Fantasy? Science Fiction? Satire? Utopie? Vielleicht von Allem ein bisschen. Heute geht es um ein Buch, in dem es vorgeblich um Bücher geht, aber eigentlich um sehr viel mehr.

Quelle

Inhalt lt. amazon.de

Als Clay Jannon seinen Job als Webdesigner verliert, meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, der in San Francisco eine alte, verstaubte Buchhandlung betreibt, die rund um die Uhr geöffnet ist. Clay übernimmt die Nachtschicht, und bald ist ihm klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt: Die Kunden kaufen nichts, sondern leihen die Bücher nur aus, drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben. Nach und nach findet Clay heraus, dass Mr. Penumbra und seine Kunden einem uralten Geheimnis auf der Spur sind. Mit der Unterstützung seiner Freundin Kat und seines ältesten Kumpels Neel, sowie der Weisheit von Mr. Penumbra, macht sich Clay daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht.

 

Phantastik

Für alle Menschen, die nach dem Jahre 1920 (Pi*Daumen) geboren sind, muss ich wohl erklären, dass dieses Buch ein Vertreter des Genres der Phantastik ist – mehr oder weniger. Das Genre wurde von Sloan ordentlich aufgemöbelt und aktualisiert, aber genau das ist „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“: Ein Zwischending zwischen Science Fiction und Fantasy. Vielleicht nicht so, wie früher, als Magie und Technik noch nicht getrennt waren, aber dennoch: Sloan führt die beiden Genres wieder zusammen und zeigt, dass sie doch im Gleichen wurzeln. In diesem Buch geht es um Abenteuer, Kämpfe, uralte Geheimnisse, okkulte Sekten, Gesellschaftsentwürfe und Technologie, alles zugleich und großartig ineinander verwoben. Es zeigt, dass Magie und Technik wieder zusammenfinden können.

Manche Analogien sind vielleicht gewollt, aber der Aufbau des Romans zieht. Wo der Held früher in die Ferne aufbrechen musste, ist das unbekannte Land heute das Internet. Auf eine neue, spannende Art, wie ich in diesem Beitrag bereits kurz skizziert habe. Google ist dabei wahlweise die Pforte oder das moderne Märchenland selbst. Und wie im verlinkten Beitrag bereits erwähnt: Es gäbe viel zu sagen über Datenkrakerei und Allmachtsphantasien. Das stimmt alles, Google ist aber auch das magische Land (Die Googler vielleicht manchmal nur die Zauberer von Oz, aber was soll’s?), eine verheißungsvolle Utopie. Die Veröffentlichungen in den letzten Jahren zum Thema Internetkonzerne gingen stark in Richtung Dystopie (Der Circle und co.) und scheinen vergessen zu haben, dass das Netz und seine Anwendungen zu Beginn nicht umsonst die Utopie eines besseren Lebens symbolisiert haben. So setzt das Buch unter den Neuerscheinungen einen zugleich erfrischenden wie nostalgischen Kontrapunkt.

 

Fantasy meets Science Fiction

Zur klassischen Fantasy-Geschichte braucht man einige Ingredienzien. Man braucht Charaktere, die auf Abenteuer aus sind, die bekommt man mit Clay und Neel, nicht umsonst alte Rollenspielbegeisterte. In einem Fantasy-Abenteuer sind die Charaktere aber auch Rollen und, ja, das Buch thematisiert es sogar: Es gibt einen alten Weisen, der die Heldengruppe leitet, es gibt einen Krieger, der physisch stark – oder wie in unserer Welt – unglaublich reich ist. Es gibt einen Schurken, der sich durch Beredsamkeit und gute Vernetzung auszeichnet. Eine ordentliche Gruppe braucht einen Magier – und was ist naheliegender als die Google-Mitarbeiterin, die alle Finessen der modernen Technik beherrscht?

Was bietet das Buch noch außer einer Heldengruppe? Es gibt natürlich einen Dungeon, durch den geschlichen werden muss, eine leicht verrückte Sekte mit finsterem Herrscher, eine übernatürliche Kraft, ein Zwischending aus Orakel und göttlicher Hilfe (ein Hacker, wohldosiert eingebaut). Alles da, was einen guten Fantasyroman ausmacht, nur: Alles spielt in unserer Welt. Und das macht es noch spannender. Das Kapitel, in der der Schurke in den Dungeon einbricht und den Schatz der Bösewichter raubt ist natürlich klassisch, aber es ist keine Kritik an dem Buch, wenn ich sage: Die aufreibendste („nervenzerfetzend“ darf ich nicht schreiben, das wären 5€ fürs Phrasenschwein) Passage, die ich seit Langem gelesen habe oder um meine Notiz am Kapitelende zu zitieren: „Himmel, fuck ist das spannend – alte Schule!“ Wortwörtlich.

 

Science Fiction meets Fantasy

Dass Google unser Märchenland ist, haben wir schon geklärt. Google ist zugleich der Ort der Zukunft, wo an ALLEM gearbeitet wird, inklusive der Erforschung des ewigen Lebens. Das kann man als ironischen Seitenhieb lesen, vor Allem, weil die Macht Googles nicht geeignet ist, das Geheimnis zu lüften. Dennoch ist der Roman keine Satire, dafür nimmt er sich zu ernst und geht zu liebevoll mit seinen Charakteren um. Und wer sich ein wenig in der Welt der Nerds und Geeks getummelt hat, wird die Vorstellungen der Googler weniger satirisch denn realistisch gezeichnet finden.

