Der heutige Abschnitt der Proust-Fragebogens erfordert eigentlich ein ganzes philosophisches Seminar, verpackt in einen Blogbeitrag. Eigentlich müsste ich Seamus dazu befragen, aber der hat gähnend abgelehnt. Tugend interessiert ihn nicht, Terror findet er spannender.

Das schöne Wort „Tugend“ kommt von „taugen“. Es meint dementsprechend „Tüchtigkeit, Tauglichkeit“. Das gilt auch für das Altgriechische (arete meint die zweckgebundene „Gutheit“) und das Lateinische (virtus kommt von vir und ist letztlich „Mannhaftigkeit“, eine spezifische Tugend, oder die Tauglichkeit zu den „wichtigen“ Dingen: Krieg und Politik). Das erwähne ich, weil „Tugendphilosophie“ letztlich ein Teilbereich der antiken Philosophie ist. Tugenden im ethischen Sinne dienen dem guten Leben, der Glückseligkeit. Und damit stellt sich die Frage: 1. Was die Glückseligkeit ist und 2. wie Tugenden dabei helfen, sie zu erreichen.

Alle Äußerungen Platons zur Tugend sind letztlich die Frage, was die Tugend sei. Und seine Antwort ist vor Allem ein negative: Er führt vor, was die Tugend nicht sei. Aristoteles ist da pragmatischer und listet Eigenschaften auf, die im rechten Maße dosiert das gute Leben befördern. Das kann er aber auch nur, weil Aristoteles im Unterschied zu Platon ein höchstes Gut annimmt, das auch praktische Bedeutung hat.

In der neuzeitlichen Debatte stellt sich die Frage nach dem glückseligen Leben zunehmend weniger, dominant wird die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit eines Zusammenlebens. Wenn man so will, kann man eine Entwicklung aufzeigen: In der Antike war persönliche Glückseligkeit der Leitwert der Ethik, in der Neuzeit wird es allgemeine Gerechtigkeit. Die Tugenden spielen keine große Rolle mehr, auch wenn sich in den letzten … sagen wir 30 … Jahren ein Trend beobachten lässt, wieder verstärkt auf Tugenden zu setzen.

tugend
Die Kardinaltugenden, wie Raffael sie sich dachte. (Quelle)

Klugheit oder Weisheit ist eine sehr schöne Tugend, denn davon kann man nie genug haben. Im Unterschied zur Tapferkeit. Zu viel Tapferkeit ist Tollkühnheit, zu wenig ist Feigheit. Und das Maß der Tapferkeit ist für jeden Menschen unterschiedlich. Während es für einen körperlich schwachen Menschen legitim ist, vor einem messerfuchtelnden Irren zu fliehen, ist es für einen trainierten Menschen, der Entwaffungs- und Selbstverteidigungstechniken beherrscht, deutlich weniger legitim, die Flucht zu ergreifen.

Dabei bleibt die Frage nach wie vor offen, wofür die Tugend taugen soll. Ist eine Eigenschaft, zu schlechten Zwecken eingesetzt, auch eine Tugend? Ist es Tugend, wenn ein Auftragsmörder seine Aufträge gewissenhaft, gründlich, mit kaltem Blut erledigt? Ist sein Zaudern ein Laster? Das betrifft alle Tugenden, auch die Weisheit. Auch der weiseste Mensch kann sich in seiner Weisheit verlaufen und sein Irrtum kann fatale Folgen zeitigen. Ein schlechter Rat durch die richtige Person ist manchmal besonders übel.

Unter Tugenden verstehe ich keine Sammlung an Eigenschaften, sondern ein System, das ich selbst eine Tugend nennen möchte: Tugend ist die Summe aller Eigenschaften, die es uns ermöglicht, ein gutes Leben zu führen. Zu erkennen, was das Gute für einen selbst ist, über die Mittel dazu zu verfügen und zugleich darüber reflektieren zu können. Ergänzt werden muss solch eine Tugend um den Blick auf die Anderen: Dass wir dergestalt gut leben, dass wir das Glück der anderen befördern.

