Weit davon entfernt, ein neuer Hype zu werden, greift in der Buchblogger-Szene dennoch ein neuer Trend um sich: Ausmalbücher für Erwachsene. Gefundenes Fressen für einen neuen Beitrag aus der Kategorie „Nachdenkliches“. Verbirgt sich dahinter der Teufel oder sind Ausmalbücher doch harmlos?

Ausmalbücher dürften Generationen von Kindern beschäftigt haben. Wollte man das Kind im Restaurant oder auf langer Autofahrt sedieren, bot sich dafür das Malbuch an. Man gab dem Kind das Buch und ein paar Stifte, gefolgt von der Anweisung, etwas Schönes zu malen. Nun bin ich kein Kunstpädagoge, könnte mir aber vorstellen, dass das Malbuch auch einen pädagogischen Effekt jenseits von „Das Kind ist kalt gestellt.“ hat: Es schult die Farb- und Formwahrnehmung.
Die Formwahrnehmung, weil die Kinder im Ausmalen die Begrenzungslinien geometrischer Figuren erfahren können und lernen, dass es mehr gibt als die hässliche Kritzelei, die man gezwungenermaßen zu Dutzenden am Kühlschrank aufhängen muss – selbst in Haushalten, die naive Malerei verabscheuen. Die Farbwahrnehmung, weil Kinder die Kontrastwirkungen unterschiedlicher Farben im eigenen Vollzug erleben. Orange neben rot sieht eben nicht so schön aus, ein blasses Grün verliert daneben ebenfalls.
Wie ist das bei Erwachsenen? Auch hier können Farb- und Formwahrnehmung geschult werden, aber gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass die meisten erwachsenen Menschen dies nicht nötig haben. Was treibt sie dann dazu, Ausmalbücher zu kaufen? Diese Bücher werden zumeist in den eigenen vier Wänden verwendet. Auf Autofahrten sind die Erwachsenen mit der Lenkung des Autos beschäftigt, im Restaurant mit der Mäkelei an Wein oder Hauptgang.
Es scheint mir eine Art meditative Versunkenheit zu sein, ähnlich wie bei anderen Kunsthandwerken. Beim Stricken reiht man Masche an Masche und bringt Mützenordnung in das ungeordnete Wollknäuel, beim Fensterbilderbasteln trotzt man dem ungeformten Karton eine ästhetisch mehr oder weniger ansprechende Gestalt ab.
Ich sehe in den Tätigkeiten einen Unterschied. Aristoteles meinte mit seiner Unterscheidung von poiesis und praxis zwar etwas anderes, aber als analoge Denkfigur taugt die Unterscheidung auch hier. Selbst wenn wir nach Anleitung stricken und Basteln, so haben wir große kreative Freiheit, uns an die Vorgabe der Anleitung zu halten oder sie zu übertreten. Einzig die Technik setzt uns Grenzen: Ausgelassene Maschen führen zu Luftlöchern und ribbeln die Mütze langfristig auf. Die Übertretung der Anleitung a la „Ich mache jetzt einen grünen Streifen da rein.“ hat aber keine Konsequenzen. Wir selbst bringen etwas hervor, sind Herr über das Produkt. Das ist keine praxis, hat aber ein praktisches Moment.
