Das Buch-Fresserchen stellt die Montagsfrage heute im Auftrag von Yvi. Die beiden wollen wissen, wie schnell ich lese. Genauer gesagt: Wie schnell ich ein Buch von 300 Seiten lese.

Mein Lesetempo also. Das ist gar nicht so einfach. Hängt ohnehin davon ab, wie die Buchseite gesetzt ist. Und es kommt drauf an, ob ich quer lese oder nicht. Actionreiche Passagen in einem Roman überfliege ich ebenso wie Zeitungsartikel, um die wesentlichen Informationen aufzunehmen. Ich komme auf Zeitungsartikel, weil ich da einen kleinen Test gefunden habe, der nicht sehr wissenschaftlich aussieht, aber egal. Ich habe für den Artikel knapp 40 Sekunden gebraucht, um die wesentlichen Kernelemente zu identifizieren. Das ist für mich unverzichtbar, um mir einen Überblick zu verschaffen.

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So ähnlich verfahre ich auch bei vielen Blogartikeln. Die überfliege ich noch schneller, reagiere eher auf einzelne Wörter und lese den Artikel dann noch einmal in Ruhe und genau. Zumindest wenn ich nicht vorab grob weiß, was mich erwarten wird (das mache ich entsprechend also vor Allem bei Blogs, denen ich noch nicht so lange folge).

Aber es ist kompliziert. Das Buchfresserchen selbst gibt 60 Seiten pro Stunde an, das ist ein Tempo, das ich auch an den Tag lege. Bei sehr einfach geschriebenen Geschichten oder hoher Sogwirkung „schaffe“ ich zumindest in der ersten Stunde auch 100 Seiten. Dann will ich in die Geschichte regelrecht eintauchen. Danach pendelt es sich aber wieder bei den etwa 60 Seiten pro Stunde ein. Es ist also eines von zwei Gütekriterien für ein „gutes Buch“, wenn ich es verschlinge und meine Augen regelrecht über die Zeilen rasen.

Das andere Gütekriterium ist eine sehr geringe Lesegeschwindigkeit, wenn der Text sperrig ist und mir der Text keine Möglichkeit bietet, die Passagen nur zu überfliegen. Darunter fallen nicht nur Sachtexte, aber damit fangen wir an. Viele anglophone Philosoph*innen pflegen einen sehr simplen und erklärenden Schreibstil, der es erlaubt, die Kernaussagen rasch zu überfliegen. Deshalb habe ich in einer Phase meines Studiums vor Allem Seminare belegt, in denen viel Analytische Philosophie betrieben wurde. Mein hochverehrter Herr Kant verbittet sich diese Methode allerdings. Der drückt meine Lesegeschwindigkeit immens, wenn ich bei Kant 20 Seiten in der Stunde schaffe, dann bin ich schon glücklich. Wenn ich schneller bin, dann habe ich entschieden, dass die vorliegenden Passagen ein hohes Maß an Unfug enthalten, mit denen ich meinen Kopf nicht belasten mag.

Das gilt auch für den ein oder anderen Autoren. Den Felix Krull von Thomas Mann habe ich ähnlich im Schneckentempo durchgelesen wie die Kritik der reinen Vernunft. Dennoch hat es Spaß gemacht. De facto ist es Stand heute das einzige Werk von Thomas Mann, bei dem ich mich nicht tödlich gelangweilt habe.

Zusammengefasst: Je nach Autor und Thema brauche ich für ein Buch von 300 Seiten für gewöhnlich fünf Stunden. Wenn es eine starke Sogwirkung entfaltet und ich zu Anfang (und dann meist noch einmal gegen Ende) ein höheres Tempo vorlege, reduziert sich die effektive Lesezeit auf vier Stunden. Es gibt aber auch Bücher, in die ich 15 Stunden investiere. Faktisch brauche ich, weil mir in letzter Zeit die Muße fehlt, mich länger als eine Stunde am Stück auf ein Buch zu konzentrieren, für 300 Seiten aber ca. eine Woche, eventuell sogar länger. Denn das Problem ist ja: Wenn ich am Stück lese, werde ich zwischendurch irgendwann langsamer, wenn ich mit Unterbrechungen lese, brauche ich immer ein paar Minuten, um wieder ins Buch hinein zu kommen.

 

P.S.: Morgen kommt ein Blogartikel. Ich sitze momentan aber im Zug auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in Norddeutschland. Ich werde mir einen vergnügten Tag in Hamburg gönnen und Mittwoch Abend wieder in der Heimat eintreffen. Wenn ich inaktiv wirke, gibts in meiner Unterkunft kein Gratis-WLAN und mein High-Speed-Datenvolumen ist aufgebraucht. 😉

32 Kommentare zu „Lesegeschwindigkeit (Montagsfrage)

  1. Ich hätte auch 60 Seiten pro Stunde angegeben. Über Ostern, einschließlich Gründonnerstag, hatte ich endlich mal wieder intensiv Zeit, zu lesen – ich lag krank im Bett! 😉

    Ich wünsche viel Erfolg für das Vorstellungsgespräch!

