Am heutigen Dienstags-Montag fragt Buchfresserchen im Auftrag vom Wortmagieblog nach unserer Einstellung zu Büchern und Gewalt. Und da ich mir beinahe den Finger an einer Buchseite geschnitten hätte, kann ich was zu blutigen Büchern sagen.

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Denn die Frage präzisiert weiter: Ob ich wohl blutige Szenen möge. Darauf kann ich ein beherztes „Kommt auf die Szene an“ antworten. Wenn die Szene schlecht geschrieben ist, kann ich damit leben, wenn das Blut aus dem Finger, der sich ja gerade an der Seite geschnitten hat, über die Szene spritzt. Ansonsten bin ich bei Büchern zwar nicht kleinlich, versuche Verschmutzungen aber tunlichst zu vermeiden und pflastere den Finger, bevor das Buch rot wird.

Wenn es um blutige Szenen geht, bin ich in der Tat leidenschaftslos. Ich finde Metzeleien in Büchern nicht abstoßend, mein Magen verrenkt sich dabei nicht, ich finde es eher langweilig und wenig einfallsreich. Wenn es darum gehen soll, Ekel zu erzeugen, muss man mir nicht mit Blut kommen, wenn es um die Darstellung von Grausamkeit geht, gibt es viel perfidere Methoden.

Damit wären wir beim Gewaltbegriff. Gewalt ist immerhin mehr als abgetrennte Gliedmaßen. Gewalt ist ein umfassendes Phänomen. Es gibt physische und psychische Gewalt, es gibt strukturelle Gewalt und noch ein paar Aspekte mehr. Während ich also physische Gewalt in Büchern einigermaßen langweilig finde, mag ich Bücher, die sich mit struktureller Gewalt – diskriminierenden Normen, Marginalisierung von Gruppen oder Individuen – beschäftigen, ganz reizvoll.

Meine Probleme habe ich mit psychischer Gewalt in Buchform, gerade wenn sie gut dargestellt ist. Physische Gewalt ist für meine Begriffe immer episodenhaft: Jemand wird verprügelt, Schnitt, dann wird jemand erneut verprügelt oder jemand anderes wird verprügelt, Schnitt. Psychische Gewalt dagegen ist prozesshafter. Sie zielt darauf, Abhängigkeitsverhältnisse zu schaffen, die Schwächen einer Person gezielt auszunutzen und das Opfer langsam und methodisch zu Grunde zu richten, über einen langen Zeitraum hinweg. Und das in den meisten Fällen grundlos (oder genauer: aus nicht nachvollziehbaren Gründen heraus). Da stehe ich nicht nur nicht drauf, das finde ich so unangenehm zu lesen, dass ich darauf verzichte. Nicht weil es, wie im Falle ausgiebiger physischer Gewalt, langweilig wäre, sondern weil es zu aufreibend für mich ist.

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17 Kommentare zu „Montagsfrage: Buchgewalt

  1. An psychische Gewalt hatte ich bei meiner Antwort gar nicht gedacht. Aber ich muss gestehen, dass ich die beim Lesen belastender finde. Außer, man liest American Psycho – da ist die Beschreibung konkreter körperlicher Gewalt schier unerträglich. 😉

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    1. Das Buch habe ich noch nicht gelesen. Aber es klingt auch nicht danach, dass ich es unbedingt möchte, weil ich es wohl langweilig finden würde. Mir begegnet psychische Gewalt in Büchern halt tendentiell häufiger als „platte Prügelei“.

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  2. Das ist im Grunde genau mein Thema. Bei, – gefühlt – jeder dritten Rezension beklage ich einen sinnlos hohen Gewaltgrad in den Büchern. Wenn, wie in „Im Wald der stummen Schreie“ von Grangé, Mordopfer zerteilt und die Einzelteile neu arrangiert werden oder in „Der Rätselmacher“ von Baer und Greene, die Opfer gekocht (!) werden, um nur die Knochen zurückzubehalten, dann frage ich mich schon: „Muss das denn sein?“ Meistens lautet die Antwort: „Nein!“, weil mit der überzogenen Gewalt nur versucht wird, die Handlungsarmut eines Buches zu kaschieren. Das funktioniert nur leider nicht!