Wir haben keinen moralischen Anspruch auf persönliches Glück, wenn andere dadurch leiden. Wir haben die moralische Pflicht, die Glückseligkeit anderer Menschen zu befördern. Beides gilt wechselseitig für jeden Menschen. In einer idealen Welt kommt damit niemand zu kurz. Ganz ideal ist unsere Welt natürlich nicht. Tugend ist deshalb am Ehesten: Die Glückseligkeit anderer zu befördern und das eigene Leben dennoch zu genießen.

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24 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Ihre Lieblingstugend?

  1. Ich bin beeindruckt und geplättet. Um das qualifiziert (oder auch nicht) zu kommentieren, müsste ich meine Gehirnwindungen zu sehr anstrengen 😉 Deshalb ziehe ich einfach nur meinen Hut vor deiner Begeisterung, dich mit diesen Themen auseinandersetzen.

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    1. Gelernt ist gelernt. Die Gedanken sind eh im Kopf und wollen deshalb raus. Und wenn sie irgendeinen Anstoß geben, sind sie umso besser. Aber zu sehr anzustrengen lohnt sich ohnehin nicht. Über die Sache mit den Tugenden macht sich die Welt schon so lange Gedanken, dass das das ein scheinbar unlösbares Problem ist. 🙂

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  2. Wie oftmals im Leben heißt es den Standpunkt zu wechseln und schon ergibt sich eine andere, ganzheitliche Sichtweise. Sehr schön formuliert das eben alles von mehreren Seiten beleuchtet werden kann / sollte.

    Ein bisschen bin ich am letzten Satz hängen geblieben „Die Glückseligkeit anderer zu befördern und das eigene Leben dennoch zu genießen.“ Genauer gesagt bin ich über das „dennoch“ gestolpert….erinnert es mich doch eher an die veraltete, christliche Lehre erst an andere zu denken, dann an sich selbst….

    Zeitgemäß ist doch eher das der Mensch selbst er(ge)füllt sein muss indem er achtsam und pfleglich mit sich umgeht. Erst dann kann er anderen geben und Gutes tun. Was nicht heisst das es in Egoismus ausarten soll 😉

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    1. Das dennoch soll zu beiden Positionen abgrenzen. Mit der christlichen Ethik gehe ich so weit d’accord, dass Hilfsbereitschaft ein wichtiger Wert ist und wir keinen Anspruch auf eigenes Glück haben, solange es anderen schlechter geht als uns. Das richte ich gegen einen ethischen Egoismus a la: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.“
      Zugleich gehe ich aber auch nicht so weit, die Selbstaufopferung des Christentums für einen Wert zu halten (auch wenn ich es nicht veraltet nennen würde, es setzt ein Zeichen, gibt aber kein Beispiel): Wem es schlecht geht, kann (meistens) nichts gutes mehr tun, man muss auch an die eigene Substanz denken. Glück nein, aber Zufriedenheit für den Einzelnen sollte bei aller Hilfsbereitschaft auch drin sein. Weil es ohne die Zufriedenheit selten wirkungsvolle Hilfsbereitschaft gibt.
      Ich sehe die beiden Pole eigentlich in wechselseitiger Beziehung, nicht in einem Kausalzusammenhang, erst für eigenes Glück sorgen, dann für das der Anderen. Dann fängt man unter Umständen nämlich niemals an, gutes für andere tun. Es geht drum, beides zugleich zu leisten. Gutes für sich und für andere zu tun. Und zu erkennen, dass gutes für andere auch eine Gelegenheit ist, das eigene Leben zu genießen … Und dass der Genuss des eigenen Lebens auch bedeuten kann, die Glückseligkeit anderer Leute damit zu befördern.
      Für sich selbst zu sorgen muss man allerdings nicht unbedingt ethisch fordern. Das liegt den meisten von uns doch eh im Blut. Das andere hingegen nicht.

