Es ist eine weithin bekannte Tatsache, dass das Kochen und Backen in der eigenen Küche die Weltreise ersetzt. Mit Piroggen nach Russland, mit Fritten nach Belgien, mit Luft nach Frankreich und mit verätzten Geschmacksknospen aus England zurück kann man in der Küche allerlei erleben. Doch bei mancher Reise biegt man aus Versehen falsch ab.

Ich hatte einmal wieder Lust auf eine kleine Reise. Also schlug ich mein Buch auf und überlegte, wohin ich reisen könnte. Mir war nach einer Reise mit einer Mürbteigvariante. Ich habe zwar gewisse Backpräferenzen, aber ich weiß jede Teigsorte wegen der ihr eigenen Qualitäten zu schätzen. Die besondere Qualität des Mürbteigs ist es, dass ich locker die doppelte Menge zubereiten kann und die Backform dennoch nur gerade so damit ausgelegt bekomme. Bei einem Biskuitteig könnte mir das nie passieren. Schmeckt einfach nicht roh.

Ich entschied mich ob der etwas kalten Witterung, eine Reise gen Süden anzutreten, aber wollte auch nicht allzu weit. Ich hatte nicht viel Zeit. Auch deshalb bot sich ein Mürbteig an, der geht schnell und einfach. Kurzes Überlegen meinerseits und ich stapfte los.

Ich nahm:

  • 200g Weizenmehl
  • 1 gestr. TL Backpulver
  • 125g Zucker
  • 100g Marzipan-Rohmasse
  • 1 Msp. gemahlene Nelken
  • 1 gestr. TL gemahlenen Zimt
  • Salz
  • 1 Ei
  • 125g Butter
  • 125g gemahlene Mandeln

Wie gesagt, die Witterung war kühl, also hielt ich eine weihnachtliche Mischung aus Marzipan, Nelken und Zimt für angemessen. Meine Reise stand allerdings unter keinem guten Stern. Ich vermischte die trockenen Zutaten und zerließ die Butter. Dann mischte ich alles, bis mir – oh Schreck! – einfiel, dass ich das Ei vergessen hatte. Schnell lief ich zurück und holte es. Dann knetete ich eine Kugel.

Von dieser Aufregung war ich so erschöpft, dass ich beschloss, ein Gasthaus am Rhein zu besuchen, um mich von den Strapazen zu erholen. Den Teig gab ich der guten Wirtin zur Verwahrung in den Kühlschrank und ließ mir eine Flasche Wein bringen, die man im nahen Mündungsbereich der Ahr aus dem großen Fluss gezogen hatte. Kornblumenblau sah ich Vater Rhein in seinem Bett liegen, bis ich selbst einschlief.

Am nächsten Morgen erwachte ich so spät, dass ich mein Ziel nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Ich war zutiefst betrübt, ließ mir von der Wirtin dennoch meinen Teig geben, hieb ihn in zwei Stücke und presste die eine Hälfte in eine Springform von 28cm Durchmesser. Diese bestrich ich mit

  • 100g Konfitüre

Eigentlich hatte ich geplant, an meinem Ziel ein Glas Johannisbeergelee zu diesem Zwecke zu erwerben. Das Rezept schlug Himbeermarmelade vor. Die Wirtin empfahl mir, die vorzügliche Apfel-Brombeer-Marmelade zu nehmen, die sie in meinem Gepäck erspäht und „als Zeche“ probiert hatte. Ich folgte ihrem Rat. Dann rollte ich auch die andere Hälfte Teig aus, schnitt ihn in Streifen und belegte meine Torte damit.

Die Wirtin war so gütig, mir ihren Ofen zur Verfügung zu stellen. Sie hatte ihn bereits auf 170° Ober-/Unterhitze vorgeheizt und sie hatte auch noch ein Eigelb übrig, mit dem ich die Teigstreifen bestreichen konnte. Wir schoben den Kuchen in den Ofen und warteten 25 Minuten.

20160409_153549.jpg

Als der Kuchen abgekühlt war, schnitt ich ihn an. Die Wirtin und ich probierten. Wir waren begeistert. Ich fragte sie, wo wir hier waren. Ich wollte diesen Kuchen nach dem Ort benennen, an dem ich eine Mürbteig-Marzipan-Torte mit Apfel-Brombeer-Marmelade erfunden hatte. Sie erwiderte, erstaunt ob meines Unwissens, dass ich hier in Linz sei. Ich strahlte, herzte und küsste die Wirtin. Ich hatte mich geirrt. Mein Ziel war nicht in unerreichbare Ferne gerückt, ich hatte es bereits vorher erreicht. Ich ließ ihr zum Dank das Rezept da und machte mich auf den Heimweg.

So kam es, dass ich damals auf meiner Wanderung die Linzer Torte Rheinischer Art erfand.

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53 Kommentare zu „Rheinisch backen

  1. 😂😂 Wie schön, Linzer Torte habe ich noch nie gebacken, vielleicht weil ich sie bislang immer in Cafés selten überzeugend fand aber bei so einer netten Beschreibung muss ich ihr vielleicht nochmal eine Chance geben. Unser Haus- und Hofkonditor ums Eck hat auch Linzer Torte, wird also mal in Angriff genommen 🙂 Danke für die Inspiration!