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  3. Reines Gemetzel gefällt mir schon bei Filmen nicht. Es hat mir nie Angst gemacht oder mich in jeglicher Weise berührt. Ich finde es eher langweilig. Im Zusammenhang zu einer tiefen, packenden Story, okay. Aber auch das darf nicht zu lange anhalten…
    Einen schönen Nachmittag!

    Liebste Grüße

    Rosa

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  4. Es kommt immer drauf an. Je nach Story kann sie schonmal „gut“ hineinpassen, wobei es auch dann immer eine Frage der Darstellung ist. Für ein bisschen Unterhaltung, zu ein paar Bier mit Freunden, können 90 Minuten Action inkl. der mehr oder weniger sinnlosen Gewalt und ein paar coolen Sprüchen ganz spaßig sein, wobei hingegen meine wirklichen Lieblingsfilme nahezu komplett gewaltfrei sind. Mit Filmen wie „SAW“ konnte ich nie etwas anfangen, generell mit dem gesamten „Horror-Genre“ nicht, weil da meist neben der sinnlosen massiven Gewalt auch noch vollkommen langweilige, nahezu nervig blöde Charaktere hinzukommen. Zum Thema (psychische) Gewalt fällt mir wieder „Funny Games“ ein…

    Aber es geht ja hier nicht um Film- sondern um Buchgewalt. Bei Büchern bin ich da deutlich kritischer und ziehe gute Storys mit starken Charakteren, die gerne ohne oder mit äußerst wenig Gewalt auskommen, definitiv vor. Ich „verbringe“ immerhin Stunden und Tage mit einem Buch, da will ich in die Geschichte hineingezogen werden, in die Gedanken der Figuren eintauchen – was mir eher schwer fällt, wenn ich mich inmitten eines Blutbads wiederfinden würde.

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    1. Das ist ein wichtiger Punkt. In Büchern bin ich aus genanntem Grund kritischer. Bei Filmen darf es gewalttätiger zugehen (auch wenn ein wenig Geprügel oder Geschieße für mich noch keine Gewalt ist) , auch wenn ich mir sowas ohne Bier und Freunde angucke. Weil ich beides nicht mag. ^^
      Im Unterschied zu Büchern sind mir mittlerweile auch Filme eingefallen, wo übermäßige Gewalt Sinn macht. Wenn auch nur zwei: American History X und Hooligans.

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      1. Es dient halt dem „Abschalten“, das klappt natürlich auch allein und alkoholfrei (obwohl manch Film wirklich nur mit Alkohol erträglich wird). Den ein oder anderen muss ich sowieso allein anschauen, da mein schwarzer Humor offensichtlich zu sehr ausgeprägt ist… 😀
        Es bleibt sowieso immer Definitionssache, was nun schon „Gewalt“ ist und was nicht. Ein bisschen Geprügel sicher nicht, sonst wären Bud Spencer und Terence Hill ja richtige Monster 😀

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  5. Ich bin mir nicht sicher, ob es bei den Beschreibungen von ausufernder physischer Gewalt immer nur ums Füllen von Seiten geht … Insbesondere einige skandinavische Krimiautor_innen der letzten Dekade scheinen in einem Wettstreit um die abartigste Phantasie zu stehen. Vielleicht wollen sie ausloten, „was noch geht“, oder welche Umstände noch keine_r beschrieben hat?
    Ich brauche das jedenfalls auch nicht, muss aber gestehen, dass meine Aufnahmekapazität für die Schilderung psychischer Gewaltanwendung nicht (mehr?) unendlich ist. Ich habe früher z. B. gerne Minette Walters gelesen, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Ich weiß nicht, ob es (nur) an ihren Themen lag oder ob meine Empfindlichkeit zugenommen hat, aber ein Werk steht seit Jahren herum und wartet darauf, dass ich mich vielleicht doch noch mal rantraue …

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    1. Oder es ist die Erkenntnis: Oh, ausufernde Gewalt zieht bei den Leuten, von dem Kuchen möchte ich was abhaben, also muss ich meine Geschichte auch entsprechend mit sowas anreichern, damit es attraktiv für die Leute ist. Gerade was die skandinavischen Krimis angeht, habe ich den Verdacht, dass solche Passagen nur dem Marketing dienen.

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