Sechs Bücher möchte ich 2016 in jedem Fall lesen. Jetzt ist es an der Zeit, ein wenig zu staunen, mit Jostein Gaarders „Das Kartengeheimnis“.

Inhalt lt. amazon.de

Das Buch erzählt die Geschichte dreier Reisen. Die erste Reise ist eine Urlaubsreise. Sie führt Hans-Thomas zusammen mit seinem Vater nach Griechenland, um die Mutter zu suchen, die vor Jahren aufbrach, sich selbst zu finden.

Unterwegs machen Vater und Sohn Rast in einem verschlafenen, winzigen schweizer Bergdorf. Dort findet Hans-Thomas auf mysteriöse Weise ein geheimnisvolles Buch, das für ihn eine zweite, abenteuerliche Lesereise bereithält. Eine dritte, nicht minder spannende Reise unternimmt Hans-Thomas in das große Reich der Philosphie. Hier hat er im Vater einen fachkundigen Reiseleiter. Während vieler Zigarettenpausen auf dem Weg nach Griechenland beschäftigen Vater und Sohn die großen Fragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Gibt es Gott? …

bücherchallenge

 

Der Ursprung der Philosophie und Platon

„Hast du gewusst, dass gerade ein geheimnisvoller Planet entdeckt worden ist, auf dem einige Millionen intelligente Wesen wohnen, die auf zwei Beinen durch die Gegend laufen und ihren Planeten durch ein Paar lebendige Linsen betrachten?“

Ich musste zugeben, dass mir das neu war.

„Dieser kleine Planet wird durch ein kompliziertes Netz von Bahnen zusammengehalten, auf denen diese cleveren Kerlchen pausenlos in bunten Wagen herumkutschieren.“

Schöner kann man den Anfang aller Philosophie wohl kaum ausdrücken. Es ist das Staunen über das, was uns umgibt. Denn was der Vater aus „Das Kartengeheimnis“ hier verfremdend schildert, ist nichts anderes als unsere Welt. Und Philosophie ist der Versuch, sich dieser Welt zu nähern, als ob sie eine fremde wäre, damit wir sie als eigene verstehen können. Deshalb mag ich Philosophie so gern und auch deshalb mag ich dieses Buch so gern.

Das Kartengeheimnis verhandelt dabei nicht nur das Staunen über die Welt. Es lässt das Thema „Wir als Außerirdische“ mal bewusst, mal unbewusst durch das ganze Buch mitlaufen, stellt Fragen nach dem, was uns persönlich ausmacht (Identität), nach dem was echt und nicht echt ist (Realität), was wir erkennen können (Erkenntnistheorie) und was unabhängig von der Realität sei (Ontologie). Wenn die Erde in der Philosophie zum außerirdischen Planeten wird, dann sind auch alle seine Bewohner Außerirdische und uns damit erst einmal fremd. Mehr noch: Wir selbst sind uns selbst Außerirdische und werden uns fremd. Philosophie wird dadurch zur Reise zu uns selbst. Nicht, dass wir uns vorher nicht kennen würden, sie ist aber ein Angebot, uns immer wieder neu kennen zu lernen.

Diese Botschaft verpackt Gaarder in ein sprachlich schönes Buch. Er ist an keiner Stelle so schwerfällig, wie es die akademische Philosophie ist, er versteht sich auf das Spiel mit Sprache und mit den Theorien der Philosophie. Es gelingt es ihm, Philosophie in Geschichten zu verpacken, sogar noch besser als im wesentlich populäreren „Sofies Welt“, das er im Anschluss schrieb. In „Das Kartengeheimnis“ verzichtet er, von gelegentlichem Name-Dropping abgesehen, auf das Referieren konkreter philosophischer Theorien, regt zum Selbstdenken an und steht dabei in ganz klar platonischer Tradition, wenn er mit Mythen operiert.

 

Lewis Carroll und ein wenig Bob Dylan

Über die Geschichte möchte ich eigentlich gar nicht so viel erzählen. Genau genommen gibt es ohnehin zwei: Es gibt die Geschichte und die Geschichte in der Geschichte. Als Erzähler stellt Jostein Gaarder sich mit diesem Buch in die Tradition von Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Da gibt es nicht nur Kartenfiguren, da gibt es eine ausgefeilte Fantasie-Welt zu bestaunen, in der sogar Platz ist für so etwas Elaboriertes  wie die Konzeption eines Kalenders auf Basis eines Kartenspiels. Und am Ende der Geschichte in der Geschichte wird alles kleiner … Oder wird der Protagonist größer? Die Anleihen an den Alice-Stoff sind unübersehbar.

Jostein Gaarder erschafft gleich mehrere Wunderländer, durch die man sich mit staunend offenem Mund bewegt. Auch die Geschichte in der Geschichte behandelt Fragen nach Wirklichkeit und Identität. Wieder scheint Platon durch, man fühlt sich an seine Ideenlehre und das Höhlengleichnis erinnert, aber auch Bob Dylan kommt zum Zug. Es gibt eine Figur, den Joker. Der Joker versucht, seine Welt zu verstehen … Und er versucht, einen Weg hinaus zu finden, wie der Joker in der ersten Zeile von „All along the watchtower“. Er schafft es durch scharfes Nachdenken, durch geistige Anstrengung, die konkrete Wirklichkeit zu durchschauen und zu überwinden, so wie Platon es sich vorstellt.

