Heute ist Mittwoch und es gibt eine Film-Besprechung. Mir ist also durchaus bewusst, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber ich dachte mir, für den Hobbit mache ich es anders als üblich (eine Besprechung pro Woche) und bespreche die drei Teile hintereinander weg. Deshalb gibt es heute, morgen und übermorgen kleinwüchsige Menschen mit großen, haarigen Füßen für euch. Und für den bullion, dem ich das angekündigt habe. Dafür müssen die „6 Bücher für 2016“ bis nächste Woche warten.

Inhalt

Bilbo Beutlin ist ganz gewöhnlicher Hobbit. Jedenfalls wirkt er so. Er ist ganz bestimmt kein Meisterdieb. Jedenfalls wirkt er so. Und doch meint das Schicksal es nicht gut mit ihm, als eines Tages erst ein Zauberer und dann eine Horde Zwerge in seinem Heim auftauchen, um ihn auf das Abenteuer seines Lebens zu schleppen.

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Abenteuer

Der erste Teil der Hobbit-Trilogie gibt sich als klassischer Abenteuer-Roadmovie. Ein Trupp teilweise gegensätzlicher Charaktere findet sich zusammen und zieht los, einem Abenteuer entgegen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartt. Dementsprechend ruhig ist der erste Film inszeniert. Es wird viel Landschaft gezeigt, durch die unsere Heldengruppe wandert, die noch gar nicht so genau weiß, dass sie eine Heldengruppe ist.

Der Film bietet eher klassische Rollenspielbedrohungen als High Fantasy. Ein Trupp Trolle nimmt die Heldengruppe gefangen, es gibt ein Scharmützel mit Orks, aber die Zwerge ergreifen auch schon einmal rennend die Flucht: Das mag zwar albern aussehen, aber hier bleibt der Film sich als Road Movie treu. In diesem Genre kommt es früher oder später immer zu der Situation, dass die Helden vor den Ordnungshütern oder einem aufgebrachten Mob fliehen müssen. Und natürlich gehört es in solch einem Film zum guten Ton, dass sich ein Pfad mit unbekanntem Ziel auftut und die Heldentruppe diesem Pfad folgt.

Auch Gandalf ist in diesem Film Abenteurer und weniger ein weiser Mentor, wie er es später im Herrn der Ringe werden soll. Dass er ein Zauberer ist, spielte in der „großen Trilogie“ keine Rolle, im Hobbit hingegen zeigt Gandalf, dass auch er nur ein Teil der Heldengruppe ist, dass er der typische Magier der Heldengruppe ist: Vollgestopft mit Wissen und kryptischen Bemerkungen, nicht zu durchschauen, ja. Das ist Gandalf immer. Aber als Magier in einer Heldengruppe gehört es auch dazu, in Gefechten mit Magischen Geschossen um sich zu werfen. Aber er ist dennoch Gandalf: Ein kleiner Schummler und ein Schlitzohr, der immer im letzten und dennoch einzig passenden Moment auftaucht.

Laufende Zwerge, ein wirklich zaubernder Zauberer, so formiert sich die Heldengruppe. Und auch Bilbo, immerhin Namenspatron für die Trilogie, macht sich auf die Reise. Und das gleich doppelt: Er bricht mit den Zwergen gemeinsam auf, aber sein Herz ist daheim im Auenland geblieben. Für ihn ist „Eine unerwartete Reise“ damit ein doppelter Road Movie. Während die Zwerge und auch Gandalf ihr Ziel bereits vor Augen haben (auch wenn die Zwerge sich immer wieder gegenseitig versichern müssen, was ihr Ziel sei), muss er sein Ziel im ersten Film erst finden und auch psychisch zur Gruppe stoßen.

 

Visuelles

„Eine unerwartete Reise“ hat als Auftakt des Herr-der-Ringe-Prequels eine ziemliche Bürde zu tragen, was beeindruckende Landschaftsszenen angeht. Das ist aber erwartungsgemäß gut umgesetzt und hilft ungemein, den Film als Roadmovie wirken zu lassen. Ein solch handlungsarmer Film kann ohne beeindruckende Optik nicht überleben, dessen waren sich die Macher offenbar bewusst und haben sich viel Mühe gegeben.

