Der Begriff der Wahrheit wird manchmal unreflektiert benutzt. Etwas ist wahr oder falsch. Wenn wir die Wahrheit sprechen, beschreiben wir vermeintlich nur Tatsachen. Doch machen wir es uns damit nicht zu leicht?

Zunächst kann man es sich sehr einfach machen: Wenn wir Wahrheit wie in der Logik auffassen, gibt es keine gute Wahrheit, sie hat aber auch keinen ausgezeichneten moralischen Wert. „Wahr“ ist eine Funktion von Sätzen, sie ist keine Eigenschaft von Dingen. Der Satz „Zeilenende schreibt diesen Text.“ ist wahr, weil er der Tatsache entspricht, dass Zeilenende diesen Text schreibt. Die Wahrheit ist kein Teil des Schreibvorgangs, sondern bezieht sich allein sprachlich auf die Aussage.

Wahrheit in diesem Sinne meint: Es gibt eine Welt, diese Welt lässt sich in beobachtenden Sätzen beschreiben und über die Passung dieser Sätze zur Realität lassen sich Aussagen von wahr und falsch treffen:

  • „Der Frosch ist grün“ ist wahr, weil der Frosch vor mir von grüner Farbe ist.
  • „Der Baum ist eine Birke“ ist wahr, weil der Baum alle Merkmale einer Birke aufweist.
  • „Auf der Erde gibt es Tag und Nacht“ ist wahr, weil wir wechselnde Helligkeit beobachten können.

Diese Wahrheit lässt sich nicht in guter Weise sagen, sie lässt sich nur sagen. Und es ist keine Frage von gut und schlecht, die Wahrheit zu sagen. Dafür bräuchte es ein weiteres Kriterium, das „gut“ näher bestimmt. Es ergibt sich nicht aus der Wahrheit der Aussagen selbst.

Der zugrundeliegende Wahrheitsbegriff ist sparsam. Tatsachen selbst können nicht wahr sein. Wie soll die Grünheit des Frosches auch plausiblerweise wahr sein? Die Grünheit des Frosches ist eine Tatsache.

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Zeilenende hat Brot gebacken. Das ist wahr, weil er gestern wirklich gebacken hat und euch heute deshalb das denkwürdige Brotbild der Woche präsentiert. Links ein Roggen-Dinkel-Mischbrot mit Leinsamen und Haferflocken, rechts ein Weizenmischbrot, dem er zusätzlich eine gehörige Portion Kartoffelmehl gegönnt hat. (250g Weizenmehl Typ 1050, 50g Roggenmehl Typ 1150, 100g Kartoffelmehl)

Anders sieht es aus, wenn wir uns in den Bereich des Sozialen begeben. Wir sprechen nicht allein in Tatsachenaussagen, menschliche Kommunikation ist komplexer. Wir begegnen Wünschen, der Artikulation von Befindlichkeiten, der Äußerung von Kritik.

  • Ich will ein Eis.
  • Dir geht es gut.
  • Er ist doof.

Das sind keine simplen Tatsachenaussagen. Sie lassen sich natürlich so analysieren: „Ich will ein Eis“ ist wahr, wenn jemand das Bedürfnis verspürt, ein Eis zu essen. Wenn ich nun aber statt eines Eises eine Waffel esse und mein Wunsch nach Eis verschwindet, sagt der Logiker: „Nun ist diese Aussage falsch.“

Damit verkennt er die Intention des Satzes. Ich treffe nicht nur eine Aussage, ich artikuliere mehr. Der Logiker könnte sich aus der Affäre ziehen und sagen: Dann ist der Satz weder wahr noch falsch, er lässt sich logisch nicht analysieren.

Das ist sehr einfach gedacht, denn ebenso wie Tatsachenbeschreibungen korrespondiert Wünschen eine Tatsache in der Realität, in diesem Fall ist der Wunsch nach Eis real. Dass dieser Wunsch verschwinden kann ohne realisiert zu werden ändert nichts an der Tatsache, dass ich diesen Wunsch habe. Der Satz „Ich will ein Eis.“ ist wahr.

Ich hätte auch sagen können: „Ich möchte ein Eis.“ Das artikuliert die gleiche Tatsache mit einem anderen Wort. Mein Wunsch ist nun anders formuliert. Das ist keine bloße Sprachspielerei, der Satz wirkt nun auch anders: „möchte“ ist höflicher  als „will“. Von „guter Wahrheit“ lässt sich damit nicht sprechen, die zugrundeliegende Tatsache ändert sich dadurch nicht. Die bleibt einfach wahr oder falsch.

