Warum sich die Mühe machen, eine bereits beendete Serie anzuschauen? Weil sie gut ist.

Warum sich die Mühe machen, eine abgesetzte Serie anzuschauen? Weil sie gut ist.

Warum sich die Mühe machen, eine nach einer Staffel abgesetzte Serie anzuschauen? Weil sie gut ist und das TV-Pensum übersichtlich bleibt.

 

Warum eine Science Fiction Serie besprechen? Weil das Zeilenende heute Abend ins Fedcon-Basislager aufbricht. Und dementsprechend zwar Beiträge geplant hat, bis Montag aber nur eingeschränkt aktiv sein wird. Was ich nicht direkt kommentiere, hole ich aber nach.

terranova
Quelle

Inhalt lt. amazon.de

Im Jahre 2149 steht die Menschheit kurz vor ihrem Untergang. Einige Auserwählte fliehen 85 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit um dort eine neue Zivilisation aufzubauen.
Zu ihnen gehört auch die fünfköpfige Familie Shannon, die sich einen Neustart in eine bessere Zukunft erhofft. Doch auch sie müssen bald feststellen, dass ihr neues Zuhause nicht so paradiesisch ist wie es zuerst scheint. Abgesehen von gigantischen, fleischfressenden Dinosauriern werden sie auch von einer mysteriösen Verschwörung bedroht, die das gesamte Experiment gefährdet…

 

Braga, Spielberg, Cassar

Fangen wir mit ein wenig Behind the Scenes an: Terra Nova wurde abgesetzt, weil die Zuschauerzahlen hinter den Erwartungen zurückblieben. Das Problem einer guten Science-Fiction-Serie ist, dass sie es in den meisten Fällen ohne spezielle Sets und Special Effects nicht leicht hat, optisch zu überzeugen. Wenn dann auch noch die starke Marke im Rücken fehlt wird es schwierig. Manchmal selbst wenn es die starke Marke gibt, ich erinnere an Enterprise.

Apropos Enterprise, damit sind wir nämlich auch beim Thema. Terra Novas Showrunner war Brannon Braga, der für viele Star-Trek-Episoden die Drehbücher schrieb und bei besagtem Enterprise Erfinder und Executive Producer war, gemeinsam mit Rick Berman. Nun gehe ich mit Braga und Berman zwar regelmäßig hart ins Gericht, für den Unfug, den sie in Voyager und Enterprise an manchen Stellen getrieben haben, aber ich tue das von einer sehr hohen Anspruchswarte aus. Ignorieren wir, dass es um Star Trek geht, haben die beiden einen guten Job gemacht.

Terra Nova merkt man an, dass ein Star-Trek-Macher daran gearbeitet hat. Und man merkt, dass Steven Spielberg ebenfalls Executive Producer war. Es ist ein wenig „Star Trek trifft Jurassic Park“. Jon Cassar erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, der war zuvor Producer für 24. Aber da ich das nie gesehen habe, ist das wirklich nur eine Notiz.

 

Star Trek

Die Erde im Jahr 2147ff sieht aus wie bei Blade Runner geklaut. Terra Nova hingegen liegt auf der Erde der Vergangenheit. In einem Paralleluniversum. Sonst gäbe es Probleme wegen des Großvater-Paradoxons. So gesehen handelt es sich bei dem Gang durchs Portal bloß um die Kolonisation einer fremden Welt, die der Erde verblüffend ähnlich ist. Leider ist der Transfer von Menschen nur zu gewissen Zeitpunkten möglich. Oder zum Glück, denn so kann in Terra Nova eine neue Gesellschaft entstehen, die aus den Fehlern der Vergangenheit lernt.

