Es gibt Serien, die man sich besser nicht ansehen sollte. Nicht, weil sie langweilig, blutrünstig oder kitschig sind, sondern weil man beginnt, Metaphern zu entschlüsseln und sich nicht mehr um die Handlung kümmert, sondern sich nur noch fragt, wie weit die Metaphern tragen. Und ob man darüber sprechen möchte, warum die Serie sehenswert ist.

Aber weil es zu meinem Rückblick auf die Fedcon passt, dessen erster Teil am Samstag online geht, gibt es keine bessere Serienbesprechung als die zur ersten Staffel Being Human.

beinghuman

Inhalt lt. amazon.de

Die Arbeitskollegen Aiden und Josh haben ein dunkles Geheimnis: Aiden ist ein Vampir, Josh ein Werwolf. Um aufeinander aufzupassen, beschließen die zwei Krankenpfleger, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen. Sie finden ein Haus, das etwas heruntergekommen ist und eine Überraschung birgt: Sally – einen Geist.

 

Mystery? Humor!

Kurz und bündig der Inhalt. Nicht sonderlich spektakulär. Werwölfe, Vampire, Geister. Eine klassische Mystery-Serie könnte man denken, nach britischem Vorbild, mit ähnlichen Geschichten, Charakteren und Entwicklungen. Ich kenne das BBC-Original nicht, kann deshalb nicht mit Vergleichen dienen. Ich weiß aber, dass Being Human keine Mystery-Serie ist. Das ist nur Deko.

Die Serie eröffnet gleich mit mehreren Katastrophen, die die etwas merkwürdige Beziehung zwischen Josh und Aiden ordentlich auf den Kopf stellen wird. Gleichzeitig versprüht die Serie eine gute Dosis Humor, denn in der ersten Staffel werden wir viel Vergnügen mit einem ziemlich pessimistischen, ungelenken und leicht neurotischen jüdischen Werwolf haben, einem melancholischen und idealistischen Vampir zuhören und über ein verliebtes, ziemlich überspanntes Neugespenst lachen, uns vor ihm gruseln und es zugleich bedauern, während die beiden Jungs sich um „ihr“ Gespenst kümmern.

Die Serie lebt von ihren verqueren Charakteren, amüsiert mit Einheiten im Geister-, Werwolf- und Vampir-Verhaltens- und Überlebens-Training, die Serie nimmt die mystische Dimension ihrer Hauptfiguren nicht sonderlich ernst, dafür sorgen die Gegenspieler, die es natürlich auch zuhauf gibt. Aber der Fokus liegt auf den Missverständnissen und der Situationskomik. Die lässt sich in einer schriftlichen Wiedergabe natürlich nur schlecht festhalten, deshalb belasse ich es bei dem Stichwort: „Dead Poet’s Society“.

 

Normalität

Aiden, Josh und Sally sind alle drei tragische Gestalten, von Selbstzweifeln so sehr zerfressen, dass es weh tut, an der Welt um sie herum genau so verzweifelnd wie an sich selbst. Man weiß in manchen Momenten bei aller Komik nicht, wen man am Meisten bemitleiden soll. Es gibt aber immer mindestens eine Figur, die man gern in den Arm nehmen oder kräftig durchschütteln muss.

Being Human, das ist nicht der Kampf von Einzelnen gegen das Böse. In dieser Serie fehlt das Heroische, das solch einen Kampf begleitet. Was sich Josh und Aiden von Beginn an wünschen, das ist ein kleines Stück Normalität. Normalität, das ist das, was man sich in einer schwachen Stunde schmerzhaft wünscht. So zu sein wie alle anderen, obwohl man weiß, dass man nie dazugehören wird. Oder es zumindest glaubt. Egal, wie gut man sich integriert: Man ist immer irgendwie anders als alle anderen. Alles was man tun kann ist die Bedeutsamkeit dieser Unterschiede leugnen, in der Hoffnung, dass man sich die Lüge selbst glaubt. Denn wenn etwas Teil der eigenen Identität ist – Blutsaugerei, Verwandlung bei Vollmond – dann ist es bedeutsam. Und deshalb verflucht man es.

