Es ist ja nicht so, dass ich vielseitig interessiert und – was wichtiger ist – vielseitig talentiert wäre. Ich wollte gerade ergänzen, dass ich auch vielseitig begehrt wäre. Das ist korrekt, aber in diesem Fall nicht von Belang. Was hingegen von Belang ist: Ich bin auch ein formidabler Polizist.

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Winterzeit, Diebeszeit.

Es war eine stürmische Nacht. Der Wind pfiff durch die Ritzen. Irgendwo bellte ein Hund. Zumindest war der Nachmittag ähnlich zäh wie dieser klischeehafte Romaneinstieg, den ich mir geliehen habe. Lethargie machte sich breit. Die Kundschaft saß bei Kaffee und Kuchen oder las Zeitung, tobte durch die Kinderbibliothek oder suchte diverse verloren gegangene Ehepartner. Der Frühaufsteher und ich machten Faxen.

Da näherte sich ein älterer Herr der Theke. Er war ganz aufgeregt und berichtete seine Entdeckung. Dort sei eine Taschendiebin neben der Bibliothek. Er habe sie durch das Fenster beobachtet. Man müsse etwas unternehmen. Wir nahmen uns die Taschendiebin vor, zunächst durchs Fenster. Eine ältere Dame durchwühlte eine wuchtige Handtasche und räumte Gegenstände in eine Plastiktüte. Was tun, Polizei rufen? Nein, bis die ausgerückt ist, wäre die Taschendiebin entwischt, erklärte der ältere Herr. Also beschlossen wir, sie zur Rede zu stellen, auch weil ich Bedenken geäußert hatte: Zunächst müssen wir klären, warum die Dame so dilletantisch in aller Öffentlichkeit ihrer Tätigkeit nachgeht.

Gesagt, getan. Der Frühaufsteher versteckte sich tollkühn hinter der Theke. Ich stürzte mich ins Gefecht. Nach einem Spaziergang um die Bibliothek standen der ältere Herr und ich vor der Taschendiebin. Der ältere Herr, begeistert von unserem Polizeispiel, stellte die Dame zur Rede, wollte ihr die Tasche schon entreißen. Die Taschendiebin war sichtlich perplex ob des Vorwurfs, sie habe die Tasche gestohlen. Im Gegenteil, das sei ihre Tasche, sie suche ihren Haustürschlüssel, aber der sei ihr wohl verloren gegangen.

Der ältere Herr war nicht überzeugt, zerrte erneut an der Tasche. Die Dame erboste sich. Sie warte auf Nachbarn, die sie einlassen können. Ich fragte die Dame, ob sie sich ausweisen könne, nur um die Zweifel des Herrn auszuräumen. Sie erwiderte schnippisch, dass sie dazu sicherlich nicht verpflichtet sei, griff dann aber in die Handtasche. Die Geldbörse war wieder aus der Plastiktüte in die Handtasche gewandert. Nicht sehr taschendiebisch. Ebensowenig wie der zielsichere Griff nach dem Ausweis. Der steckte hinter einer anderen Karte. Erst zog sie die Karte hervor, die davor lag, bemerkte ihren Fehler auf halber Strecke, nahm den Personalausweis. Sie wusste, wo der Personalausweis verborgen war, konnte ihn zielsicher greifen, bemerkte einen typischen Fehler vollgestopfter Geldbörsen (Das sehe ich an der Ausleih-Theke häufiger und kenne es aus eigener Erfahrung. Meine eC-Karte ist zickig.) und sah so aus wie die Dame auf dem Photo.

Nun war der ältere Herr enttäuscht, seine Entschuldigung bei der Dame war aber mehr als halbherzig. Ich erklärte ihm, dass sein kriminalistischer Traum ausgeträumt sei und dankte ihm, dass er so aufmerksam gewesen sei. Ebenso dankte ich der gewesenen Taschendiebin für ihre Kooperation. Anschließend entschuldigte ich mich für die entstandenen Unannehmlichkeiten, sie exkulpierte mich wegen Nicht-Beteiligung. Ihr war es vor allen Dingen sichtlich peinlich, dass ihr hektisches Tun beobachtet worden sei und zu solchen Schlussfolgerungen geführt habe. Am Ende, ein wenig belustigt, fand sie es aber immerhin gut, dass ihr Umfeld so wachsam sei. Ja, unsere Bibliothek mitsamt seiner ehrenamtlichen Helferlein ist besser als jedes Security-Unternehmen.

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10 Kommentare zu „Inspektor Zeilenende klärt auf

    1. Sie stand direkt vor ihrer Haustüre. Und sie suchte und suchte, alles in Allem bestimmt 10 Minuten. Ich nehme an, die war zu sehr durch den Wind. Um in die Bib zu kommen, hätte sie um den halben Block gemusst, weil unser Eingang auf der anderen Seite ist.

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