Ausmalbücher hingegen sind die Despoten unter den künstlerischen Freizeitbeschäftigungen. Übermalt man die vorgegebenen schwarzen Begrenzungslinien und setzt sich über die Vorgaben der Gestalter hinweg, sieht das Produkt blöd aus. Wir sind als Ausmaler abhängig, lediglich ausführende Organe desjenigen, der das Ausmalbild für uns entworfen haben. Die Kreativität beschränkt sich lediglich auf die Auswahl der Farben, die uns teilweise durch unsere ästhetische Wahrnehmung vorgegeben wird. Unser Tun ist poietisch, lediglich hervorbringen, aller Momente der freien Beschäftigung als Selbstzweck beraubt, die das praktische Tun kennzeichnen.
Malbücher für Erwachsene sind ein Fluchtmittel, wie jedes handwerkliche Tun. Die große weite Welt dort draußen ist böse, gemein und vor Allem: chaotisch. Sie entzieht sich jeder Ordnung, ja selbst Ordnungsversuche sind zum Scheitern verurteilt. Unser Wollknäuel hingegen ist nicht nur flauschig und weich, wir können ihm Struktur geben, es deuten und in eine Mütze transformieren. Die Strickmütze ist unsere Ideologie von der Welt, weil die Welt selbst sich auch mit der einfachsten Ideologie nicht mehr überzeugend erklären lässt.
Das Ausmalbuch bietet Orientierung im Chaos. Ich muss dem Wollknäuel im Stricken begegnen, muss entscheiden, ob daraus Mütze oder Socke wird, ob glatt rechts, kraus links, mit Paisleymuster oder Zöpfen. Im Ausmalbuch wird uns auch noch der kleinste Raum fürEntscheidungen genommen, der große Führer, der Entwickler des Ausmalbuchs, gibt vor, was wir zu tun haben. Er ordnet zwar nicht die Welt, aber zumindest den nächsten paar Stunden gibt er die Struktur, die wir den Rest der Zeit so schmerzlich vermissen und den wir herbeisehnen, wenn wir im Gleichklang mit dem konservativen Feuilleton von unseren Politikern einfordern, sie mögen uns die Welt erklären, weil wir die simple Tatsache der Unerklärbarkeit der Welt nicht ertragen wollen.
So gesehen ist das Ausmalbuch für Erwachsene ein totalitäres Kontrollinstrument. Es würde mich nicht wundern, wenn nach Hillary Clinton der nächste Präsident der USA solche Bücher entwickelt hat. Ein grandioser Wahlkampf stünde uns bevor, inkl. Public Coloring und „Yes we paint!“
Die Analyse würde arg überstrapaziert werden, wenn man diese Überlegung für bare Münze nähme. Man müsste jemanden annehmen, der das Volk gezielt vom Denken abhalten will, indem er ihm Malbücher gibt. Damit rennt die Analyse selbst in die Ideologiefalle, auf die sie hinweist. Was aber plausibel bleibt ist das Bedürfnis, das diese Bücher zu artikulieren scheinen. Es geht Ausmalbüchern für Erwachsene nicht um Kunst oder kunsthandwerkliche Fähigkeiten. Sie sind keine Malhilfen für Untalentierte, die sich an Kunst versuchen wollen. Positiv gewendet sind sie reine Kontemplation. Man reinigt seinen Verstand, indem man sich einzig und allein dem Arrangement von Farben in festgesetzten Grenzen widmet.
Dafür gibt es sicherlich geeignetere Beschäftigungen, die nicht so restriktiv wie Ausmalbücher sind und womöglich einen positiven Nebeneffekt haben. Mein Credo zum Schluss: Unterwerft euch nicht dem Anderen, indem ihr ihm die Kolorationsarbeit abnehmt, seid selber schöpferisch und strickt Socken. Das entspannt und macht warme Füße. Aber weil ich so nett bin, habe ich euch ein Ausmalbild einer Sojus-Kapsel herausgesucht. 🙂