Auch über die Landschaft hinaus hat man sich so einige Gedanken darüber gemacht, was man zeigen soll und was nicht. Insbesondere in dem Teil, der die Vorgeschichte erzählt. Ich habe es in einem Film schon lange nicht mehr erlebt, dass man sich dagegen entschieden hat, den Feind/das Monster zu zeigen, es sei denn aus Budgetgründen. Smaug im ersten Teil nicht zu zeigen, obwohl er sehr prominent darin vorkommt, ist aber sicherlich keine Budgetentscheidung gewesen, sondern ein kluger Zug. So wenig Bilbo weiß, worauf er sich mit seiner Reise einlässt, so wenig wissen die Zuschauer, worauf sich die Truppe einlässt. Die Zuschauer haben keinen Vorsprung, sie werden zumindest vom optischen Wissen her Teil der Heldentruppe.

 

Humor und Fantasy

Die „Herr der Ringe“-Trilogie ist klassische High Fantasy. Und wenn High Fantasy ein Problem hat, dann dieses, sich gelegentlich zu ernst zu nehmen. Im Herrn der Ringe wird dies (auf die gesamte Trilogie gesehen) mehr schlecht als Recht durch die Kabbeleien zwischen Gimli und Legolas (die dennoch ein großartiges Gespann sind) gebrochen. Der Hobbit hingegen ist letztlich ein Kinderbuch und beschreitet einen anderen Weg. Er nutzt das Humorpotential des Fantasygenres gnadenlos aus und bietet viel zu lachen.

Seien es schrullige Naturzauberer (dessen Auftritt trotz der Abweichung zum Buch wunderbar in den Film passt), wirklich dumpfe Trolle, ein reichlich unkonventioneller Hobbit, Zwerge mit Teekannen in Händen oder das Zwergenturnen gegen Ende von „Eine unerwartete Reise“, dieser Film geht sehr viel augenzwinkernder damit um, ein Fantasyfilm zu sein, als es der Herr der Ringe jemals gekonnt hätte. Und dennoch nimmt der Film sich ernst.

 

Fazit

Ich bin eher Rollenspieler denn Tabletop-Enthusiast. Fantasy ist für mich nicht die große Weltbedrohung und epische Schlachten wie für Tabletopper, das ödet mich spätestens nach drei Stunden Film an und dementsprechend habe ich den Herrn der Ringe immer für eine grenzwertige Sache gehalten. Gut gemacht, ja. Aber über weite Strecken furchtbar langweilig.

Fantasy ist für mich eine kleine Gruppe, die auszieht, Abenteuer zu erleben, Gefahren zu überstehen und viel zu lachen, weil Fantasy sich für mich in der Gruppe abspielt, die sich den Abenteuern und Gefahren stellt. Dass „Der Hobbit“ ursprünglich ein Kinderbuch ist, kommt meinem Verständnis eines guten Fantasyfilms dementsprechend entgegen. Sicher, es gibt den ein oder anderen Fingerzeig auf eine wirklich große Bedrohung und die Geschehnisse in der großen Trilogie werfen ihre Schatten voraus. Der Film spart an Action, aber Action gehört für mich zur Fantasy nicht unbedingt dazu. Es ist die Stimmung, die man erlebt, wenn ein Trupp Leute mit Papierbögen, Bleistiften und Würfeln bei Chips und Cola zusammensitzt und sich in eine magische Welt versetzt. Und dieses Gefühl, wenn sich eine Gruppe neu findet, vermittelt „Eine unerwartete Reise“ ganz formidabel.

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22 Kommentare zu „Besprechung: Der Hobbit – Eine unerwartete Reise

  1. Hach ja, mit Papierbögen, Bleistift und Würfeln bei Chips und Cola zusammen zu sitzen, das hätte mal wieder was. Was hatte ich für schöne DSA-Zeiten, nur irgendwie sind die ganz unbemerkt schon lange vorbei gegangen.

    Bezüglich der Tolkien-Verfilmungen habe ich mal gesagt: „Wenn Peter Jackson zusammen mit Orlando Bloom den Film „Legolas liest das Telefonbuch von Olpe vor“ herausbringen würde – sieben Stunden lang, schwarz-weiß, auf serbokroatisch, mit Hindu-Untertiteln – ich würde ihn mir ansehen.“ 😉

    Mir haben beide Trilogien gefallen. Wenn ich die beiden ersten Teile davon vergleiche, liegt „Der Herr der Ringe“ aber vorn. ICH mag Action in Fantasy-Filmen.

