Es ist gar nicht so einfach, eine passende Überschrift zu finden. Sie fällt die Entscheidung über Lesen und Nicht-Lesen. Die Überschrift ist das Totengericht des Textes. Leser*innen sehen sie, greifen danach und wägen ab. Der Text ordnet sich ihr unter. Sie ist eine grausame Despotin.

Die Überschrift ist wirklich ein Problem. Wenn man die Leserschaft einmal so weit hat, dass sie einen Text zu lesen beginnt, kann man sie mit verbalen Gewaltmitteln dazu zwingen, den Text bis zum Ende zu lesen und womöglich sogar darauf zu reagieren. Beliebte Instrumente sind solch grauenvollen Dinge wie die Bauchfolter. Man erzähle eine Geschichte, die zum Lachen bringt. Immer wieder. Zur Hälfte des Textes stellen sich Bauchschmerzen ein. Und unter der Folter, dem Schmerz, werden sie alle gefügig. Sie tun alles, was die Folterknechte und -mägde von ihnen verlangen, nur damit die Qual irgendwann aufhört. Sie lesen notfalls auch den Text komplett. Es ist naheliegend, dass das von den Leser*innen verlangt wird. Humor ist die Elektroschock-Folter der schreibenden Zunft.

Ähnlich verhält es sich mit traurigen Texten, sie sind noch ein wenig perfider. Man bringt die Leser*innen zum Weinen, so heftig, dass sie zugleich in ihren Tränen zu ertrinken drohen und völlig dehydrieren. Auch hier greift der Mechanismus, man erfüllt den Folterknechten und -mägden jeden Wunsch, damit man weder verdurstet noch ertrinkt. Traurige Texte sind eine Kombinationen aus Waterboarding und Verdurstungs-Simulation.

Es ist aus Perspektive der Leserschaft erstaunlich, dass Tastaturen und Stifte noch nicht international geächtet sind. Autor*innen sind die Schurkenstaaten des menschlichen Lebens. Im Unterschied zu Nordkorea besitzen sie aber keine Atombomben, mit denen sie drohen können. Sie besitzen nur Überschriften, die verführen. Es scheint ein genuines Desinteresse der Weltgemeinschaft an diesem Menschschlag zu geben. Man lässt sie gewähren, ihr grausames Werk verrichten.

Vielleicht liegt es daran, was die Überschrift dem schreibenden Menschen antut. Um die Macht des Textes nutzen zu können, muss man sich dem Diktat der Überschrift unterwerfen. Die Sprache zeigt es an, zwischen Überschrift und Text besteht eine Beziehung, die selbst hartgesottene Leser*innen von 50 Shades of Grey erröten ließe. Die Überschrift ist die Dom, der Text der Sub. Und wer den Text schreibt, wird zum Text, unterwirft sich der harten Hand der Überschrift.

Die Überschrift erstickt alles, sie fordert vom Text, ihn genau wiederzugeben, ihr zu dienen und ihre Reize zu preisen. Jede Abweichung von ihr wird durch ihre Helfer, die Kritik, gegeißelt. Der Text passe nicht zur Überschrift, Passagen des Textes haben nichts mit dem Thema zu tun, Käse-Nachos … Au! Seht ihr? Die Überschrift lässt sofort die Knute sprechen, wenn man versucht, ihr Programm nicht so umzusetzen, wie sie es will.

Am Anfang steht die Überschrift und fokussiert die Gedanken. Sie legt fest, was im Folgenden passieren wird. Seitenwege müssen auf Notizzettel ausweichen, bis sie ihre eigene Überschrift bekommen. Im Text haben sie nichts verloren. Sie stören das Unterwerfungsprojekt. Bis zur Schlusspointe wird das gemacht, was die Überschrift sich wünscht. Mit ihr zu spielen ist nur begrenzt erlaubt. Wenn sie eine alternative Deutung zulässt, ist ein Exkurs möglich. Aber der Exkurs ist auch nur das Zuckerbrot der Dom, die Streicheleinheit, die jederzeit beendet werden kann, wenn es ihr gefällt. Mit einem Tritt in die Rippen kann man zu jedem Zeitpunkt wieder zum Thema getrieben werden.

Es wäre eine Illusion zu glauben, man könne sich von der Überschrift befreien, wenn man erst den Text verfasst und dann die passende Überschrift sucht. Sich erst zu unterwerfen, bevor man sich die Frage stellt, wem man sich unterwirft, funktioniert nicht. Ist da ein Fragment an Gedanken und findet man eine Überschrift, die dem Auge schmeichelt und neugierig macht, sie über den Text setzt, formuliert sie sofort ihren Allmachtsanspruch und prügelt sofort auf alle Stellen des Textes ein, die ihr nicht genehm sind. Sie werden so lange geprügelt, bis sie gefällig sind und sich dem Gedanken der Überschrift fügen oder sie werden ausgesperrt, dürfen nur voyeuristisch partizipieren, in einem neuen Textdokument, wo sie auf ihre eigene grausame Herrin warten.

Macht man sich den Zusammenhang klar, wird deutlich, dass die Grausamkeiten eines Textes, die Lach- wie die Weinfolter, gar nicht die Schuld des Textes sind. Die Überschrift verlangt die Folter, sie instrumentalisiert den Autor. Die Dom erkennt, dass sie nicht nur ihren Sub leiden lassen kann, sondern auch die Leserschaft. Ihr Bedürfnis ist es, zu quälen. Sie quält den Sub direkt und bindet ihn zugleich in ihr Projekt der Unterwerfung der Welt ein. Texte sind in ihren Augen nur Mittel zum Zweck. Alles menschliche Trachten soll sich nur an der Überschrift orientieren.

