So, auf welchen Knopf muss ich hier drücken, damit Futter herauskommt? Meine Schwestern haben gesagt, ich könnte hier jemanden dazu bringen, mich zu füttern. Ich habe ein Loch im Bauch – ein großes Loch.

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Nimm das Ding weg und füll meinen Napf (Autorenportrait)

Das mit dem Füttern klappt hier überhaupt nicht. Ich habe Hunger und bekomme nichts zu fressen, dabei teile ich meinen Hunger nachdrücklich mit. Sicherheitshalber verlasse ich meinen Napf nur selten, man weiß hier ja nie, wann man was bekommt. Und wenn ich doch einmal ein wichtiges Geschäft zu verrichten habe und meinen Napf kurzzeitig verlassen muss, sorge ich für die Nähe einer Uhr.

Ich bin schlauer als meine Schwestern, ich kann die Uhr nämlich lesen. Ich weiß, dass ich etwas zu fressen bekommen sollte, wann immer der große Zeiger nach oben zeigt. Leider weiß das sonst niemand.

Ich bin eine kreative Katze. Kreativität ist anstrengend. Ich habe deshalb einen hohen Kalorienbedarf. Manchmal kann ich mich nicht bewegen, weil ich so entkräftet bin von meinen Plänen. Ich entwickle seit Jahren gedanklich eine Maschine, die mich regelmäßig füttert. All die Pläne und Konstruktionsdetails im Kopf zu behalten, ist eine Herausforderung, denn ich kann leider nicht zeichnen – und mein Vorhaben, die Pläne in das große Sofa zu ritzen, werden von meinen Untergebenen regelmäßig unterbunden. Es ist SO schwierig, gutes Personal zu bekommen.

Gemein genug, dass man mich nicht regelmäßig genug füttert, neulich ist mir etwas GRAU-EN-VOLL-ES geschehen. Ich begleitete Mutter Zeilenende in den großen kalten Raum. Der große kalte Raum ist eigentlich nicht sehr schön, aber im großen kalten Raum steht mein Futter – und dort stehen Knabberstangen, die nur für mich gedacht sind.

Mutter Zeilenende wirkte gestresst, ich wollte sie nicht über Gebühr belästigen. Also setzte ich mich leise in die Ecke, in der meine Knabberstangen sind. Ich war eine artige Katze gewesen. Wer schläft, sündigt eben nicht. Ich dachte, mein gutes Betragen würde honoriert werden. Doch ich wurde übersehen! Das ist ein unhaltbarer Skandal!

Ich bin es nicht anders gewohnt von meinen Untergebenen, dass sie nicht spuren. Meistens bin ich großmütig und verzeihe ihnen. Doch diesmal war diese Missachtung eine bodenlose Unverschämtheit! Ehe ich michs versah, war es dunkel. Und die Tür war geschlossen. Ich war eingekerkert worden!

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Außenansicht meines Gefängnisses

Schlimm genug, dass ich nun unschuldig hinter Gittern saß. Ich spürte ganz genau, dass der große Zeiger wieder nach oben zeigte. Mein Hunger wurde stärker. Doch was sollte ich tun? Ich war bereits zu schwach, um Hilfe zu rufen. Die Klinke war in unerreichbarer Höhe für meine schwindenden Lebenskräfte. Sollte es so zu Ende gehen, das große Genie Mucke Zeilenende tot vor der Verwirklichung ihrer Pläne? Wie demütigend!

Ich sah mein Leben, eine endlose Abfolge köstlicher Napfmahlzeiten schon an mir vorbeiziehen, da öffnete sich die Tür unerwartet. Freudestrahlend wollte ich meinem Retter in strahlend weißer Rüstung entgegenlaufen, ihn dankbar liebkosen und mir eine Portion Futter abholen. Doch oh grausames Schicksal, es war Zeilenende, der böse Onkel, der mich nur füttert, wenn ER meint, ich habe Hunger und der mich vom Snack-Topf fernhält, wenn er mich nicht füttern will. Ich nahm die Beine in die Hand. Wenn er meine demütigende Lage erkannte, würde er mich hier wahrscheinlich mit ABSICHT einsperren!

