Das Buchfresserchen fragt in der heutigen Montagsfrage im Auftrag von Red Sidney nach unserem Verständnis von Buchschutz. Dabei fällt das unfeine Wort „ausmisten“, das Bücher mit dem Schmutz im Kuhstall assoziiert. Wahrlich, das trifft doch nur auf (*hier beliebige schlechte Hype-Buchreihe einsetzen*) zu. Deshalb sind wir heute auf dem Bauernhof.

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Red Sidney wird sich nichts schlimmes dabei gedacht haben, den Begriff des „Ausmistens“ zu benutzen. Wenn man eine Weile darüber nachdenkt, ist der Mist ja auch gar nicht so schlimm. Er riecht zwar schlecht, aber er leistet wertvolle Dienste: Dung ist ein brauchbares Heizmittel, egal ob in der Biogas-Anlage oder im Wüsten-Lagerfeuer. Und in Maßen eingesetzt kann man damit vorzüglich Felder düngen. Man kann mit dem Ausmisten also Gutes tun. Im Falle von Büchern heißt das Gute: Flohmarktstand bestücken, Freunden schenken, Bücherschränke, Bookcrossing, Tauschbörsen, Spende an Institutionen – in Maßen.

Omas alten Bücherschrank mit den schönen Bertelsmann-Ausgaben kartonweise in die Bibliothek zu bringen ist grenzwertig. Man stelle sich, bevor man dieses Ansinnen plant, die Fragen: Würde ich mir diese Bücher in der Bibliothek ausleihen? Kenne ich Leute, die sich diese Bücher in einer Bibliothek ausleihen würden? Lautet die Antwort zwei Mal nein, sollte man vielleicht doch über den Brennwert von Büchern nachdenken.

Was meinen eigenen Stall angeht, betrachte ich ihn nicht als wirtschaftliches Unternehmen, sondern als Tierrettungsstation. Ihr kennt doch bestimmt alle diese alten Frauen, ein wenig verrückt, zugleich hoch engagiert und liebenswert, die mit 25 geretteten Katzen in einem alten Haus am Dorfrand wohnt und nur selten eine der Katzen abgibt. So in etwa sieht es auch in meinem Bücherregal aus. Ich habe selbst die drei ersten Twilight-Bücher noch darin stehen, um mich daran zu erinnern, dass es auch schlechte Bücher gibt.

Andererseits bin ich auch kein fanatischer Hamsterer. Ich habe es tatsächlich geschafft, mich von meinen Dan-Brown-Romanen zu trennen, die sind in einen Bücherschrank gewandert und haben nach etwa zwei Wochen tatsächlich eine neue Heimat gefunden, wie ich annehmen darf. Wahrscheinlich ein verrückter Büchersammler vom anderen Ende des Dorfes, der in einem umgebauten Kuhstall nur Exemplare der Bücher über Robert Langdon stehen hat. Jeder Mensch hat das Recht auf so viele Spleens, wie er mag.

Selbst, wenn ich Bücher nur einmal lese (das sind tatsächlich die meisten Bücher) trenne ich mich nur schwer von ihnen, denn ich lese Bücher zwar oft nur einmal, nehme sie aber häufig in die Hand, drehe sie, blättere darin und erinnere mich daran, was darin steht, wann und wo ich sie gekauft und gelesen habe. Etwa zwei bis drei Mal im Jahr mache ich eine Bestandsaufnahme, gucke das gesamte Bücherregal durch. Manche Bücher verlassen dann doch meine Regale, aber es sind nur wenige. Gefühlt ist der Zugang an Bücherregalen bei mir höher als der Abgang an Büchern. Aber er ist beherrschbar.

Bei allem Ausmisten sollte man einen Gedanken nicht vergessen: Das Bücherregal ist mehr als ein Aufbewahrungsort für Bücher. Es ist ein (bei mir) wohlgeordneter Teil der Wohnung. Und die Wohnung ist mehr als der Ort, an dem ich mich aufhalte. Sie ist Rückzugsort, Lebensort, Wohlfühlort. Und Bücherregale gehören für mich zu einer perfekten Wohnung dazu. Statt kahle Wände mit zwei oder drei Bildern zu bestücken, kann ich mit einem Bücherregal der Wohnung meine individuelle Note verleihen: Drei Reihen Science-Fiction-Literatur, ein Meter gelbe Reclam-Hefte und ein weiterer Meter dunkler Suhrkamp-Wissenschaftsbücher. Das Wohnzimmer wird damit zur Verlängerung des eigenen Selbst in den Raum hinein. Und wenn man sich mit sich selbst wohl fühlt, gibt es nichts besseres, als auch in sich selbst zu wohnen.