Wenn dein Umfeld dir sagt „Dann gehst du einmal im Monat in den Keller und verwandelst dich, wir holen dich am nächsten Tag heraus.“ ist das nett gemeint. Es hilft, an die Illusion zu glauben. Aber es schmälert nicht die Bedeutsamkeit des monatlichen Ereignisses, seine Funktion in der Identitätsbildung. Josh ist nicht der Kerl, der einmal im Monat einen Raum braucht, um sich auszutoben, Josh ist ein Werwolf. Eine Lektion, die auch Aiden lernen muss, auch wenn die Serie es nicht ausspricht. Aber auch Aiden hat  zunächst einen Raum für Josh gefunden, wo er sich einmal im Monat verwandeln kann.

Man ertappt sich beim Gucken dabei, wie man seine eigenen Vorstellungen von Normalität hinterfragt. „Dazugehören wollen“, „Wie alle anderen sein wollen“ oder „Dazugehören“ und „Wie alle anderen sein“, wenn man sich erfolgreich eingeredet hat, dass die eigenen Unterschiede nicht bedeutsam sind, auch wenn sie zur eigenen Identität gehören. Und dann ertappt man sich dabei, gemeine kleine Fragen an sich selbst zu richten: „Was machst du, wenn du jemanden kennenlernen willst? Wenn du mehr suchst als Freundschaft?“ Oder auch: „Was machst du, wenn du einfach mal am Stück Nerd sein willst und entsprechende Gegenüber haben möchtest?“

Die Nicht-Vampirwelt macht dem Vampir Probleme, aber auch die Vampirwelt würfelt dir dein Leben durcheinander. Du bist ständig damit beschäftigt, dich mit Fragen aus beiden Gebieten zu beschäftigen, das ist der doppelte Kampf des Lebens. Den kann man befrieden, aber das heißt auch, dass er immer wieder neu aufflammt. Denn der Unterschied zählt. Und selbst wenn die Gesellschaft damit umzugehen lernte, er zählt für dich. Eine andere Gesellschaft wäre möglich – aber wer kann sie sich vorstellen?

Mit der Erkenntnis lehnt man sich zurück. Nachdem man damit beschäftigt war, den Interpretations-Spielraum auszutesten und sich mit einem Werwolf und einem Vampir zu identifizieren, kommt man zum Schluss: Insgesamt läuft es doch ganz gut in deinem eigenen un-normalen Leben. Aber ein Satz bleibt, der Schlüsselgedanke der gesamten Staffel. Und er hängt dir tagelang nach. Die Frage, warum die Monster, die wir unter unseren Betten vermuten, genau dort sind. Sie verstecken sich. Sie haben genau so viel Angst vor uns wie wir vor ihnen.

 

Risse – ein Fazit

Die Handlung bei Being Human ist wahrlich zweitrangig. Okay, die Geschichte ist spannend, aber sie interessiert nicht. Vampire, die die Weltherrschaft übernehmen wollen oder alles so belassen möchten, wie es ist. Vampire, die Menschen aussaugen müssen oder nicht. Für Vampirfans bietet Being Human sicher mehr als für Werwolf-Fans. Aber das reicht wahrscheinlich nicht als Empfehlung. Dafür wird die Vampirgesellschaft eigentlich zu wenig thematisiert. Unter dem Aspekt ist Being Humans erste Staffel eher Comedy denn Mystery.

Being Human birgt die Gefahr, dass man ins Grübeln gerät. Dass man die sorgsam abgedeckten Bruchstellen der eigenen Persönlichkeit öffnet um zu sehen, ob sie schlimmer geworden sind oder auf wundersame Weise zuwachsen. Und dass man eine Besprechung schreibt, in der man potentiell mehr über sich preisgibt als man möchte. Aber: Die Risse sind da, in jedem von uns. Die meisten meiner eigenen sind wunderschön. Und dennoch gut abgedeckt.