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    1. Beim Selberbacken ist die größte Herausforderung meiner Meinung nach ja das Schönmachen des Gitternetzes und wie zu sehen, habe ich dabei wieder eindrucksvoll versagt. Wie sagte die selige Oma Zeilenende? „Schief ist englisch und englisch ist modern“. *gg* Ansonsten ist sie aber super, weil der Boden durch den Gewürzeinsatz kräftig ist. Man muss nur die passende Marmelade nehmen, die da auch mithalten kann (und nicht nur süß schmeckt). Aber als Keksjunkie bin ich ja eh für alles mit Mürbteig. *gg*

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  2. Linz am Rhein ist echt ein nettes Örtchen und immer wieder eine Reise wert, ob nun über Land oder mit dem Schiffchen über den Rhein. Ich lernte dort vor Jahren Steffi kennen. Sie war von einem süßen, schlanken, hopfenzarten Wesen, angenehm erfrischend und bei aller Blumigkeit doch eher dezent. Ihr Partner, der witziger Weise Steffen hieß, hatte ebenfalls einen schlanken Körper, war ebenso herzerfrischend und versprühte ein mir unvergessenes aromatisches Hopfenaroma. Weißt du, ob es die beiden heute noch gibt?

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    1. Die Brauerei „Steffens“ gibt es in der Tat noch, Steffi und Steffen Steffens sind also noch dick im Geschäft. Du solltest also noch einmal zu Besuch vorbeifahren, obwohl es am Rhein natürlich noch viele andere … Unkel … Ich bin ja ohnehin mehr für Wein. *gg*

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  3. Konditorlatein vom Feinsten! Liebes Zeilenende, schreib doch mal ein Backbuch mit solchen Entstehungsgeschichten zu den Rezepten. 🙂
    Herzlichen Dank für dieses Amusement am Morgen!

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  4. So schön geschrieben! Ich sabbere auch vor mich hin. Eigentlich ist es ja unfair, immer so leckeres Zeug zu zeigen, in dessen Genuss man dann nicht kommt (Ausser, man würde selbst… aber lassen wir das.)
    In orientalischen Ländern heißt es, wenn der gute Geruch deines Essens bis zu den Nachbarn zieht, sollst du ihnen eine Portion vorbei bringen.
    Nicht mit tropfendem Zahn sitzen lassen, wie du das hier tust 😜
    Aber danke für die Anregung 🌼

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    1. Meine Nachbarn haben es nicht so mit Kuchen, deshalb darf ich das alles allein essen. Aber kommst du nach Sparta, Wandrer, klopfe an und kehre ein, wenn du meinen Kuchen riechst. Das ist kein Wahnsinn, das ist Sparta! Äh… Quatsch. Das ist Kuchen! 😉

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  5. Meinen Dank an die Wirtin aus Linz zur Empfehlung der Apfel-Brombeer-Marmelade und dem zu Verfügung Stellen des Ofens. Sonst hätte es diese famose Kuchenerfindung vielleicht nie gegeben. Und ein Lob an den Bäcker natürlich! Das mit dem Gitternetz müsste der Wanderer vielleicht noch etwas üben. 😉 Ansonsten siehts sehr lecker aus. Ich bilde mir ein, den betörenden Duft durch den Monitor hindurch riechen zu können…

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  6. Sieht wie immer sehr lecker aus und ich hoffe immer noch jeden Tag, auf ein Gespräch für dich hier in der Nähe – nach solchen Blogbeiträgen umso mehr 😉 – Sü

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  7. Doppellecker – eine leckere Geschichte und ein dito Rezept. Respekt! Und eine rheinische Linzertorte ist ja mal was Neues. Nichts gegen Himbeeren – aber es stimmt schon: es muss wirklich nicht IMMER Himbeermarmelade sein. Und das Gitternetz als Halteverbot sieht einladender aus als die industriellen Perfektnetze. [Zudem muss es ja nicht unbedingt immer ein Gitter sein – es lässt sich auch mit Ausstechformen was basteln]
    Technische Frage: Warum muss der TL gestreift sein?

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    1. Das hat was mit der antropopofischen Lehre zu tun, der ich anhänge. Die besagt, dass Backpulver von gestreiften Löffeln den Teig nur lockert, aber nicht treibt. Und genau das ist bei Mürbteig gewollt. Das hat was mit kosmischen Schwingungen und Engeln zu tun. Für genaueres müsstest du aber Rudi Kiesler, den Begründer der Lehre fragen … 😉 Der sagt auch, dass man diesen Kuchen unter keinen Umständen mit gekaufter Erdbeermarmelade zubereiten sollte (weil gekaufte Erdbeermarmelade nicht koschal ist … Also weder koscher noch halal und damit in der Antropopofie verboten).

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      1. Das klingt ja wirklich spannend. Man lernt nie aus. Essoterik in der Küche. Aber meint der Kiesler tatsächlich, dass der Kuchen mit geklauter Erdbeermarmelade besser gelingt? Der ist mir dann doch – mit Verlaub – nicht ganz koscher. 😉

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      2. DAS klingt allerdings plausibel. 🙂
        [Ich hatte schon befürchtet, der Kiesler sei möglicherweise ein Sandler, der seine nicht über jeden Zweifel erhabene Lebensweise propagieren möchte.]

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  8. Luft? Luft?! LUFT?! Ich geb dir gleich Luft! 😛 XD

    Ich mag Linzer Torte sehr, sehr, sehr! *sabber* Beim Lesen und Bestaunen wurde ich schmerzlichst daran erinnert, wie sehr ich sie mag, und wie lange mein letzter Kuchen her ist. Daran muss etwas geändert werden! 😮

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    1. Willst du etwa bestreiten, dass die französische Backkunst im Wesentlichen daraus besteht, Luft mit dünner Gebäckhaut in Form von Biskuit oder Croissant (auch wenn sie das den Österreichern geklaut haben) zu umschließen?
      Du bist, selbst wenn du das tust, dennoch jederzeit zum Kuchenessen eingeladen. 🙂

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