Bäh, ich bin heute poetisch veranlagt. Das hier ist der Antwortbeitrag auf „Wehret den Anfängen“. Eigentlich wollte ich die beiden unter „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ laufen lassen. Das war mir dann aber zu klischeehaft. Dennoch, das bittere Gegengift zur guten Laune sollte nie ausgeblendet werden.

Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf und verhindern, dass es hell wird. Also so richtig. Ich sitze in meiner Festung der Einsamkeit mit Fenster gen Norden und warte, dass etwas passiert. Ich habe am 14.09.2015 meine erste Bewerbung verschickt. Meine Liste zählt mittlerweile 35 Bewerbungen, die ich geschrieben habe. Ich weiß nicht, ob das viel oder wenig ist, hängt wahrscheinlich ein wenig davon ab, was man gelernt hat und ob man verzweifelt eine Beschäftigung sucht oder auf der Suche nach einer Arbeit ist, die „passt“. Und, ob man sich initiativ bewirbt oder nur auf Anzeigen reagiert.

„Arbeitslos“ … Das erinnert mich an „Semesterferien“. Sie ähneln sich darin, dass ich auch in den Semesterferien nie wirklich frei hatte und die Semesterferien nie sonderlich gern mochte, weil sie unstrukturiert sind. Eine lange Phase des Nichts, an dessen Ende die Abgabe von diversen Hausarbeiten und die Erstsemester-Einführung stehen. Ich habe vorwiegend während des Semesters gearbeitet, das hat meine Stelle als studentische Hilfskraft so mit sich gebracht. Keine Veranstaltungen, keine Arbeit, nur die amorphe Masse „Freizeit“. Besser wurde es immer, wenn ich ein paar Tage lang regelmäßig am Schreibtisch gesessen habe und meinen „Semesterferienrhythmus“ gefunden hatte.

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Meine Laune: Öd und verloren

„Arbeitslos“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil ich offiziell arbeitssuchend bin. Oder so ähnlich. Zumindest habe ich das beim Jobcenter angegeben. Weil ich mal professionellen Rat von außerhalb brauche. Ich suche regelmäßig nach Stellenangeboten. Ich sichte und gucke und suche und lese. Am Ende springen vielleicht zwei Stellenanzeigen pro Woche dabei raus. Überall wird nach Ingenieuren, Betriebswirten, etc. gesucht, Geisteswissenschaftler sind weniger gefragt. Es gibt zwar einen Markt, aber der verlangt 3-5 Jahre Berufserfahrung oder es geht um Call-Center-Jobs. Und ich bin vielleicht ein guter Verkäufer, aber – altlinke Reflexe – ich hege eine tiefsitzende Abneigung gegen den Verkauf von Versicherungen und sonstigen Produkten, von deren Sinn ich nach einem Blick auf die Firmenhomepage nicht überzeugt bin.

Anfangs war ich optimistisch. Ich war sogar sehr lange optimistisch. Bis Weihnachten so überraschend vor der Tür stand. Über die Weihnachtstage habe ich nichts getan: Keine Anzeigen gesucht, keine Bewerbungen geschrieben, nichts. Dann stand das neue Jahr vor der Tür, mein Haupt-Arbeitsvertrag war ausgelaufen. Das Nichts stand vor mir und grinste mich an.

Vielleicht bin ich neurotisch, das will ich gar nicht leugnen. Ich bin zumindest ein wenig obsessiv. Wenn ich etwas mache, will ich es auch erledigen. Ich will zumindest sagen können: „Ab hier kann ich nichts mehr tun, nun seid ihr dran.“ Ich suche nicht nur einen Job, ich suche die Eckpunkte der nächsten Jahre meines Lebens. Selbst die Pausen zwischen den Suchläufen dienen nur der Beruhigung des Geistes, damit er sich so schnell wie möglich wieder auf dieses Problem konzentrieren kann. Als ob ich es mit purer Willenskraft in die Knie zwingen könnte.

Mutter Zeilenende fragt gelegentlich, ob ich nicht für eine Woche in Urlaub fahren will. Doch das kann ich nicht. Die Vorstellung, eine neue Stellenanzeige kommt herein und ich kann nicht sofort darauf reagieren, fesselt mich an meinen Schreibtisch, an mein Fenster nach Norden, an die Wolken, die verhindern, dass es richtig hell wird. Es ist dunkel. Und die gute Laune ist wahrscheinlich nur die kleine Kurbeltaschenlampe, mit der ich dagegen anleuchte.

18 Kommentare zu „Der schleimige, schwarze Abgrund der Verzweiflung

  1. Du hast es ja in Deinen beiden Artikeln selbst sehr schön verdeutlicht: kein Licht ohne Schatten, kein Tag ohne Nacht, kein Schwarz ohne Weiss….es braucht diese Polaritäten, denn nur vom einen oder dem anderen wäre unvollkommen.

    Wichtig ist, für meine Begriffe, ein gesundes Gleichgewicht zu schaffen bzw. sich selbst nicht in irgendwelche Klischeebilder zu zwängen.