Advertisements

18 Kommentare zu „Reflexionen über Normalität: Being Human (US) Staffel 1

  1. Ich hatte es als eine typische Teenie Serie abgetan und wollte es gar nicht gucken. Jetzt hab ich aber echt Lust auf die Serie bekommen. Spannend klingt das und einfach toll beschrieben. Danke! Das mit dem Durchschütteln kenne ich von Pretty Little Liars. Trotz Teenie Serie unglaublich spannend und immer wieder will man die Mädels durchschütteln oder ihnen einen Eimer Wasser über den Kopf schütten 😄😄

    Gefällt mir

    1. Es ist in gewisser Weise eine Teenie-Serie, zumindest von den Inhalten her, weniger von der Story. Da könnte ich mir vorstellen, dass Teenager sie verhältnismäßig langweilig finden. Aber die Identitätskonflikte, die sie beschreibt, sind auch solche, mit denen Teenager sich herumplagen müssen. Ehrlich gesagt verstehe ich auch erst seit Being Human so richtig, was Jugendliche an Vampiren als Identifikationsfigur so anziehend finden. Und die Serie ist intelligent genug, auch bei Erwachsenen zu funktionieren. Oder ich bin meiner Pubertät doch noch nicht so ganz entwachsen. 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Wunderbar, was du alles in solch eine „profane Serie“ hineininterpretierst bzw. daraus ziehst. Finde ich toll und macht die Sichtung bestimmt wertvoller als für Menschen, die sich einfach nur berieseln lassen. Schon alleine deshalb lohnt sich wohl das Bloggen darüber.

    Gefällt mir

    1. Das Schlimme ist: Ich wollte mich eigentlich nur von einer Vampirserie mit schrägem Humor berieseln lassen. Das ist kolossal schief gegangen. Andererseits war das eine interessante Erfahrung. Weil ich dieses „persönliche Betroffensein“ bei Filmen und Serien nur selten verspüre. Klar, sowas wie House of Cards ist eine intellektuelle Herausforderung, wenn man so bloggt wie ich das tue. Aber als ich den Beitrag geschrieben habe, fühlte ich mich ziemlich nackt.

      Gefällt 1 Person

  3. Der Titel der Serie scheint ja wirklich passend gewählt, wenn man so viele zutiefst menschliche Fragestellungen mitgeliefert bekommt, statt nur die üblichen Teenie-Werwolf-Fellpflege-Probleme und Zahnspangenpeinlichkeiten von Jungvampiren!

    Gefällt mir

    1. Japp. Meine Erwartung war: Vampir, Werwolf, Geist. Schräg. Gute Unterhaltung. Vielleicht muss ich meine Einstellung gegenüber Fantasy-Themen mal überdenken, ich begreife so langsam die Anziehungskraft von Edward und seinen Spießgesellen auf kreischende 14jährige.

      Gefällt 1 Person

      1. Ah! „Edward vampir“ gegoogelt und schlauer geworden. Ich dachte zunächst an Edward mit den Scherenhänden, aber bei Johnny Depp kreischen ja nicht nur die 14-jährigen vor Begeisterung 😉
        Mich kann man mit Vampiren, Werwölfen etc. nur locken, wenn es sich um einen Klassiker (Dracula) handelt oder zumindest George Clooney oder Hugh Jackman in der Hauptrolle zu sehen sind (dann ist eh egal, was drumherum im Film stattfindet)

        Gefällt mir

      2. Wow! Ich dachte du scherzt. Clooney als Batman? Tatsächlich! Diese schmachvollen Momente seiner Karriere sind an mir spurlos vorbeigegangen, was aber vor allem daran liegt, dass ich für Batman & Co nicht allzu viel übrig habe. Das hätte ja von vornherein klar sein müssen, dass Batman nicht die richtige Rolle für ihn ist: Da sieht man ja nichts von ihm, wenn er die doofe Spitzohrmaske trägt 😉

        Gefällt 1 Person

  4. Nie gehört von der Serie … aber seit einigen Jahren scheinen Serien zu sprießen wie Unkraut (wobei ich nicht sagen will, dass das alles Unkraut ist – vieles ist besser als Kino-Einheitskost) – wer soll sich das alles anschauen?, frag ich mich gelegentlich.

    Gefällt mir

      1. Gucken oder Nichtgucken, das ist hier die Frage. 😀
        Hm, bei dieser Serie entscheide ich mich erstmal fürs Nichtgucken. Hab mir grad die gesamte Akte X bestellt und werde damit erstmal beschäftigt sein …

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s