In der Montagsfrage vom 15.09. habe ich ihn noch als Buchhype erwähnt, den ich bislang verschlafen habe. Ich beschwerte mich, dass ich den ersten Band nie in die Finger käme. Und seien wir mal ehrlich: Das mit den Reihen wird irgendwann unübersichtlich. Dann steht man vor dem Regal und fragt sich fünf Minuten lang, welcher denn nun der erste ist. Ich hatte Glück.

Ich war aus gänzlich anderen Gründen in der Kinderbibliothek. Ein Buch war verschwunden, das ich für die Kinderbuchklassiker-Rallye benötige. Dazu verstecke ich die Bücher immer sehr sorgfältig an den unmöglichsten Orten und die Kinder müssen Rätsel lösen, um die Bücher zu finden. Eines der Kinder hat es mir mit barer Münze heimgezahlt. Nun durfte ich „Die kleine Seejungfrau“ suchen. Nach zwei Stunden habe ich sie in der Bilderbücher-Wühlkiste wiedergefunden.

Die Suche hat sich natürlich über die ganze Bibliothek erstreckt und die Bilderbücher hatte ich mir bis zum Schluss aufgespart. Dort gezielt nach Titeln zu suchen gehört zu den typischen Praktikantenaufgaben, weil die Bücher nicht nach System eingestellt sind und es unheimlich zeitraubend ist. Glücklicherweise müssen nur sehr selten gezielt Titel gesucht werden.

Bevor ich mein Buch also fand, wanderte ich auch an den Büchern für die „größeren Kinder“ vorbei. Und dort stand eine ganze Batterie an Gregs Tagebüchern. Ich entsann mich meines Blogbeitrags, blieb stehen und studierte die Titel. Siehe da, Band 1 war verfügbar. Ich nahm ihn also mit.

Inhalt lt. Amazon.de

Greg hat von seiner Mutter ein Tagebuch geschenkt bekommen. Und das, obwohl Tagebücher doch eigentlich nur was für Mädchen sind! Oder etwa doch nicht? Greg jedenfalls beginnt einfach mal darin zu schreiben und zu zeichnen: über seine lästigen Brüder, seine Eltern, seinen trotteligen Freund Rupert, den täglichen Überlebenskampf in der Schule, ein echt gruseliges Geisterhaus und über den verbotenen Stinkekäse.

Aufmachung

Gregs Tagebuch richtet sich gezielt an Kinder und Jugendliche. Große, übersichtliche Schrift, die Type nah an einer Handschrift, die Seiten mit Linien durchzogen, wie bei einem echten Tagebuch. Greg ist dabei ein wenig faul, er notiert bloß Wochentage. Aber er will ja auch kein richtiges Tagebuch führen, also braucht es so etwas wie Datumsangaben nicht. Wer das haben will, möge zu Adrian Mole greifen.

Die Zeichnungen sind witzig, der Stil erinnert an klassische Comicstrips aus Tageszeitungen: die Figuren minimalistisch, aber keine echten Strichmännchen. Immer geben sie Szenen wieder, die gerade beschrieben werden. Die Strips bieten manchmal auch einen Mehrwert, veranschaulichen aber in erster Linie das Gesagte. Der ungeübte Leser bekommt damit ein Hilfsmittel an die Hand, die Geschichte besser zu verstehen.

Greg

Greg ist gebeutelt. Er hat keine richtigen Freunde, nur seinen etwas dumpfbackigen besten Freund, dem er oft ungerecht gegenüber ist. Greg ist zudem mit einer merkwürdigen Familie gestraft und zu allem Übel ist er auch noch das Sandwichkind. Und Sandwichkinder sind doof. Das weiß ich aus Erfahrung, Bruderherz ist auch ein Sandwichkind.

Darüber hinaus ist Greg ein kluger Kerl. Er ist nicht sonderlich empathisch, aber er verfügt über analytische Begabung und eine gehörige Portion Naivität. Das macht den Humor des Buches aus. Greg erkennt ein Problem oder einen Missstand und kommt anschließend zu einer abenteuerlichen Schlussfolgerung. Auf Basis dieser Schlussfolgerung handelt er und ist am Ende von den Konsequenzen überrascht.

Das schönste an Greg? Er ist kein Sympathieträger. Greg ist über die Maßen egoistisch, von sich selbst überzeugt und unhöflich. So ist das nun einmal, wenn man am Beginn der Pubertät steht und auf eine neue Schule kommt. Er versucht sich durchzuschlagen. Es gilt für ihn soziale Codes nicht nur zu verstehen, sondern sich auch zu integrieren. Und in erster Linie geht es Greg um Greg.

Warum sollte ich es lesen?

Gregs Tagebuch bietet kein Role Model für die Zielgruppe, aber eine gehörige Portion Humor. Eklige Dinge auf dem Schulhof, Ärger mit älteren Jugendlichen, bescheuerte Unterrichtsinhalte, peinliche Situationen: All das kenne ich aus meiner eigenen Schulzeit. Nach allem, was ich von heutigen Schulhöfen so sehe und höre, hat sich das nicht geändert. Damit bietet es einen Einblick in das Seelenleben typischer Jung-Teenager.

Das Buch lässt sich gut und flüssig lesen, ist oftmals unterhaltsam, dabei aber nicht trivial. Greg lässt sich nicht kopieren, denn als Leser*in begreift man schnell, dass seine Interpretation der Wirklichkeit das große Problem ist, das Greg immer wieder in Scherereien verwickelt. Ich will nicht so weit gehen, einen pädagogischen Effekt zu unterstellen, es ist vor Allem das bewährte Unterhaltungskonzept von Comics wie Gaston oder Garfield. Das ist Lesestoff für jede Altersgruppe, damit ist der Humor von Gregs Tagebuch, wenn auch manchmal flach, auf für andere Altersgruppen anschlussfähig.

Zuletzt ist es eine schöne Geschichte über die Freundschaft. Auch wenn Greg seinen Kumpel Rupert ausnutzt und schlecht behandelt, sich die beiden im Laufe der Geschichte gar entzweien: Das hier ist ein Jugendbuch und in diesem Genre geht es nicht ohne Lektion, auch wenn sie nicht ausgesprochen wird. Greg und Rupert versöhnen sich und so wie ich es deute, begreift Greg sogar, was er an seinem naiven, gutmütigen besten Freund hat. Wer also eine kleine Belehrung über den Wert der Freundschaft braucht, wird in diesem Buch fündig.

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6 Kommentare zu „Besprechung: Jeff Kinney – Gregs Tagebuch. Von Idioten umzingelt

  1. Vor ein paar Wochen habe ich den Film zum Buch gesehen und hatte vor, das Buch zu lesen. Und wenn du meinst, das Buch sei für alle Altersgruppen geeignet, dann werde ich das auch bald mal machen. Ich fand den Film schon sehr witzig 🙂

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