Es ist Sonntag und Zeilenende hat frei. Zeit für einen Augenblick der Muße, um im Alltag das Besondere zu suchen, zu packen und festzuhalten. Wenn das nur so einfach wäre.

Es ist Sonntag. Ich habe frei. Ich habe mir ein paar Sachen vorgenommen. Das mit dem „Sachen vornehmen“ an freien Tagen ist so eine Sache für sich. Während man unter der Woche geschäftig durch die Gegend läuft, dem Broterwerb nachgeht, die Einkäufe erledigt und den Haushalt schmeißt, bedeutet der freie Tag 24 Stunden zur freien Verfügung. Zeit, um Großes anzupacken. Sich Zeit zu nehmen für Dinge, die unter der Woche zu kurz kommen: Das große handwerkliche Projekt, ein paar Stunden allein mit dem Photoapparat, ein paar Folgen einer Serie bei Tageslicht gucken, Zeit mit den Lieben verbringen.

Schnell häuft sich eine Liste an, die abgearbeitet werden will. Nebenbei am Besten noch Revue passieren lassen, was man in der Woche geschafft hat. Dann einen Blick auf die Liste werfen: Womit fange ich an? Der halbe Haushalt liegt noch im Bett, kann ich wirklich die laute Küchenmaschine anwerfen? Mutter Zeilenende wecken, um sich mit ihr zu unterhalten? Nein, das geht beides nicht. Blogbeitrag schreiben, gute Idee, dann kann man einen Punkt auf der Liste abhaken.

Doch sofort rebelliert die kleine Stimme im Kopf und mahnt: Hast du heute nicht deinen freien Tag? Wieso kettest du dich dann an die Liste in deinem Kopf? Warum willst du sie am Ende des Tages abgearbeitet haben? Du bist doch eigentlich bescheuert. Genieß es. Mach das, was auf deiner Liste steht, aber doch nicht deshalb, um es zu erledigen, sondern weil du es gern tust. Sonst ist dieser Blogbeitrag nur Zwang.

„Zeit für sich nehmen“ ist derzeit ein großes Thema. Im Feuilleton, in Blogs ebenso. Was unter dem Stichwort „Achtsamkeit“ verhandelt wird, geht ja in die gleiche Richtung. Das wundervolle Marinsche macht es wunderbar vor, wie das mit der Achtsamkeit laufen kann und stellt momentan jeden Tag eine kleine Alltagsbeobachtung vor. Ich habe in den letzten Tagen immer ein kleines Bild beigesteuert. Gestern nicht. Weil ich viel zu tun hatte. Weil der Alltag mich verschlungen hat. Aber manchmal ist es genau das, was mich glücklich macht und für tiefe Entspannung sorgt. Ich bin durchgetaktet, organisiert, bewältige die Dinge wie sie anfallen oder erledigt werden müssen. Etwas Ungeplantes, Unerwartetes kommt dazwischen und verlangt sofortige Lösung? Super! Und das ist keine Ironie. Ich mag das Chaos, die Unvorhersehbarkeit des Alltags. Es ist eine Herausforderung. Ich mag Herausforderungen.

Was ich nicht mag ist Leerlauf, ungenutzte Zeit. Auch der Abend, das Dasitzen im Schaukelstuhl, der Blick an die Decke im Dunkeln, das ist keine ungenutzte Zeit, das ist ein Rückblick auf das, was man geschafft hat, Verarbeitung des Ärgers über eine Kundin, weil der Bestandsaufbau nicht nach ihren (kuriosen, um nicht zu sagen blödsinnigen) Wünschen war. Und die mir nicht glauben wollte, dass die Werke von Milton Friedman oder Carl Friedrich von Weizsäcker in einer Öffentlichen Bibliothek mit 60.000 Medien nicht unbedingt vorgehalten werden müssen. Nur lässt sich so etwas nicht bildlich dokumentieren. Es wäre ein komplett schwarzes Bild. Deshalb, liebes Marinsche, nachträglich mein Beitrag zur Achtsamkeit gestern: Kein Bild. Weil alles gut war. Weil der Tag erfüllt war. Und es nichts besser ausdrücken könnte als ein schwarzes Bild.

