Manchmal ist das Internet doch für etwas gut. Man stößt auf gute Musik, auch jenseits des Radios. Zugegebenermaßen verdanke ich die meisten musikalischen Entdeckungen dem Web-Radio und damit wieder kuratierten Listen, aber in einem Fall war es tatsächlich ein Youtube-Phänomen, das mich zum Fan gemacht hat. Und das will ich auch mit euch machen.

Es war im Jahr 2008, als ich Bekanntschaft mit einem Video schloss und mich spontan verliebte. Das war vor meiner Liedermacher-Phase, ich war damals noch ziemlich gruftig drauf und habe neben Schandmaul oder Subway to Sally vor allem solche Sachen wie Lacrimosa, Samsas Traum oder Goethes Erben gehört. Links erspare ich euch, googlen könnt ihr das auf eigene Gefahr.

jasper

Mitten hinein in meine musikalische Tristesse, die lediglich durch den alljährlichen ESC unterbrochen wurde, brach ein junger Mann mit Mütze und Gitarre und Humor. Die Qualität der Musik des folgenden Beitrags ist hoch, die Qualität der Videos altersbedingt leider nicht. Aber bei Spotify gibt es Jasper qualitativ hochwertig zu hören. Oder ihr kauft euch altmodisch die CDs, so wie ich damals.

Auch wenn ich meinen jüngeren Followern wahrscheinlich erklären sollte, was ICQ ist, ist das Lied immer noch super und war so etwas wie mein genremusikalisches Aussteigerprogramm … Oder formulieren wir es vorsichtiger und nennen es mein Verbreiterungsprogramm. Lediglich Goethes Erben meide ich heute – weil mir die Texte doch ein wenig zu heftig sind.

Ich fand den Song witzig, clever und gut gemacht. Also hörte ich andere Clips des Interpreten. Der Sound gefiel mir. Die Texte fand ich super. Ich musste beim Musikhören viel lachen. Es ist Blödsinn, zwar nicht im herkömmlichen Sinne, aber so wie ich das Wort benutze. Und es ist gut gemachter Blödsinn von jemandem, der singen und texten kann. Jasper macht sich über die ein oder andere Marotte der Generation Internet lustig …

… aber er kann auch anderes als Blödsinn. Jasper kann auch traurige, deprimierende Lieder, die meinem damaligen Geschmack eher entsprochen haben…

…und macht damit Musik, die mitten in die Gefühlswelt von Teenagern zielt. Das könnte man kitschig nennen und ist manchmal gefährlich nah dran („Es ist zu spät, wenn die Turmuhr 13 schlägt“), aber „feiern Partys ohne Girlanden“ versöhnt damit wieder … und mal ehrlich – gibt es Menschen, die das Gefühl nicht kennen „dass der Planet dich nicht mehr trägt“? Ich denke, das hat jeder schon einmal erlebt, aber nur wenige haben es so gut ausdrücken können.

Natürlich, jeder Barde braucht ein Liebeslied, denkt man. Das ist durchaus richtig, aber Liebeslieder sind mehr als solch  schlüpfrige Altherren-Phantasien wie „Santa Maria“ von Roland Kaiser. Das übelste Klischee des Liebesliedes ist jedoch das Trennungslied. Es gehört verboten, in den Giftschrank der Musik gesperrt, eigentlich. Aber es gibt Jasper, der daraus was macht und mit Isabelle nicht bloß Schluss macht und dem ganzen eine überraschende Wendung gibt.

Liebeslieder sind häufig Lieder über besondere Menschen. Man kann viel falsch machen, wenn man besondere Menschen besingt, fragt mal Namika, der ich heimlich ein nässendes Exzem auf den Lippen und an den Fingern wünsche für den „Lieblingsmensch“. Dass solch ein Lied in die Charts kommt, sagt noch mehr über den beklagenswerten Zustand unseres Landes aus als anhaltend hohe Quoten fürs Traumschiff. Aber es geht auch anders, wie Lioba und ihr „adipöses Herz“ beweisen.

Wir haben jetzt über Blödsinn gesprochen, über Liebe, über die Befindlichkeiten von pubertären Monstern und gute Texte. Ein letztes Mal möchte ich noch über gute Texte sprechen und die jungen Menschen verteidigen, zu denen ich wohlwollend gerechnet noch gerade so gehöre.

Klipp Klapp
Mit dem Klapprad ab durch die Stadt
Und Schnipp Schnapp
Wird aus dem T-Shirt ein Tip-Top
Die Flip-Flops ausgepackt
Und ab in den See
Hey, stop mal eben
Ist das wasserfeste Sonnencreme?

Das ist onomatopoetische Dichtung der schönsten Sorte und soll mir zum Schluss noch als Beleg dafür dienen, dass es in der Lebenswelt junger Menschen nicht nur um Internet, Liebe und Depression  geht. Ich hoffe, der kleine Ausflug in meine Musiksammlung (ich würde ja sagen „in mein Herz“, aber sowas habe ich nicht) hat euch gefallen. Und demnächst gibt es auch den versprochenen Beitrag über „meine 80er“, den ich hiermit erfolgreich prokrastiniert habe. 🙂

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19 Kommentare zu „Musik: HDL

      1. Genial 🙂 ich würde ihn jetzt nicht ständig hören wollen, weil ich ihn tatsächlich auch eher dem Teenie Genre zuordnen würde….aber mal abseits vom Mainstream geht’s 😉

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    1. Japp, die Musik ist Nische, das muss man schon mögen. Wäre ja auch langweilig, wenn wir alle nur das gleiche hören. Aber schön zu sehen, dass ich nicht nur dafür schwärme, sondern andere auch Qualitäten sehen. 🙂

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  1. Ich habe mir das erste Lied angehört und mir geht es wie Arno von Rosen: ich kenne die Abkürzungen alle. Die meisten davon nutze ich auch. In meinen privaten Foren auch Smileys, zumindest meine Lieblingssmileys.
    Irgendwie fühle ich mich von Jasper ertappt…

    Ich werde mich heute abend mal durch deine Titelauswahl durchzappen, er gefällt mir.

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    1. Mit HDL habe ich offenbar den richtigen Appetithappen gewählt. Ich fühle mich auch manchmal ertappt, wenn ich das Lied höre, aber er macht das mMn so charmant, dass man über sich lachen kann. Ich bin neugierig, wie dir der Rest gefallen wird. 🙂

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