    Allerdings hat die „Hobbit“-Trilogie ab Teil II einen entscheidenden Vorteil: Evangeline Lilly! *seufz* 😉

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    1. Ich dachte mir beim Schreiben so ziemlich das Gleiche: Ich bräuchte mal wieder eine Rollenspieltruppe. Was Peter Jackson und Orlando Bloom angeht, bin ich hingegen so ziemlich überhaupt kein Fanboy, ich würde mir das allerdings auch angucken, wegen serbokroatisch mit Hindu-Untertiteln. *g*
      Und Action mag ich auch, aber der typische Fantasyfilm ist mir da insgesamt zu wenig innovativ. Dazu kommt morgen und übermorgen mehr. 😉

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  2. Ich kenne alle Bücher von Tolkien, die er ja für seine Jungs geschrieben hat und jedes Kapitel (manchmal hat es Monate gedauert) zur Beurteilung an die Söhne weiter gab (unterbrochen vom Weltkrieg). Übrigens ist die Frau von Tolkien Arwen Undomiel und so steht es sogar auf ihrem Grabstein. Die Romane habe ich nicht nur einmal gelesen, ich kenne sie fast auswendig und so konnte ich mich bei der ersten Trilogie noch über den Verlust von Tom Bombadil hinweg trösten (der wäre angeblich für die Geschichte nicht wichtig und zu teuer für das vorhandene Budget), da die übrige Story gestimmt hat, die Figuren gut umgesetzt wurden (bis auf Frodo, der als weinerlicher Jammerlappen rüber kommt) und dem Buch sonst gefolgt wurde. Ganz anders beim „Hobbit“, der vor neuen und teilweise völlig absurden Szenen künstlich in die Länge gezogen wurde, sodass er so lang ist wie die Herr der Ringe Trilogie, ohne aber über diesen Inhalt zu verfügen ( Frodo hätte gesagt er fühle sich wie Butter, die auf viel zuviel Brot ausgestrichen wäre, quasi ausgemergelt). Da sind manche Kapitel im HDR länger als das ganze Buch „Der kleine Hobbit“ und so langweilig ist es dann auch. Mehr als einen Teil hätte es für die Umsetzung nie gebraucht und auch wenn Jugendliche die Bücher gar nicht kennen und auf gebeisse, getötete und wilde Kreaturen abfahren, so kann die zweite Trilogie von Peter Jackson nie Kultstatus erreichen und mir würgt es im Hals wenn ich daran denke, dass diese wunderbare Geschichte eines englischen Professors mit Tricktechnik und schwachen Dialogen geradezu ausgeweidet wurde oder noch andere Schinken produziert werden sollen, um ordentlich Kohle aus der Geschichte zu pressen. Einen nächsten Teil, wo Legolas Gimli heiratet, Saruman sich als dessen Vater herausstellt und Sauron sich als Darth Vader outet wird es für mich nicht geben – sorry :-/

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    1. Also, die Entscheidung, Tom Bombadil nicht mit in die Filme zu übernehmen, gehört für mich zu den besten Entscheidungen der Filmindustrie. Was HAT der mich beim Lesen genervt:

      „Dong – long! Dongelong! Läute laute lillo!
      Wenn – wann, Weidenmann! Bimmel bammel billo!
      Tom Bom! Toller Tom! Tom Bombadillo!“

      Alter…

      Ich habe ihn an anderer Stelle mal als die „überflüssigste, sinnloseste, nervtötendste und seltsamste Romanfigur seit der ersten Niederschrift des Gilgamesch-Epos, 2.400 vor Christus“ bezeichnet. 😉

      Ich möchte aber ausdrücklich nicht die Möglichkeit ausschließen, dass ich die Figur einfach nicht verstanden habe! 🙂

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      1. Du hast nicht ganz unrecht, denn Tom soll seltsam sein und falls du dich erinnerst, er kann den einen Ring aufziehen ohne unsichtbar zu werden, weil er eines der ältesten Wesen überhaupt ist, mal abgesehen von seiner Frau die eine echte Sahneschnitte ist und deshalb schon dem Film abgeht 😉

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      2. Von mir aus kann der gerne seltsam sein. Und der Charakter gibt der Tolkien-Fangemeinde ja auch seit Jahrzehnten Anlass, über ihn zu diskutieren. Ich hätte es halt besser gefunden, wenn er von seiner Art her nicht so unheimlich nervig wäre! 😉

        Was Sahneschnitten angeht, fühlte ich mich bei „Der Herr der Ringe“ mit Liv Tyler und Miranda Otto (oft völlig zu Unrecht vernachlässigt) sowie ganz besonders mit Evangeline Lilly im „Hobbit“ nicht gerade unterversorgt. 😉

