Es gibt Schlagzeilen, die man ernst nehmen kann. Es gibt Schlagzeilen, die man ernst nehmen sollte. Und es gibt Schlagzeilen, die einen staunen lassen. So geschah es, dass der WDR (zugegeben vor längerer Zeit) das Skandalon konstatierte, dass viele Kinder in Deutschland zu dick seien.

Zeilenende, der personifizierte bodenlose Käsekuchen aus Magerquark (süß und mit ausgeprägter Kalorienneurose) konnte das so nicht stehen lassen. Viele Kinder sind zu dick? Das war doch wirklich ein alter Hut. Er konnte es nicht glauben, denn der Witz „Dicke Kinder lassen sich schlecht kidnappen“ war doch selbst auf deutschen Comedy-Bühnen mittlerweile verboten. Der Bart dieses Witzes dürfte jeden IS-Terroristen vor Neid erblassen lassen. Wobei IS-Terroristen auf ihre Figur achten müssen, sonst passt der Sprengstoffgürtel nicht mehr. Der Koran, so schien es Zeilenende, würde über kurz oder lang die Brigitte als fundamentalistisches Standardwerk ablösen, Abu Bakr der neue Robert Atkins werden. Und je mehr Flüchtlinge ins Land strömten, desto geringer dürfte der prozentuale Anteil dicker Kinder in Deutschland werden. Das Problem könnte sich von selbst lösen. Bald würden es noch einige Kinder zu dick sein.

Wie Zeilenende diesen Satz von den vielen zu dicken Kindern aber auf sich wirken ließ, beschlichen ihn Fragen. Während er nachdenklich sein Bäuchlein tätschelte und darüber nachdachte, ob er einen Last-Minute-Flug nach Saudi-Arabien buchen sollte, schien es ihm plötzlich, dass dieser Satz merkwürdig sei. „Zu dick“.  Zu dick wofür? Hatte er in letzter Zeit beobachtet, dass Kinder in den Türen von Zügen hängen blieben? Nein, daran konnte er sich nicht erinnern. Dies lag wahrscheinlich daran, so dachte er weiter, dass diese „zu dicken“ Kinder es nicht bis zum Bahnhof schafften, weil sie schon in der Haustür hängen blieben. Er drehte also seine Runden durch die Straßen seines Wohnortes und beobachtete Haustüren. Doch nirgends waren zappelnde Kinder zu entdecken, mit dem Smartphone im Arm: „Ja Hallo, hier ist Jerome-Pascal, ich würde gern bestellen … Eine Pizza Döner mit extra Käse, dazu ne Currywurst mit Pommes und ne Flasche Cola. Ja, zum liefern … Ich erwarte Sie in der Haustür.“

Dick,                           Total Dick,                           Fett

(Urheber/Quelle/Urheber)

Vielleicht waren die Haustüren auch breiter als die Türen von Zügen der Deutschen Bahn. Es gab aber auch keine Camps dicker Kinder, die die Treppe zum Bahnsteig nicht emporklettern konnten, und zugleich die zulässige Traglast der Aufzüge überschritten. Dem allgemeinen Sauberkeitsgrad des Bahnsteiges nach zu urteilen, leistete die Bahn sich auch keine regelmäßige Leichenentfernung. Vielleicht, so dachte Zeilenende, nahmen die Kinder beim Treppensteigen wieder ab, lief die Treppe noch einmal hinab und wieder hinauf und befragte sein Waagenorakel. Doch das erinnerte ihn nur daran, dass Gewicht vom Standort abhängig war. Die Waage stand definitiv in einer Zone erhöhter Schwerkraft.

Zeilenende zog einen Schmollmund. Wo waren die ganzen dicken Kinder, die seine eigenen Komplexe heilen helfen konnten? Offenbar waren sie dafür nicht „zu dick“, sondern „nicht dick genug“. Denn egal wie oft Zeilenende sich einredete, das sei Muskelmasse, was er in den letzten zwei Jahren aufgebaut hatte, die Klamotten passten noch – am Bauch spannten sie doch ein klein wenig. Oder bildete er sich das bloß ein, wie der Radiomensch sich die zu dicken Kinder?

