Am heutigen 06. November wird sich der Bundestag einmal mehr mit dem Thema „Sterbehilfe“ auseinandersetzen. In einer Zeit, in der Politik jeder Couleur sich bemüht, die eigene Weltanschauung als Pragmatismus oder Realismus zu verkaufen, in der der jeweilige politische Gegner dieses Paradigma nicht angreift, sondern sich auf Detailkritik beschränkt, sind die bioethischen Debatten die letzten großen Schlachten des Parlamentarismus. Hier geht es nicht um technische oder Verwaltungsvorgänge, hier geht es um das Leben.

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Der Tod ist eine unscharfe Angelegenheit.

Man könnte dieses Politikverständnis kritisch darauf befragen, ob nicht jede politische Entscheidung auf die ein oder andere Art lebensentscheidend ist und ob es gut ist, dass die Politik ihre Politikhaftigkeit, die Dinge der Polis zu regeln, so gründlich leugnet. Dafür bedürfte es einer Grundsatzdebatte, die dem Politikbetrieb wahrscheinlich sogar gut tun würde. Aber diese Debatte ist weit weg und mein Thema ist das „Leben“, deshalb möchte auch ich mich an der großen Schlacht beteiligen.

Sterbehilfe?

„Sterbehilfe“ ist ein dummer Begriff, denn sterben kann jeder von uns, wenn er es nur will. Dazu bedarf es keiner Hilfe. Hinter dem Begriff versammeln sich deshalb die unterschiedlichsten Ansätze im Umgang mit dem Leben. Dazu gehören am einen Ende des Spektrums die Beendigung weiterer lebenserhaltender Maßnahmen, am anderen Ende die Beihilfe zum Suizid.
Alle Maßnahmen kranken dabei am Begriff des Sterbens. Denn ob jemand stirbt oder nicht, lässt sich nie mit Gewissheit sagen. Erst wenn ein Mensch tot ist, lässt sich ex post feststellen: Er ist gerade eben noch gestorben. Zumindest meistens. Denn auch mit dem Tod ist das keine einfache Sache. Der entzieht sich der Naturwissenschaft ebenso hartnäckig wie unserer Sprache der Sterbeprozess.

Tod, mal wieder

Ein Mensch fällt um. Herzinfarkt. Zu diesem Zeitpunkt ist er nicht tot, selbst wenn er nicht ins Leben zurückkehren wird. Wir können ihn ja reanimieren. Ein Krankenwagenteam kommt herbei, beginnt mit Elektroschocks, künstlicher Beatmung, Herzdruckmassage.

Stirbt der Mensch? Wenn die Reanimation erfolgreich ist, nicht. Wenn nicht, doch. In der Situation lässt sich dies nicht entscheiden. Denn woran ermisst sich der Erfolg der Reanimation? Wenn unser Herzinfarkt prustend und schnaubend wieder zu Bewusstsein kommt, ist die Sache hinreichend klar. Wenn er das nicht tut, nicht. So lange der Reanimationsversuch läuft, lässt sich über den Zustand des Betroffenen nichts aussagen, so lange wir „eigene Herz-Kreislauf-Funktion“ als Kriterium für Leben akzeptieren. Denn wenn jemand auf dem Brustkorb herumdrückt, wie kann man sicher sein, dass der Infarkt auf dem Boden nicht auch selbstständig Blut durch den Körper pumpen könnte?

Entscheiden wir über Leben und Tod?

Eine spannende Pointe ergibt sich: Mit Reanimationen ist es wie mit Schrödingers Katze. Das einzige, was wir sicher zu sagen können glauben: Wenn der Sanitäter sein Bemühen einstellt und das Herz nicht übernimmt, ist unser Infarkt tot. Mit ein wenig Böswilligkeit könnte man sogar sagen: Durch die Einstellung der Maßnahmen hat unser Sanitäter den Infarkt getötet.
Diese Schlussfolgerung ist nur dann zulässig, wenn sich mittels weiterer Kriterien während des Reanimationsvorgangs feststellen ließe, ob unser Infarkt tot sei oder lebte. Wenn er noch lebt und die Reanimation eingestellt wird, ließe sich dies als Tötung interpretieren. Wenn der Infarkt tot ist, nicht. Solch ein Kriterium haben wir aber nicht. Vielmehr ist es so, dass Reanimationsversuche irgendwann als zwecklos eingestellt werden, ohne dass den Sanitäter eine Schuld trifft.Die Konvention hat zugeschlagen.