Das Internet-Orakel sprach ich bereits an, in den Tiefen des Netzes lassen sich alle Informationen finden. Clay agiert in der betreffenden Situation für eine Abenteuergeschichte zwar ein wenig leichtsinnig, andererseits ist das ein typisches SF-Versatzstück: Ich frage den Computer/die Datenbank/die Community um Rat, selbst wenn ich an einem ultrageheimen Projekt arbeite – und es geht gut aus. Ich werde nicht verraten, sondern bekomme Hilfe.

Weiters wartet das Buch mit allerlei popkulturellen Referenzen auf Comics, Star Trek und co. auf. An mancher Stelle vielleicht zu gewollt, trägt aber zur Science-Fiction-Koloration des Ganzen erheblich bei und macht dem Nerd Spaß. Die zahlreichen Datenbanken, Terminals und Algorithmen, die hier Anwendung finden, sind die Verbindung von Science-Fiction-Seite zur Fantasy. Sie sind die magischen Bücher, die okkulten Berechnungen und versteckten Hinweise auf Schriftrollen des Fantasy-Genres. Sie übernehmen nicht nur die gleiche Funktion, sie funktionieren genau so. Sloan weckt damit die Technikbegeisterung neu. Auch wenn Wikipedia keine Rolle in dem Roman spielt, lädt das Buch ein, nochmal neu nachzudenken: Was für eine grandiose Sache ist das eigentlich, der Versuch, das gesamte Wissen der Welt an einer Stelle verfügbar zu machen, indem jeder seine eigenen Bruchstücke dazu beiträgt?

 

Die Magie eines Buches

Bei aller Technikbegeisterung, steckt in „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ auch viel Liebe zum Buch. Clays Initiation als Held erfolgt nicht durch die Technik sondern über die Tatsache, dass er Bücher lesen kann. Er ist zwar nicht der prototypische Leser, aber er hat als Kind gelernt, sich der Phantasie einer erzählten Geschichte auszuliefern. Dies und seine Liebe zur Schriftlichkeit auf der einen, seine Neugierde und seine Vertrautheit mit der Technik auf der anderen Seite, erlaubt es ihm am Ende, das Geheimnis zu lüften.

Der Bibliotheksmensch in mir stört sich an dem einen Druckfehler im Buch, wo aus Bibliothek tatsächlich Bibiothek geworden ist, andererseits musste ich mehrfach herzlich lachen. An einer Stelle habe ich einen weiteren für mich untypischen Vermerk gesetzt.

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Wem ich bislang den Mund nicht wässrig gemacht habe, dem ist nicht zu helfen. Wer bei diesem Satz keinen Bock hat, das Buch zu lesen, hat wahrscheinlich keinen Spaß an diesem Buch. Als Bibliotheksmensch, Museumsmensch, ehemals passioniertem Dungeons & Dragons Spieler, exzessivem Science Fiction Fan, Internet-Spinner und leidenschaftlichem Büchernarr kann ich nur ein Urteil abgeben. Dieses Buch bin ich in gedruckter Form.

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21 Kommentare zu „Besprechung: Robin Sloan – Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

    1. Dann bin ich mal gespannt. So richtig einem Genre würde ich das Buch eigentlich gar nicht zuordnen wollen. „Phantastik“ ist ein ziemlich schwammiges Genre. Für mich war das Setting sofort plausibel. Für jemanden, der weniger nerdig als ich veranlagt ist …
      Ach, obwohl, dann ist das eine großartige Parodie auf die Verschwörungs-Thriller im Gefolge von Dan Brown. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  1. Ich möchte an dieser Stelle einmal anmerken, dass ich deine Beiträge immer sehr lesenswert finde. Dazu trägt nicht nur dein aus meiner Sicht sehr guter Schreibstil bei, sondern auch die Tatsache, dass man nicht bei jedem Artikel über eine Unzahl von Tippfehlern oder grammatischen Irrtümern stolpert, wie das in Blogs leider häufig anzutreffen ist.
    Viele Grüße, Achim

    Gefällt 2 Personen

    1. Da werd ich glatt ganz rot, vor Allem weil ich mich auch nach Veröffentlichung immer wieder dabei ertappe, Sätze falsch zu beenden, weil ich die Konstruktion mittendrin frech ändere. Und das trotz Korrekturlesens.
      Danke dennoch für das Kompliment zu Orthographie und Stil, das freut mich immer zu hören. Und ich hoffe, das Buch packt dich zumindest halb so sehr wie mich. 🙂

      Gefällt 3 Personen

      1. Ich kenne so ein paar wenige….da habe ich fast schon überlegt denen nicht mehr zu folgen….wenn die Leser ihnen nicht wert sind anständiges zu liefern…

        Ach wat….rote Ohren hin….rote Ohren her….DAS LICHT BLEIBT AUF DEM SCHEFFEL!

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      2. Papperlapapp….zur Not setz ich mich drauf und halte das Licht fest….oder wir nehmen eine LED-Wachskerze….sehr trendy….sehr safe….kannse wählön….mit oder ohne Flackerfunktion…. 😀

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  2. Dir wurde die Ehre zuteil, von mir für den Liebster-Award nominiert worden zu sein. Falls du mir mit Geschenken danken willst, teile ich dir gern meine Adresse mit, falls du Gegenteiliges zu tun gedenkst, lasse ich das lieber. 😀 Auf jeden Fall viel Spaß!

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    1. Geschenke liegen immer im Auge des Betrachters. Ich kenne Leute, die den zärtlichen Kuss der neunschwänzigen Katze zu würdigen wissen. Wenn du also Bedarf hast. Ansonsten gibt es nur Antworten. Wobei… das ist Strafe genug. *g*

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