Geliebte in Gott! Nein … Dilectis filiis? Das war es auch nicht. Himmel, fällt es euch auch so schwer, einen packenden Anfang für eure Blogbeiträge zu finden? Nicht? Dann bewerbt euch als Einleitungs-Schreiber beim Grinch, der steckt nämlich immer noch in einer Lichterkette fest. Dabei ist Weihnachten schon vorbei.

So halb humorvoll habe ich ja bereits angedeutet, dass ich den Heiligen Tag bis zum Heiligen Abend nur durch intravenöse Glühweingabe überlebt habe. Hinter den Zeilen verbarg sich ein echter Grinch. Das liegt nicht ausschließlich daran, dass ich „Driving home for christmas“ mittlerweile schlimmer als „Last Christmas“ finde, aber die Allgegenwart von Chris Rea im Radio treibt mich auf die Palme … Und das nicht, um mich daran zu gewöhnen, zukünftig tropische Weihnachten zu feiern!

Nicht unerheblichen Anteil an meiner prä-weihnachtlichen Grinchigkeit hatte in diesem Jahr die geliebte Familie. Mutter Zeilenende saß jammernd auf dem Heizkissen und klagte über ihr Kreuz und ließ sich von meinem Einwurf, dass es bis Karfreitag noch eine Weile hin sei, nicht erheitern. Sie zog es vor, das ZDF-Weihnachtsprogramm zu schauen.

Herr Zeilenende Sr. beteiligte sich an diesem Unterfangen. Er klagte nicht, aber auch er litt. Sein Problem: Schwerhörigkeit. Und weil er mit seinem Leiden nicht allein sein wollte, beschloss er, uns mit-leiden zu lassen. Der Fernseher wurde lauter und lauter, er wandelte sich von einer infernalischen Höllenmaschine in eine ohrenbetäubend laute infernalische Höllenmaschine. Dabei sollte er das Programm doch kennen. Das ZDF sendet seit dem 01.04.1963, den Sender gibt es somit seit 52 Jahren. Das Weihnachtsprogramm des ZDF dürfte noch ein paar Jahre älter sein und sich über die Jahre nicht geändert haben. Traditionen sind wichtig, vor Allem für schwerhörige Menschen. Sie können die Dialoge dann im Kopf nachsprechen. Leider begreifen schwerhörige Menschen das humanitäre Ansinnen des ZDF nicht und drehen den Fernseher dennoch lauter.

Bruderherz und Nesthäkchen hatten sich ebenfalls im Wohnzimmer versammelt und schauten ihre (Adoptiv-)Erzeuger mitleidvoll an, zumindest in den Werbepausen. Der Baum stand. Ein grünes Prachtstück, wie mir versichert worden war. In meinen Augen ein Weihnachtsbaum. Ich spürte bereits, wie sich meine Haare grün färbten, mehr Wertschätzung für den Baum war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.

Ich saß am Esszimmertisch und studierte die Zeitung. Ich wartete. Ich wartete weiter. An dieser Stelle hoffe ich, dass ihr mir Passivität vorwerft, dass ich nicht die Inititative übernommen habe, die Geschichte weiterzutreiben. Doch das wäre ungerecht, denn die Rollen sind in unserer Familie klar verteilt: Zeilenende lässt die Finger von Lichterketten und allem, was länger ist als 20 cm (und als Baumschmuck dient, ihr Ferkel!), Mutter Zeilenende verweigert sich der Baumschmückerei komplett.

Seit Jahrhunderten ist es Brauch, dass die Lichterkette von Bruderherz und Herrn Zeilenende Sr. angebracht wird. Als Ersterer verkündete, er wolle nun einkaufen gehen (Es war 13:15!) fiel mir die Kinnlade herunter. Normalerweise war nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich heftig zu schimpfen beginne. Denn in der sorgfältigen Choreographie der Weihnachtsvorbereitungen fällt mir die Wahrung des Effizienzgedankens zu.

Ich hasse nichts mehr als Aufgaben schleifen zu lassen. Ich hatte schließlich zu tun. Ich musste noch Geschenke einpacken, Blogbeiträge schreiben, Stellenanzeigen sichten, Weihnachtsgrüße per Facebook versenden, meine Weihnachtsstimmung wiederfinden, die Nägel maniküren und Weihnachtsmusik lauschen. Wie sollte ich all das schaffen, wenn ich ständig damit rechnen musste, für eine weitere Aufgabe, die Dekoration des Baumes mit Kugeln und weiterem Firlefanz, abkommandiert zu werden? Statt die Gemeinschaftsaufgabe „Baumschmücken“ zu erledigen und sich anschließend den privaten Geschäften zuzuwenden, zog die Familie es vor, zunächst herumzusitzen, anschließend private Verrichtungen auszuführen und mich zu ignorieren.

Ich kochte. Innerlich. Die Küche blieb kalt, was vorzubereiten war, war vorbereitet. Ich hatte aber auch keine Lust, herumzuzetern, denn ich spürte einen Anflug von Heiserkeit. Zeterei ist nur wirksam, wenn man dabei nicht röchelt wie eine altersschwache Kaffeemaschine. Der Grinch in mir wurde stärker und übernahm die Kontrolle.