In der Situation macht es dennoch einen Unterschied, ob ich ein Eis möchte oder ein Eis will. Wenn ich akzeptiere, dass die Artikulation von Wünschen sinnvolles und wahrheitsfähiges Sprechen ist, wenn ich weiter akzeptiere, dass zwischen „wollen“ und „möchten“ ein Bedeutungsunterschied besteht und ich zuletzt akzeptiere, dass beide Sätze der gleichen Tatsache eines Wunsches nach Eis entsprechen, muss ich erkennen:

  1. Wenn zwei Aussagen nicht identisch sind, muss es einen Unterschied geben.
  2. Wenn es einen Unterschied gibt, ist dieser mittels Zusatzkriterien bewertbar.
  3. Die Basis für die Bewertung der Wahr- oder Falschheit ist identisch. Es ist eine Tatsache.
  4. Das Sprechen über die Tatsache unterscheidet sich in ihrer Bedeutung.
  5. Also: Es gibt einen Unterschied zwischen den beiden Aussagen.
  6. Also: Ich kann diesen Unterschied mittels Zusatzkriterien bewerten.

Insbesondere besteht damit die Möglichkeit, die Wahrheit gut auszusprechen oder schlecht auszusprechen. Das Eisbeispiel ist recht simpel: „Möchten“ ist höflicher als „wollen“. Es hängt von der Stärke des Wunsches nach Eis ab, ob „möchten“ oder „wollen“ besser ist. Da in der hypothetischen Situation auch eine Waffel in Ordnung war, ist „möchten“ die bessere Wahl.

Da kommt plötzlich ein „besser“ mit ins Spiel. Und schon sind neue Zweifel da, denn lässt sich „gut“ graduell erfassen? „Gut für“ funktioniert: Dieses Eis ist gut für dich, dieses Eis ist besser für dich , dieses Eis ist am Besten für dich. Aber damit ist keine Aussage gefällt, ob das Eis gut ist. Genauer: Ob der Wunsch nach dem Eis oder der Verzehr des Eises gut ist.

Dennoch ergibt sich eine Pointe: Wahrheit erschöpft sich nicht in der Beurteilung von Aussagesätzen. Aussagesätze haben den praktischen Vorteil, dass wir annehmen dürfen, sie korrespondieren vollständig mit der Realität und lassen sich deshalb vollständig analysieren. Deshalb ist ihre Wahrheit und Falschheit intuitiv zugänglich. Damit erschöpft sich die Möglichkeit wahrer Aussagen aber nicht. Auch unser sozialer Raum kennt Wahrheit.

Anwendungsfälle sind uns alle bekannt: Wir sagen etwas und jemand reagiert beleidigt. Dabei haben wir doch „nur die Wahrheit gesagt“. Dabei reden wir nicht mehr über Eis. Da reden wir eher über „Er ist doof.“ Auch das kann der Realität entsprechen. Ob das eine gute Wahrheit ist, die man aussprechen sollte, ergibt sich aber nicht aus der Tatsache, dass es eine Wahrheit ist. Von daher: Wenn man eine Frage stellt, auf die man eine wahre Antwort möchte, sollte man sich fragen, ob man die Antwort hören will. Und wer eine Antwort gibt, sollte sich fragen, ob er die Antwort geben will. Es gibt normativ aufgeladene Wahrheit, die mehr verlangt, als die logische Entsprechung der beschriebenen Tatsache mit Dingen, die man in der Realität vorfindet. Es sind ja nicht die Tatsachen, die wahr oder falsch sind, sondern die Aussagen über die Tatsachen. Und meistens gibt es mehr als nur eine Aussagemöglichkeit.

