Ich bin so unglaublich selbst-referentiell, dass ich mich manchmal schäme. Anfang Oktober habe ich mit einem Buch auf meinem SuB einen Deal geschlossen: Ich lese dich noch in diesem Jahr. Versprechen gibt man nur, um sie zu halten, deshalb habe ich eines Morgens vor dem Weg zum Zug die Gelegenheit ergriffen.

Quelle: Verlags-Homepage

Inhalt lt. Verlags-Homepage

Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandet der Gröfaz in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und trotz Jahrzehnten deutscher Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und »Gefällt mir!«-Buttons …

Das Spiel mit dem Unbehagen – Überlegungen zur NS-Zeit

Ich habe das Buch vornehmlich an öffentlichen Orten gelesen, sei es in der Bahn oder am Bahnhof. Und auch wenn das Buch wohl leidlich bekannt sein sollte, fühlte ich mich unwohl. Nicht allein, weil da ein stilisierter Seitenscheitel auf dem Buchdeckel prangte, sondern auch weil ich hin und wieder lachen musste. Mal herzhaft, mal bitter, aber stets spürte ich den Widerspruch: Darf man über Hitler lachen? Charlie Chaplin hätte vielleicht gesagt, dass uns nichts anderes übrig bleibt. Ich für meinen Teil bin mir da nie ganz sicher. Die Verbrechen der Nazi-Zeit halte ich für nicht relativierbar, nicht rationalisierbar und damit, das schlimmste überhaupt, für nicht einmal ansatzweise rational erklärbar.

Andererseits bedeutet diese Nicht-Rationalisierbarkeit auch Sprachlosigkeit. Und Sprachlosigkeit ist gefährlich. Dinge, die man nicht ansprechen kann, fallen dem Vergessen anheim oder – ebenso gefährlich – verharmlosen. Mit diesem Problem umzugehen erfordert Anstrengung. Die Geschehnisse, seien es Judenverfolgung, Kriegsverbrechen, „Gleichschaltung“, Niederschlagung politischer Opposition, können durch den Besuch von Orten und das Studium der Quellen zu uns sprechen, bedürfen dabei aber der Begleitung, sei es durch Erläuterung oder Erklärung. Damit gerät man wieder in das Unerklärbarkeitsproblem.

Die Kunst, seien es Musik, Dichtung, aber auch Film und Literatur, sind ein anderer Weg, der Sprachlosigkeit zu begegnen. Der „Umweg über die Kunst“ ist zumindest in diesem Fall kein „Umweg“. „Der große Diktator“ ist eine Reaktion auf die Sprachlosigkeit in der Realität: Die Verspottung in der Kunst. Der Irrsinn wird als Irrsinn entlarvt. Ja, man darf über Hitler lachen, denn ehrliches Lachen ist besser als Schweigen oder bloß einstudiertes und damit äußerliches Bedauern. Wenn einem das Lachen zugleich Unwohlsein bereitet, ist das umso besser.

Sprache

Hitler war kein Sprachgenie. Das deutsche Volk, verführt durch die Rhetorik eines einzelnen Irren und seiner ebenso irren Bande ist ein beliebter Rationalisierungsmythos. Der Versuch, das Unerklärliche erklärbar zu machen, einer der vielen Belege dafür, wieso ich die Nazizeit für nicht rational erfassbar halte. Vermes kommentiert diese Theorie in seinem Buch kritisch, denn sein Hitler trifft ziemlich genau den Windhund-Ton des Mein-Kampf-Hitlers. Im Buch funktioniert er als Komiker, nicht weil Hitler Hitler spielt, sondern dem, was und auch wie er es sagt. Die Herzen der Bevölkerung fliegen ihm zu, gerade weil sie es für überzogen halten, was er sagt. Und der rechte Rand der Gesellschaft verabscheut ihn für das, was er sagt und wie er es sagt, weil auch sie ihn nicht ernst nehmen.