Die Star-Trek-Elemente sind deutlich, denke ich: Es geht um friedliches Zusammenleben, Forschung, Bewahrung der Schöpfung, zugleich das raue Leben an der Grenze und damit die Wiederbelebung des Frontier-Mythos. Das ist sehr von der Original-Serie inspiriert. Bei Terra Nova geht es zwar militärisch zu und das Sagen hat auch der Militärkommandant, aber auch dieses Motiv findet man in Star Trek verstärkt, vor Allem ab Deep Space Nine. Terra Nova steht bis in die Optik in dieser Tradition: Die Kolonie ist hell, dort gibt es Licht, Wolken und die Regeln des Zusammenlebens sind sehr viel liberaler als auf der Erde. Der Grundton der Serie ist optimistisch, meist berührend optimistisch, manchmal an der Schmerzgrenze. Aber es hat seinen Reiz.

 

Spielberg

Der Spielberg-Einfluss auf die Serie ist subtiler. Okay, es gibt Dinosaurier, aber das ist noch nicht alles. Die Serie durchziehen Loyalitätskonflikte und Eltern-Kind-Konflikte. Sie sind mal akut, aber latent immer vorhanden. Und genau genommen sind es immer Identitätskonflikte und damit genau Spielbergs Thema. Auch Andersartigkeit spielt immer wieder eine Rolle in der Serie, es gibt ein paar Szenen, die dazu einladen, das Freund-Feind-Bild Mensch-Dinosaurier zu durchbrechen. Zu guter Letzt wäre da noch der Umgang mit der Wissenschaft. Bei Star Trek sind die Wissenschaftler Forscher, bei Spielberg meinem Gefühl nach oft Abenteurer. In Terra Nova sind sie beides. Insgesamt erzeugt die Serie damit einen sehr reizvollen Mix.

 

Vermischte Notizen

-Eine Folge ist eine Verbeugung vor Hitchcocks „Die Vögel“.

-Auch „Terra Nova“ kann sich dem Erzählklischee nicht ganz schließen: Die Menschen leben schon ewig an einem potentiell bedrohlichen Ort, aber die existentielle Bedrohung gibt es erst in Folge 2 oder 3, nachdem irgendwelche Neulinge hinzugestoßen sind.

-Eine Serie ohne große Verschwörung, die vielleicht gar keine ist, sondern der Paranoia eines Befehlshabers entspring, kann nicht funktionieren. Und nicht ohne Kritik an raffgierigen grauen Eminenzen.

-Ein junger Soldat in einer Science-Fiction-Welt, der ein Mädchen ganz altmodisch hofiert, hat seinen ganz besonderen Reiz: „I want to declare my intentions on your daughter.“ Echt? 2149? In einer Urzeitwelt? Absoluter Brüller!

-Die schurkischen Schurken sind schon biestige Bastarde, aber auch sie haben ihre starken Momente, in denen man sie sympathisch findet. Terra Nova ist keine Schwarz-Weiß-Serie, auch wenn sie stark auf Identifikation mit den Helden setzt. Sie ist also durchaus zeitgemäß. Nur der Ober-Schurke, der ist völlig irre. Das hat seinen Vorteil, man kann die Protagonisten dadurch mögen.

-Man merkt, dass man alt wird, wenn man keinen Crush mehr für den jung-erwachsenen Sohn der Familie entwickelt, sondern für Daddy. Ermöglicht auch komplexere Gefühle: Man kann sich ebenso auf oberkörperfreie Szenen freuen wie seinen Umgang mit den Kindern (Ein Lied, um Spinnen zu verscheuchen, wie süß!).

-Es gibt eine „Nurse Ogawa“!

 

Militarismus und das Ende

Das Problem der meisten amerikanischen Science-Fiction-Serien ist, dass sie das Militär in den Fokus stellen ohne dessen Rolle zu reflektieren. Das mag auf kulturellen Unterschieden beruhen, vor Allem wenn der Zuschauer in Deutschland und eher links sozialisiert ist. Das Militär als allgegenwärtiger Bestimmer in der Kolonie, Gesetzgeber, Regierung, Polizei, Justiz und Grenztruppe in einer Person zu sein bereitet einem solchen Zuschauer grundsätzlich Bauchschmerzen. An manchen Stellen deutet sich allerdings Konfliktpotential für die Zukunft an. Ich zumindest muss mir diese unterschiedliche Betrachtungsweise immer erst einmal in Erinnerung rufen, bevor ich eine solche Serie richtig genießen kann.