Damit wäre auch erklärt, wieso Politik uns so inhaltlos vorkommt. Sie wird diktiert von den Überschriften in den Zeitungen. Politik für die Überschri … Au! Au! Aua! Natürlich ist die Überschrift unpolitisch. Und großartig. Und solch einen Zusammenhang hat in einem unpolitischen Text zu Überschriften nichts verloren. Er muss darauf warten, dass ein Text mit „Politik für Überschriften“ entsteht. Da er die Überschrift aber diskreditiert, wird er nie verfasst werden.

Man muss die Überschrift schon austricksen. Ihr versprechen, dass man sie schön bebildert und dies auch in der Überschrift ergänzen. Die Überschrift ist eitel, das ist ihr Verhängnis. Sie dachte, der berühmte Künstler „Brot“ würde diesen Artikel illustrieren. Doch es ist Brot, das ihn illustriert.

Es gibt bestimmt Zusammenhänge zwischen Überschriften und Broten. Wenn ich ein Weißbrot backe, das am Ende nicht weiß, sondern schwarz ist, stürzt sich die Kritik auf mich, als ob ich einen Artikel „Lustige Wege, Brot zu backen“ geschrieben hätte, darin aber von traurige Vorgänge einer Geburtstagsvorbereitung berichtete. Obwohl sie gar nicht so traurig waren. Okay, mir ist eine Buttercreme geronnen, aber das war auch der einzige Tiefschlag in bislang zwei Tagen Arbeit in der Küche. Mal sehen, wie es heute läuft.

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Durch die Bildunterschrift kann ich aber dennoch Brot zeigen: Ein Dinkel-Roggen-Brot links, ein helles Weizenmischbrot mit Mohn rechts. Wenn es Mohnbrötchen gibt, warum nicht auch Mohnbrote?

 

 

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18 Kommentare zu „50 Shades of Überschrift – mit Brotillustration

  1. Wenn du nur schreiben kannst was der Überschrift gefällt, muss sie sich ja was dabei gedacht haben, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Will sie Angst verbreiten? Dass sich ja niemand der Überschrift widersetzen möge?
    Aber ich lass mich doch so ungerne fremdsteuern ;D

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    1. Die geheime Agenda der Überschrift ist, so vermute ich, Weltherrschaft. Das ist letztendlich jedermanns Ziel, also kann man es ihr naheliegenderweise auch unterstellen. Das ist dann auch keine Frage der Fremdsteuerung mehr, sondern von brutaler Gewalt. *gg*

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  2. Du wirst aber auch von allen gequält. Seamus, Überschriften… Nicht, dass dich das Brot irgendwann attackiert! Was für Mohn hast du für das Brot genommen? Normalen Backmohn? Hab noch nie was damit gemacht, wollte aber auch mal Mohnkuchen ausprobieren.

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    1. Alle wollen mich schlagen. Find ich super. ^^
      Ich habe gemahlenen Mohn genommen und ihn mit heißem Wasser überbrüht. Ansonsten entwickelt er nur recht wenig Aroma. Für Mohnkuchen empfehle ich deshalb, Mohn oder gemahlenen Mohn, irgendwie zu behandeln. Entweder vorsichtig ein wenig anrösten oder mit Milch, Butter und Zucker aufkochen, anschließend ein Ei einrühren. Ich mache das immer aus dem Ärmel, habe also gerade keine Mengen zur Hand, grob würde ich als Orientierungsverhältnis angeben:

      2 Teile Mohn
      1 Teil Milch
      1 Teil Butter

      Milch mit Butter aufkochen, vom Feuer nehmen, Mohn einrühren, etwas abkühlen lassen, dann ein bis zwei Eigelb einrühren für die Bindung. Sollte eine streich- bis schnittfeste Masse geben, ähnlich dem im Handel erhältlichen Mohnback. Kann man anschließend noch Eischnee unterheben, damit es luftig-locker wird. Was auch super ist: Eingeweichte Rosinen mit in die Mohnfüllung.

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  3. „Autor*innen sind die Schurkenstaaten des menschlichen Lebens.“ Sehr schön. Ich bestätige, dass Autor/innen ganz spitzfindige Diktatoren sind, die zum Glück aber oftmals friedlich regieren. Und wie Satire darf eine Überschrift leider alles. Doch reflektiere an dieser Stelle einmal: Hast du die Betitelung ausgetrickst, oder erlag Zeilenende seiner Überschrift?

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  4. Du hast ja sowas von recht. Überrecht. 🙂
    Allerdings gibt es – passend zum 1. Mai – einen Trick. Die Überschriften sind nämlich in ihrem grenzenlosen Dominanzbewusstsein nicht gewerkschaftlich organisiert. In meinen Blog-Anfangszeiten habe ich deshalb querulierende Überschriften öfters kurzerhand rausgeschmissen. Inzwischen haben wir einen Burgfrieden geschlossen. Die Überschriften erhalten eine Jobgarantie und enthalten sich dafür jeglichen Hineinregierens in die Textgestaltung. Manche Überschriften versuchen zwar, sich zu rächen, indem sie extrem langweilig dreinschauen. Natürlich in der Hoffnung, dass dann niemand den Text liest. Followern-sei-Dank funktioniert das aber nicht. 🙂
    [Und du kannst ja deine Leser*innen bei einer langweilig dreinschauenden Überschrift jederzeit locker mit Lockbrot verführen.]

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  5. Das Brotbild sah dieses Mal im Miniformat so interessant aus, so, als würde dort eine menschliche Mumie liegen und da ich Krimis liebe, hätte ich jetzt hier so oder so zumindest geschaut, egal, wie die Überschrift gelautet hätte. Und da ich nun wissen musste, was die Mumie mit dem Brot und der Überschrift zu tun hat, musste ich auch alles lesen – bis zum bitteren Brot… äh … Mumienende 😉

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