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      1. Das es nicht als statisch zu verstehen ist ( Moment mal, jetzt sorge ich erstmal für mich….jetzt dürfte es gut sein….ach nee…..noch zwei Wochen bitte….so jetzt dürfte es dann aber gehen….nnnnnnnnncccchhhh…..drei Tage noch aber dann….soooo jetzdad….braucht grad jemand Hilfe….anyone….. ) ist eigentlich klar….es sollte eine gewisse Dynamik besitzen, die ruhig auch beides – das eigene als auch das Wohl der anderen – beinhalten darf 😉

        Und das es eine Rückwirkung hat und somit wiederum eigenes Wohlgefühl erzeugt ist auch richtig.

        Dazu fallen mir zwei Sinnsprüche ein:

        „Bist Du depressiv geh raus und hilf anderen“

        und:

        „Bist Du traurig….sei fröhlich….und sei es als Beispiel für andere“

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      2. Ich hab noch einen für dich: Wer hat, dem wird gegeben. Ich empfinde den als positiv: Wer etwas hat (und nicht nur besitzt, wer etwas hat, nutzt es auch), der erhält anderes zurück. 🙂
        Ich werd irgendwann noch zum guten Christen. ^^

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      3. Ja, dazu wiederum fällt mir meine Logik ein zum Helfen: man sollte nicht unbedingt etwas zurück erwarten von speziell der Person, der man geholfen hat…..es erzeugt womöglich Zickigkeit, indem man darauf wartet das eben gerade DIE Person etwas für einen tut….“Jetzt hab ich der damals geholfen….und….was kommt zurück….NICHTS….mit der will ich nix mehr zu tun haben“…allein diese Wut hat Rückwirkung, derweil die andere Person einfach nur friedlich ihr Leben lebt und wirklich nicht helfen kann….denn oftmals bekommt man etwas zurück von ganz anderen Menschen….unterm Strich gleicht es sich immer aus 😉

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  3. Sehr schöner Beitrag über ein dauerwichtiges Thema. Es beeindruckt mich, wie du in relativ wenigen Zeilen so viele thematische Enden zu verknüpfen vermagst. 🙂

    Dauerwichtig finde ich das Thema deshalb, weil es ja mit persönlichen und gesellschaftlichen Einstellungen zu tun hat, die unser Leben prägen (unabhängig davon, ob wir nun im engeren Sinne von Tugend sprechen oder nicht). Ich finde, wenn es um Tugend geht, dürf(t)en wir gerne radikal sein. Und zwar in dem Sinne, dass unser oberstes Kriterium für Tugend ist, ob sie denn unter den jeweils gegebenen Umständen tauglich sei (auch wenn man sich darüber im Detail streiten kann und muss). Den von dir erwähnten Auftragsmörder halte ich für ein gutes Beispiel. Vor allem auch, weil er ja mit dem Soldaten verwandt ist. Der Soldat leistet ja WEHRdienst. Und sich zu wehren ist doch bestimmt tugendhaft?

    Den von dir angesprochenen ethischen Egoismus halte ich ebenfalls für sehr bedenklich – eben weil er nur in der Theorie funktioniert und nicht alltags-tauglich ist. Es wird ja auch beispielsweise oft gefordert, dass der Staat die Freiheit des Einzelnen wenig bis gar nicht beschränken sollte. Aber in der Praxis artet dass dann meist in eine Art Faustrechtsfreiheit aus, bei der wenige sehr viele und viele sehr wenige Freiheiten genießen.

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    1. Ach … Eigentlich halte ich Tugenden für gar nicht so wichtig. Das soll nur anregen. Das Eigentliche der Tugendethik ist für mich, dass sie der Moralphilosopie nachgeordnet ist. Aber das dürfte niemanden überraschen.
      Tugend gibt es viel in der Welt. An einem menschenwürdigen und gerechten Leben hapert es trotzdem. Da kann es noch so tugendhaft zugehen, wenn die Maxime des Willens nicht stimmt, wird das nichts. Deshalb sehe ich den Mörder auch differenziert: Tugendethisch ist er ganz nah dran am Soldaten. Aber ihre Maximen sind gegensätzlich.