So gesehen verstehe ich Vermes‘ Hitler als Kritik an der Vorstellung des brillanten Redners, des Charismatikers. Es geht nicht um Hitler, es geht nicht um das was er sagt und auch nicht darum, wie er es sagt. Wenn Hitler funktioniert hat, dann liegt es an seiner Etablierung als Marke. Und die Bedürfnisse des Marktes an einen rechten Bauernfänger sind heute andere als damals. Die alten Rezepte haben damals nicht funktioniert, weil Hitler ein Rhetor war. Sie haben funktioniert, weil dort jemand als Hoffnungsträger verkauft wurde. Heute muss ein Hoffnungsträger anders sein. Vermes‘ Hitler findet nicht umsonst warme Worte für Karl-Theodor zu Guttenberg. Vermes‘ Hitler ist damit ein kluger Kritiker der Selbst-Inszenierung.

Witz

Vermes lebt von den Anspielungen. Die berühmte (und in ihrer Absurdität auch als Original lustige) „Windhund-Passage“ erwähnte ich bereits, taucht im Buch auch häufiger auf. An einer Stelle sagt Hitler gar, er fände Windhunde hässlich. Großes Grinsen. Überhaupt, dieser Hitler, in dessen Kopf man steckt. Er überlegt, für welche Berufe er qualifiziert ist: Maler, Architekt, Feldherr. So absurd es klingt, als Jobsuchender beschlich mich das komische Gefühl, dieser Hitler wird da nicht lustig gemacht, sondern das ganze Arbeitssystem des vielfach ausgebildeten Tausendsassas bekommt einen Seitenhieb ab.

Davon abgesehen ist mancher Witz natürlich platt. Hitler marschiert ein statt Räume zu betreten, die meisten Fernseh-Mitarbeiter sind ähnlich gestrickte, klischeebeladene und seelenlose Selbstdarsteller. Zunächst war ich geneigt, dass ihre Gleichgültigkeit oder Begeisterung bloß ein Atlantikwall (Höhö) gegen ihr eigenes Unbehagen sei, aber Teilnahmslosigkeit ist ihre Existenzweise.

Seine guten Momente hat das Buch, wenn Vermes‘ Hitler durch Berlin stapft und seine Ressentiments pflegt, gegenüber Türken, der dummen Jugend, etc. An vielen Stellen nämlich spricht dieser Herr Hitler Dinge an, die uns auf frischer Tat ertappen. Wir suhlen uns möglicherweise im eigenen Ressentiment (Die Jugend ist geistlos und leer, verdummt, etc) und stimmen ihm zu, weil wir im Text drin sind. Doch dann kommt der Moment, an dem uns auffällt, wes Geistes Kind dieses Ressentiment eigentlich ist und erschaudern. Wir erschaudern, weil uns klar wird, wem wir da zustimmen. Das funktioniert aber nur, weil uns diese Lektion nicht mit der Moralkeule präsentiert wird sondern als humorvolles Büchlein.

Was will das Buch?

„Er ist wieder da“ wird meiner Beobachtung nach vor allem als Satire auf den Medienbetrieb rezipiert. Das stimmt. Ob es den Kern des Buches ausmacht, bezweifle ich. Vermes schreibt sicherlich keine „Wiederverführbarkeits-Burlesque“, um es auf einen nicht so griffigen Terminus zu bringen, im Gegenteil prangert er meiner Meinung nach unseren verkrampften Umgang mit rechtem Gedankengut an.