Wir entscheiden, aber nicht individuell

Nach dem Stand der ärztlichen Kunst macht ein Reanimationsversuch ab einem Zeitpunkt X keinen Sinn mehr und es ist davon auszugehen, dass der Mensch tot sei. Das ist die Faustregel, an die wir uns halten können. Wahlweise können wir noch den Hirntod als Kriterium nutzen. Aber wie alle empirischen Kriterien kann er über die Irreversibilität des Zustandes keine sicheren Auskünfte geben. Ein Todesverständnis muss damit normativ konstitutiert sein. Einfach gesagt: Eine Gesellschaft muss sich darauf einigen, ab wann ein Mensch als tot zu gelten hat.
Die westliche Welt hat sich weitestgehend darauf verständigt, dass es irgendwas mit Medizin und Körpern zu tun hat, mythische Gesellschaften mit ihrem anderen Verhältnis zu Leichnamen und Geistern sahen das durchaus anders. Anders ist wichtig, denn unsere Sicht der Dinge ist mitnichten per se fortschrittlicher, sondern fußt zunächst lediglich auf einer anderen normativen Grundlage.
Interessanterweise ist sich aber auch die westliche Welt nicht einig, da hilft ein Blick auf das Hirntodkriterium weiter. Je nachdem, in welchem Teil der Erde man welche Teilfunktionen des Gehirns dauerhaft herunterfährt, wird man in unterschiedlichen körperlichen Zuständen für tot erklärt. Eben nicht, weil ein Einzelner das gern so will, sondern weil die Gesellschaft eine gewisse Vorstellung von Leben und Tod hat, auf die sich entweder explizit (durch Gesetze) oder implizit (durch Tradition) geeinigt hat. Unser Infarktpatient aus dem obigen Absatz stirbt also nicht, weil der Sanitäter es will, sondern weil wir alle es so wollen.

Gegeneinanderstehende Kriterien

Genau genommen stirbt er nicht unseretwegen, denn damit unterstellt man dem Tod, über diese gesellschaftliche Einigung hinaus eine eigene Qualität zu haben, dass Tod also kein rein soziales Phänomen sei sondern ontologische Qualität habe. Ich bezweifle die eigene ontologische Qualität von Leben und Tod der Einfachheit so lange, bis mir jemand hieb- und stichfest eine Liste mit notwendigen und hinreichenden Kriterien vorlegen kann, anhand derer ich Leben und Tod für jeden möglichen Menschen einsichtig bestimmen kann. So lang bleibt der Tod für mich ein soziales Phänomen, das letztlich auf Zuschreibungen basiert und Rechte- und Pflichtenverhältnisse der Betroffenen regelt.

Sterben helfen: Konsequenzen

Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück: Was bedeutet das für die Sterbehilfe-Debatte? Man könnte meinen, nicht viel. Ich finde, sehr viel. Sobald man akzeptiert, dass der Tod kein natürlicher Zustand ist, öffnet sich die Debatte der entscheidenden Frage, wie wir miteinander umgehen wollen. Das legitimiert bestimmte Positionen neu, die sich argumentativ ins Abseits bringen, namentlich solche, die mit einer Heiligkeit des Lebens argumentieren.
Diese Argumentationslinie beruft sich meist auf religiöse Vorstellungen, dass der Mensch Gott nicht ins Handwerk pfuschen dürfe.
Diese Position erhält keine neue Kraft aus der Kulturalität des Todes (Das hier ist das christliche Abendland, deshalb müssen wir uns christlich orientieren!), sondern aus der Sozialität des Todes. Autonomistische Positionen berufen sich darauf, dass die Entscheidung über das eigene Leben und den eigenen Tod eben eigene Entscheidungen im Angesicht feststehender Begriffe von Leben und Tod seien. Die sterbehilfekritische Position kann darauf erwidern, dass es eine gemeinschaftliche Entscheidung im Angesicht unbestimmter Begriffe von Leben und Tod ist. Ob jemand seinem Leben ein Ende machen möchte oder nicht, hängt von seiner Vorstellung des Lebensbegriffes ab, der sozial ausgehandelt wird. Nur weil etwas für mich gut zu sein scheint, heißt nicht, dass es gut ist.

