House of Cards warf zuletzt die Frage auf, ob Machtwille allein für gute Politik ausreiche. Die dritte Staffel verweigert eine direkte Antwort, gibt aber Hinweise. Und hinterlässt beim Zuschauer Zeilenende eine beunruhigende Erkenntnis.

Inhalt lt. amazon.de

In der dritten Season von “House of Cards” kämpft Präsident Underwood um die Sicherung seines Vermächtnisses. Claire will mehr als nur die First Lady sein. Ihre größte Bedrohung ist ihr Kampf gegeneinander. Der Star dieser Emmy®-prämierten Thrillerserie ist der Golden Globe®-Gewinner Kevin Spacey als skrupelloser und gerissener Francis Underwood, der vor nichts haltmacht, um die Hallen der Macht in Washington zu erobern. Seine Geheimwaffe: seine hinreißende, ehrgeizige und genauso intrigante Frau Claire (Golden Globe®-Gewinnerin Robin Wright).

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Die Vision

Frank Underwood ist Präsident. Aber er ist nicht bedeutend. Er ist ungewählt ins Amt gekommen und muss sich den Respekt erkämpfen, den ein gewählter Präsident per Wahl erhält. Sein Problem: Er hat zahlreiche Akteure des Establishments gegen sich: Beide Parteien, beide Häuser. Frank will deshalb eine Vision. „America works“ ist ein schöner doppeldeutiger Titel für etwas, mit dem er in die Fußstapfen von Franklin D. Roosevelt treten will.

Franks Vision ist keine genuin politische. Es geht ihm nicht darum, Arbeitsplätze zu schaffen oder etwas Gutes zu tun, er ist vor Allem an seinem Platz in den Geschichtsbüchern interessiert. Seine Antrieb ist Machterhalt, gepaart mit Ruhmessucht. In der dritten Staffel reißt seine sorgfältig errichtete Fassade endgültig. Wenn er auf ein Hindernis stößt, das ihm unüberwindbar erscheint, ist er wie ein kleines Kind, dem man sein Spielzeug abnimmt. Franks Spielzeug ist Macht und wenn es ihm genommen wird, schreit er und heult. Er braucht Zeit, um sich zu sammeln und wieder unter Kontrolle zu bringen. Hat er es geschafft, kann er sich wieder auf sein Ziel fokussieren, hat aus seinem Scheitern nichts gelernt und versucht es weiter. Das ist bewundernswert, aber seine Verbissenheit erinnert wieder an ein Kind, das es immer und immer wieder versucht, ohne Rücksicht auf die Verhältnisse.

Es hat sich dennoch etwas geändert. Frank ist ein Machtmensch, aber er gibt auch politische Überzeugungen preis. Er ist extrem liberal. Sein Handeln ist geleitet von der Idee nach Stärke, seine gesellschaftliche Vision basiert auf Freiheit und Selbstbestimmung für jeden Einzelnen. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, dafür erwartet er von jedem Menschen, es selbst zu tun und sich nicht auf ein Netz zu verlassen. Wer scheitert, muss aufstehen und es wieder versuchen. Resignation lässt er nicht zu.

Überraschend ist dabei Franks Staatsverständnis. Der amerikanische Liberalismus gibt sich meistens föderal, in den meisten Fällen libertär. Wenn jeder einzelne für sich selbst verantwortlich sein soll, dann ist die Kommune oder allerhöchstens noch der Bundesstaat ein relevanter Ansprechpartner. Die Staatenebene befeuert den Kampf um die besten Ideen und bedingt damit Pluralismus, die kommunale Ebene ist die, die zählt, denn dort spielt sich das Leben der Menschen ab. Frank hingegen ist Zentralist. Das ist machtbedingt, aber widerspricht sich nicht: Eine starke Zentralmacht (Washington) kann einen Ordnungsrahmen setzen, nur der Zentralstaat ist in der Lage, allen Bürger*innen eines Landes tatsächlich Chancengleichheit zu gewähren. Auch wenn Franks Zentralismus egoistisch ist (er ist damit der oberste Entscheidungsträger) markiert er einen interessanten Mittelweg zwischen zentralistischem Wohlfahrtsstaat und libertärem Nachtwächterstaat.

 

Die Umsetzung

Frank Underwood lebt für die Politik. Er ordnet ihr alles unter. Dementsprechend ist Politik und der Kampf um politische Macht existentiell. Daraus zieht er seine Energie. Es macht ihn rücksichtslos sich selbst gegenüber und rücksichtslos anderen gegenüber. Das ist gefährlich, aber es ist auch seine große Stärke. Seine Skrupellosigkeit ist brillant. Und seine Brillanz ist skrupellos. Mehr noch: Frank hat seine besten Momente immer dann, wenn er intrigieren kann und wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Denn in diesen Momenten wird sein Überlebensinstinkt geweckt und der gibt ihm immer die gleiche Antwort: Attacke.

