Es ist Sonntag und Zeilenende hat frei. Zeit also, euch wieder einmal mit einem Brotbild zu beglücken. In der Sendung mit dem Zeilenende heute außerdem: Der Begriff „illegal“ und ein wenig Vernetzung.

Für diejenigen unter euch, die noch nie von Zeilenendes freiem Sonntag gehört haben: Ich plane meine Blogbeiträge. Der Schreibprozess, bis ein Beitrag steht, ist kompliziert, die meisten Beiträge weisen einen gewissen zeitlichen und buchstäblichen Abstand zwischen Erstfassung und veröffentlichter Fassung auf. Lediglich an Sonntagen, an denen ich nicht arbeiten gehe, gibt es einen Live-Beitrag. Zeilenende sitzt, wartet auf einen Einfall und schreibt etwas. Dann überfliegt er den Beitrag noch einmal und veröffentlicht ihn sogleich.

Ich nutze die Gelegenheit, auf etwas hinzuweisen, das mir auch seit einiger Zeit im Kopf herumging. Es gibt sehr coole Photoprojekte, in denen entweder ähnliche Motive fotografiert werden oder ein Motiv über einen gewissen Zeitraum begleitet wird. Wortman hat nun dazu aufgerufen, gemeinsam etwas zu machen: 29 Tage, ein Objekt. Wer dabei sein will, kann sich hier noch melden. Oder später einsteigen. Oder sich beim Wortman über die Ergebnisse freuen.

Ich habe mich entschieden, auch mitzumachen und habe ein Objekt gewählt, das ich bei Bedarf auch mitnehmen und mit einem weniger „umständlichen“ Gerät als mit der DSLR ablichten kann. Im Februar wird es also jeden Tag zwei Beiträge von mir geben: Wie gewohnt im Morgengrauen einen „typischen“ Beitrag und irgendwann im Laufe des Tages einen Bildbeitrag, der sich Seamus widmet. Ich habe noch keine Ahnung, wohin das führen wird und hoffe, ihr seid ebenso gespannt wie ich.

Aus aktuellem Anlass möchte ich nun ein wenig Sprachkritik betreiben. Auf Twitter gab es gestern Abend erneut eine „Diskussion“ über die Finanzierung der Flüchtlingsversorgung via Abgabe auf Sprit. Nun kann man den Sinn dieser Art von Finanzierung hinterfragen, grundsätzlich ist die Idee aber nicht blöd. Das Geld muss irgendwo herkommen: Entweder erhebt man eine neue Steuer oder man streicht ein Privileg. Ich fürchte aber, die „Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten der Flüchtlinge“ würde kein geringeres Erregungspotential bergen, denn das Problem wurzelt tiefer. Ein gewisses Ministerium für Wahrheit teilte mir auf Twitter Folgendes mit (ich weigere mich, das zu verlinken. Wen es interessiert: Ich habe den Tweet retweetet.)

Blöd nur, dass die meisten keine , sondern nur u sind…

Dazu gibt es gleich mehrere Dinge zu sagen: Bis zum Abschluss des Verfahrens steht gar nicht fest, ob es sich bei einem Menschen um Flüchtling, Migrant, Scheinasylant oder Außerirdischen handelt. Genau genommen müsste man dann ohnehin mit anderen Begriffen operieren. Aber das Ministerium für Wahrheit hat einen sehr flexiblen Wahrheitsbegriff, wie wir aus dem Film wissen. Traurig, nicht die Eier zu haben, auch dazu zu stehen, dass „Wahrheit“ ein Konstrukt ist, sondern zu behaupten, man spreche tatsächlich „die“ Wahrheit aus. Andererseits ist das natürlich konsequent.

Was mich aber viel mehr stört ist die Formulierung „illegale Migranten„. Ein Migrant kann niemals illegal sein, das ist eine falsche Verwendung des Wortes „illegal“. Kurzer Crashkurs Rechtsphilosophie: Unter Legalität versteht Kant grob gesagt den Bereich der äußeren Freiheit, dort geht es um Handlungen. Legal und illegal sind demnach zunächst einmal nur diese.

Das kann man weiter ausdifferenzieren. „Illegal“ meint aber immer das Verhältnis eines Tatbestandes entgegen den Gesetzen UND er steht immer mit einem „Tun“ im Zusammenhang, nie mit einem „Sein“. Konkret:

Totschlag ist illegal, bzw. die Handlung, jemanden totzuschlagen ist es. Die geheime Phantasie nicht. (klassische Tat)

Heroin ist illegal, bzw. Heroin herzustellen oder zu besitzen (jenseits der geringfügigen Menge) ist es. (Beziehung von Person zu Objekt, Zur-Verfügung-haben, auch eine Tat)

Beziehung zu Geschwistern sind illegal, bzw. die Handlungen. (Beziehung von Personen zueinander, ausgedrückt durch Taten).

Migrantsein ist nicht illegal, der Grenzübertritt oder der Aufenthalt sind potentiell illegal. (Migrant bezeichnet den Status eines Menschen, aus einer Tat resultierend. Die Tat ist das potentiell illegale, das „Sein“ eben nicht.)