Oben habe ich bereits ausgeführt, wie er den Mythos des Redners Hitler demontiert, indem er seinen Hitler reden lässt. Das beste Kapitel des Buches ist aber die direkte Konfrontation mit der NPD. Das sind keine Nazis, stellt Vermes‘ Hitler bedauernd fest. Er wirft ihnen vor, sich nicht klar zur völkischen Ideologie zu bekennen und reißt ihnen eine Maske ab. Aber es ist nicht die Maske der besorgten Bürger, hinter der wir die lupenreinen Nationalsozialisten vermuten. Im Gegenteil: Vermes‘ Hitler reißt den NPDlern die Maske der bösen Nationalsozialisten ab, die ihnen in der Bevölkerung und der Presse aufgesetzt wird. Dahinter verbergen sich kleingeistige, verdruckste Spießbürger, die um nichts mehr besorgt sind als um ihr Ansehen in der Öffentlichkeit. Wir sehen duckmäuserische Funktionäre, deren geistiger Horizont vor der Fernsehkamera endet. Ja, diese Leute sind gefährlich, aber nicht weil sie Nazis sind, sondern weil sie zutiefst konventionalistische Spießbürger sind, die Andersartigkeit und Fremdheit nicht ertragen, die alles verabscheuen, was sie nicht verstehen. Das zunächst irre wirkende Ende des Buches ist die logische Konsequenz aus genau dieser Verbohrtheit, nicht aus irgendeiner völkischen Weltanschauung. Wer den rechten Rand beschreiben will, muss den Bedenkenträgern dafür nicht die Maske der Monstren aufsetzen. Es genügt, ihn als Stammtischproleten zu erkennen, der an seiner eigenen Feigheit und Angst zu ersticken droht. Denn es macht sie gefährlich, dass sie in ihrer eigenen geistigen Sumpflandschaft verloren gegangen sind und hemmungslos um sich schlagen.

Lesenswert?

Unbedingt. „Er ist wieder da“ ist unbestreitbar lustig, so bitter lustig, dass man sich ständig fragt, ob man lachen darf. Es ist gut, diese Frage zu stellen, denn sie ist berechtigt. Hitler ist kein Thema für seichte Unterhaltung, aber das Buch ist alles Andere als seichte Unterhaltung. Es lädt ein, über eigene Vorurteile nachzudenken, über die Verhältnisse in unserer Gesellschaft, über geistiges Brandstiftertum und die eigene Biedermeierlichkeit. „Er ist wieder da“ bietet die Gelegenheit, Selbstreflexion und Gesellschaftskritik zu betreiben – und das ganze mit großem Spaß zu garnieren. Da blickt man über die ein oder andere Länge, wie das Hundekapitel im zweiten Drittel des Buches, wohlwollend hinweg.

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8 Kommentare zu „Besprechung: Timur Vermes – Er ist wieder da

  1. Wir haben Buch und Film auch schon intus – sehr bewusst haben wir uns gegen eine Präsenz auf unserem Blog entschieden. Warum? Irgendwie kann man das Buch nicht so richtig einordnen.
    Es ist gut analysiert – man soll sich in den Diktator hineinversetzen können und soll mitfühlen, wie überfordert er doch mit der heutigen Zeit ist, aber irgendwie bleibt man irritiert zurück, denn die Analysen des Autors sind so detailliert, dass das Buch im Zweifelsfall genau das Gegenteil von dem bewirken kann, was Vermes sicher als Satire geplant hat.
    Der Film steht dem in nichts nach. Text und Film sind irgendwie komisch. Bisher ließen sich bei den Hitler-Parodien Spaß und Ernst immer gut unterscheiden. Vielleicht ist es die momentane Stimmung in unserer Gesellschaft, an der es liegt und die den Stoff gefährlich macht.

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    1. Ich denke, das macht das Buch noch einmal stärker, dass der Autor sein Ding so konsequent durchgezogen hat, aber ich kann verstehen, dass man sich schwer tut, das Buch einzuordnen. Die Besprechung hat mich einiges an Mühe gekostet, ich habe sogar nochmal in alte Unterlagen aus dem Studium reingeschaut.
      Mit der Überforderung sprichst du einen Punkt an, der spannend ist: Ich würde behaupten, das historische Vorbild war in seiner Zeit ebenfalls überfordert, einen großen Teils seines Furors bezog er genau daraus. Das ist auch ein alter Streit in der Geschichtswissenschaft, ob der Nationalsozialismus eine moderne oder antimoderne Bewegung ist. Oder etwas dazwischen. Menschenskinder, wenn ich doch Lehrer geworden wäre, hätte ich feines Unterrichtsmaterial.
      Es nicht zu besprechen, kann ich durchaus nachvollziehen, aber als Bückware zur völkischen Aufputschung im dunklen Kämmerlein … Ich glaube, dafür ist das Buch schlicht zu komplex.

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