Was habe ich mich auf diese Veranstaltung gefreut. Ich habe mich freiwillig zur Veranstaltungsbetreuung gemeldet wegen „Dia-Vortrag“, „Quiz“ und natürlich wegen des marktschreierischen Titels. Boulevardeske Unterhaltung, dachte ich in einem Anflug von Gründerzeit-Nostalgie und weil ich nicht zugeben wollte, eigentlich nur in Stimmung für Mario-Barth-Humor war.

Quelle

Leonie Haug auf Lesung bei uns in der Bibliothek. Meine Erwartungshaltung habe ich geschildert. Ich hatte vorher noch regulären Dienst an der Servicetheke und ich war erkältet. Die Symptome hatte ich alle artig im Griff: Hustensaft, Grippostat, Pfefferminzöl, Unmengen an Tee und Bonbons. Kein einziger Huster ist mir entfahren. Und so bin ich arbeiten gegangen. Ich habe das nicht wegen der Arbeit getan. Auch wenn ich daheim geblieben wäre, hätte ich mir die geballte Dröhnung aus dem Medikamentenschrank gegönnt. Als Vernunft-Pazifist bin ich gegen Kriege, als Mann habe ich genetisch bedingt manchmal Erst-Jünger-Phasen und muss meine Männlichkeit als Krieger unter Beweis stellen. Deshalb führe ich ausgefeilte Feldzüge gegen Erkältungen – mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.

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Rückblickend war das wahrscheinlich keine gute Idee, denn ich bin dem Abend dadurch mit übersteigerten Erwartungen entgegengetreten und wurde enttäuscht. Deshalb die lange Vorrede: Sie ist eine Warnung an euch Leser*innen, dass ich mit einer völlig falschen Haltung an die ganze Sache herangegangen bin. In meinem Fazit bin ich nicht zurechnungsfähig.

Die Geschichten, die Leonie Haug in ihrem Buch gesammelt hat, sind ohne Frage unterhaltsam. Wahlweise schüttelt man den Kopf über den realen Irrsinn oder erfreut sich an den Geschichten, die das Leben so schreibt. Der Vermieter als Spanner, der Blick auf die Baustelle als „Blick in die Zukunft“ oder eine Schmiergeldzahlung, die ganz unverfroren bloß „Luftgebühr“ heißt, sind nur einige der Szenen, die das Grauen illustrieren.

Auf dem deutschen Wohnungsmarkt passiert viel, das weiß wohl jeder, der umzieht. Die Gruselgeschichten der Leonie Haug sind deshalb in der ein oder anderen Form Allgemeingut. Interessanter sind deshalb die positiven Erlebnisse, die die Autorin gesammelt hat, weil sie nicht bloß Makler und Vermieter bashen wolle. Und wer hat schon einmal davon gehört, dass eine alleinerziehende Mutter eine Wohnung findet, weil das Baby eine Zufallsbegegnung am Schwarzen Brett der Bäckerei angeflirtet hat? Und wer kennt schon einen Fall wie den der beiden Damen, die ihre Maklerin und die Vormieterin beim Besichtigungstermin unter den Tisch getrunken haben und so an die Wohnung geraten sind?

Das Buch könnte ganz nett werden. Der Titel des Buches, erfahren wir, war ein Verlagswunsch. Man wolle mit der Zweideutigkeit spielen. Sie selbst habe keine Hunde, sondern eine Katze. Ob Hund oder Katze, die Wohnungssuche mit Haustier sei immer komplizierter als ohne. Und dennoch liegt ihr das Reißerische eigentlich nicht. Leonie Haug liest mit angenehmer Stimme, deren Seriosität aber besser zu einem Radiofeature über die Sozialanalyse der Wohnungssuche passt als zur reißerischen Ankündigung des Buches. Der „Diavortrag“ ist eine Powerpoint-Präsentation mit zahlreichen Bildern von Gruselwohnungen, der parallel im Hintergrund läuft, ohne dass sie darauf eingeht. Dekoratives Beiwerk. Vielleicht dachte die Marketing-Abteilung, das sei eine passende Untermalung.