Was ist aber nun mit den Listen, mit denen wir unsere Freizeit versklaven, uns die Zeit für Muße nehmen? Es gibt einen Unterschied zwischen Muße und Langeweile. Freie Tage sind, wenn man sie nicht zur Wiederherstellung geistiger und körperlicher Energie braucht, offen. Offenheit ist etwas, das wir füllen können. Wie wir das tun, können wir am Besten unterscheiden. Wenn man glücklich ist mit „Rumklüttern“, hier und da etwas zu erledigen, oder wenn man spontan entscheiden möchte, ein paar Stunden im Buch zu verschwinden, dann ist das ebenso legitim wie im Kopf oder auf dem Papier eine Liste zu haben mit Wünschen für diesen Tag. Es ist kein falsches Bewusstsein, die Unterwerfung unter eine Systemlogik, wenn die Liste am Ende des Tages abgehakt ist. Zumindest nicht zwangsläufig. Das habt ihr in der Hand:

  • Wenn es euch um das geht, WAS auf der Liste steht und nicht darum, DASS es auf der Liste steht und
  • wenn ihr es ertragen könnt, die Liste an diesem freien Tag nicht abgearbeitet zu haben,
  • wenn ihr es euch nicht zum Vorwurf macht, statt der Punkte auf der Liste doch andere Punkte erledigt zu haben,

und ihr am Ende des Tages glücklich seid: Was kann euch besseres passieren?

Ich hake meinen Punkt „Sonntagsbeitrag“ auf der Liste ab, glücklich ihn geschrieben zu haben und schenke euch mein denkwürdiges Brotbild der Woche, volle Vorfreude auf das Frühstück um 10 und damit zugleich mein heutiger Beitrag zum Thema Achtsamkeit:

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Wie ihr seht, habe ich mal etwas ganz Ausgeflipptes gemacht. Okay, die erste Ausgeflipptheit könnt ihr nicht sehen, aber ich habe mal wieder mit dunklem Dinkelmehl gebacken. Mir war danach. Linkerhand ein Roggenmischbrot (75% Roggen, 25% Dinkel), das ich in Dinkelflocken gewälzt habe, bevor es ins Gärkörbchen gewandert ist. Rechterhand ein Helles Mischbrot (50% Dinkel, 25% Weizen, 25% Roggen) mit den restlichen Reisflocken und Haferflocken, in denen ich es gewälzt habe.

Ich bin eigentlich kein großer Fan von bestreuten Broten, aber das ist ja das Schöne: Selbst wenn auf der Liste „Brotbacken“ steht – da steht fast nie, wie das Brot werden soll. Es entsteht, während ich es mache. Nicht nur das Brot, auch seine Zusammensetzung. Zeilenende, der Herr über Leben und Brot.

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19 Kommentare zu „Listen voller Entspannung

  1. Mmmmmmmmhhhhhh….die Brote sehen zum anbeissen aus…oder „Wie gekauft“….das war früher immer das größte Lob der Kinder für selbst kreiertes 🙂

    Und: ja….genau das ist es….Dinge die man tut sollte man gern tun….es sollte ein gewisser Flow dabei sein….und das was ich tue sollte ich achtsam tun.

    Wie schön ist es doch, um beim Thema Brotbacken zu bleiben, die Zutaten mit allen Sinnen zu geniessen. Da wo es nicht nur um den Akt des Brotbackens an sich geht, womöglich noch schnell mit drei anderen Aufgaben verquickt, sind diese Sinneserfahrungen wieder möglich.

    Der Geruch der Zutaten, das rieseln des Mehls beim abwiegen, das Vermengen der Zutaten ( vielleicht sogar noch als haptisches Erlebnis von Hand ), der aufgegangene Teig der dann in den Ofen geschoben wird um dann die ganze Küche mit wunderbarem Duft nach frisch gebackenem Brot zu durchströmen….

    Und genau da hat auch Kreativität ihre Freiräume und kann sich entfalten durch z.B. spontanes Zugeben von Zutaten, so das ein herrliches Brot nach Tagesform dabei herauskommt…

    Als kleine Übung für mehr Achtsamkeit im Alltag sind diese kleinen Momente, die wir bewusst wahrnehmen, in die wir uns kurz hinein begeben…das kann im Tun geschehen, durch einen schönen Gegenstand, ein besonderes Geräusch,….etwas das uns berührt….und weiter trägt in den Alltag….

    So entsteht nach und nach mehr Bewusstsein für unser Tun….zu unserem eigenen Wohl und zum Wohle unserer Mitwelt.

