Der deutsche Staat kennt viele Gesetze, die dem Schutz seiner Bürger*innen dient. Er hat Gesetze erlassen, die das Betreiben von Atomkraftwerken langfristig verbietet, damit niemand ein Flugzeug darauf abstürzen lässt und die deutsche Bevölkerung verstrahlt, um mal ein Beispiel zu nennen. Er verbietet auch den freien Verkauf von 98%igem Alkohol, auf das niemand seinen Eierlikör damit ansetze. Und es gibt ein weiteres Gesetz, das JuSchG.

Aber bevor ich es vergesse: Fröhliche Weihnachten euch allen. Futtert ordentlich, einmal im Jahr ist das in Ordnung. Ich werde es jedenfalls tun. Und im Blog vielleicht Nachlese halten. 🙂

Ich verstoße meines Wissens nach derzeit nicht gegen staatliche Gesetze, höchstens mal gegen die Gesetze des Anstands oder des guten Geschmacks. Diese Gesetze einzuhalten oder nicht liegt in der Freiheit eines jeden Einzelnen, ohne seitens des Staates mit Konsequenzen rechnen zu müssen.

Neben diesen Gesetzen gibt es solche, gegen die zu verstoßen die Intervention staatlicher Organe und Sanktionen gegen mich zur Folge haben. Guter Satz, gell? Bestehle ich einen anderen Menschen, rückt die Polizei aus. Es sei denn natürlich, ich habe einen guten Grund: Eine Gesetzeslücke und eine clevere Geschäftsidee zum Beispiel.

Dann gibt es noch eine dritte Kategorie von Gesetzen. Diese durchzusetzen obliegt nur indirekt dem Staat. Er erlässt das Gesetz, um die regulierte Gruppe zu schützen, delegiert die Durchsetzung an Privatpersonen und beschränkt sich auf die gelegentliche Kontrolle der ordnungsgemäßen Durchsetzung. So gesehen bedeutet das JuSchG wahlweise die Privatisierung staatlicher Exekutiv-Funktionen oder der Name ist falsch. Statt Jugendschutzgesetz könnte es auch „Einzelhändler-, Gaststätten- und Spielhöllenbetreiber-Verantwortungsgesetz“ heißen, aber das wäre entschieden zu lang und könnte kreative Geister dazu veranlassen, Fragen zu stellen: Läge es nicht in der Verantwortung von Spielhöllenbetreibern, ihre Läden gar nicht erst zu eröffnen?

So in meine Gedanken versunken, stand ich also im Kiosk und wünschte eine Einheit nicht jugendfreier Handelswaren zu erwerben. Ich wollte dazu übergehen, mit mir selbst diverse Möglichkeiten zu erörtern, vorzeitigen kreisrunden Haarausfall auf meinem Kopf zu bekämpfen, strich dazu grüblerisch durch meinen Bart und äußerte mein Begehr, das Geld bereits abgezählt in der Hand klimperte auf den Tresen. Doch der lange Arm des Staates packte mich am Kragen, in Form der freundlichen Verkäuferin:

„Bist du denn auch schon 18?“

Verdutztes Gesicht meinerseits. Die meisten Menschen, die ich nicht kenne und denen ich in öffentlichen Kontexten begegne, duzen mich nicht mehr. Und der Einkauf ist ein öffentlicher Kontext, da werden schließlich Geschäfte geschlossen. Das machte mich perplex. Mein Zögern, eine Antwort zu geben, wurde allerdings missinterpretiert. Offenbar witterte die Person hinter der Ladentheke, nun ganz in ihrer Rolle als privatisierte staatliche Ordnungsmacht, ein illegales Begehr meinerseits.

„Zeig mal deinen Ausweis.“

Kann man „verdutzt“ steigern? Wenn es sprachlich nicht geht, mein Gesicht dürfte bewiesen haben, dass es realiter möglich ist. So zog ich mein Portemonnaie hervor und präsentierte mein amtliches Ausweisdokument, verängstigt, dass die Verkäuferin es ob des Photos mit einem Nachweis über chronische Gelbsucht verwechseln könnte. Nach kritischer Prüfung der kleinen Plastikkarte lächelte sie mich an.

„Na, Sie haben sich aber gut gehalten.“ Stimmt. Ich darf Produkte, deren Erwerb Volljährigkeit voraussetzt, schließlich seit nunmehr einer Dekade ganz legal ordern. Wahrscheinlich bin ich aber auch der einzige Mensch auf Erden, der zugleich panische Angst vor ersten Falten hat und sie sich dennoch manchmal herbeiwünscht. Denn wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Als ich den Kolleg*innen auf dem Weihnachtsmarkt von dieser Episode berichtete und meine Erleichterung beichtete, zumindest beim Glühweinkauf nicht nach dem Ausweis gefragt worden zu sein, schlugen sie vor, ich sollte mit dem Frühaufsteher, ähnlich jugendlich in der Anmutung und zudem höchstens 80cm groß, doch eine Runde Karussell fahren. Wir würden bestimmt den Kindertarif bekommen. Um unsere Glühweine würden sie sich schon kümmern.

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12 Kommentare zu „Mein Ausweis und ich

  1. Hihi, kommt mir bekannt vor. Ging mir lange ähnlich. Erst als meine Locken langsam erblondeten, bekam ich, wenn auch zögerlich, die Waren meines Begehrs ohne Ausweisvorlage rübergeschoben 😀
    Liebe Grüße und hab einen schönen 1. Weihnachtstag wünscht die Silberdistel

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    1. Das Schöne an so einem biblischen Alter muss sein, dass man es bald geschafft hat und sich nicht mehr über sich selbst belügen muss, so wie ich, sondern schlicht vergisst, wie die grausame Realität ist. Ich beneide dich. 🙂 *geht mal seine weihnachtliche Besinnlichkeit suchen, die irgendwo auf halber Strecke verschwunden sein muss*

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    1. Darauf kann man wenigstens schlagfertig antworten, dass man ohne sein Fläschchen Klosterfrau am Morgen übers Aufstehen gar nicht erst nachdenkt, wohingegen mir nur die klägliche Ausrede bleibt: „Die Welt ist so doof, ich muss sie mir schön trinken.“ Und darauf bekommt man als Replik doch eh nur: „Tut mir leid, aber so harten Stoff führen wir nicht.“ 😉

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