Stan Laurel und Oliver Hardy mögen mir als Aufhänger für den heutigen Beitrag dienen. Meine Followerschaft ist wahrscheinlich alt genug, um die Beiden noch zu kennen. Für alle Anderen: Dick & Doof waren ein Slapstick-Duo, in denen Dick sich durch Korpulenz, Doof sich durch Tollpatschigkeit auszeichnete. Klingt merkwürdig, gell? Dick und Doof trennen? Heutzutage könnte man daraus eine furiose Comedy-Nummer mit nur einem Darsteller machen, denn der Dicke ist doch der Doofe.

Quelle

Zwei Anlässe haben mich zu dem heutigen Beitrag getrieben. Ich habe vor längerer Zeit über das Phänomen MILF geschrieben und bin so zu den Körperbildern gelangt. Der zweite Anlass war A., die sich nicht nur für dumm sondern auch noch für dick hält.

Gewichtsprobleme sind kein neues Phänomen, lediglich das dahinter stehende Schönheitsideal schwankt. Von Rubens zu Twiggy und wieder zurück, je nach Kulturkreis noch einmal anders ausgeprägt quälen wir uns mit der Frage „Bin ich dick genug?“. So oder so ähnlich würde ich die Frage zumindest gern mal wieder hören, um meinen Kolleginnen (ich habe derzeit keine Kollegen) sagen zu können: „Nein, du Hungerhaken, iss das Stück Sahnetorte, sonst muss ich es tun und dann werde ich fett.“

Der derzeitige Trend allerdings ist ein anderer. Der Magere ist der Entsagende, der Dicke ist der Maßlose. Dazwischen bewegt sich der Schlanke & Trainierte. Egal ob mit Pilates oder Kraftsport, gezieltem Low Carb oder den guten alten rohen Eiern mit Magerquark. Während der Magere sich verweigert und der Dicke völlt, sagt dieser asketische Typ, dass er seinen Körper pflegt. Man „gönne“ ihm gute Dinge, weil der Körper nicht nur Nahrung sondern Zuwendung brauche. Fassadenpflege wird dabei zum wesentlichen Lebensinhalt. Der Asket lebt für sein gutes Aussehen, weil es ihm ein gutes „Körpergefühl“ verschafft.

Der Dicke kommt bei genauerer Betrachtung wesentlich besser weg als der Magere. Nimmt man sich Zeit, ihn drei Worte sprechen zu lassen, stellt man fest, dass er nicht wahllos in sich hineinstopft, sondern dass er sich ebenso wie der Asket etwas gönnt. Im Unterschied zum Asketen stellt er nur nicht die Frage, wofür seine Nahrungsmittel gut sind sondern stellt fest, dass sie gut sind. Der Genuss tritt als Selbstzweck auf, das Essen wird von der Frage nach der Schönheit getrennt behandelt. Mit anderen Worten: Die Verachtung, mit der dicke Menschen manchmal bedacht werden oder sich selbst bedenken, liegt an der ethischen Aufladung von Nahrung. Kartoffeln aus Ägypten sind ebenso verpönt wie tierische Produkte. Schokotorte ist des Teufels, weil sie viele einfache Kohlenhydrate und Fett enthält, die dem Körper schaden.

Sicher gibt es gute Gründe dafür, keine Kartoffeln aus Ägypten zu kaufen oder sich vegan zu ernähren. Veganismus und Regionalismus bergen allerdings das Potential, zur Ideologie zu verkommen. „Guten Tag, ich bin Veganer.“ bekommt die gleiche Qualität wie „Guten Tag, ich bin schwul.“ oder „Guten Tag, ich bin Mormone.“ All das stiftet Sinn im Leben, aber es macht nicht das Leben aus. Vielleicht ist man ja schwuler, veganer Mormone, zudem Handyshopbesitzer, Pate von zwei Kindern in Afrika, Fan von Heino sowie Liebhaber von Chrysanthemen.

Damit sollte deutlich werden, dass der Dicke eigentlich keine problematische Figur ist. Er ist nämlich vom Lethargischen zu unterscheiden. Der Lethargische (Achtung, Stereotyp!) sitzt auf seinem Sofa und zielt auf schnelle Triebbefriedigung. Auf dem Tisch liegen Chips, also stopft er sie in sich hinein. Auf RTL II läuft Frauentausch, also schaut er es sich an. Im Supermarkt gibt es billige Riesenschnitzel, also kauft er sie sich. Der Lethargische erklärt die schnelle Triebbefriedigung zur Leitmaxime.Der Lethargische ist der Gegenspieler des mageren Kontrollfreaks, der seine Triebbefriedigung ständig aufschiebt und dessen Leckerli allerhöchstens noch der Gang auf die Waage ist.