    Dankeschön für diesen gehaltvollen Beitrag, Zeilenende 🙂

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    1. Und das zufriedene Auf-die-Schulter-Klopfen, wenn etwas gelungen ist. Das ist mMn auch ein großes Problem. Sich selbst für eigene Leistungen anzuerkennen. Auch wenn man es (wie ich oft) runterspielt. Freut mich, dass dir der Beitrag so gut gefallen hat und danke für den Reblog. 🙂

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      1. Gerne 🙂 ja, eigene Leistung anerkennen ist etwas wesentliches….das haben die letzten Generationen glaub gelernt…und lernen immer noch….das harrsche Negativ-Beispiel sind für mich immer die Hausfrauen, die einen Kuchen oder was auch immer auf den Tisch stellen mit ‚zig Anmerkungen das es sonst aber immer besser gelänge….und irgendwas stimmte diesmal nicht mit diesem oder jenem…

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      2. Ach … Ich glaube, da ist immer ein wenig Zurückhaltung mit bei, die Damen wissen schon, dass sie es backtechnisch drauf haben. Aber sie wollen es nicht zugeben. Obwohl … Es ist wahrscheinlich eher das „nur Kuchen backen“. Könnte ich mir vorstellen, dass sich dahinter die Scham verbirgt, nur Hausfrau zu sein und sich damit nicht noch brüsten zu wollen.
        Guter Punkt. 🙂

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      3. Jaaaaa….meine Güte…..also….sonst verteile ich ja keine solche Klischees…..nicht das ich das nötig hätte….aber manchmal fällt es mir halt auf….bei manchen…..nicht bei allen….aber mehr bei sonigen als bei sonigen…..ach…..ich weiß auch nich…..

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  2. Deine drei Punkte treffen mal wieder den Kern. Natürlich ist es leichter gesagt als getan.
    Denn wenn man sich etwas vor nimmt, muss man es ja schließlich auch abhaken. Ansonsten ist da gleich wieder der Gedanke des Scheiterns, Versagens oder sonst wie Nicht-Erfüllens einer gestellten Aufgabe im Kopf. Gesellschaftlich wird es doch nach wie vor wenig akzeptiert, das man einen Tag ohne Termine, Aufgaben oder einfach ohne Plan verbringt. Man muss sich also nicht nur gegenüber sich selbst sondern auch gegenüber seinem Umfeld rechtfertigen. Insbesondere, wenn man einen Plan hatte, diesen an sein Umfeld kommuniziert hat und dann doch selber ändert.
    Sich tatsächlich wieder bewusst gegen eine bereits getroffene Entscheidung zu entscheiden, erfordert manchmal Mut und das Wort „etragen“ das du verwendet hast, ist da in der Tat eine gute Wahl.

    Dein Beitrag regt zum Nachdenken an. Danke 🙂
    Das Brotbild macht mich übrigens wieder neidisch. Lecker sieht das aus!

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    1. Ja, ums Umsetzen kümmere ich mich auch nicht, das ist dem Einzelnen überlassen und das bestimmt auch, wie schwierig es ist. Aber es lohnt sich, wie ich denke. Deshalb wollte ich es einmal anstubsen. Und offenbar hat es funktioniert. Nächste Woche machen wir dann Gruppentherapie und üben „Doch nicht“ sagen. 🙂

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  3. Sehr schön geschrieben und dabei auf den Punkt gebracht, wie schnell ein freier Tag doch Stress und (selbst auferlegte) Verpflichtungen mit sich bringt. Mir ging es gestern so. Alles zu viel obwohl eigentlich nichts als Zwang vorherrschte. Heute versuche ich nur das zu machen, was mir gerade gut tut. Natürlich schaff ich es nicht. Brot backen…darauf hätte ich Lust. Es sieht fantastisch aus.
    Einen schönen Sonntag.

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    1. Der Tag geht so schnell weg. Ich wollte heute auch ein paar Blogbeiträge vorbereiten, nachdem der hier so gut von der Hand ging, aber dann war da diese Fotoausstellung mit alten und neuen Bildern meines Wohnorts … Massenandrang … Zack waren zwei Stunden weg. Und die ZEIT von dieser Woche habe ich auch noch nicht durch. Achja …
      Deshalb habe ich mir abgewöhnt, über einen Tag zu urteilen, bevor er vorbei ist. Aristoteles hat behauptet, man könne vielleicht erst lange nach dem Tod eines Menschen entscheiden, ob er ein glückseliges Leben geführt hat. Zumindest was den einzelnen Tag betrifft, denke ich, dass er nicht so falsch liegt: Die Glückseligkeit des Tages ersieht man erst am Ende des Tages. Von daher danke ich für das Lob fürs Brot und hoffe für dich, dass du heute Abend zufrieden zurückblickst, weil das „Guttun“ überwiegt.

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      1. Ein paar Blogbeiträge vorbereiten….ich mach es zwar immer spontan, aber man will nicht glauben wie viel Zeit da drin steckt. Gerade bei dir, der so viel und so vorbereitet und durchdacht veröffentlicht. Aber lass dir gesagt sein, es lohnt sich – ich lese unheimlich gerne bei dir.

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