… eine Bahnfahrt ist nicht schön. Ich höre schon den Widersprich passionierter Pufferknutscher. Für die gibt es nichts Schöneres, als über Stunden in einer besseren Konservendose eingesperrt auf festgelegten Wegen durch die Gegend geschaukelt zu werden.


Dieser Beitrag ist neben einer Abrechnung mit dem Bahnfahren an und für sich der Versuch eines Liveblogs. Also gut, das was ich unter einem Liveblog verstehe. Die Urfassung entsteht, während neben mir eine lila Strickjacke ebenso verzweifelt wie ich zu entspannen versucht und der ICE unter meinen Füßen den Langsamfahrabschnitt verlassen hat, um nun doch mit 40minütiger Verspätung weiter gen Frankfurter Flughafen zu fahren.
Aber ehrlich gesagt, ich habe gerade absolut keinen Bock. Ich bin müde, ich bin genervt, ich bräuchte einen Kaffee. Dieser penetrante Stewardessenersatz, den die Bahn manchmal gar durch überfüllte Regionalexpresse jagt, hat sich seit unserer Abfahrt vor 4h nicht einmal blicken lassen. Ich könnte ins Bordbistro gehen, aber das ist weit weg. Ich habe ernsthafte Befürchtungen, auf dem Weg zurück hinzufallen. Schon wach stolpere ich mehr durch diese grässlich ruckelnden Züge als dass ich dadurch liefe. In meinem Zustand bin ich glücklich, dass die Toilette direkt in meinem Rücken ist.
Aber der Reihe nach. Die lila Strickjacke ist erstmal ohne Bedeutung. Falls sie mitliest … Nicht einschlafen, ich will gleich auf Toilette! Mein Zustand hingegen ist bezeichnend. Ich bin hochgradig gestresst. Ich merke es deutlich, denn ich tippe hier einen Mist, den ich noch nicht einmal nach fünf Korrekturlese-Sessionen fehlerfrei bekommen werde. Es sei denn, ich streiche ganze Absätze, deren Sinn sich mir, bei Lichte und ausgeschlafen betrachtet, nicht mehr erschließen wird.
Woran liegt das? Abgesehen von einem insgesamt schönen, aber auch stellenweise anstrengenden und vor allen Dingen langen Tag in der bayerischen Hauptstadt (schon die zweite Auslandsreise für dieses Jahr, langsam fühle ich mich in der Fremde heimisch) – Merkt ihr, wie der Satz kein Ende nehmen will? Also: Ich war in München. War schön, ein wenig anstrengend, vor Allem lang. Ich glaub, ich hab mich ein wenig in München verguckt. Ich will heim. In mein Bett. Oder auf die Couch. Jedenfalls runter von den grauenvoll unbequemen Sesseln im ICE. Mir tut seit einer Stunde der Hintern weh, ich kann nicht verstehen, wie sich jemand auf diesen Folterstühlen wohl fühlen kann.
Die Luft hier ist auch furchtbar. Trocken, abgestanden, wann immer jemand durch die Schiebetür läuft, wird es kalt. Über die Gerüche  mag ich nicht reden. Ich vermisse meine Reisebegleitung von München nach Stuttgart. Die hatte ein Sandwich dabei, das herrlich roch. Ich frage mich, wer tut sich das hier eigentlich freiwillig an? Ich nicht, ich bin Vernunft-Bahnfahrer. Wenn ich nicht allein unterwegs wäre, hätte ich die Option Auto gewählt. Flugzeug scheidet allein deshalb aus, weil es katastrophal un-ökologisch ist. Preise sind bei 200€ hin und zurück im SPAR-Angebot der Bahn nun wirklich kein Argument. Mit dem Flugzeug bin ich weniger lang in ein und dieselbe Blechdose eingesperrt. Und fliegen ist spannender, der Nervenkitzel, die Luftlöcher, der Blick nach unten.
Das einzige, was die Bahn zu bieten hat, sind liegenbleibende Züge vor uns, Oberleitungsschäden, Stellwerkaussetzer und Personenschäden. Vor ein Flugzeug werfen sich höchstens ein paar irre Gänse. Hat eigentlich irgendwer in diesem Zusammenhang darüber nachgedacht, dass die Bahn immens unflexibel ist? Also wahrscheinlich schon, aber nicht so, wie ich das meine. Die Bahn ist schienengebunden  Wenn sich da jemand vor das Dampfross wirft, ist erstmal Schicht im Schacht. Wenn sich jemand vors Flugzeug wirft … Ach Quatsch, vors Auto, kann man eine Umleitung nehmen. Bei der Bahn hat man die Möglichkeit des Selbstmordattentats auf unbescholtene Reisende in der Konzeption des Verkehrsmittels nicht bedacht. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die Bahn ins Fernbusgeschäft eingestiegen ist. Die haben erkannt, dass das Konzept Schiene doof ist.
Ich finde Busse gut. Nach einer gewissen Zeit kann ich das Eingeschlossensein nicht mehr mit Lesen kompensieren. Während der Fernbusfahrer irgendwann eine Pause machen muss, fährt so ein Zug ja immer weiter. Ich bin deshalb stark dafür, dass die Bahn konsequent ist und die Schienen abbaut, den Zugverkehr einstellt und sich nur noch auf das zukunftsträchtige Busgeschäft beschränkt. Ich bin nämlich schon gespannt, wodurch der gute alte Oberleitungsschaden ersetzt wird. Aber wenn ichs recht bedenke … Wenn es die Bahn nicht mehr gibt, kann ich doch bestimmt ohne schlechtes Gewissen fliegen, oder?