13 Kommentare zu „Montagsfrage: Auf dem Bauernhof

  1. Reclam und Wissenschaftsbücher? Also meine Uni-Bücher haben (fast alle) den Weg auf den Scheiterhaufen gefunden. Die wirklich guten Bücher aus meiner Magisterphase stammen hauptsächlich aus der Psychologie und wandern jetzt Stück für Stück an meine Hiwine weiter. Die freut sich n Loch in den Bauch und ich hab ein paar Bücher weniger, die ich nie wieder anfassen würde. Und noch was Gutes getan.

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    1. In beiden Fällen nur sehr begrenzt Uni-Bücher, sondern aus Neigung angeschafft. Und hin und wieder zu Rate gezogen, wenn ich etwas nicht verstehe. Ich schätze vor Allem die Reclambücher dafür, dass sie in die Hosentasche passen. Und auch die Suhrkamp-Bände … Es ist manchmal lustig, reinzuschauen. Ich hatte letztens ein Buch in Fingern, das für meine Examensarbeit wichtig war und habe es durchgeblättert. Es gibt Randbemerkungen, in denen ich die Mutter des Autors beschimpfe … Andere Texte, die ich häufiger lese, sind mittlerweile wegen der Entwicklung der Randbemerkungen interessanter. Diese Art von Büchern sind mir vor Allem Gesprächspartner.

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  2. Meinen Bücherbestand „auszumisten“, fiele mir nicht im Traum ein! Wohl wissend, dass sich durchaus völliger Mist darin befindet – irgendwo liegt z. B. noch „Die Wanderhure“ rum – und ebenfalls wohl wissend, dass des Einen Mist des Anderen Gold sein kann, sprich, irgendjemand mit der „Wanderhure“ vielleicht mehr anfangen könnte als ich.

    Aber ich würde mich nur schweren Herzens von meinen Büchern trennen, egal von welchen. Dass das dann im Laufe der Jahre zu einem latenten Platzproblem führt, das nehme ich in Kauf. Dass sich dieses Problem mit Beginn meines Blogs massiv verstärkt hat, auch. Ich bin halt da eher so der Jäger und Sammler. 😉

    Mit dem Brennwert von Büchern sollte man sich meiner Meinung nach allerdings nicht mal beschäftigen, wenn es sich um Werke von Iny Lorentz, D. Gabaldon, Simmel oder Konsalik handelt! Merke: „Wer Bücher verbrennt,…“ 😉

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    1. Heine spricht über Bücher, nicht über Bücher. Deshalb kann er recht haben und auch ich recht haben. Wenn man ihn dogmatisch liest, dürfte man sonst auch irreparabel beschädigte Bücher mit fehlenden Seiten nicht entsorgen. Bücher sind letztlich nicht ihre Texte. Die Bücherverbrennungen der Nazis richteten sich nicht gegen die Bücher, sondern die Gedanken, die sie kolportierten. Mein Gedanke richtet sich nicht gegen die Gedanken, sondern den Träger, das physische Medium. Die muffigen Ludwig-Ganghofer-Romane vom Dachboden meiner Großeltern, angelaufen und gewellt, stockfleckig, sind den Weg allen Irdischen gegangen. Ganz leidenschaftslos. Die Texte bleiben dennoch erhalten.

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  3. Ich trenne mich selten von Büchern. Auch bei uns ist die Bücherwand Teil der Einrichtung und zur Not werden nach und nach alle freien Flächen mit Büchern zugestellt. Ich lese die meisten mehrmals, einfach aus Freude daran. (Wenn sie gut sind). Selbst abgrundtief schlechte behalte ich. Eine Kiste habe ich jetzt mal für die Bücherkiste fertig gemacht. Auf Nachfrage, ob sie auch alte aber gut erhaltene Fachwörterbücher brauchen könnten, antwortete die Dame mit einem begeisterten „Ja!“. Von daher wurde ein Fach leer geräumt, dass aber mittlerweile wieder gefüllt ist 🙂

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  4. Schwierig. Ich habe schon kistenweise Bücher verschenkt. Andernfalls wäre meine Bibliothek längst zum Augiasstall verkommen (Aha! Doch ein Bezug zum Ausmisten). Es hat auch etwas Befreiendes. Und es schafft Platz für Neues (was, wie in anderen Kommentaren angedeutet, aber auch Risiken birgt). Aber man muss mit Bedacht aussortieren. So gesehen ist ‚Ausmisten‘ mit all seinen Implikationen wiederum eine ‚hochgradig suboptimale‘ Bezeichnung.
    [‚fanatischer Hamsterer‘ ist ein besonders schöner Ausdruck, finde ich]

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    1. Ich hatte bei dem Bild einen Hamster mit Kalachnikov auf dem Rücken vor Augen. 😉
      Ja, immer mit Bedacht. Wer weiß, was man sonst weggibt. Wichtige Schätze, Teile der eigenen Identität womöglich. Grässliche Vorstellung.

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  5. Ich sammle Bücher auch, aktuell aber nur in digitaler Form. Da gibt es auch viele Regalunterteilungen, wenngleich nur virtuell. Aber dass Bücher einen Wohlfühlwert darstellen, unterschreibe ich sofort.

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