Wie gestern angekündigt, wollte ich ein paar Takte zu Köln sagen, der heiligen Stadt, der ich mich in einer gewissen Hassliebe verbunden fühle. Und zu den Geschehnissen in der Silvesternacht und ihre Folgen, die mich mit Unbehagen erfüllen.

Was ist in Köln geschehen? Eine Gruppe von Männern hat sich vor dem Hauptbahnhof versammelt. Aus dieser Gruppe heraus hat es eine Vielzahl an Übergriffen auf Frauen gegeben. Die Polizei war überfordert oder wollte nicht eingreifen oder hat das Problem nicht gesehen. Wahrscheinlich stimmt, je nach Ebene, alles drei. Die Polizei war auch Ende 2014 nicht in der Lage, die Hogesa-Krawalle zu unterbinden, von daher überrascht es mich eigentlich nicht, dass die Kölner Polizei auch in der Silvesternacht gescheitert ist, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Die Vorfälle in Köln sind beschämend. Ebenso das, was daraus gemacht wird. Ich bin regelrecht angewidert, sowohl von den Taten als auch den Schlüssen, die daraus gezogen werden. Denn die Übergriffe auf Frauen, die sexuelle Gewalt, wird im Kontext der (vermeintlichen) Herkunft der Täter diskutiert. Ja, Frauenrechte werden verteidigt, aber wie? Auf Kosten des Rechts auf Asyl. Der muslimische Mann, das patriarchalische Schwein, der sexistische Lüstling, wird zum Feindbild einer notorisch gereizten Öffentlichkeit, die es für wichtig hält, genau zu wissen, woher die Täter kommen. Warum?

In Köln gibt es eine große marokkanische Gruppe, die sehr heterogen ist: Von völlig assimilierten über gut integrierte Menschen bis hin zu kriminellen Menschen (+Schnittmengen). Genau so gibt es völlig assimilierte, gut integrierte und kriminelle Düsseldorfer. Gemessen an der Gesamtzahl der Bewohner Kölns sind die Düsseldorfer Immigranten wahrscheinlich eine verschwindend geringe Gruppe, aber für die kulturelle Identität der heiligen Stadt weitaus gefährlicher. Man fragt sich, wieso das nicht häufiger thematisiert wird.

Die Frage ist, was die Herkunft der Täter mit den Taten, der sexuellen Gewalt zu tun hat. Das billige, populistische und ziemlich falsche Argument lautet „Der Schwarze schnackselt gerne“ (Gloria v. Thurn und Taxis), hat also

  1. seine Libido nicht im Griff und
  2. stammt aus einer Kultur, in der Frauen als Besitzstücke betrachtet werden.

In der Konsequenz ergibt sich: Die Täter, die den Berichten zufolge aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum stammen, nehmen sich Frauen, um sich zu befriedigen. Weil sie das so in ihrer Kultur gelernt haben. Als stützendes Argument dient die Verschleierung der Frau im Islam. Das geschieht ja, um solche Übergriffe zu verhindern. Der Mann wird durch Vorschriften dazu gezwungen, seine Libido im Zaum zu halten.

Das ist ein sehr trauriges Menschenbild. Wenn der Mann Regeln braucht, um seine Libido im Zaum zu halten, frage ich mich, wie es um uns bestellt ist. Wenn der „weiße Mann“ besser wäre, wofür brauchen wir dann ein Sexualstrafrecht? Ist auch der „weiße Mann“ so triebgesteuert, dass er Gesetze braucht? In unserem Fall sind es keine religiösen Regeln, sondern es ist das Strafrecht, das uns verbietet, Frauen zu vergewaltigen. Wer damit argumentiert, dass die „muslimische Kultur“ sexistisch ist, muss sich auch fragen, warum auch wir Strafgesetze gegen sexuelle Gewalt haben.

Der Einwand „Das dient nur dem Schutz vor ein paar Irren“, dem gebe ich diesen Artikel von Zoe Beck (ich krieg das e mit Punkten leider nicht hin) zu lesen:

Interessanterweise zogen in den vergangenen Tagen gleich wehrhafte deutsche Männer (was ich gelesen und gehört habe, waren es ausschließlich Männer) los, um die deutsche Frau zu verteidigen. „Unsere Damen“, und wie sie „uns“ noch so nannten. Es wurden wahllos „Ausländer“ angegriffen. Alles, um die Ehre der deutschen Frau zu retten.

Na, liebe neuen Verteidiger der feministischen Werte, wo in dieser Logik ist die Frau kein Besitzstück? Meiner Wahrnehmung nach ist die Haltung dieser ‚wehrhaften deutschen Männer‘ gesellschaftsfähig.

Damit sind wir beim Kern des Problems: Sexuelle Gewalt ist Gewalt und basiert auf einem Machtgefälle. Es gibt sie, weil es Machtstrukturen gibt, die damit operieren, den einen zum Herrscher, den anderen zum Beherrschten zu machen und den Beherrschten in die Verfügungsgewalt des Herrschers zu zwingen. Da auch der (oder in diesem Fall die) Beherrschte ein Mensch ist, geschieht dem oder der Beherrschten immer potentiell Unrecht und Leid. Sexuelle Gewalt ist ein Phänomen, das unabhängig von der „Kultur“ des Täters besteht, es taucht überall da auf, wo Machtgefälle zwischen den Geschlechtern vorhanden ist und als Herrschaftsinstrument benutzt wird.