Zu dick, ja wofür? Zu dick zum Fußballspielen vielleicht. Das wäre phänomenal. Zeilenende freute sich schon auf die Schlagzeile in 20 Jahren: „Skandal auf dem Platz, Stürmer verwechselte Mitspieler mit Ball.“ Für Zeilenende wäre das aber nicht skandalös, Fußball war ohnehin langweilig. Zu dick … Zu dick … Auch Männer unterhielten sich gelegentlich über ihr Gewicht und Zeilenende kannte einige Männer seiner Gewichtsklasse, die locker zwei Kleidergrößen über ihm spielten. Faktisch wurde er meist 10 bis 15 Kilo leichter geschätzt als er war. Vielleicht verzerrten die ganzen Proleten mit Stahlketten und mehr Oberarm- denn Hirnmasse die Statistik. Wenn die im Türrahmen hängen blieben, rissen sie einfach ein Loch in die Wand. Aber ein paar Stunden unter der Dusche eines Fitnessstudios belehrten ihn auch diesbezüglich eines besseren. Was er da zu sehen bekam, sah zwar dem Kindheitsstadium häufig ähnlich, eine Kontrolle von Personalausweisen und Sporttaschen ergab aber, dass hier das Skandalon eher „Viele Erwachsene sind pulverbedingt zu kurz gekommen“ war.

Wieder in Gedanken, kam Zeilenende zu dem Schluss, dass dicke Kinder vielleicht ein Problem waren, aber die interessante Frage in dem Bericht gar nicht beantwortet wurde. Da waren Kinder halt einfach zu dick. Zu dick, um auf Bäume zu klettern vielleicht, aber wo gab es heute noch Bäume, auf die Kinder klettern konnten? Und selbst wenn es sie gab, war das „Auf-Bäume-klettern“ denn ein Wert an sich? Auf dicke Kinder einzuprügeln fand Zeilenende gemein, dicke Kinder hatten es schon schwer genug. Für diesen Gedanken schämte sich Zeilenende, weil es ein verdammt mieses Wortspiel war, aber besser ließ er sich nicht ausdrücken.

Aristoteles, nicht unbedingt Zeilenendes bester (aber dennoch guter) Freund, hatte zum Thema „zu viel“ einmal gesagt, dass das „zu viel“ immer schlecht sei, das „zu viel“ aber bei jedem Einzelnen unterschiedlich sei. Und Zeilenende wollte ergänzen, dass die einzelnen Werte, die man jeweils „zu viel“ haben könne, auch noch einmal relativ zueinander sehen müsse. Wenn man Zeilenende fragte, wurde das „zu viel“ nicht beachtet. Wann gab es zuletzt ein ernst gemeintes Lob auf das „Dicksein“, das es neben dem „zu dick sein“ auch geben musste. Zeilenende schüttelte den Kopf und beschloss, eine Sahnetorte zu backen.

24 Kommentare zu „Viele Kinder sind zu dick

  1. Holy Shit! Beim zweiten Bild bin ich zunächst echt auf der Leitung gestanden. 🙂
    Abnehmen beim Treppensteigen. Das stelle ich mir unterhaltsam vor. Ächzende und stöhnende kleine Buddhas auf den untersten Treppenstufen. Und zuoberst tänzeln dir Spargeltarzane entgegen. 😀
    Wahrscheinlich ist die von dir genannte Schlagzeile ein Grund für den Trend zu Kleinfamilien. Wenn VIELE Kinder zu dick sind, möchte man halt lieber nur WENIGE. Logisch.

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    1. Den sollte man auch eigentlich zu Recht dem ewigen Vergessen übergeben. 😉

      So ähnlich wie du hatte ich mir das mit der Treppe auch vorgestellt, mit Sauerstoffzelt auf dem Treppenabsatz vor dem oberen Drittel und regelmäßigen Versorgunsständen über die gesamte Länge der Treppe. Und deine Logik gefällt mir auch gut: Die Kindermasse bleibt konstant. 😀

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      1. Vor allem übergeben… 😉
        Die Treppe ließe sich sehr spannend gestalten. Ein echter Lebens-Lauf.
        Es ist ja auch irgendwie diskriminierend, wenn man bei Kindern einfach Stückzahlen angibt. ‚Stück‘ ist ja ein oft nicht unbedingt freundschaftlich besetzter Ausdruck. Anderseits: Würde man nur noch von reproduktionstechnisch hervorgebrachter Biomasse sprechen – auch nicht das Gelbe vom Ei. 🙂

