Manchmal steckt Philosophie in Dingen, mit denen man gar nicht gerechnet hat.

Ich bin ein Liebhaber tiefschürfender Gedanken. Ich gebe es zu. Ich kokettiere auch gelegentlich damit. Für mich sind Philosophen nicht nur Menschen, die sich über irgendwelche lebensferne Dinge ausgelassen haben. Philosophie ist für mich auch keine überflüssige und weltfremde Wissenschaft. Etwas, das sich mit der gesamten Welt befasst, kann nicht weltfremd sein. Man muss sich nur auf die Gedanken einlassen und mit-denken.

Es ist wahr, mancher Philosoph drückt sich verschwurbelt aus. Das liegt häufig daran, dass sich Philosophen einer Wissenschaftssprache bedienen. Niklas Luhmann ist ein schönes Beispiel dafür, dass man sich so umständlich ausdrücken kann, dass am Ende niemand mehr versteht, worum es geht … Wahrscheinlich nicht einmal Luhmann selbst. Manche Philosophen versteht man nicht, weil sie schon so lange tot sind und ihre Ausdrucksweise antiquiert ist. Immanuel Kant ist dafür ein sehr schönes Beispiel. Der formuliert selbst für seine Zeit reichlich altbacken, aber wenn man sich in den Sound eingehört hat, entdeckt man eine große Klarheit. Das ist wie bei Musik. Für manchen Künstler braucht man ein geschultes Ohr, für manchen Autoren ein geschultes Auge.

Es gibt natürlich auch die Philosophen, die absichtlich schwurbeln. Georg W. F. Hegel schwurbelt so schlimm, dass ich mich nach zwei Seiten so fühle, als sei ich Achterbahn gefahren. Aber auch Hegel kann ich viel abgewinnen. Sein Denken hat Substanz und seine Überlegungen zur Dialektik lassen mich bis heute Bauklötze staunen. Zuletzt sollte man nicht verschweigen, dass es Philosophen gibt, die absichtlich schwurbeln, um ihre eigene Substanzlosigkeit zu verbergen. Martin Heidegger ist so ein Fall. Die Faszination an dessen Schriften besteht im Wesentlichen darin, dass sie alles und nichts sagen, weil niemand versteht, was Heidegger dem Sein auf Altgriechisch abgelauscht hat. Das ist übrigens Dialektik.

Dann sind da noch die Alltagsphilosophen. Das sind mir die liebsten. Die sind sich der Tiefe ihrer Gedanken gar nicht bewusst, die sie so beiläufig äußern. Ich bin glücklich, mit dreien dieser Alltagsphilosophen zusammen zu wohnen. Ich bin stolz, dass sie beschlossen haben, mein Leben zu bereichern. Und ich freue mich diebisch, dass sie ganz unprätentiös Stellung gegen Sexismus und Speziesismus beziehen. Sie bestehen nicht darauf, als feline Philosophinnen bezeichnet zu werden. Ihnen reicht „Eure Majestät“ als Anrede.

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„Na, was denkst du?“

„Der Napf ist leer.“

„Hab ich gesehen.“

„Zeilenende hat gesagt, es gibt erst was, wenn der große Zeiger auf der Uhr nach oben zeigt. Das Blöde ist … Das hatte er schon getan, bevor Zeilenende das gesagt hat. Er hätte …“

„Er hätte in der Zeit zurückreisen sollen, um dich zu füttern.“

„Genau. Ich finde, Menschen nehmen es viel zu genau mit der Zeit, statt sich Zeit zu nehmen.“

„Da hast du recht. Wollen wir ihm die Augen auskratzen?“

„Dann sieht er nicht mehr, wenn der Zeiger das nächste Mal nach oben zeigt. Und findet die Futterdose nicht mehr.“

„Wir könnten ihn beißen.“

„Guck mal, da spielen Menschenkinder mit einer großen, runden künstlichen Maus.“

„Wo?“

„Da, auf der anderen Seite der Grenze. Menschen sind schon dämlich. Wo ist die Herausforderung, mit einer künstlichen Maus zu spielen? Und sie nur mit den Hinterpfoten zu berühren?“