Das Argument „Auf dem Oktoberfest gibt es viel mehr Übergriffe“ mag richtig oder falsch sein. Es ist nicht hilfreich, weil auch dieses Argument auf die Herkunft der Täter Bezug nimmt. Es bedient sich ebenso des Kulturarguments wie „Der Neger schnackselt gern“. Wenn wir über Gewalt gegen Frauen reden, müssen wir über Gewalt gegen Frauen reden und nicht über die Herkunft der Täter, wenn es uns wirklich darum geht … Frauen zu schützen? „Wir müssen unsere Frauen vor dem Muselmanen schützen“ ist, wie gerade dargelegt, ebenso ein Argument aus dem Baukasten patriarchalischer Vorstellungen. „Wir müssen Frauen schützen“ ist genau das Gleiche. „Wir müssen sexuelle Gewalt bekämpfen“ trifft es eher.

Wer in der Debatte auf die Herkunft der Täter spricht, verlässt das Thema und betritt ein anderes Feld. Er spricht über Zuwanderung. Und auf diesem Feld fehlen die Argumente, deshalb werden die Übergriffe als Deckmäntelchen benutzt. Denn für „Flüchtlinge und Straftaten“ gilt nach aktuellem Stand in Köln Folgendes:

In einer Gruppe von ca. 1000 Menschen gab es 32 Tatverdächtige (nach der Bundespolizei, auf deren Zahlen ich mich stütze). Das sind 3,2%, eine überwältigende Mehrheit ist nicht sexuell übergriffig geworden, nämlich 968. Und von den 32 Tatverdächtigen

sind neun algerische, acht marokkanische, fünf iranische, vier syrische, ein irakischer, ein serbischer, ein US-amerikanischer sowie drei deutsche Staatsangehörige.

Reden wir also über eine Verschärfung der Zuwanderungsregelung, über eine Schließung der Grenzen wegen Köln machen wir eine breite Mehrheit Unschuldiger für die Verfehlungen vieler verantwortlich. Dafür gibt es das schöne Wort „Sippenhaft„. Wobei die Sippe in dem Fall offenbar ein sehr weiter Begriff ist, denn Marokkaner, Iraner, Syrer, Iraker und Serben haben kulturell nicht viel, sondern lediglich gemein, dass sie nach Deutschland gekommen sind; mehr nicht. Zumindest nicht, was auf den ersten Blick relevant für die Frage nach den Taten ist. In Köln sind Frauen belästigt worden. Das hat Gründe. Aber das liegt nicht an irgendeiner spezifischen Kultur. Das liegt an einer Struktur.

Reden wir über Köln, reden wir über sexuelle Gewalt, reden wir über Zuwanderung, reden wir gern auch über Massenpsychologie und Gruppendynamik, womöglich unter Alkoholeinfluss, reden wir auch über Ängste. Aber wenn wir das tun, dann nicht so, als ob das eine das andere bedingt. Sonst passiert ganz schnell Folgendes:

IMGP1055.jpg

Man sieht nur noch Spuren dessen, was geschieht, weder das dahinter noch die Auslöser.

3 Kommentare zu „Was ich nie über Köln sagen wollte

  1. Zudem kommt, dass in manchen Herkunftsländern eigentlich die Frauen das „Sagen“ haben, also nicht von Kindesbeinen an die Frau als Mensch zweiter Klasse betrachten (von den teilweise drakonischen Strafen für diese Handlungen ganz zu schweigen). Ich habe schon solche Übergriffe auf ganz normalen Dorffesten gesehen mit einem Ausländeranteil von null Prozent, wo die Polizei auch durch Abwesenheit grenzte. Die Berichterstattung ist überwiegend nicht seriös und erinnert mich stark an die Situation vor ein paar Jahren, wo man sich auf Beißattacken von Hunden spezialisiert hatte und jeden Tag eine andere brutale Geschichte durch die Medien geisterte, begleitet von lautstarken Politikern, die schärfere Gesetze zum Schutz der Bürger forderten, bis die Sache abgefrühstückt war. Werden heute keine Menschen mehr gebissen? Doch, in etwa so viele wie damals, nur ist damit keine Quote mehr zu machen. Sieht man sich mal offizielle Zahlen an, die mit der Vergewaltigung von Frauen zu tun hat und der daraus resultierenden Dunkelziffer, die sich aus Angst, Scham und Traumatisierung nicht melden, liegt dieses Problem genauso in unserer Gesellschaft und wird lediglich verschwiegen. Was außer Frage steht ist das Totalversagen aller Schutzbehörden, denn im Gegensatz zu den lächerlichen Aussagen der Polizei ist das Risiko aller dieser Straftaten immer bekannt, dem wird aber nicht dementsprechend mit Personal vor Ort Rechnung getragen.

    Liken

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s