Ich suchte die Küche auf, begrüßte meinen guten Freund, den Napf. Ich freute mich unbändig ihn wiederzusehen, setzte mich ganz dicht neben ihn und rief nach Mutter Zeilenende, dass sie mich nun füttern dürfe. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass der Zeiger schon weiter gelaufen war. Mutter Zeilenende machte sich bestimmt Sorgen, dass ich noch nicht zur Fütterung erschienen war. Doch Ach und Weh! Erst kam sie nicht herbeigeeilt – und als sie die Küche betrat und ich ihr mein Leid klagte, sagte sie bloß, ich habe einen Vogel. Das war eine infame Unterstellung. Hätte ich etwa Hunger, wenn ich einen Vogel hätte?! Anderthalb Stunden sei meine letzte Fütterung her gewesen, sagte sie – und behauptete, das sei kein Zeitraum!

Niemand in diesem Haushalt hat Verständnis für meine Nöte. Liebe Leserinnen und Leser, bitte retten Sie mich aus dieser katzenunwürdigen Umgebung. Senden Sie mir all Ihre Liebe und wenn möglich ein großes Fresspaket an

Mucke Zeilenende

Platz neben dem Napf 1

Küche.

56 Kommentare zu „Martyrium

  1. 😄😄😄 großartig. Ich würde ja sagen, ich schicke das Schäfertier für ne Runde Morgensport vorbei, dann weiß das Katzentier, wie es sich anfühlt, wenn man Hunger hat weil man so viel gerannt ist … Ansonsten habe ich aber auch manchmal das Gefühl, mein Hund ist eher ne Katze. Intelligenter wird sie dadurch aber auch nicht. Danke für den erheiternden Einblick 🙂

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      1. Ja, das soll sie natürlich nicht. In dem Alter darf man ruhig etwas mehr essen. Wenn man schon mit dem Personal so viele Scherereien hat. Proper sieht sie ja schon aus. So aus der Perspektive von oben. Fand sie bestimmt auch nicht gut. Oder? Das gibt noch Ärger, Zeilenende. Ich seh es kommen. Vielleicht springt sie aber auch nur wieder auf deinen Schoß und lässt sich kraulen, schnurrt lieb und du tust dann eh alles, was sie will 🙂

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        1. Sagen wir es, wie es ist, die Katze ist fett. 😉 Ich habe leider gerade kein Vollbild von ihr, aber irgendwann gibt es mal eine kleine Videodokumentation. Allerdings: Sie ist diejenige von unseren drei Katzen, die sich eigentlich am Ehesten schießen lässt. Manchmal findet sie es sogar toll, dann schmust sie mit der Kamera. Was … unpraktisch ist. *gg*

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  2. Ein sehr schöner Text, der den Tag etwas angenehmer macht.

    Und eines sehr schöne Unterzeile unter dem Autorenportrait. Mich erinnerte der Gesichtsausdruck spontan an: „Ich mache Dir ein Angebot, das Du nicht ablehnen kannst.“ 😉

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  3. Muahahaha!!! Ich schmeiß mich weg!!! Die Verständnislosigkeit der Untergebenen, die die Katze nun füttern dürfen! So und nicht anders scheint es in Katzenhirnen zuzugehen. Genial! Made my Day! 😀

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          1. Das denke ich auch. Lass uns gemeinsame Sache machen und das Katzenkomplott im Keim ersticken: Ab sofort keine Katze mehr an den Laptop!!
            Grüße von der kämpferischen Streichelbeauftragten

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  4. Armes Hascherl armes 😳 eine Palette feinster Leckereien ist unterwegs. Die Spedition wird an Dich persönlich ausliefern. Sie werden mit Dir über diesen Beitrag korrespondieren, so kannst Du einen Termin ausmachen wo Dein Personal Ausgang hat….such Dir schon mal einen Ort, wo Du es für DICH bunkern kannst…liebste Grüße Katzenversteherin Marinsche

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              1. Uuuuuuuuuh…..dann darf er hier bleiben….vielleicht magst Du die Crevetten dann mit ihm teilen als Trost….schnurrende Katzenwärme hilft bei sowas ungemein….gutes Kätzlein!