 

 

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23 Kommentare zu „Wahr und Falsch

  1. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das ist auch wahr. Selbst wenn es seiner Fortsetzung beraubt und aus dem Zusammenhang gerissen ist. Sehr klug und mit vielen Facetten formulierte Variationen über das Thema Wahrheit. Brot und Wahrheit. Das passt gut zusammen. Brot ist nicht einfach Brot. Und Wahrheit… eben. An einigen Broten kann man sich die Zähne ausbeißen. Manchmal schmeckt es uns nicht, obwohl es nahrhaft ist. Manchmal schmeckt es hervorragend – und bekommt uns vielleicht doch nicht so gut. Und oft ist es uns so selbstverständlich, dass wir es kaum mehr richtig zu schätzen wissen. Das alles trifft auch auf die Wahrheit zu – nur an der Selbstverständlichkeit muss vielleicht hie und da noch etwas gearbeitet werden. 😉
    Wenn ich dir jetzt einen wunderschönen Sonntag wünsche, ist das wirklich wahr. 🙂

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    1. Wir können uns zumindest darauf einigen, dass die Aussage wahr ist. Brot und Wahrheit fand ich auch einen schönen Gedanken. Pessach hat mich auf den Gedanken gebracht. Religion ist immer für eine Überraschung gut. Und ich staune, was du aus meinen kleinen Fragmenten, meinem leisen Unbehagen über das Wörtchen „wahr“ so machst. So ein paar Gedanken aufs Brot geschmiert zu bekommen … Da habe ich noch dran zu kauen.

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  2. Wie wahr!
    Entschuldigung, aber dieser Kommentar brannte jetzt einfach auf den Lippen, aber ich hätte noch eine Frage dazu:
    Als du das erste Mal die Aussage über das Eis ins Spiel bringst und dann meinst, dass der Logiker, wenn man nur eine Waffel wollte, den Satz als falsch betrachten würde: Ist hier nicht vor allem eine divergierende Definition von „Eis“ das Problem. „Ich will ein Eis“ kann ja implizieren, nur die Eiskugeln -> dann wäre der Satz falsch, aber er kann auch aus der Vorstellung entsprungen sein, dass man zum Eis immer eine Waffel dazu bekommt, also Eis+Waffel ist das Objekt meiner Begierde, wird aber gewöhnlich nur einfach „Eis“ genannt.
    Die Realität mit Sprache abzubilden und dann noch einen Wahrheitsbegriff darüber zu legen ist – wie du in deinem Schlußsatz betonst – wirklich (?) sehr schwierig 😉

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    1. Ich hätte ein anderes Beispiel als die Waffel nehmen sollen, fällt mir auf. Ich meinte so eine Bergische Waffel, idealerweise mit Kirschen und Sahne.
      Das Verhältnis der Sprache zur Realität ist wirklich kompliziert, und mit Sprechakten habe ich ja noch gar nicht angefangen. Sagen wir es so: Ich finde es einleuchtend, von wahr und unwahr (falsch ist ja auch das Gegenteil von richtig) tatsächlich nur im Zusammenhang mit Aussagen zu sprechen, weil wahr keine sinnvolle Eigenschaft von Dingen in der Welt ist: Wie bitte soll ein Eis wahr sein? Wobei man nun fragen könnte, ob Aussagen nicht auch Dinge in der Welt sind. Ja, es ist kompliziert. 😯
      Der Text ist eine spontane Reaktion auf meine Wittgensteinlektüre. Ich finde die Vorstellung der Möglichkeit einer vollständig abbildenden Sprache plausibel. Es ist denkbar, also möglich. Nur ob das auch faktisch klappt, zumindest wie er sich das denkt, sehe ich nicht. Aber das soll uns ja nicht daran hindern, zumindest mit einer vorläufigen Theorie zu operieren. Das macht Theorien doch ohnehin aus, dass sie vorläufig sind.

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      1. Schön gesagt! Wittgenstein hat man ja ein bisschen durchgespürt, aber vor allem habe ich mich beim Lesen gefragt, wie es wohl sein mag, wenn sich Zeilenende ein Eis bestellt: Gestresster Eisverkäufer vor dir, Zillionen ihrem Eis entgegenlechzende Mitmenschen hinter dir in der Warteschlange und du sagst:
        „Ich will bitte ein Eis.“
        Der Verkäufer: „Welche Sorte“ (wenn man jetzt die Wiener „Freundlichkeit“ kennt, wäre das für mein Bild hilfreich).
        Z: „Nein warten Sie! Eigentlich möchte ich ein Eis! Oder nur die Waffel? ….“
        Verkäufer: „WELCHE SORTE?!“
        Z: „Hm, wollen oder möchten? Es gibt bewertbare Unterschiede. Das Sein, die Realität… Was ist wahr?“ Der Verkäufer: *@!%%*!!! (das kann ich jetzt hier leider nicht wiedergeben)
        🙂

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