Nachtrag: Den Job habe ich natürlich nicht bekommen, aber massive Verspätung bei der heimatlichen Ankunft.

Kein Licht am Ende des Tunnels für Zeilenende.
Kein Licht am Ende des Tunnels für Zeilenende.
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30 Kommentare zu „Eine Bahnfahrt ist nicht hurtig …

  1. Ah ich verstehe was du mit Liveblog meinst. Schreiben, im Kopf vor sich geht? Faszinierend! Find ich gut und muss auch überhaupt nicht strukturiert sein, sondern darf ruhig hin und her springen und auch mal keinen Sinn ergeben und keinen Zusammenhang haben. München ist in der Tat schön 🙂

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    1. Genau. Ich habe den Text runtergeschrieben, die Grammatik- und Rechtschreibfehler beseitigt … Im Unterschied zu meinen übrigen Blogbeiträgen habe ich aber nicht nachträglich in die Textsubstanz eingegriffen, ergänzt oder gestrichen, sondern meine Gedanken mehr oder minder genau protokolliert. Und normalerweise schreibe ich 1-2 Tage nach einem Ereignis, hier habe ich während des Ereignisses berichtet, nur später veröffentlicht. *gg*

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  2. ich habe durchgehalten bis zum „oder?“ und jetzt frage ich dich: „Weshalb bist du nicht noch bis heute in München geblieben?“ Der Flieger ist sowieso geflogen und der Fernbus wäre die preiswertere Variante gewesen. Schlussendlich solltest du bei rechtzeitiger Planung für so eine lange Strecke ein 1. Klasse ICE-Sparticket holen. Da kriegst du die aktuellen Nachrrichten, immer wieder das Angebot, dir etwas zu Essen und zu Trinken bringen zu lassen und schlussendlich kannst du die emsigen Businessmänner beobachten ^^

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    Ich weiß jetzt, dass ich einen Liveblog pflege. Danke für die Aufklärung *gg*

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    1. Ah, Missverständnis: Der Text ist live geschrieben, aber wie immer zeitversetzt veröffentlicht. „Live“ ist der Gedankenstrom während des Schreibens. Was die Fahrt angeht: Ich hatte den Termin erst 6 Tage vorher erfahren, da war nichts mit rechtzeitiger Planung. Erste Klasse wäre zukünftig tatsächlich eine Option, mein Bahncard gilt aber leider nur 2. Klasse. Ehrlich gesagt sehen die Sessel da aber auch nicht viel bequemer aus.
      Emsiger Businessmann war ich übrigens auf der Tour selber, konnte mich vorher nicht umziehen, bin dementsprechend mit Hemd, Jackett und Kulturstrick gefahren. Ich sah aus wie ein Gebrauchtwagenhändler … Und zwar wie die nicht vertrauenswürdige Variante. *hust*

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      1. Das mache ich so gut wie nie. Ist nicht mehr so schlimm wie anfangs, aber ich fühle mich wohler, nochmal drüber gucken zu können und ggf. was zu löschen … Oder böse Fehler zu beseitigen.

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  3. Ich finde Busfahren noch schlimmer als Zugfahren. Nun ja, am Zugfahren finde ich ja die andern Menschen lästig, den Geräuschpegel und die fehlende Intimsphäre, während ich es als Vielautofahrerin dagegen eher schätze, mich nicht um den Weg kümmern zu müssen – aber Busfahren ist noch lästiger, noch enger. Da wird mir immer schlecht und die Klogeschichte ist noch ungemütlicher als in den meisten Zügen.

    Dein Livetext hat was.

    Ich hoffe, Bayern klappt. Kenn ich nur vom
    paarmal durchfahren mit dem Auto und umsteigen mit dem – äh – Zug.

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    1. Es ist immer eine gewisse Kompromiss-Suche. Das ist das Hauptproblem. Dabei bin ich eigentlich gern an Orten, ist nicht so, dass ich glücklich und zufrieden wäre, mein gesamtes Leben mit der gleichen Aussicht aus dem Fenster zu fristen. Ach, wäre die Welt doch perfekt.

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  4. Ich seh schon….wir gehen da d’accord….Bahnfahren ist doof….Autofahren zu lang, zu monoton, allein nicht rentabel….nur fliegen ist schöner….aber viiiiel zu hoch und eben unökologisch….ich finde ja sowieso das Fahrten von A nach B ( oftmals auch noch über C und D….min Jotte näi ) überbewertet werden…die Welt rückt zusammen….alles ist heutzutage miteinander vernetzt und schnell zu erreichen….mir doch eeeejjjjaaalllll….zuhause ist es am schönsten!