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              2. Das finde ich….sagen wir mal…..taktisch unklug ( hüstel )….und eher kontraproduktiv für etwas mehr „Futterzuwendung“…. :-/

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              3. Meinste…..ich denke er hat eine gute Intuition….und die lässt feinste Gefühlsregungen erahnen….so auch Schadenfreude…. 😉

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              4. Na dann…..viel Glück bei Deinen ganzen verkorks…..also….wollte sagen….äh….verkomplizierten Beziehungen….zum Glück scheint es mit den Menschen besser zu klappen 😉

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              5. Ich dachte eher daran das DU Dich damit vor Paartherapeuten und anderen Menschen positiv darstellen kannst….nicht das Du damit potentielle neue Bekannte unter Druck setzt und jede beginnende Beziehung im Keim erstickst….. 🙄

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              6. Ach dann hab ich es spontan doch richtig gedacht…war mir dann aber zu einfach die Lösung 😉 Murmel = Marmel = gleích einen anner Marmel haben…. 😀

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  5. Liebe Mucke Zeilenende,
    kürzlich habe ich irgendwo (!) gelesen, dass Onkel Zeilenende sehr empfänglich sein soll für Katzenschnurren. Vielleicht kannst du ihn ja damit um den kleinen Finger … äh … die kleine Kralle wickeln?
    Ansonsten gibt’s in diesem Instructional Video massenhaft Tipps für den Umgang mit fütterungsunwilligem Personal: https://youtu.be/PFLF57vDYcQ

    [@ Onkel Zeilenende: Vom Schreibstil her scheint Mucke deine Seelenverwandte zu sein. ‚Kleine (Futter)Geschenke erhalten die Freundschaft‘ ist da möglicherweise keine schlechte Strategie. Soulmates trifft man schließlich nicht alle Tage. 🙂 ]

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    1. Miau!
      Erst maunzen, dann Schnurren. Belohnung gibt es erst nach der Fütterung. Diese Menschlein aber … Das müssen verzauberte Katzen sein. Die ärmsten, so nackt und entstellt … Man müsste sie retten und wieder zu Katzen machen!
      Aber das mit der Seelenverwandtschaft möchte ich überhört haben, meine Seele ist rein und unschuldig, seine ist schwarz wie die Nacht.

      Herzlichst,
      Mucke Zeilenende.

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      1. Liebe Mucke Zeilenende,
        die beiden ‚Gestalten‘ im Video haben sich wahrscheinlich nur als Menschen verkleidet, damit die Menschen in ihrem Unverstand dieses wichtige Dokument nicht gleich löschen. Man kennt ja die Einstellung der Aufrechtzugehenversuchenden gegenüber Katzenmusik.
        Das mit der Seelenverwandtschaft aber passt schon. Weiß und Schwarz. Wie Klaviertasten. Oder Yin und Yang. Vaschdesd? 🙂

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  6. Also, wir Fellträger aus dem Hause Silberdistel mussten solche Kerkerzeiten auch schon öfter aushalten. Wir haben daraus gelernt und wissen nun, wir müssen, sobald sich das Personal bewegt, immer VOR ihm wieder an der Tür sein, denn Kerkerhaft ist äußerst unschön für den Magen und das eigene Wohlbefinden.

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  7. O weh – diese Kerkerhaftgefahr schwebt immer drohend über neugierigen Katzen, die heimlich, still und leise irgendwo mitreinschlüpfen, wo sie gar nicht reinsollen. Gut, wenn Zweibeiner sich beim Katzen-Wegblieb-Syndrom daran erinnert, wo er/sie überall war und die Türen wieder öffnet …

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