„Die Menschen machen es sich erst zu einfach und dann unnötig kompliziert. Deshalb sind sie nie glücklich. Ihnen fehlt es nicht nur an einem entspannten Verhältnis zur Zeit, auch eine zum Glück.“

„Stellst du dir auch manchmal vor, wie es wäre, ein Mensch zu sein?“

„Grässliche Vorstellung.“

„Ja, da hast du recht. Guck dir das an, die haben noch nicht einmal Fell.“

„Dabei kann man doch seine Zeit glücklich damit verbringen, es gründlich zu putzen.“

„Und Krallen haben sie auch nicht, die man lustvoll in Sofas und Teppiche schlagen kann.“

„Die Menschen sind neidisch. Deshalb ermahnen sie uns immer, es nicht zu tun.“

„Menschen haben keinen Sinn fürs gute Leben. Das gute Leben ist, im Fenster zu sitzen und zu denken.“

„Ja, aber das Nachdenken über Menschen ist anstrengend. Sie sind so irrational. Ich bin erschöpft. Komm, wir erholen uns von den Menschen und tun etwas Sinnvolles.“

„Ich denke noch ein wenig. Aber unsere Schwester hat schon angefangen. Geh vor, ich komme nach.“

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27 Kommentare zu „Große Denker der Weltgeschichte

  1. Da hast du aber ganz besondere Exemplare bei dir.

    Bei meinen beiden sieht das wohl eher so aus:

    „Maus!“
    *flitz hüpf beiss*
    „Omnjomnjom. Lecker. Was’n das? Bäh. Galle. Omnjomnjom“
    *putz putz putz*
    „Schnarch!“
    *aufwach*
    „Napf!“
    *flitz hüpf schmatz*

    …usw…

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  2. „Ich habe die Philosophen und die Katzen studiert, doch die Weisheit der Katzen ist letzlich um ein weites grösser“ (Hippolyte Taine) 😉

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  3. Ja, von Katzen kann man viel lernen: stoische Ruhe, Machiavellismus, wenn es um den vollen Napf oder ein Bauchkraulen geht …
    Ich hoffe mit „Dingen“ (im ersten Satz) waren nicht deine felinen MitbewohnerInnen gemeint. Da wären Eure Majestäten aber wirklich zu Recht sehr beleidigt und dann käme die Sache mit den Krallen auch moralisch verteidigbar wieder ins Spiel 😉

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    1. Das „Ding“ ist die weitestmögliche Bezeichnung für all das, was in der Welt ist, von daher sollen sie geschmeichelt sein, dass ich sie nicht daran erinnere, per Gesetz als „Sache“ zu gelten (zumindest in einer anständigen Gesetzesordnung 😉 )
      Aber ja … Erkennst du schon die Ähnlichkeit von Katzen und Kindern? ^^

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      1. Warte, ich probiere den Dingbegriff einmal kurz aus: „Du! Ding, das so gerne am Sofa herumliegt, sich von mir täglich mit Essbarem versorgen lässt und hinter dem ich stets wegräumen muss!“ Siehe da, die Katze hat mich ignoriert, aber mein Mann meinte: „Ja, Schatz?“

        Es gibt sogar Ähnlichkeiten zwischen Katzen und z.B. Schwiegermüttern: Vorwurfsvoller Blick, wenn sich das Kind nicht brav benimmt und herumlärmt 😉

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  4. Ich wüsste manchmal zu gerne was in dem Erbsenhirn des Schäfertiers vor sich geht. Philosophisch rumgeschwurbelt wird da nix. Eher so:
    „Schnarch“
    Geräusch in der Wohnung
    „Futter? Spielen? Kraulen?“
    Aus dem Korb erheben, schütteln, strecken und dabei die Vorderkrallen ins Parkett hauen. Schütteln und Geräuschquelle identifizieren. Hin laufen. Gucken.
    „Futter?Spielen?Kraulen?“
    nix passiert. Umdrehen. Herum stehen.
    „Futter?“
    „Futter?“
    „Guckt sie schon? Nein. Na gut. In etwas Entfernung hinlegen und Futterhypnose betreiben hilft vielleicht“
    Hinlegen mit einem tiefen Seufzer. Starren.
    „Mist, das wird nix. Dann lieber wieder in den Korb. Da ist es weicher am Bauch“.