Während der Magere (als Objekt der Kontrolle) und der Asket (als Lebensmittelpunkt) beide ihre Körper als Dinge begreifen, nimmt der Lethargische seinen Körper gar nicht mehr wahr. Er ist damit beschäftigt, Umweltreize in Befriedigung zu verwandeln. Der Dicke ist damit die sympathische Figur. Auch wenn man ihm vorwerfen kann, dass er seine Prioritäten anders setzen müsse, ist ihm klar, dass Leben sich nicht in der Beschäftigung mit dem Körper erschöpft, sondern dass Leben mehr ist als ein Haferflocken-Blaubeer-Joghurt mit Hähnchenbrustfilet. Sein Problem ist die Fassadenhaftigkeit unserer Gesellschaft. Nicht er ist der Doofe, die anderen sind es. Sie fällen ihr Urteil „dick=maßlos“ auf Basis des Aussehens. Doch wie in der Architektur sind Fassaden nicht bloß funktional. Sie dienen den verschiedensten Zwecken. Wie sich hinter einem Plattenbau ein Kaufhaus oder ein Wohnblock verbergen kann, kann sich hinter dem Dicken neben dem Lethargischen auch der Genießer verbergen.

Schreit auf! Hinter dem Asketen kann sich auch mehr verbergen, ebenso hinter dem Mageren. Aber sie sind es nicht, die Opfer von Häme und Anfeindung werden und mit schlechtem Gewissen die Pralinen in den Einkaufswagen legen. Sie sind es vielmehr häufig genug, von denen die Häme und Anfeindung ausgeht, die dem Dicksein den ideologischen Krieg erklären und mit Gesundheitsbroschüren und ökologischen Manifesten auf die Dicken einprügeln. Zumindest der Asket weiß zwar, dass es ein Maßhalten zwischen verschiedenen Nährstoffen braucht, aber er übersieht, dass es auch Maßhaltung zwischen Ernährung und Leben braucht. Liebe A., du bist nicht zu dick, hör auf dich mich Hänflingen wie deinen Kolleginnen zu vergleichen. Liebe Dicken: Auch wenn wir schmal bleiben – von euch lernen heißt Leben lernen.

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10 Kommentare zu „Doof ist der Dicke

  1. Da hast du ein paar richtig gute Sachen drin! Wobei die pathologische Seite der Magersüchtigen fehlt, denn das ist natürlich weit komplexer als du hier andeutest. Doch du hast recht und sehr fein beschrieben, wie sich das eine und das andere ausgrenzen.
    Danke dir.

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    1. Danke für das Kompliment. 🙂
      Die Magersucht fehlt mir, zur Fresssucht sage ich auch nicht wirklich was, die würde ich von meinem „Lethargiker“ nämlich auch nochmal trennen. Beide sind noch einmal sehr eigene Phänomene, deren Ursachen noch tiefer gehen, die sich mit dem Lust- bzw. Askese-Modell allein nicht beschreiben lassen. Dafür fehlt mir auch die Kompetenz, deshalb lasse ich da die Finger von.

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  2. „Veganismus ……..bergen allerdings das Potential, zur Ideologie zu verkommen.“

    Im realen Leben kenne ich Vegetarier/ Veganer, die kein Aufheben um ihre Ernährung machen. Warum auch? Mich interessiert es nicht die Bohne wie andere sich ernähren, so lange ich nicht für sie kochen muss.
    Im virtuellen Leben kenne ich Vegetarier/Veganer, die so viel Aufheben um ihre Ernährung machen, als sei es das Wichtigste auf der Welt wie sie sich gerade ernähren.
    Und ich kann gar nicht sagen, wie sehr sie „mir auf den Zeiger gehen“.

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    1. Mir geht es ähnlich, deshalb musste der Veganismus herhalten. Ich finde das als Ernährungsthema durchaus spannend, den meisten Blogs kann man wegen des penetrant erhobenen moralischen Zeigefingers nicht folgen, wenn man die ganze Sache anders sieht. Ich habe ja schon leise Zweifel, ob man sein Essen überhaupt moralisieren sollte.

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