicherheit ein Fake war. Denn ich war definitiv die falsche Adresse dafür. Heute habe ich natürlich deutlich an Qualität zugelegt und bin dennoch bodenständig geblieben. 😃
    Und sehe nurnoch Selfies schießende, Minirock tragende, bauchfreie Whoo-Girls. Nicht so mein Fall. Da verzichte ich auch gerne auf Briefchen 😒

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    1. Wenn man alt genug für das „Früher“ ist, gehört man auch nur noch zum Adressatenkreis solcher Briefchen, wenn man im Facebook-Profil „Sugar Daddy“ als Berufsbezeichnung hat. 😉
      Und mit dem „zugelegt“, das für Bodenständigkeit sorgt … *hust* Tschuldigung. Ungeschickte Wortverwendung. Wie dem auch sei. Als aufgeklärte Erwachsene haben wir ja eh Tinder. 🙂

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      1. Hoppla. Fällt mir jetzt erst auf 😀 Hab aber von Qualität geschrieben, nicht Quantität! 😉
        Ich hatte ne Zeit lang Lovoo. Hab darüber auch tatsächlich jemanden kennengelernt und erfolgreich vergrault, auch wenn ich mir nicht sicher bin wie 😃 Bin daher auch bei Tinder recht skeptisch. Aber darf mich in den nächsten Monaten ohnehin neuen Materials erfreuen. 😉

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  12. Vor einigen Jahren erzählte ich meinem Freund, dass ich nie einen solchen Zettel bekommen habe. Ein paar Wochen später bekam ich ihn von ihn. Ganz klassisch mit Ja, Nein und Vielleicht. Und mit einer Randnotiz, dass ich mir die passende Frage dazu selbst ausdenken könnte. Zwei Wochen später flogen wir ein Wochenende nach Amsterdam. Den Zettel hab ich heute noch 🙂

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  13. Ist das nicht interessant? Ich folge dir schon eine ganze Weile und dennoch bedeutet das Erblicken der Handschrift im ersten Bild etwas Privates, ja fast schon Intimes. Wie starre standardisierte Buchstaben eine Distanz schaffen können… Ich denke, du solltest darüber mal einen Beitrag schreiben 😉

    Ansonsten: Ich hab sowas viel geschrieben und nie bekommen *heul*
    Heute denke ich, dass Liebesbriefe irgendwo Klarheit schaffen wollen, damit aber auch das Mystische des (noch nicht) Ausgesprochenen zerstören können 🙂

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    1. Nicht lachen, aber ich kann das gut verstehen: Als ich nach einem Bild zum Beitrag suchte, kam mir erst spät die Idee, das zu schreiben. Und als ich es abfotografiert hatte,zur Veröffentlichung bestimmt, habe ich mich in der Tat einen Augenblick lang sehr nackt gefühlt. Darüber könnte ich in der Tat schreiben. Danke. 🙂

      Und was die Klarheit angeht: Deshalb bin ich sehr für das Vielleicht. 🙂

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  14. Also ich hab auch nie so ein Zettelchen erhalten, auch keine Liebesbriefe. Und ich dachte ich wär die einzige, die davon „verschont“ geblieben ist. Ich weiß gerade gar nicht, ob ich darüber traurig sein soll oder ob es mir egal ist. 🙃

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