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    2. Was die Gesamtlänge angeht, stimme ich dir partiell zu, dazu am Freitag mehr, rückblickend quasi. Ich lege auch keinen übermäßigen Wert auf Werktreue in der Verfilmung, solange es stimmig ist. Aber ich bin bei Tolkien auch alles andere als Überzeugungstäter, denn als Schriftsteller kann ich ihm nichts abgewinnen. Wie den meisten englischen Schriftstellern. Englische Romane würde ich immer gern um die Hälfte kürzen. Dass ich eine Erweiterung mal mögen würde, hätte ich auch nicht gedacht.

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  3. Ich habe das Buch vom kleinen Hobbit geliebt. Sowohl zunächst auf Deutsch als auch später auf Englisch. Immer mitgefiebert mit dem kleinen Herrn und von Tolkien habe ich mich gerne mit auf die Reise nehmen lassen. Was die da in den Filmen teilweise aus der Geschichte gemacht haben, ist für mich einfach nur kommerzielle Ausschlachtung. Die Geschichte gibt genug für einen Film in Überlänge her, aber gleich drei Filme in Überlänge mit hinzu erfundenen Geschichten und nur, damit am Besten die, die nur den Herr der Ringe kennen, auch mit dem Hobbit was anfangen können, ein paar der Figuren hinüber zu erfinden? Da werde ich aggressiv. Ehrlich. Da kann man meinetwegen sagen „Inspiriert vom kleinen Hobbit“ aber die Filme sind für mich ein gelungenes Beispiel für absolut misslungene Buchverfilmungen. Wenn man die Geschichte nicht kennt und die Filme anschaut, könnte ich mir höchstens vorstellen, dass man vor lauter Langeweile das meiste verpennt, weil die Handlung dermaßen in die Länge gezogen ist. Wenn man die Geschichte kennt, sitzt man eh nur verwundert da und reibt sich die Augen, was die mit diesem großartigen Buch gemacht haben.

    Ich geh jetzt Schokolade essen, dann reagiere ich mich wieder ab. Uff.

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    1. Ich finde es erstaunlich, zu was für hoch-emotionalen Reaktionen Tolkien taugt. Offenbar läuft da bei mir etwas grundsätzlich falsch. Oder ich bin wirklich zu sehr P&Pler.

      Aber keine Sorge, du kommst noch zu deinem Recht. Freitag. *g*

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  4. Eine schöne Besprechung, die durchaus wohlwollend ist. Finde ich toll! Vielleicht, weil ich selbst auch einmal Rollenspieler war? Ich mag Fantasy ohnehin sehr gerne. Welche Fassung hast du denn gesehen? Kino oder Extended?

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    1. Ich habe alle drei Teile in der Kinofassung gesehen. Ich finde Extended Versions in den meisten Fällen lästig und im Falle HdR vor Allem entschieden zu lang.
      Ich fand es in diesem Falle (und auch im Zweiten, dazu aber morgen mehr) ziemlich frappant, die Erzählweise war ein klarer Fall von Flashback. Und als P&Pler ist man ja daran gewöhnt, belächelt zu werden, weil das niemand versteht, der es nicht macht. Das würde auch die extrem ablehnenden Kritiken erklären. Der Film bedient sich offenbar einer merkwürdigen Sprache.

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      1. Gerade bei HdR empfand ich die Extended Editions als absoluten Mehrwert. Auch im zweiten und dritten Hobbit-Teil haben sie die Filme deutlich aufgewertet.

        Ich habe Shadowrun gespielt, da war nicht viel mit allzu klassischen Fantasy-Welten. Dennoch fühle ich mich in Mittelerde seeehr wohl 🙂

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      2. Ach … Das Feeling ist in jedem Spiel das Gleiche. Auch in Shadowrun gibt’s Dungeons und Drachen, auch wenn sie anders heißen. 😉
        Was den Mehrwert angeht: Vielleicht guck ich mir die Extendeds auch an. Prinzipiell muss der Film dafür aber auch in der Basisversion überzeugen. Sonst macht seine Veröffentlichung keinen Sinn. Das stört mich ein wenig an diesen ganzen Versionen (Star Wars ist da ein ganz schlimmes Beispiel). Sie Kunst eines fertigen Kunstwerks ist ja, dass man nichts wegnehmen kann. Aber auch nicht hinzufügen muss.

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