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      1. Absolut, ja….wobei speziell Hogwarts mich nicht reizen würde….dem Harry Potter Hype habe ich mich komplett verweigert….Asche über mein Haupt….

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  5. Pufferküsser? Nein, nicht wirklich. Aber lieber Bahn als diese ganzen anderen Verkehrsmittel.
    Es gibt Bahn zum Fahren und zum Ankommen. In Norwegen kann man damit sogar Einschaltquotenrekorde machen, z.B. mit der siebenstündigen Echtzeitfahrt der Bergenbahn (z.B. hier).
    Gestehe jedoch in D ist man einfach unentspannt – uns fehlt die Ruhe fürs Reisen. Freue mich in drei Wochen auf die 15-stündige Schlafwagenfahrt (1.Class mit Dusche) nach Schwedisch Lappland. Die Anreise gehört zum Erlebnis dazu. Hast Du ja gerade mit Deinem Blogbeitrag gelernt 😉

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    1. Wenn Verkehrsmittel aus Genuss, dann Schiff. Ansonsten will ich von A nach B und das ohne zu leiden. Das ist verdammt schwierig. Zum Erlebnis gehört die Anreise dazu. Das ist wie bei Kindern, da gehören die schmerzhaften Wehen auch dazu und der Kaiserschnitt ist sowas wie die Transportertechnologie aus Star Trek. *gg*

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  6. „ich schreibe in der Regel “live” und drücke sofort auf publizieren“

    so halte ich es auch. Fehler werden bei mir beseitigt, wenn ich sie bemerke oder mich jemand drauf hinweist.

    Ich nutze allerhöchsten 1 x im Jahr die Bahn und dann auch nur 1. Klasse. Zum Selbstschutz, aber auch zum Schutze der möglichen Mitfahrer. Ich kann es nur kurz ertragen, wenn jemand nervt…sei es durch laute Handy-Gespräche oder durch Nasebohren.
    Mein Mann bescheinigt mir dann, eine „kurze Lunte“ zu besitzen.
    Da hat er wohl Recht.
    Autofahren entspannt mich eigenartigerweise… trotz möglicher Trottel auf den Autobahnen. Ab und an verhalte ich mich evtl. auch trottelig.
    Meistens dann, wenn die Musik lauter als das Navi ist und ich die falsche Abfahrt nehme. Oder sie nicht nehme.

    das war ein live-kommentar

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  7. Bei meiner letzten Bahnfahrt habe ich natürlich genau den Tag erwischt, der mitten im Bahnstreik lag. Ich hatte zwar zufällig genau den Zug gebucht, der trotz Streik gefahren ist, aber auf Grund der vielen Ausweicher wäre mir ein Ausfall lieber gewesen… 😀
    Die vorletzte Fahrt lief genau so toll. Stellwerkstörung in Duisburg, wodurch ich 45 Minuten zu spät am Hauptbahnhof war. Hätte für den Anschluss gerade noch gereicht, allerdings wurde dieser Zug umgeleitet, ohne Halt in Duisburg. Habe mir dann zur Alternative einen schönen ICE nach Hamburg ausgesucht, sehr zur Verwunderung des Zugpersonals, welches von der Stellwerkstörung gar nichts wusste…

    Wäre die Bahn etwas zuverlässiger, würde ich vielleicht häufiger fahren. Die Aussicht auf der Strecke zwischen Hamburg und dem Niederrhein ist natürlich auch sehr eintöning. Wiesen. Ein paar Bäume. Noch mehr Wiesen. Wieder ein paar Bäume… So nutze ich dann doch meist das Auto oder, je nach Ziel und Flexibilitätsbedarf, das Flugzeug.

    Ich hoffe, meine Fahrt mit der Bergenbahn in Norwegen läuft störungsfreier ab 😀

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    1. Das sind die richtig schönen Argh-Momente, gell? Ich fahre ja durchaus regelmäßig Bahn und die meiste Zeit funktioniert es besser und zuverlässiger als es manch anderer Pendler wahrhaben will. Aber wenn bei der Bahn mal was nicht läuft, läuft es in krasser Weise nicht.
      Was Norwegen angeht: Selbst wenn es gestört abläuft: Die Landschaft sollte weniger eintönig als die niederdeutsche Tiefebene sein. Klammere dich daran. *gg*

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      1. Das stimmt schon, ganz so unzuverlässig ist die Bahn auch wieder nicht. Man bewertet es nur immer gleich besonders kritisch, wenn mal (wieder) was nicht klappt, selbst es wochenlang keine Störungen gab.

        Ja, ich habe die Bahnfahrt dort auch nur wegen der Landschaft geplant. Die Gefahr von Störungen, die auf dieser Strecke meist den kompletten Ausfall des Zugverkehrs bedeuten, blende ich einfach aus 🙂

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