Es ist schade, dass wir nicht erleben werden, ob die Konflikte aufbrechen und wie sie gelöst werden. Den Machern von Terra Nova ist es allerdings gelungen, die Serie auch nach einer Staffel mit einem befriedigenden Ende zu versehen. Wir lernen einiges über die Antagonisten unserer Siedler-Freunde und es gibt einen Abschluss der Geschichte. Es bleiben natürlich ein paar offene Fragen, aber die hat man bei jedem Ende einer Serie, egal ob nach einer Staffel oder … Wenn die Simpsons jemals enden, gäbe es auch dort offene Fragen.

So bleibt mir als Fazit des Gesehenen: Terra Nova ist schön anzusehende Science Fiction in Star-Trek-Tradition und prähistorischer Optik, mit unterhaltsamen Charakteren, der ein oder anderen Entwicklungen, dem ein oder anderen Story-Dreh, der Lust auf mehr gemacht hätte. Aber auch die eine Staffel ist gelungen genug, um sie sich anzuschauen.

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20 Kommentare zu „Besprechung: Terra Nova

      1. Alterspanik, dass es Menschen in meiner Alterskohorte gibt, die selber schon Daddy sind … Bei so einem Daddy hingegen würde ich auch Daddy Issues in Kauf nehmen (sry, Herr Zeilenende Sr., hab dich trotzdem lieb. Danke fürs Krawattebinden 🙂 )

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  1. Keinen „Crush“? Bei allem Verständnis für angebrachte Anglizismen, aber: Keinen „Crush“? Man merkt, dass man alt wird, unter anderem auch daran, dass man sich die Bedeutung geheimnisvoller Anglizismen aus dem Zusammenhang erschließen muss… 😉

    Fast so schlimm wie Leute, die ein Buch dringend „re-readen“ müssen, anstatt es einfach „nochmal zu lesen“. 😉

    Viel Vergnügen auf der FedCon!

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      1. Ach sooo, wie in „to have a crush on sb“!? Ja, DAS hab ich verstanden, sag das doch!? 😉 Dafür gibt´s dann auch eine Reihe deutscher Begriffe, ob einer davon genau dem entspricht, was Du ausdrücken wolltest, weiß natürlich nicht. 😉

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      2. „Oh was bist du für ein Goldstück“ + „Warum bist du noch angezogen“? 😉
        Dieses „to have a crush on sb.“ finde ich schwierig zu übersetzen … schwärmen wäre zu wenig gesagt, hingerissen wäre übertrieben, für „verknallen“ bin ich zu alt und „auf jemanden stehen“ ist so antiquiert, dass das noch nichtmal ich sage. Also bleibe ich beim Terminus technicus kreischender Backfische (um „Girlies“ zu vermeiden)

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    1. GsD, ich bin nicht allein. Ich möchte auch betonen, dass Spielbergs Handschrift in der Serie vorhanden ist, aber längst nicht so kitschig wie in den großen Kinofilmen, wo er die ganze Story mit einem dicken Guss aus Puderzucker garniert. Bei mir haben vor allem die Trekkie-Knöpfe gewirkt, aber in der Kombination passt es eigentlich wunderbar. Muss ja nicht jede Serie so sein, dass sie einem die Schuhe auszieht.

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      1. Völlig richtig. Man merkt inzwischen auch einfach den qualitativen Unterschied zwischen Network- und PayTV-Serien bzw. den Streaming-Anbietern. Da können Network-Serien oft einfach nicht mehr mithalten, wenngleich es ja auch immer mal, wie du richtig schreibst, nur nette Unterhaltung sein darf.

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