    So. In etwa. Ohne Schwurbeln 🙂

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    1. Das ist der große Unterschied zwischen Katzen und Hunden. Katzen sind Geisteswesen, Hunde sind Opfer der Spaßgesellschaft. *gg* Aber vielleicht steckt ja doch mehr darin … Ein wenig Epikuräertum … Das tun, was einem wohltut. 🙂

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  5. Dass uns Philosophie weltfremd erscheinen kann, mag manchmal einfach daran liegen, dass die Welt des jeweiligen Philosophen zu weit von der eigenen entfernt ist (oder noch öfter umgekehrt). Und eine tragfähige Brücke lässt sich unter Umständen nicht so eben vor dem Frühstück bauen. Und es ist ja auch nicht falsch, gelegentlich die Hilfe erfahrener Brückenbauer in Anspruch zu nehmen. Zeilenende, Gaarder, usw.
    Den Vergleich mit der Musik finde ich in verschiedener Hinsicht passend. Man muss sich akklimatisieren. Die Besonderheiten der Epoche spielen eine Rolle. Die persönlichen Eigenheiten des jeweiligen Musikers. Die Charakteristika einer speziellen Werksgattung, usw. Und natürlich, nicht zu vergessen, dass einer auf dem Werk des anderen aufbaut. Man hat beim Orgelwerk von Reger ganz schlechte Karten, wenn man dasjenige von Bach nicht kennt. Das wird in der Philosophie nicht anders sein.
    Zu den Alltagsphilosophen dürfte auch Satchel Paige zählen: «Sometimes I sits and thinks, and sometimes I just sits.»

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    1. Ich finde es auch gar nicht schlimm, dass Philosophen manchmal etwas weltfremd wirken. Einfachheit ist zugegebenermaßen eine Tugend beim Schreiben, aber sie hat da ihre Grenzen, wo sie trivialisiert. Und manchmal nimmt man Gedanken zu leicht, wenn man sie einfach lesen kann. Deshalb ziehe ich beim Platon auch nach wie vor die alten Schleiermacher-Übersetzungen allen neueren Fassungen vor (und gern die zweisprachige, weil ich zumindest ein paar funktionale Altgriechisch-Kenntnisse habe). Was aber nunmal nicht geht ist absichtliches Geschwurbel. Und auch wer barock klingt, kann noch brauchbares abliefern … Aber ja, einhören muss man sich. Und manchmal strengt es an.

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      1. Sprachliches Anbiedern und Simplifizieren (Philosophie vom Discounter) kann bei komplexen Themen genau so daneben sein wie wenn jemand bei relativ einfachen Dingen hochgelahrt schwadroniert. Es gibt da ja durchaus eine gewisse Bandbreite, welche Ausdrucksweise zum Thema passt. Und da darf auch Raum sein für persönliche Eigenheiten. Genau gleich hat man ja als Leser seine Vorlieben. Da kann es ja auch vorkommen, dass man sagt: Okay, das ist nicht schlecht geschrieben – aber es sagt mir nicht zu.

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  6. Ich bin mir sicher, dass der Blog hier gar nicht vom Mensch Zeielende verfasst wird, sondern still und heimlich haben sich die drei Majestäten einen Strohmann aufgebaut, den sie Zeilenende nennen und hier reflektieren lassen, wohlwissend, dass niemand Katzen lesen würde, weil man sowieso an den Katzenbildern hängen bleibt. Was liegt da näher als den großen Fütterer als Marionette zu nutzen? 😀

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