Die angekündigte boulevardeske Show liegt Leonie Haug offenbar nicht. Und so erzeugt die Lesung eine Dissonanz zwischen Werbeplakat und Buch-Aufmachung einerseits, der ruhigen Art der Autorin andererseits. Ich hätte mir eine Auflösung gewünscht, entweder mit mehr Klamauk oder durch den Verzicht auf alles Reißerische. Beides wäre sehr unterhaltsam geworden. So verharrt die Lesung im Niemandsland, gefangen zwischen dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit auf den Büchertischen deutscher Buchhandlungen zu erzeugen und dem Bedürfnis der Autorin, die gesamte Bandbreite einer alltäglichen Erfahrung zu dokumentieren. Weniger oder mehr hätte dem Abend sicherlich gut getan.

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6 Kommentare zu „Lesung: Leonie Haug – Suche Wohnung für mich und meine Möpse

  1. Plakat und Köpfefoto assoziieren jedenfalls keine klassische Lesung. Schade, wenn Verlage meinen, mit einer bestimmten Masche, die so gar nicht mit der Autorin kompatibel ist, besser verkaufen zu können und an ihr vorbei Werbemaßnahmen planen. Das gibt Buh!-Punkte für die Verlags-PR-Abteilung. Ziemlich viele.
    Schade, dass sich diese Autorin so verkauft hat – obwohl sie doch wissen musste, dass das nicht funktionieren kann.
    Was sagt deine Erfahrung: Sind – im Vergleich zu anderen Lesung – eher gleich viele oder eher mehr Männer gekomen? Will heißen: Will der Verlag vor allem Männern das Lesen dieses Buches schmackhaft machen?
    Wie auch immer … Wenn die Autorin über solche eher „mittelmäßig interessanten“ Themen gut schreiben kann, ist es sicher ein gutes Buch, das eben eine bessere Vermarktung verdient hätte.

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    1. Japp, da wollte jemand pfiffig sein und das Buch auf den Neuerscheinungs-Tischen herausstechen lassen. Ist halt leider manchmal so, dass man die Bücher anders nicht unterbekommt.
      Was das Verhältnis Mann-Frau betrifft, so war es hier ausgeglichen, sonst haben wir einen Frauen-Überschuss bei der Lesung, der Titel hat also verfangen. War aber eine der kleineren Veranstaltungen unseres Literaturfestivals, Adriana Altaras, von deren Lesung ich ebenfalls berichtet habe, hatte wesentlich mehr Publikum.
      Positiv dabei war: Die Herren waren nicht enttäuscht, die Lesung hat meiner Wahrnehmung nach trotz der Erwartungsdiskrepanz gefallen. Und wir haben auch ein paar Bücher verkauft.

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  2. Ich war in meinem ganzen Leben erst bei einer einzigen Autoren-Lesung, die allerdings ganz spektakulär gut war. Dein Namensvetter, Ulf Kaschl, stellte seinen Erstlingsroman »Roadmovie Kapstadt« vor, zeigte selbst geschossene Fotos per Beamer und spielte passende Musik von Bands vor Ort ein. Das war ein Hammer – und zwar vorwiegend, weil alles authentisch war (ich kannte den Autor damals schon seit fünf Jahren, da er ein geschätzter Kollege an meiner Schule war). So etwas würde ich gerne mal wieder erleben.

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    1. Jopp, das kann ich mir vorstellen. Es macht immer am meisten Spaß, wenn die Leute nicht nur vorlesen, sondern erzählen. Oder den Text so vorlesen, als würden sie es erzählen, dass man merkt, dass sie dabei sind. Bei Altaras hatte ich genau das Gefühl, das hat Laune gemacht.

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