Jeder Rückschlag ist für Frank Motivation. Wenn man ihn am Boden wähnt, steht er auf, lächelt, hat eine smarte und/oder unkonventionelle Lösung für sein Problem zur Hand. Vor allem ist er nach einem Treffer zu allem entschlossen. Das geht so weit, dass er sogar gute Seiten entwickelt, wenn auch unbeabsichtigt. In seiner Selbstsucht ist er durchaus zur Selbstlosigkeit fähig.

Seine Rücksichtslosigkeit erlaubt, ein dreifaches Bild von Frank Underwood zu zeichnen, wie es in der Serie geschieht: Ist er Idealist, Wagemutiger oder Tyrann? Am deutlichsten ist er wohl Idealist, auch wenn seine Ideale fragwürdig sein mögen. Das offenbart er (wiederum unbewusst) selbst: Er beschwert sich über Idealisten, weil sie so grässlich uneinsichtig seien. Aber eine Revolution erlaube keine Kompromisse. Er müsse für seine Vision kämpfen. Und bedient sich des gleichen Arguments wie die idealistischen Verfechter des Sozialstaats.

Die Frage, ob er Wagemutiger oder Tyrann sei, wirft die Serie direkt auf. Bezeichnend sind die Vergleiche, die gezogen werden: Der zu Hannibal und der zu Napoleon. Beide sind Tyrannen, beide sind Wagemutige. Beide sind Visionäre, beide haben eine Mission. Und beide überreizen ihr Blatt. Frank stellt sich in diese Reihe: Er setzt sich über alle Regeln hinweg. Ob zum Guten oder zum Schlechten, das solle bitteschön die Geschichte entscheiden.

 

Der Gegenspieler

Frank wird von allen Seiten bedrängt. Von seiner Partei, von Claire, vor allem aber vom russischen Präsidenten Petrov, einer interessanten Deutung Putins. Petrov ist, genau wie Frank auch, nur an Macht interessiert. Aber er ist zugleich ein Hinweis darauf, dass Frank anders ist. Denn Petrov gibt zu, dass all seine Politik Propaganda ist. Frank hingegen hält an seinem Glauben fest, dass er etwas Gutes tut, dass er eine Vision und eine politische Idee hat. Der Schlagabtausch zwischen den Beiden ist deshalb doppelt interessant.

Franks bisherige Gegner mögen auf dem Papier mächtiger gewesen sein als er selbst, aber sie hatten einen Nachteil: Sie entstammen dem gleichen System wie Frank Underwood. Er kannte die Spielregeln und wusste um die begrenzte Macht seiner Gegner. Nun, sich selbst allmächtig wähnend, trifft er auf einen Gegner, der ebenso mächtig und entschlossen ist wie er selbst und der einen Vorteil hat: Petrov kommt von außerhalb. Er hat andere Freiheiten als Frank und er ist anderen Zwängen unterworfen. Auch wenn sie ein Spiel gegeneinander spielen, spielen sie unterschiedliche Spiele. Das Duell der beiden Präsidenten ist eine Partie Tropico, ein Endlosspiel. Beide spielen es anders: Der eine wie Civilisation mit definiertem Endpunkt, der andere Counterstrike im Capture the Flag Mode. Und Frank muss die bittere Erkenntnis machen, dass auch er benutzbar ist.

 

Die Folgen

Frank muss in der dritten Staffel einsehen, dass seine Macht begrenzt ist, dass man ihn benutzen kann und dass er nicht alles unter seiner Kontrolle hat. Die dritte Staffel House of Cards ist ein Mosaik des Scheiterns und zeigt zugleich die (bewundernswerte?) Fähigkeit von Frank Underwood, sich von jedem Schlag scheinbar zu erholen. Er wird endgültig zum Stehaufmännchen. Er ist kein Mörder, er ist ein Überlebender. Und er weiß, dass ihn der Überlebensinstinkt weiterhin retten kann. Er hat mit der Präsidentschaft scheinbar alles gewonnen, doch er merkt, dass er dafür einen unglaublich hohen Preis gezahlt hat.

Dafür stehen die drei Frauenfiguren in der dritten Staffel: Da ist Heather Dunbar, die er ausschalten will und die sich ihm entzieht. Die zur noch gefährlicheren Gegenspielerin für ihn wird, weil sie eine Alternative darstellt. Bis zu dem Punkt, an dem sie genau so wird wie Frank und ebenso dreckig spielt wie der Präsident. Sie wird wie Frank, aber indem sie Prinzipien aufgibt und deshalb womöglich zum schlimmeren Frank. Da ist Jackie Sharp, die Frank zunächst aus Not treu ergeben ist, bis er das Spiel zu weit treibt und sie nicht dazu zwingen kann, so zu werden wie er. Sie wird zum Anti-Frank. Und tut sich mit Heather Dunbar zusammen, Frank und Anti-Frank als Koalition gegen das Original. Er schafft sich einen neuen mächtigen Feind.

