Alle Jahre wieder

Kommt das Zeilenende-Kind

In die Kirche nieder

Wo nur wenige Menschen sind.

Ich bin kein ausschließlicher Rationalist, aber ich habe so meine Schwierigkeiten mit Gott. Und mit Religion. Eigentlich finde ich Religion als Institution zur Haltungs-Stabilisierung super. Religion bietet ein festes Fundament an Werten, die man nicht hinterfragen muss. Sie liefert Angebote, wie man die Welt deuten kann und sie bietet Handlungsanweisungen. Ich spiele das am Christentum durch, weil es mir näher liegt als die Pastafari-Religion.

Die christliche Religion begründet die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens durch das Tötungsverbot im Dekalog. Eine säkulare Begründung des Tötungsverbots ist schwieriger. Man kann es biologistisch machen, kauft sich damit aber viele Probleme ein. Man kann es diskursethisch begründen, gibt damit aber den Unbedingtheitsanspruch des Tötungsverbotes auf. Man kann es setzen, tut aber damit das gleiche wie das Christentum, verzichtet aber auf die Sanktions-Instanz und schwächt damit das Fundament des Tötungsverbots. Das ist zwar taktisch gedacht, aber sinnvoll.

Die Weltdeutungsangebote gehen über ein simples „Deus lo vult“ hinaus. Es geht um eine Sicht auf das, was in der Welt geschieht, hinaus. Das moderne Christentum macht es sich dabei nicht einfach, es forscht und fragt und weiß nicht. Auch das katholische. Aber die Religionen haben bei ihrer Suche das Verständnis der Welt als Schöpfung hinter sich. Man kann versuchen, die Welt mittels naturwissenschaftlicher und soziologischer Theorien zu verstehen, aber wenn die quantentheoretische Beschreibung der Welt tatsächlich relevant für die Welt sein soll, müssen wir sie verstehen, ansonsten sind Physiker auch nichts anderes als Priester: Menschen, die uns die Welt erklären und denen wir glauben müssen.

Beides zusammen kumuliert idealiter in attraktiven Handlungsanweisungen: gelebte Barmherzigkeit, Mitleid, Hilfsbereitschaft, etc. Alles Haltungen, die sich auch ethisch begründen und einfordern lassen. Als Kantianer habe ich schon meine Schwierigkeit damit, konkrete Handlungen aus solchen Haltungen abzuleiten. Ethische Theorien, die sich mit Handlungen beschäftigen, sind mir suspekt. Wie viel einfacher hat es da das Christentum.

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Das ging mir durch den Kopf, als ich in der Christmette saß. Und wie sehr ich die Leute eigentlich beneidete, die dort das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser beteten. Die die Weihnachtslieder nicht bloß sangen, weil sie schön waren, sondern weil sie ihnen etwas bedeuteten. Ich fühlte mich einsam. Das ist der Preis, den man für seinen Säkularismus bezahlen muss, wenn man Kirche nicht als Gläubiger sondern als Beobachter besucht. Ich beneidete die Menschen von meinem Platz auf der Empore aus, weil ich sie kenne: Allesamt keine Fanatiker oder Fundamentalisten, mit einem gesunden Verhältnis zur Realität, die dort unten gemeinschaftlich feierten. Gottesdienst feiern – eine wunderschöne Formulierung.

Wer den Tod aller Ideologien, aller Utopien, aller großer gesellschaftlicher Entwürfe feiert, der opfert damit eine Menge. Nicht nur institutionentheoretisch spricht einiges für die Beibehaltung von Religionen. Wer von uns hat sich zum letzten Mal mit vielen anderen Menschen getroffen, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu feiern? Ein säkularer Kult, ähnlich wie sich das Auguste Comte in seiner Religion des Positivismus gedacht haben mag, ist nicht in Sicht.

Ich bin nicht gläubig. Gott kann ich mir nicht vorstellen. Und auch wenn es theologische Positionen gibt, die diese Unvorstellbarkeit als Teil Gottes und als Element des Glaubens annehmen, scheitere ich auch an deren Minimalforderung. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass ich ihn mir vorstellen kann. Ich will es auch nicht. Eigentlich bin ich ganz glücklich mit meiner Weltsicht. Ich glaube an letzte Werte, an Universalität, an die Ideale der Französischen Revolution, meistens sogar an Kants Vernunft. Aber mein Glaube läuft ins Leere, weil er nie mehr sein kann als rational begründeter Glaube. Und am anderen Ende der Leitung sitzt niemand, bei dem ich mich ausheulen kann, wenn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Welt wieder einmal mit Füßen getreten werden, niemand der mir Trost schenkt. Ein säkulares Leben, das jeder für sich allein führt, fühlt sich manchmal leer an. Man gibt viel auf, wenn man jede Hilfe in den Wind schlägt. Denn im Kern ist Religion Orientierungshilfe in der Welt, nicht mehr aber auch nicht weniger. Und das sollte man zumindest nicht gering schätzen.

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