Adriana Altaras ist hörenswert, das wusste ich schon. „Titos Brille“ ist als Hörbuch von der Autorin eingelesen worden. Ich habe mich köstlich amüsiert, über die Geschichten und war entsprechend gespannt, wie sie live ist.

Adriana Altaras ist erschreckend klein. Wir öffneten die Tür, baten die ersten Gäste herein, begrüßten, kontrollierten Eintrittskarten, wiesen auf Garderobe und Getränke-Ausschank hin. Nach etwa 20 Minuten fragte ich meine Kollegin, ob die Autorin eine Verspätung angekündigt habe? Sie runzelte die Stirn. Frau Altaras stehe doch da vorn und unterhalte sich mit der Chefin. Sie sei vor ein paar Minuten an uns vorbeigelaufen. Adriana Altaras ist so klein, dass ich sie übersehen haben muss. Die Kollegin ist ähnlich klein, deshalb hat sie die Autorin bemerkt. Und ja, das war eine kalkulierte Unverschämtheit.

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Ganz so hat es sich natürlich nicht zugetragen, aber so ähnlich. Und es illustriert sehr schön die Wirkung dieser Frau. Sie stand tatsächlich plötzlich im Foyer und begrüßte uns herzlich. Kaum war sie da, war sie unheimlich präsent und füllte den Raum mit ihrer Anwesenheit, auch wenn sie bloß mit unserer Chefin plauderte.

Die Lesung war entsprechend angenehm, Adriana Altaras versteht es, ihr Publikum gefangen zu nehmen und über anderthalb Stunden nicht loszulassen. Dabei liest sie schnell, um nicht zu sagen rasant. Egal, sie ist schlagfertig und hat eine Begründung, warum die Lesung so sein müsse: „Das ist das Tempo, in dem ich das Buch geschrieben habe. Das müssen Sie auch so lesen. Wenn Sie bei einem Buch länger verweilen wollen, müssen Sie etwas anderes lesen.“

Vergnügt springt sie zwischen ihren beiden Büchern hin und her, liest hier etwas vor und dort etwas vor, behauptet am Ende, sie habe nach fünf Minuten ihre Vorbereitungen auf den Abend über den Haufen geworfen und improvisiert. Man möchte ihr glauben, aber ihr Erzählen über deutsche, jüdische, jugoslawische Identität in Eltern-, Kinder- und Enkelgeneration wirkt so stringent, dass es schwer fällt. Oder man macht es sich einfach und hält Adriana Altaras für ein Erzähl-Genie.

Vor Allem ist die Autorin aber eine Ratgeberin. Sie hat nicht nur Tipps zum Lesen ihrer Bücher parat, auch zum Thema Tod: „Wenn Sie gleich nach Hause gehen, fangen Sie mit dem Entsorgen an.“, kommentiert sie ihre Erfahrung der Wohnungsauflösung bei ihren verstorbenen Eltern. Wochen habe sie gebraucht, um sich damit auseinanderzusetzen. Letztendlich hat sie einen Gedenkflohmarkt für die jüdische Gemeinde Gießens unter dem Motto „Kaufen Sie sich eine Erinnerung an Ihren verstorbenen Gemeindevorsitzenden“ veranstaltet. Aber lästig sei es gewesen. Lieber zu Lebzeiten was wegwerfen. Was soll man an einem kalten und dunklen Abend auch sonst machen? Vor allem, wenn man sich an ihren Rat hält und ihre Bücher in einem Affenzahn schon durchgelesen hat?

Adriana Altaras erzählt humorvoll und leicht. Sie erzählt aber von schwierigen Themen: Von der Suche nach Heimat und Identität. Sie erzählt augenzwinkernd von der fixen Idee ihres Vaters, der 15 Jahre lang für eine Synagoge in Gießen kämpft und der Stadt tatsächlich eine neue, alte Synagoge schenkt. Sie erzählt ebenso belustigt vom Aufstand des Sohnes, der seinen Vater als „Doitscha“ beschimpft. So wird auf humorvolle Art und Weise klar, wie wichtig die eigene Identität ist und wie wichtig es ist, eine Heimat dort zu finden, wo man sich niederlässt.

Es wäre schön, wenn diese Botschaft sich verbreitet. Ergänzend zu Grundgesetzen in Flüchtlingsunterkünften könnte man vielleicht Adriana Altaras‘ Bücher in bayerischen Ministerien verteilen. Das wäre ein fairer Deal. Eine Lesung mit Adriana Altaras ist in jedem Fall eine lustige Angelegenheit und man kommt auf die ein oder andere abstrus-sinnvolle Idee.

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Ein Kommentar zu „Lesung: Adriana Altaras – „Doitscha!“ und „Titos Brille“

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