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    1. Oh, dann hoffe ich, dass es sich gebessert hat. Deine Erfolgswünsche haben einen Beitrag geleistet, dass es gut lief. Und unter Feldbedingung konnte ich feststellen, dass ich auch auf Dauer den geschätzten 60-Seiten-Schnitt halte. *g*

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  2. Bei mir schwankt die Lesegeschwindigkeit ganz massiv ob der Faszination, die der Text auf mich ausübt. Bin ich gefesselt, fliegt der Text geradezu vorbei (wobei es mir schwerfällt, eine Seitenanzahl zu nennen, denn am iPhone sind die Seiten ziemlich klein, das lässt sich nicht mit Druckseiten vergleichen), bin ich widerwillig (so ergeht es mir bei schlecht geschrieben Sachtexten oder Biografien von Menschen, die mich nicht interessieren) oder zu müde, schleppt sich die Sache zäh und träge dahin.

    Das geht aber aller Wahrscheinlichkeit nach den meisten Menschen so.

    Die drücke ich die Daumen. Hol dir den Job! Es wird Zeit, dass du zu neuen Beschäftigungsufern aufbrichst. 👍🏻

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    1. Ufer ist ein schönes Stichwort. Am Tag davor bin ich im Hamburger Hafen noch so nass geworden, dass ich locker hätte behaupten können, hoch geschwommen zu sein. *gg* Ich habe meine Ansprüche markiert und werde mich nun bis Mitte April gedulden müssen.

      Lesegeschwindigkeit ist immer eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, das stimmt. Aber ich bin schon erstaunt, wie konstant sie im Romanbereich dann doch ist, wenn ich abschätzen will, wie lange ich für ein Buch brauche.

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  3. Viel Erfolg! 🐱

    Zu meiner Lesegeschwindigkeit kann ich keine Zahlenangaben machen. Ich weiß nur, dass das Tempo abhängig von der Art und vom Zweck der Lektüre extrem schwanken kann. Tendenziell würde ich sagen, dass ich heute langsamer lese als früher. Vor allem deshalb, weil ich mir heute viel mehr Zeit lasse, auch die sprachlichen Formulierungen zu genießen und nicht nur die Inhalte aufzunehmen.

    Aus reiner Neubegierde habe ich mal die Dauer einiger ungekürzter Audiobücher mit den Seitenzahlen verglichen und bin dabei bei einem Mittelwert von knapp 27 Seiten pro Stunde gelandet.

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    1. Wobei man – oder zumindest ich – auch einfach nicht so schnell (verständlich) sprechen kann, wie ich lese. Das merke ich immer dann, wenn ich mir die Texte (in Gedanken oder tatsächlich) vorlese und mir nicht nur einbilde, sie vorzulesen. Das Auge ist nicht so träge wie die Stimme. Und beim Sprechen kommen dann ja noch die Effekte hinzu, die Zeit fressen. *g*
      Die Beobachtung, dass ich früher schneller gelesen habe, musste ich auch machen. Ich für meinen Teil schieb das aufs Alter. ^^

      Und danke für die Erfolgswünsche, ich denke es lief gut. Jetzt warte ich bis Mitte April.

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      1. Mitte April, das ist ja bald – außer, wenn man drauf wartet. Anderseits – das Gefühl, auf etwas Gutes zu warten, kann man ja auch ein wenig genießen. 🙂
        Für mich war es etwas überraschend, dass die Vorleser so viel langsamer sind. Beim Hören hat man nämlich durchaus den Eindruck, dass es recht flüssig vor sich geht.
        Dass man in jüngeren Jahren schneller liest, könnte zum Teil auch schlicht und einfach am Lesefutter liegen. Wenn man ausbildungsbedingt viel Fachliteratur liest, versucht man ja automatisch, möglichst effizient zu lesen. Beim Genusslesen ist das ja etwas anders.

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          1. Definitiv. Lustige Taschenbücher sind DAS Allheilmittel.
            Ich gehe jetzt mal ganz vorsichtig davon aus, dass du das aber nicht beim Vorstellungsgespräch erwähnt hast. So im Stil: Lassen Sie sich ruhig Zeit mit Ihrer Entscheidung. Ich habe noch einen sooo mordsmäßig großen Haufen Lesefutter in Form von Lustigen Taschenbüchern abzuknabbern. 😉

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    1. Danke fürs Daumendrücken, es hat mir geholfen, jetzt muss es nur noch den Entscheidern weiterhelfen. *gg*
      An Hamburg hatte ich meinen Spaß, hab dem ollen Otto die Zunge rausgestreckt und bin im Hafen tüchtig nass geworden, weil es plötzlich zu regnen anfing wie blöd, als ich Rundfahrt gemacht habe. ^^

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    1. Danke sehr. Ich hab ja zumindest die Kommentar-Anfänge lesen können und war ein wenig überwältigt über so viel Zuspruch. Ich war noch nie so entspannt vor einem Gespräch. Mitte April wissen wir mehr.
      Und ja, schön ist es. Ich mag ja Großstädte eh prinzipiell, da hatte Hamburg es nicht so schwer. Und Schiffe mag ich auch, da hatte es Hamburg noch leichter. Mal sehen, was die Photos geworden sind.

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  4. Oh, dann drücke ich doch auch ganz schnell noch die Daumen, dass Du Dich demnächst zu den Hamburgern zählen darfst. Ähem … also natürlich nicht zu denen, die man genüsslich verspeist 😉
    Ansonsten zur Lesegeschwindigkeit – ich lese relativ langsam, habe aber noch nie die Zeit gestoppt. Schnell lesen ist mir zu aufregend. Ich bin ein genießender Leser, der jedes einzelne Wort in sich aufnimmt.

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