Da ist zuletzt seine Frau: Die Beziehung von Frank und Claire wird in der dritten Staffel ausführlich beleuchtet, aber wie in den beiden Staffeln zuvor verstehe ich diese Beziehung auch in der dritten Staffel nicht. Mal sind sie ein Block, der sich jeden Selbstzweifel verbietet, denn Frank und Claire zweifeln beide ständig. Dann sind sie von ihren eigenen Egos getrieben und bekämpfen sich hinter freundlicher Fassade bis aufs Blut. Selbst die Figuren innerhalb der Serie verstehen die Ehe der Underwoods nicht.

 

Das System – Machtwille reicht (nicht)

Reicht Machtwille für politische Gestaltung? Die Antwort muss differenziert werden, denn wir erleben diesen Fall im amerikanischen, stark persönlichkeitsorientierten System. Während in parlamentarischen Demokratien wie der unseren die Parteien die dominante Rolle spielen und konsensorientiert arbeiten, ist das US-amerikanische Regierungssystem völlig auf die einzelnen Akteure ausgerichtet. Ihre Parteibindung spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Im besten Fall erlaubt es dieses System, dass sich ein Mensch mit erheblichem Durchsetzungsvermögen (wie Frank Underwood) nach oben durcharbeitet. Ist er an der Spitze angelangt, muss er sich dort halten. Da das Spiel Politik heißt, muss er es durch politische Ideen tun. Sein Kampfgeist hilft ihm dabei, tatsächlich Politik zu gestalten. Seine Rücksichtslosigkeit wird ihm zur Waffe.

Was für den ambitionierten Politiker gilt, gilt ebenso für seine Gegenspieler. Auch die wollen nach oben und bilden damit ein Gegengewicht gegen das Machtstreben des amtierenden Präsidenten. Da auch das amerikanische politische System verschiedene Machtpositionen kennt, entwickelt sich somit ein Machtsystem, in dem sich die unterschiedlichen Einzelkämpfer gegenseitig einhegen und zivilisieren. Auch Frank ist als Präsident sehr viel zivilisierter als zuvor im Repräsentantenhaus, weil das System ihn dort stärker einhegt.

Diese gegenseitige Kontrolle wirkt so lange stabilisierend, wie sich alle Beteiligten auf dem gleichen Fundament bewegen, die gleichen Werte akzeptieren und Politik als Politik begreifen: Als Gestaltung der Gesellschaft. Das System birgt aber Gefahren. Es lockt eben allein machtgierige Menschen wie Frank Underwood an. Und wenn diese Menschen es an die Spitze schaffen, droht das System zu erodieren. Im Fahrwasser eines Mannes, dem es allein auf Macht ankommt, ist kein Platz für eigene Machtansprüche. Und um ihm Paroli bieten zu können, braucht es einen Gegenspieler, der noch skrupelloser ist. Das zeigt die Figur Petrov.

 

Fazit

Die dritte Staffel House of Cards schafft das Unmögliche: Frank wird zu einer zeitweise sympathischen Figur. Zum Einen weil die Zivilisierungskräfte des Amtes auf ihn einwirken, zum Anderen weil die Gegenseite erodiert. Der Sympathiegewinn auf Zuschauerseite ist teuer erkauft, denn er bedeutet, dass es keine Hoffnung auf einen Idealismus bar persönlicher Interessen mehr gibt. Und so bleibt man nach der dritten Staffel House of Cards resigniert zurück, lässt alle Hoffnungen auf eine bessere politische Welt fahren und sieht hilflos dabei zu, wie sich Politik selbst zugrunde richtet. Was freue ich mich auf Staffel 4.

14 Kommentare zu „Besprechung: House of Cards (Staffel 3)

      1. xD Angefangen hatte ich schon mal, aber dann kam leider eine neue Doctor Who Staffel 😉 Die hat mich dann doch abgelenkt. Auch an die Art des Erzählens muss ich mich noch ein wenig gewöhnen. – Sü

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  1. Tolle Besprechung einer tollen Serie! 🙂
    Und es stimmt, in Staffel 3 fing ich auch an, mit Frank zu sympathisieren. Dafür fielen mir andere Sachen negativ auf, Stichwort Pussy Riot. Das musste echt nicht sein.

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    1. Den Pussy-Riot-Plot habe ich auch nicht so ganz verstanden. Der wirkte ziemlich ungeliebt da reingefriemelt, frei nach dem Motto: Wenn wir über Russland sprechen, müssen wir auch über sie sprechen. Die Geschichte um Claire, Petrov und den Aktivisten hätte man auch ohne gut erzählen können.
      Aber ist das nicht gruselig, dass wir mit Frank sympathisieren?

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      1. Jepp, so empfand ich das auch. Aber gut….

        Das hat mich ebenfalls gestört. Wie sehr ich in der Lage war, mit so einem Ekel zu sympathisieren, doch noch etwas Gutes in ihm zu sehen. Bis er das nächste Mal seine dunkle Seite hervorholt.
        Ich bin gespannt auf Staffel 4, die ich mir dann wieder auf DVD zu Gemüte führen werde. 🙂

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