Der ständige Diskurs

Der Autonomist muss für seine Argumentation, wenn er sie konsequent durchhalten möchte, leugnen, dass es wichtige gesellschaftliche Werte gibt. Damit stellt er jede Form von Gesellschaft in Frage und vertritt eine hochgradig egoistische Position. Wenn er sich vom Staat nicht hineinreden lassen möchte und unbedingte Freiheit für sein Leben fordert, darf er, konsequent gedacht, auch nicht die Polizei rufen, wenn ich gedenke, ihm sein Eigentum zu rauben. Auch Eigentum basiert nur auf gesellschaftlicher Konvention, die Regelung des Mein und Dein. Und wenn es für mich gut ist, wenn ich das Haus meines Nachbarn besitze … Was will der Nachbar dann noch einwenden?
Die Sterbehilfedebatte ist eine Frage danach, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Die Debatte ist ein großer Selbstvergewisserungsprozess, in dem niemand sich auf Wahrheiten berufen kann, die jenseits des Diskurses zu finden sind. Dies gilt für religiöse Positionen ebenso wie für medizinisch argumentierende Positionen und für Argumentationen auf Basis individueller Autonomie. Egal, welche Position am Ende die Oberhand gewinnt, sie bleibt immer Aushandlungssache. Keine Position hat irgendeine Wahrheit für sich gepachtet. Gerade die autonomistischen Positionen müssen sich Fragen nach ihrem Gesellschaftsideal und den Konsequenzen ihrer Haltung gefallen lassen. Das macht die Debatte so spannend. Und egal, wie sie ausgeht, am Ende ist sie nie.

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7 Kommentare zu „Sterbehilfe

  1. Ich persönlich sehe Schrödinger’s Ansichten mit gespaltener Meinung. Einerseits eine interessante Sparte des Quantenphysik, andererseits für mein gusto auch etwas anmaßend.
    Sterbehilfe ist und bleibt ein umstrittenes Thema. Ich wage sogar einen Vergleich mit der Todesstrafe. Wer will darüber entscheiden, ob jemand lebt oder stirbt? Genau wie in der Justiz gibt es im biologischen Ablauf der Natur oft genug lediglich bekannte Halbwahrheiten, die ein Urteil über Leben und Tod nicht zulassen. Andererseits, wenn ich persönlich zu Lebzeiten bereits bestimme, dass ich bei Eintreten einer für mich selbst nicht ertagen wollenden Krankheits- oder Lebens(un)würdigkeits-Situation mein Dasein beendet wissen möchte, so sollte es mir – und vor allem demjenigen, den ich vielleicht um den entscheidenden Schritt im Vorfeld gebeten habe, ohne Strafe möglich sein, entsprechend zu handeln.

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    1. Mir diente Schrödinger in dem Fall nur der Illustration. Für tiefergehende Debatten bin ich quantenphysikalisch nicht informiert genug. Aber das Bild war schön und passend.
      Zu deinen Überlegungen einer zukünftigen Unwürdigkeitssituation nur kurz als Impuls, weil ich grad vollgedröhnt bin: Es besteht immer ein Unterschied zwischen einem angenommenen zukünftigen Zustand und dem tatsächlichen zukünftigen Zustand.

      Gefällt 1 Person

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