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  2. Kinder sind deviniv nicht zu dick, um auf Bäume zu klettern. Es macht ihnen nur keiner mehr vor – oder ein Sturm reißt den guten alten Kletterbaum einfach um 😦 Also auf Arbeit kann ich auch nciht behaupt nur ‚dicke‘ Kinder zu sehen. In dem Satz fehlt mir auch die Aussage, wie viele Kinder denn einfach mal zu dünn sind. So eien Medaille hat halt immer zwei Seiten.
    Viel ist einfach zu ungenau, aber Zahlen, die sie sich vorher selbst zurecht gerechnet haben, will ich auch nicht hören.
    Fazit: erfreuen wir uns alle an der Sahnetorte 🙂 – Grüße aus Salzgitter, Sü

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    1. Ich hatte bis Ende des Jahres ja auch regelmäßig mit Grundschülern zu tun, da waren einige propere Exemplare dabei, aber nichts, was meinem Empfinden nach über Babyspeck hinausging. Das Vorleben des auf den Baumkletterns ist vielleicht ein Problem. Wäre doch was für eure Makerspace-Reihe: Erst Bäume pflanzen und danach als Fortsetzung Bäume erklettern. Und der Meisterkurs ist dann der Kettensägenführerschein. 😉

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      1. Aber dann bitte auch mit Kunstfiguren sägen, gleich als Doktor hinter her 😉
        Sicher ist es richtig, man muss bei Kinder darauf achten was sie essen. Aber nicht nur bei Kindern, auch mich verführt das Süßigkeitenregal immer wieder, obwohl ich genau weiß, dass es nicht gut ist… – Sü

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  3. Als Mensch, der mit sehr nahrhaften Genen ausgestattet ist (äußert sich darin, dass ich mir ein Bild von Blumenkohl ansehe und am nächsten Tag ein Kilo mehr wiege) und der ständig gegen Gewichtszustände kämpft, sage ich mal ganz ernst: Zuviel ist selten gut, zu wenig aber auch nicht.
    Ich finde die Figur von Magermodells nicht erstrebenswert. Warum bei dicken Persönchen (Beth Ditto, Tess Holliday) von einem Protest gegen Magerkultur gesprochen wird und nicht von krankhafter, gesundheitsgefährdender Fettleibigkeit, ist mir allerdings genauso schleierhaft.

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    1. Ich verstehe diesen Protesthype auch nicht. Das ist nämlich die gleiche Masche wie die Bewunderung von Magermodels. In beiden Fällen wird das Gewicht als Gesundheitsaspekt moralisiert. Das ist letztlich ein Teilaspekt dieses merkwürdigen Trends, dass Essen insgesamt moralisiert wird. Und wer dick ist, isst ständig. Wer ständig isst, kann gar nicht bewusst essen und erst recht nicht verantwortungsbewusst. Denn wer viel isst, muss dafür viel Geld ausgeben und kann keinen Wert auf hohe Qualität und Biosiegel legen, stopft also bloß Massenzuchthähnchen in sich rein … Oder so. Und die Thematisierung ist merkwürdig selektiv. Dass unsere Bundeskanzlerin seit Amtsübernahme auch ziemlich proper geworden ist, darüber spricht niemand. Da spielt es offenbar keine Rolle.

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      1. Nicht jeder, der dick ist, isst ständig. Das ist genauso eine Propaganda.
        Ärzte nehmen Übergewichtige gar nicht ernst bzw. bieten auch keine Hilfe an. Da heißt’s nur „Sie sind fett, Sie leben ungesund, Sie sind undiszipliniert.“ Später stellt sich dann heraus, dass die Person an einem Schilddrüsenproblem leidet oder ähnliche Punkte schuld sind. Nur nimmt das kaum noch ein Arzt wahr. Es bietet auch keiner Hilfe an. Vorwürfe helfen nicht, denn die machen sich dicke Menschen meist schon selbst.

        Zu Mörkilein: Frauen gehen mit dem Alter meist etwas auseinander (auch Männer. Bei Frauen hängt’s mir hormoneller Umstellung zusammen). Ich glaube, Mörki hat einfach Stress…

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        1. Diese „Logikkette“ war auch – nur um das auch explizit zu sagen – nicht meine Sicht der Dinge. Das ist meines Erachtens aber die „öffentliche Meinung“ … In dieser oder ähnlicher Form. Vor-Verurteilung der schönsten Form. Wie auch im Falle von Stress und Hormonen, genau wie du es sagst: Das Thema Gewicht und Ernährung wird ideologisch aufgeladen und für Differenzierung bleibt kein Platz mehr, andererseits gibts blinde Flecken der Debatte.

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