Ich nahm die Lichterkette und befestigte im Alleingang gefühlte 2.000.000 Kerzen am Baum. Es war ein schauriger Anblick. Aber er zeitigte Wirkung. Keine fünf Minuten später entfernte Nesthäkchen die grauenvolle Lampen-Anordnung, zitierte Herrn Zeilenende Sr. und Bruderherz herbei und wies die beiden an, das ordentlich zu machen. Siehe da, mein Plan war aufgegangen. Wir begannen, Kugeln aufzuhängen, trugen den alljährlichen Streit aus, ob Strohsterne in den Baum kommen oder nicht (den ich wie in jedem Jahr verlor), meine Weihnachts-Stimmung kehrte langsam zurück. Nur meine Haare blieben grün. Im nächsten Jahr sollte ich mir ein Epiliergerät wünschen.

 

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Das fertige Schmuckstück in seiner ganzen Pracht – aber früher war mehr Lametta

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18 Kommentare zu „Zeilenendes Weihnachts-Roundup #3: Der Grinch schmückt den Baum

    1. Nein, schlimmer als ein normaler Tag, weil Ferien sind und Strohsterne in den Baum gekommen sind. Die mag ich eigentlich, bin beim Baum aber Purist. Kugeln und Strohsterne gefällt mir nicht. Entweder Kugeln und Lametta oder Strohsterne und Schleifen. 🙂

      Die vorgestellten Plätzchen waren schon vor Weihnachten weg, ich habe noch ein paar Notfall-Reste-Plätzchen gebacken, die mittlerweile alle vertilgt sind. Zum Verschenken War nix mehr da.

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      1. lach….naja…immerhin habt ihr alle überlebt….grins…
        Wünsch dir doch für nächstes Weihnachten einfach nur, dass DU allein bestimmen darfst wie der Baum werden soll.

        WOW!!! Da habt ihr aber ordentlich genascht.

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    1. Fast! Wie auch bei den Strohsternen gibt es hier zwei Fraktionen, wobei sich die Wurfgeschoss-Fraktion traditionell ebenso wie in der Strohsternfrage durchsetzen kann. 😉 Nur bei einem sind wir uns einig: Das Lametta wird mehrere Jahre lang verwendet.

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    1. Normalerweise drehe ich als Gegenmaßnahme meine Rolf-Zuckowski-Kassette auf volle Lautstärke, das ist der Schrecken der Altvorderen und sorgt für eine herrliche Kackophonie … Nur wollte ich ja Zeitung lesen. Nichts gönnt man mir. Aber es tut gut zu wissen, dass ich nicht allein bin. 🙂

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  1. Ach komm schon. Aus eigener Erfahrung wird es erst richtig lustig, sobald man solche Feste mit der eigenen Brut frequentiert. Die Nörgellei aus zwei Generations-Richtungen auszuhalten, bringt Dich entweder dem Stadium des ZEN Bewusstseins näher oder gleich über den Rand des Wahnsinns.
    Die einzige Befriedigung die noch bleibt, ist die Kinder irgendwann mal genauso zu belästigen, wie sie es selbst, bzw. die Eltern bei einem gemacht haben.
    In diesem Sinne: HooHooHoo!

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      1. Das erinnert mich an das Spiel, was wir mal spielten. Eine ehewillige Dame führte ihren Zukünftigen in die Nähe von mir und einem anderen Vater, um ihrem Baldigen die Vorzüge des Nachwuchsbekommens näher zu bringen.
        Wir brauchten 10 Minuten, um den Kinderwunsch ein für allemal abzustellen. Höchst amüsant.
        Wenn Du weitere Gründe brauchst, sag Bescheid…

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  2. Man hat ja in jeder Serie seine Lieblinge, so wie z.B. bei Downton Abbey Countess of Grantham (Maggie Smith). Hier ist es eindeutig „Mutter Zeilenende“ 🙂 🙂 🙂
    Darf ich sagen, dass ich den Baum grottenhäßlich finde? Ich finde die meisten Bäume, die man mir in diesem Jahr vor allem per whatsapp gezeigt hat („na, was sagst du zu diesem Baum? Wahnsinn, oder?“), grottenhäßlich. Mir gefiel nur ein einziger, nämlich den von meiner Tochter. Nacktes Grün, mit fünf großen Kugeln geschmückt. In der Whatsapp-Nachricht stand unter dem Foto: „mehr haben wir mit dem neuen Baby nicht geschafft. Wir lassen das jetzt auch so!“

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    1. Sollte ich ihr je hiervon erzählen, werde ich dein Fantum offenbaren. 🙂 Was den Baum angeht: Tu dir keinen Zwang an, ich finde ihn auch nur „den Umständen entsprechend gelungen“ und hadere seit Jahren mit dem Baumschmuck. Das wäre einen eigenen Beitrag wert. Es gibt familiendynamische Gründe für dieses Chaos, kurz gesagt: Keiner hört auf mich. ^^ Die fünf Kugeln deiner Tochter klingen sympathischer. *g*
      Mein Liebling ist übrigens Tom Branson.

      Gefällt 1 Person

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