 

Das Allmachtsparadoxon und die geheime Ordnung

Damit nicht genug, arbeitet sich das Buch auch an den klassischen Fragen der Philosophie ab. Das Problem der Wirklichkeit und das des Fremdpsychischen sprach ich schon an, aber auch das Allmachtsparadoxon hat seinen Auftritt. All das verbindet sich nicht zu Gedankenknoten sondern zu einer fantastischen Geschichte, an deren Ende …

Das Buch schafft Verwirrung, aber es stellt am Ende wie durch Zauberhand Ordnung her. Die Auflösung all der Erlebnisse der Figuren in dem Buch braucht nicht einen Bruchteil der Zeit, in der sich die Geschichte unübersichtlich miteinander verwob. Es ist wie bei einer Patience, als ob die Geschehnisse durch einen göttlichen Plan plötzlich zusammengeschoben werden. Doch das Buch verzichtet auf diesen Trick. Es legt eine Fährte aus, lässt die Möglichkeit, das Geschehen als geplant zu begreifen, einfach verschwinden und bewahrt sich so das Mythische. Genau das richtige Ende für ein Buch, das zum Staunen und Nachdenken anregen soll. Denn wer ins Staunen kommen soll, darf sich nicht mit fertigen Erklärungen zufrieden geben. Und so bleibt am Ende nur die nachdrückliche Empfehlung, dieses Buch unbedingt zu lesen, wenn man einmal wieder staunen möchte.

21 Kommentare zu „Lewis Carrolls Nachfolger – Besprechung: Jostein Gaarder – Das Kartengeheimnis

  1. Ich habe kürzlich vom gleichen Autor „Durch einen Spiegel in einem dunklen Wort“ gelesen und konnte damit nicht viel anfangen. Es hat mich richtig genervt und ich habe es dann nur noch überflogen. Ich weiss nicht… aber nichts an dem Buch würde mich dazu bewegen, noch etwas anderes von ihm lesen zu wollen.
    Ich habe mich bedrängt gefühlt von seiner Sicht der Dinge, die ich aufgrund meines Glaubens ganz anders sehe, vielleicht lag es daran.

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    1. Das kenne ich nicht. Ich habe von Gaarder neben dem hier noch Sofies Welt und das Orangenmädchen gelesen, in Beiden versucht er sich nicht an Gott. Religion spielt eigentlich in allen drei Büchern keine große Rolle. Wobei mir der Beschreibung deines Buches auf dem bösen a die Konzeption auch nicht gefällt. Es ist aber auch spezielle Literatur. Ich kenne genügend Menschen, denen nicht einmal Sofies Welt gefällt.

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  2. Top! 🙂 Ich weiß nicht, ob du das überhaupt bemerkt hast – aber es ist gar nicht so einfach, diesem Buch in einer Besprechung gerecht zu werden. Ein sehr gelungenes Buch – auf sehr gelungene Weise vorgestellt. Was mich bei Gaarder wurmt, ist lediglich, dass ich nie wissen werde, wie es ist, seine Bücher als Kind zu lesen. 😉
    Falls du Lust auf mehr Gaarder hast, könnte ich dir «Maya» und «Bibbi Bokkens magische Bibliothek» empfehlen. [Und vor wenigen Monaten ist schon wieder ein neues Buch von ihm erschienen – da wird jetzt jemand fleißig am Übersetzen sein.]

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    1. Oh doch. Ich habe das gemerkt. Man würde so gern so viel über die Story verraten … Aber das Problem ist: Wenn man anfängt, kann man nicht aufhören. Deshalb habe ich mich auf Andeutungen beschränkt. Was anstrengend genug war. Der Review war schwieriger als der seinerzeit zu Wittgenstein, weil man neben den Gedanken auch noch eine Story ausplaudern könnte. Die beiden Titel habe ich mir gemerkt. Und wenn ich mal wieder ganz dringend Trost brauche, werden sie gekauft. 🙂

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      1. Ich habe mich nur gewundert, weil es so unangestrengt und lecker-einladend wirkte. 🙂
        Aber deine Beschreibung der Review-Schwierigkeiten zeigt mir, dass es doch Gerechtigkeit gibt auf der Welt. 😉

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        1. Jetzt werde ich erst einmal rot. Danke. 🙂
          Aber es hat auch Spaß gemacht. Man setzt sich bei einem Review ja automatisch noch einmal mit dem Buch auseinander, zumindest ich mache das. Und bei der Besprechung hier … Ich musste mich ermahnen, nicht ALLES noch einmal zu lesen. Und die Belohnung war hier zu merken, dass die Geschichte auch ein drittes Mal noch Spaß macht.

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