Der folgende Film hat es schwer, weil er eine Romanverfilmung ist. Der folgende Film hat es schwerer, weil ich das Buch mochte. Der folgende Film hat es noch schwerer, weil es mein erster Roman von Juli Zeh war und er mich spontan für sämtliche Bücher dieser Autorin vereinnahmt hat.

Quelle

Inhalt lt. amazon.de

Die hochintelligente Ada und der in aller Welt aufgewachsene Alev lernen sich am Gymnasium kennen. Die 15-Jährige ist fasziniert von dem dämonischen 18-Jährigen und fühlt sich von ihm auch körperlich angezogen. Die beiden Einzelgänger kommen sich näher und bald präsentiert Alev seine Theorie vom Spieltrieb: Alles, was Menschen tun, sieht er als Spielhandlungen an. Sein Ziel ist es, Menschen zu manipulieren und wie Spielfiguren zu steuern. Ihr erstes Opfer wird der Deutsch- und Sportlehrer Smutek. Alev stiftet Ada an, Smutek zu verführen. Er filmt sie beim Sex in der Turnhalle und zwingt den unglücklich verheirateten Lehrer, immer wieder mit seiner Schülerin zu schlafen. Schnell gerät das perfide Spiel außer Kontrolle.

Vorlage und Verfilmung

„Spieltrieb“ ist ein spannendes Buch. Das liegt nicht allein an der Geschichte. Es liegt vor Allem daran, wie die Geschichte erzählt wird. Der Roman ist voller Exkurse, Grundsatzdiskussionen, Anspielungen an Literaturklassiker und diverse Genre-Regeln. Es geht um Spieltheorie, es geht um Macht, Kontrolle, es geht um Auseinandersetzung und die (begrenzte?) Macht des Intellekts. „Spieltrieb“ als Buch lebt von seiner Diskursivität. Der Film geht darüber zu großen Teilen hinweg.

Bei einer Romanverfilmung fallen zwangsläufig Dinge weg, selbst wenn die Verfilmung mehr als drei Stunden dauern sollte. Manchmal ist es unverzeihlich, manchmal ist es kompensierbar. Für die Diskursivität von „Spieltrieb“ gilt: Teils gelungen, teils nicht gelungen.

Ton und Bilder

In diesem Film wird nicht viel geredet. Dafür ist die Optik gelungen. Alev ist der kalte, glatte und berechnende Schnösel, als der er im Buch präsentiert wird. Die ganze Zeit über trägt Jannik Schümann das überhebliche Lächeln eines Menschen im Gesicht, der glaubt, alles gesehen zu haben, alles erklären und vor allem alles kontrollieren zu können. Das Internat der Schule wird als Traum- und damit Gegenwelt zum Alltag „draußen“, dort wo Ada lebt, inszeniert. Die Bilder wirken immer unterkühlt. Selbst wenn man ohne Ton zuschauen sollte, sinkt die Raumtemperatur um gefühlte fünf Grad.

Der Ton ist aber das, was dem Buch fehlt. Bei Juli Zeh wird viel gedacht, viel geredet, mit anderen Worten: Es werden viele Worte produziert. Das ist der Kern jeden Buches, aber Juli Zeh beschreibt nicht nur Situationen, ihre Beschreibungen sind immer zugleich Reflexionen und Aussagen. Im Film hingegen: Viel Schweigen. Die Figuren haben sich nicht viel zu sagen. Es ist, als lohne sich das Reden nicht, weil eine Katastrophe bevorsteht und sie ohnehin nicht zu verhindern ist.

Abweichungen und Ungereimtheiten

Der Film erzählt die Geschichte eines teuflischen Verführers einer gelangweilten Intellektuellen. So ähnlich ist das auch im Buch. Andererseits ist Ada im Buch zunächst eine kalte Pragmatikerin. Es ist nicht so, dass sie ihre Fähigkeit zu Gefühlen leugnet, sondern sie glaubt wirklich, keine zu haben. Und sie ist willentliche Mitspielerin des Teufels, weil sie einen Ebenbürtigen entdeckt. Im Film hingegen ist Ada eher die kleine Loserin, die von allen gemobbt wird und darunter leidet. Mit dieser Interpretation verfährt das Drehbuch aber inkonsequent und lässt Ada Alev zwingen, sie zu entjungfern, obwohl er impotent ist (oder vorgibt zu sein, aufgelöst wird das weder im Buch noch im Film): Eindeutig die Machtdemonstration eines nihilistischen Miststücks, das Ada im Roman durchaus ist, im Film aber überhaupt nicht zu ihr passt.

Ada ist wirklich nicht gelungen. Selbst wenn man ihr unterstellt, dass sie ein stereotypes Teenagermädchen ist, das sich bloß als harte Nihilistin inszeniert, muss man von der Inszenierung etwas sehen und kann sie nicht konsequent ironisch brechen, indem man eine verunsicherte, abhängige junge Frau zeigt. So beraubt man die Hauptfigur lediglich ihrer Selbstständigkeit.

Auch das Umfeld des Romans wird in Mitleidenschaft gezogen. „Spieltrieb“ ist eine Schulgeschichte und es treten zwei Lehrer von Bedeutung auf. Der eine am Rande, tritt auf, sagt seinen Satz, tritt ab und verschwindet schließlich aus dem Film, ohne das seine Funktion hervortritt. Im Roman dient der Lehrer Ada als eine Art „Normenkontrollinstanz“, intellektuelle Anregung. Ihr Abschied hat symbolische Bedeutung. Im Film hingegen ist es nicht mehr als unmotivierte und damit überflüssige Effekthascherei.

Smutek, letztlich der dritte Hauptcharakter, wird im Film zum Opfer. Einen eigenen Charakter entwickelt er nicht. Wir erfahren nichts über seine Motivation, seine Wünsche, seine Träume, sein Begehren. Wir wissen, dass er verheiratet ist. Wir wissen, dass er Lehrer ist. Wir wissen, dass Ada ihn verführt. Aber warum? Keine Antwort, Smutek ist bloß ein Requisit für den Film.

Fazit

Ich nehme mir immer wieder vor, keine Verfilmungen von Büchern mehr zu schauen, die ich mag. Denn die Filme werden eigentlich immer furchtbar. In diesem Fall war ich in der ersten halben Stunde positiv überrascht, denn die Bildsprache des Films passt zum Ton des Buches und bis zu einem gewissen Punkt konnte ich die Sprachlosigkeit des Films ebenfalls verstehen. These: Das Gerede im Buch dient nur der Überdeckung der Leere, die hinter den Worthülsen steht. Diese will der Film spürbar machen, nicht die Worthülsen.

Dabei  gelingt es „Spieltrieb“ durchaus, Beklemmungen und Schrecken zu wecken. Der Film erzählt eine spannende Geschichte, aber diese Geschichte bleibt ohne die Kenntnis des Buches voller Ungereimheiten. Wir erfahren nichts über unsere Charaktere, selbst zentrale Motive werden übergangen. Der Film bleibt dabei stehen, eine Stimmung einzufangen, eine Geschichte erzählt er nicht – nach einer Moral wage ich gar nicht zu fragen.

4 Kommentare zu „Besprechung: Spieltrieb

  1. Mir gehts ähnlich, ich schau mir keine Verfilmungen mehr an, wenn ich die Bücher sehr gut fand.
    Habe bisher auch noch keine Ausnahme gemacht.
    Wobei ich gerade überlege, ob ich für „Er ist wieder da“ eine einzige Ausnahme machen soll.

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