Das ist wichtig: Migranten sind Menschen, keine Tatbestände. Und Menschen sind gemäß einer liberalen Rechtsauffassung NICHT illegal. Die Konsequenzen wären von einem gewissen Übel: Drogenabhängige werden zwar kriminalisiert, aber ein Junkie ist nicht illegal, das was er tut ist es. Ein Totschläger ist nicht illegal, sondern das was er tut. Und ja, auch Menschen mit inzestuösen Neigungen sind nicht illegal, sondern was sie tun. (Und das ist nicht unbedingt ein Straftatbestand, auf den man Stolz sein muss.)

Wer von „illegalen Menschen“ spricht, leugnet damit nicht nur die Möglichkeit zur Resozialisierung er ebnet den Weg für etwas, das mit „Gesinnungsstrafrecht“ nur unzureichend beschrieben ist. Solches Reden legitimiert die Bestrafung von Menschen für etwas, das sie sind, ohne dass sie etwas getan haben.

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Zum Abschluss gibt es endlich das denkwürdige Brotbild der Woche. Mittlerweile läuft es mit dem Brotbacken wie erwähnt wieder besser. Ich spiele mit der Menge an Sauerteig, knete etwas länger und vermöble die Brote nach einer gewissen Ruhephase einfach noch einmal. Außerdem habe ich die Flüssigkeitsmenge reduziert. Nachdem mir beim letzten Mal ein Fauxpas unterlaufen ist und Rosinen in einem Brot gelandet sind, habe ich heute wieder auf Bewährtes gesetzt. Linkerhand ein Weizenmischbrot (2:1 Weizen zu Roggen) mit Reisflocken, rechterhand ein Roggenmischbrot (2:1 Roggen zu Weizen) mit gemahlenen Haselnüssen, die vom Kuchenbacken übrig waren.

Besonders am Roggenmischbrot ist Apfelsaft. Ich habe bereits früher häufiger Brote mit Apfelmus gebacken, die dadurch etwas saftiger wurden. Letzte Woche habe ich probehalber dann gewagt, Apfelsaft zu nehmen. Von dem Ergebnis war ich begeistert. Es bringt dem Brot eine andere Note, macht es frischer. Die Säurenote von Apfelsaft ist eine andere als die von Sauerteig, beide ergänzen sich aber gut, wenn man die Sauerteigmenge im Vergleich zur üblichen Menge ein wenig reduziert. Das kann man relativ bedenkenlos machen, der Zucker im Apfelsaft scheint der Sauerteigkultur nämlich ganz gut zu tun. Ich konnte dem Brot beim Wachsen regelrecht zusehen und das obwohl ich vollständig ohne Hefezugabe gearbeitet habe.

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13 Kommentare zu „Legal, illegal, Brotbild

  1. „… Bis zum Abschluss des Verfahrens steht gar nicht fest, ob es sich bei einem Menschen um Flüchtling, Migrant, Scheinasylant oder Außerirdischen handelt. …“ Ist nicht in dem Moment, wo ein Mensch seine Heimat fluchtartig verlässt, mindestens die Bezeichnung Flüchtling bzw. Geflohene/r zutreffend? Das würde dann sogar für Außerirdische gelten, die nicht die Absicht oder die Möglichkeit haben, auf ihren Heimatplaneten zurückzukehren. 😉

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    1. Ja. Aber mir geht es um einen rechtlichen Status. Und den gibt es immer erst dann, wenn er durch einen Akt anerkannt wird. Wenn ich mich nicht irre, gibt es den Status „Flüchtling“ im deutschen Recht auch gar nicht. Deshalb meine Bemerkung, wir müssten uns korrekterweise anderer Begriffe bedienen.

      Gefällt 2 Personen

    1. Einfach nicht locker lassen. Ich habe den Vorteil, dass ich
      1. mehrere Leute dazu zwingen kann, mein Brot zu essen, sodass sich regelmäßiges Backen lohnt und ich Praxis bekomme
      2. von mehreren Leuten umgekehrt gezwungen werde, anständige Brote zu backen.

      Das ist der ganze Trick. 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Für Brot habe ich ehrlich gesagt gar keine Rezepte. Die backe ich relativ frei Schnauze, deshalb kann ich beim Brotbacken auch höchstens mal einen Rat zu einem Rezept geben. Aber ich notiere mal eben, wie ich es meistens grob mache:
        Eine Menge Sauerteig (Wasser und Mehl 1:1) 14 bis 15h bei Zimmertemperatur reifen lassen. Mindestens genau so viel Mehl, wie im Sauerteig ist, mit ca. 20g Salz vermischen, ergänzende Zutaten (Sesam, Haferflocken, …) am Besten über Nacht in etwas Wasser quellen lassen, hinzufügen, alles mischen und dann nach Gefühl Wasser zuführen, 10 Minuten +x kneten, ruhen lassen, ein paar Mal falten, ein paar Stunden im Gärkörbchen rumhängen lassen.
        Backen: Ofen auf 250° Ober/Unterhitze, Blech mit vorheizen, ebenso ein weiteres Blech mit Wasser für den Dampf. 15 Minuten bei der hohen Temperatur anbacken, Wasserblech entfernen, dann bei 180° fertig backen.

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