 

sojus
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19 Kommentare zu „Ausmalbücher oder neue Trends der Selbstkasteiung

    1. Sudoku ist die kubistische Variante der Ausmalbücher, deshalb kann ich Sudokus auch nicht leiden und mache lieber Kreuzworträtsel. Bevorzugt übrigens die „amerikanische“ Variante. *g*
      Aber ja, das Rätsel ist noch ein Stück schlimmer. Das spricht noch nicht einmal das ästhetische Empfinden an, sondern nur das … logische? Deshalb musste ich dem Beitrag am Ende eine Wendung geben, um mich nicht selbst zu diskreditieren. *g*

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  1. Also für mich wäre es nichts….aber wer’s mag mag’s mögen….

    Wichtig ist doch das es im Laufe des Tages immer mal wieder Phasen gibt, in denen man sich voll und ganz in etwas anderes als Alltag versenken kann….für mich ist es die Musik, das kochen ( na ja….im Moment eher wenig kontemplativ, aber sonst schon )….

    Wir leben in Zeiten starker Reizüberflutung….da ist es kein Wunder das der Mensch Sehnsucht nach Abschalten hat….das Hirne braucht mal Pause von all den Eindrücken….da ist es wohl kein Wunder wenn irgendwann mal jemand auf diese banale Tätigkeit des Ausmalens gekommen ist….bei all dem ach so wichtigen Alltagstun mal sinnfreies einzubauen….why not!?

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    1. Die meisten Menschen über- oder unterschätzen wahlweise einfach ihre Leistungsfähigkeit. Das Gehirn ist schon recht robust, solange man genug Schlaf findet. Ich weiß nicht, ob Ausmalen da das Sinnvollste ist. Auch beim Verarbeiten von Eindrücken ist das Hirn immerhin kreativ, da kann ein wenig Anregung und Unterstützung nicht schaden. *g*

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      1. Wie gesagt….ich bin auch nicht der Ausmaltyp…frage mich aber warum solche Dinge entstehen, angeboten werden und Nachfrage erfahren….obiges ist eine mögliche Antwort darauf….

        Das das Gehirn eine Menge „wegstecken“ kann ist klar….und doch kann diese ständige Reizüberflutung nicht gut sein….

        Krankheiten, die selbiges Organ betreffen nehmen zu….Alzheimer, Parkinson, Krampfleiden, Demenzen,……permanente Handystrahlung ( man mache sich mal bewusst wieviele Handys in einem Klassenzimmer, Büro etc. angeschaltet sind….und nicht nur das….sie sind in Spinden, Taschen…..was auch immer untergebracht wo so ein Teil mit nochmal mehr Intensität nach Empfang beamt…. ) und eben diese ständige Reizüberflutung fordern ihren Tribut….

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        1. Ach … Die Warum-Frage lasse ich meistens, darüber wird man nur verrückt. Die Sache mit der Überreizung ist ziemlich komplex, ich hab das Gefühl, das Thema haben nicht einmal Experten auf dem Gebiet ansatzweise verstanden.
          Ich halt mich lieber ans Verdammen. *g* Und weil ich heute noch nicht genug gereizt bin, geh ich erstmal arbeiten. 🙂

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          1. Warum-Fragen niemals excessiv betreiben 😉 nimm ein Ausmalbuch mit….falls am Arbeitsplatz zu viele Reize auf Dich einströmen….nur für den Fall….weisse….. 😉

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  2. Ich habe in meiner unstillbaren Neugier letztes Jahr Ausmalbücher für Erwachsene ausprobiert, hab das Experiment aber ganz schnell wieder aufgegeben. Die pfriemelige Malerei hat mich nicht entspannt, sondern fast schon aggressiv werden lassen. Ich widme mich lieber wieder meinen hausgemachten Kritzeleien, die zwar weder Kunstpreise noch Blumentöpfe gewinnen werden, aber wenigstens Spaß machen.

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  3. Man kann auch wöchentlich eine Ausgabe Ausmalzeitschrift beim sympathischen Abzieherverlag DE AGOSTINI (die auch Modellbausätze in kleinen wöchentlichen Portionen zu 3,99 € anbieten, wodurch ein Modellauto dann am Ende 320 € gekostet und 10 Monate gedauert hat) kaufen. Da sind dann je 3 Buntstifte bei und Profi-Zubehör wie Anspitzer und Radiergummi. Ich plane, den DE AGOSTINI – Server zu hacken um an die Adressen der Abonnenten zu kommen. Denen biete ich dann begleiteten Selbstmord an und werde stinkreich damit. Wer 3,99 für 3 Buntstifte und ein Schwarz-weißes Heftchen ausgibt sendet damit einen Hilferuf.

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