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      1. Bei den Soldaten würde ich ja sagen, dass es eben eine ganz große Bandbreite gibt. Und irgendwo besteht eine Grauzone, in der Soldat und Mörder kaum voneinander zu unterscheiden sind.

        Manche halten ja auch die Moral für gar nicht so wichtig. Wie schon Wilhelm Busch in seinem Gedicht ‚Kopf und Herz‘ feststellte:
        Wie es scheint, ist die Moral
        Nicht so bald beleidigt,
        Während Schlauheit allemal
        Wütend sich verteidigt.
        Nenn den Schlingel liederlich,
        Leicht wird er’s verdauen;
        Nenn ihn dumm, so wird er dich,
        Wenn er kann, verhauen.

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      2. Was womöglich daran liegen könnte, dass ein moralisch gefestigter Clemens milde ist … Was wieder für einen Zusammenhang von Moralität und Tugendhaftigkeit spräche. Gut, dass der Clemens Schlingel heißt und der Zusammenhang nicht besteht. 🙂

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      3. Vielleicht könnte man den Zusammenhang ja mit Gewalt herbeiführen, in dem man alle zusammen hängt: Mörder, Soldaten, Schlingel und die ganze Bagasch… 😉
        [Und die Moral von der Geschichte: Gnadenlos konsequent sein ist meine größte Tugend.]

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  4. Ein wirklich interessanter Beitrag mit einer Frage, die sich denke ich nicht ganz so viele wirklich stellen. Meiner Erfahrung nach wird mit Tugenden tatsächlich eher verschiedene Eigenschaften gemeint, wobei die allgemeine Gesellschaft dann entscheidet welche davon positiv und welche eher negativ angesehen werden. Die Tugend nun als Summer mehrerer Eigenschaft zu sehen, welche es uns ermöglichen ein gutes Leben zu führen, habe ich bisher noch nicht gehört. Diesen Gedanken finde ich allerdings wirklich interessant. Ich denke eines der schwierigsten Themen hast du in deinem letzten Absatz angesprochen, glücklich zu leben ohne das dabei das Glück anderer darunter leidet. Ich denke gerne, dass zumindest der Großteil der Menschen tatsächlich nicht anderen das Glück zerstören will, zumindest nicht wissentlich. Aber in vielen Fällen ist es eher der Fall, dass man sich kaum oder gar nicht in andere hineinversetzten kann und dadurch gar nicht sieht ob man andere leiden lässt. Und ein Knackpunkt ist auch die Frage ob man sein eigenes Glück hinter das von anderen stellen muss. Nicht das ich falsch verstanden werde, ich denke das so gut wie jeder sein Glück nicht genießen kann wenn man weiß das es andere verletzt. Aber genau da liegt der Punkt, wann bemerke ich wirklich wann andere unter meinem Glück leiden?
    Liebe Grüße Luna

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    1. Danke für deine Gedanken. Ob die Tugend teilbar ist, darüber hat man sich auch schon vor über 2000 Jahren gestritten. So wie ich Platon verstehe, geht er davon aus, dass es in der Tat nur eine gibt und das, was wir im Alltag unter Tugenden verstehen, sind nur Aspekte DER Tugend. Und die Aspekte müssen zusammenspielen. Das ist aber auch ein schwieriges Feld. Fast so schwierig wie das zweite Problem. Das mit der teilbaren Tugend ist letztlich intellektuelle Spielerei. Wie man glücklich sein kann im Unglück anderer, ist eine Frage, die mich wirklich umtreibt und auf die ich auch keine sinnvolle Antwort weiß. Das scheint etwas zu sein, das man aushalten muss.

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      1. Wie gesagt, ich kann mir wirklich nicht vorstellen wie jemand mit dem Wissen glücklich sein kann, dass ein anderer darunter leidet. Aber ich denke auch, dass sich sehr viele gerade aus diesem Grund keine genauen Gedanken darüber machen wollen. Weil es zum Schaden ihres Glückes geht.

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