Alice-Filme gibt es wie Sand am Meer. Wikipedia listet bis 2010 allein 37 Verfilmungen und Adaptionen der beiden Bücher „Alice’s Adventures in Wonderland“ und der Fortsetzung „Through the Looking Glass and what Alice found there“. Bekannt und stilprägend dürfte vor Allem der Disney-Film von 1951 gewesen sein, auch wenn er eher eine Interpretation denn eine Verfilmung ist. Gleiches gilt für den Tim-Burton-Film von 2010, während sich die ebenfalls recht bekannte Fassung von 1999 mit Whoopie Goldberg, Ben Kingsley und Peter Ustinov sehr detailliert an die Vorlage hält.

Die Fassung von 1985 bewegt sich wie die Fassung von 1999 inhaltlich recht nahe am Original und auch sie setzt vor Allem auf Starpower. Neben Ringo Starr treten Telly Savalas, Sammy Davis, Jr., Karl Malden, Lloyd und Beau Bridges auf. Stilistisch interpretiert diese Version die Werke freier als das Original, aber langsam …

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Manchmal ist sie zu groß, oder viel zu klein. Manchmal läuft alles rückwärts. Und immer ist zu viel Pfeffer in der Suppe. Nichts ist mehr so, wie es sein soll, seit Alice einem ungewöhnlichen weißen Kaninchen gefolgt ist und auf diese Weise in ein immer skurrileres Abenteuer gerät.

Irwin Allen fängt eine der schönsten Kindheitsfantasien in dieser farbenfrohen Produktion mit Starbesetzung ein, die auf Lewis Carrolls Alice im Wunderland basiert. Steve Allen komponierte die fröhlichen, witzigen Lieder und mehr als ein Dutzend Hollywoodstars tauchen mit ein in dieses wundersame Vergnügen. Alice sucht den Weg nach Hause – und würde dabei gerne auch bei euch vorbeischauen.

Optik

Zur Erinnerung: Wir haben es mit einem Realfilm zu tun, wir bewegen uns im Jahr 1985 und es ist ein Kinderfilm, der nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen produziert wurde. Dementsprechend sollte man als Zuschauer kein Feuerwerk an Special Effects erwarten, am Besten erwartet man gar keine Special Effects, denn die braucht der Film nicht.

Die 1985er-Version ist bunt und künstlich, mit skurril anmutenden Kostümen. Die Schauspieler scheinen sich darin wohl zu fühlen, was ich erstaunlich finde, denn ihre Ausstaffierung wirkt doch ein wenig klobig. Anders als in der Sesamstraße wirken die Kostümierten ein wenig ungelenk, aber das scheint gewollt zu sein. Die Figuren turnen durch eine Welt, die bewusst bunt und künstlich gestaltet ist. Das Szenenbild orientiert sich eindeutig an den Märchenfilmen vergangener Tage und an der Zauberer-von-Oz-Verfilmung mit Judy Garland. Gleichzeitig erzeugt die Künstlichkeit der Welt zumindest beim erwachsenen Zuschauer (Mutter Zeilenende und ich waren uns einig) ein dauerhaftes leichtes Schauern, eröffnet einen doppelten Boden der Geschichte. Ist Alices Ausflug ins Wunderland ein Traum oder ein Albtraum? Das ist clever gemacht, denn auch Alice stellt sich diese Frage durchaus, ob sie im Traum- oder im Albtraumland gelandet ist. Als Beispiel dafür mögen die Ohren der Grinsekatze herhalten. Telly Savalas wirkt in seinem Kostüm nicht unbedingt wie die Cheshire Cat, sondern mehr wie der Teufel im Pelzmantel. Und der Jabberwocky … Willkommen im C-Horror-Film.

Darstellungs-Leistungen

Die diversen Gaststars betrachten ihre Gast-Auftritte als Unterhaltung für Kinder im besten Sinne: Sie haben einen Heidenspaß daran, vor der Kamera herumzualbern. „Alice im Wunderland“ erinnert dadurch weniger an einen Märchenfilm als an eine Slapstick-Komödie. Dazu trägt sicherlich auch die Konzeption als Film mit Gesang bei. Während sich die Story eng an die Vorlage hält, haben die einzelnen Schauspieler*innen große Freiheiten und ihre Interaktionen mit Alice sind anders als im Original nicht Geschichten, die sie erzählen, sondern Lieder, die sie für Alice singen.

Die Begegnungen von Alice mit den Bewohner*innen von Wunderland und hinter dem Spiegel sind stimmig, mit einer guten Prise Nonsense gewürzt und meistens gut gelungen. Kleine Abstriche gilt es bei der Köchin der Herzogin zu machen (Mehr Pfeffer!), die beinahe schon gewöhnlich und ein wenig bieder daherkommt. Gleiches gilt für die Herzkönigin, die im wahrsten Sinne des Wortes blass ist – und unmotiviert. Das fand ich schade, denn diese beiden Figuren halte ich neben dem Hutmacher für die größten Irren des Wunderlandes.

Philosophischer Tiefgang

Was die populären Verfilmungen des Alice-Stoffes meist vermissen lassen ist der philosophische Tiefgang, den Lewis Carroll hinter all dem Nonsense versteckt, der für sein Werk aber durchaus eine Rolle spielt. Die meisten Filme beschränken sich allein auf die Darstellung des Nonsense, verpackt in der Geschichte von Alice, die zahllose Abenteuer bestreitet und am Ende ein wenig erwachsener ist.

Die Fassung von 1985 legt ihr Augenmerk ebenfalls auf den Nonsense, aber sie lässt stellenweise durchblicken, dass sie die Vorlage ernster nimmt als die anderen Verfilmungen. Wo sonst kann man einem Humptydumpty begegnen, der sich und Alice die Frage stellt, was diese ominöse Sprache eigentlich sei, wo sonst Einhörner mit Löwen prügeln sehen und wo sonst gelten Kinder als Fabelwesen? Gerade im zweiten Teil haben sich die Autoren mächtig ins Zeug gelegt, um der Vorlage gerecht zu werden, stellen hintersinnige Fragen und lassen die Logik Pirouetten drehen.

Fazit

Man merkt dem Film sein Alter und seine Herkunft deutlich an. Ein Augenschmaus ist er für heutige Betrachter sicher nicht. Als Kinderfilm eignet er sich auch nur bedingt, weil die Gesangseinlagen nicht synchronisiert sind. Das Kind sollte entsprechend die englische Sprache verstehen oder einen Simultan-Übersetzer haben – Untertitel habe ich leichtfertigerweise nicht überprüft. Aber für Kinder fährt man mit den Fassungen von 1951 oder 1999 ohnehin besser, wie ich finde, sie überzeugen optisch mehr. Für erwachsene Alice-Fans hingegen spreche ich eine vorsichtige Empfehlung aus. Den Film muss man nicht gesehen haben, aber ich finde, er bietet die ein oder andere interessante Perspektive auf den Alice-Stoff, den die drei großen Verfilmungen ausklammern.

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2 Kommentare zu „Besprechung: Alice im Wunderland (1985)

    1. Überdreht sind die Figuren in jeder Fassung, Alice begegnet nunmal am Stück Karikaturen von gewissen Gesellschaftstypen. Und egal in welcher Fassung, es ist ziemlich anarchisch. Wenn du es wagen willst, würde ich es mit der 1999er-Verfilmung probieren. Die ist zwar überdreht, aber nicht wo knallig-bunt wie der Disney-Film und alles in Allem etwas „ernsthafter“.

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