    Ein Arbeitsuchender muss nicht zwingend 24 Stunden am Tag arbeitsuchend sein, genau so wie ein Arbeitsuchender nicht verantwortungslos gar nichts tun sollte um an einen Job zu kommen.

    Aber das Wort Job gefällt mir gar nicht so gut, denn wenn ich es so herausspüre willst Du DIE Erwerbstätigkeit finden, die zu Dir passt und in der Du Dich eine ganze Zeitlang entfalten kannst.

    Mit Deiner emotionalen Intelligenz, Empathie und Alrounder Art wirst Du diese Tätigkeit ganz sicher finden! Die Stelle muss nur noch frei werden, tu was dafür aber lass Dir die Freude an anderen schönen Dingen des Alltags nicht verderben!

    Und vielleicht ist das gar nicht mal so eine schlechte Idee eine Woche Urlaub zu machen. Mal ganz raus aus dem Hamsterrad, andere Dinge, nette Menschen sehen macht den Kopp frei und gibt Frei-raum für Richtungswechsel und Dynamik.

    Stand-punkte ändern….Du bist es Dir wert! 🙂

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    1. Deshalb habe ich die Beiträge auch in Bezug zueinander gesetzt. Es sollte nicht so wirken, als ob ich im Loch stecke. Es ist der schmale Grat, auf dem wir immer wandeln, der einem nur nicht immer so bewusst wird.
      Danke für den Zuspruch und für die Komplimente. Ich war gestern auch zur Ablenkung im Museum. 🙂

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  2. Als ehemaliger Personalleiter kann ich mir gerne deine Bewerbung ansehen, auch ohne Namen, nur Lebenslauf und Anschreiben, denn oft ist nicht die Qualifikation der Grund einer Absage, sonst drücke ich natürlich auch die Daumen 😉

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  3. Die Idee deiner Mutter finde ich gut. Fast überall findest du Zugang zum Internet, so dass du selbst vom fernen Strand oder einer Berghütte aus immer einmal wieder die Stellenangebote checken und ggfs. Bewerbungen online versenden könntest. Auf Reisen kann man so viele Begegnungen, neue Ideen und Perspektiven treffen, gerade, wenn man aleine unterwegs ist… das öffnet. Travel and Work finde ich eine geniale Sache.
    Im Moment werden gerade in der sogenannten Flüchtlingsarbeit überall kreative, kluge und querdenkende Menschen gesucht.
    Und schlussendlich nutze diese Zeit für Zusatz- oder Vertiefungsqualifikationen.

    Das war mein Brainstorming zu deinem Anliegen.

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    1. Fall mir nur in den Rücken … 😉
      Sagen wir es so: Wenn ich Urlaub mache, bin ich für niemanden erreichbar. Ich urlaube mit Baedeker, Stadtplan und Postkarten. Von daher könnte ich mich auf einen Urlaub gar nicht einlassen, wenn ich online bin. Für alles Weitere bin ich dir sehr dankbar. Ich bin mal gespannt, was mein neuer bester Freund vom Jobcenter/Arbeitsamt/Wieauchimmerdasjetztheißt so sagt. Ich habe nämlich null Ahnung von sowas. *gg*

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      1. also deinen neuen besten Freund vom Jobcenter gewinnst du am ehesten, wenn du ihm schon mal ein paar konkrete Vorschläge machst. Schau mal im Kurs – heißt doch so? – nach, welche interessanten und vom Arbeitsamt geförderten Weiterbildungen in deiner Nähe angeboten werden und…. überdenke nochmal, ob du nicht doch auch einen Kompromiss für Urlaub mit gelegentlichem Internet eingehen kannst. Arbeitgeber, die ernsthaftes Interessa an dir haben, warten auch schon mal und stimmen einer Terminverschiebung zu 😉

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  4. Ich drücke Daumen, das du bald genau die Arbeit findest, die für dich auch ein Stück „Berufung“ und nicht nur Beruf ist. Ich schließe von mir auf andere und habe den Eindruck, dass es das ist, was du möchtest. Falls nicht, sorry 🙂 Es ist spät, ich bin philosophisch. Viele Grüße und vielleicht kommen ja bald auch wieder die euphorischen Gedanken, die den Abgrund ein wenig in die Ferne rücken lassen!

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  5. Bei mir ist das seit Jahren umgekehrt, ich hab „arbeitssuchende“ Phasen immer sehr genossen. Kriegt man wenigstens die Oberfläche der ToDo-Liste etwas angekratzt. Seit ein paar Jahren verfolgt mich die Arbeit regelrecht, ich find nach einem Job meist sofort einen Neuen, mein Rekord war ein Anruf als ich gerade ins Arbeitsamt ging um mich arbeitslos zu melden. Ich denke ernsthaft drüber nach, Burn-Out zu kriegen…;)

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  6. Also wenn du weiter so betrübt bist, dann muss ich glatt noch anfangen, ein kleines Care-Paket zusammenzustellen. Da müssten dann viele wundervolle Dinge rein. Lass es mich wissen, wenn du Interesse hast. Es käme von Herzen.

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