Besprechung: Jennifer Graham – Veronica Mars. Zwei Vermisste sind zwei zu viel

Ich habe durchaus den Anspruch, das hier auch als Leseblog zu betreiben. Derzeit ist es nur leider so, dass ihr es seid, die lest, während ich schreibe und nicht zum Lesen komme. Sei es wie es sei, ich habe es doch geschafft, ein Buch zu lesen. Ein Buch, das nicht nur etwas für die Krimifraktion, sondern auch für die Serienjunkies unter uns ist. Und so gut zu lesen, dass ich mir nicht einmal Post-it-Notizen machen musste.

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Inhalt lt. amazon.de

Nach ihrem Jura-Studium in New York ist Veronica Mars wieder zurück in ihrer Heimatstadt Neptune – dem Synonym für Sonne, Strand, Verbrechen und Korruption. Statt in schicken Büros reiche Klienten zu beraten, unterstützt sie ihren Vater, wie früher schon, bei seiner Arbeit als Privatdetektiv. Sie ist zurück im Spiel und bereit, sich erneut den dunklen Seiten der kalifornischen Kleinstadt zu widmen. Als eine junge Frau nach einer Spring-Break-Party als vermisst gemeldet wird, ist Veronica Mars gefragt. Doch bevor sie konkrete Hinweise finden kann, verschwindet ein weiteres Mädchen spurlos. Mit der für sie so typischen Unverfrorenheit und Cleverness nimmt sich Veronica Mars der Sache an, aber mit der Wendung, die die Ermittlungen schließlich nehmen, hat selbst sie nicht gerechnet.

Veronica Mars

Wie schön, es gibt nach der völlig zu unrecht nicht fortgesetzten Serie nicht nur einen Kinofilm, Veronica darf nun auch in Buchform ermitteln. Mittlerweile sind zwei Romane erschienen, die zeitlich nach dem Kinofilm angesiedelt sind. Veronica firmiert in der öffentlichen Wahrnehmung als Heldin für Jugendliche (ich habe den Roman zufälligerweise bei den Jugendbüchern entdeckt), wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass sie zu Beginn ihrer Karriere noch Highschool-Schülerin war. Veronica Mars war aber schon immer mehr als eine Teenie-Heldin, sie war neugieriger als gut für sie ist. Sie lebte in einem Sündenpfuhl, der auch für Erwachsene ein reizvolles Setting bot. In diesen Sündenpfuhl ist sie nun zurückgekehrt und tut das, was sie am besten kann: Schnüffeln.
Veronica hat die alte Truppe im Gepäck: Weevil und Dick haben Gastauftritte, Logan spielt am Rande eine Rolle, Mac und Wallace geben alle ihr Stelldichein. Für den Fan der Serie ist es ein wunderbares Wiedersehen mit alten Freunden. Und Veronica ist nach wie vor Veronica: Ein wenig zu clever, ein wenig zu neugierig und vorschnell, mit ihrer Unsicherheit kämpfend, aber zugleich ist sie reifer. Veronica ist, das macht die Geschichte zu mehr als Nostalgie, richtig erwachsen geworden. Das zeigt eine wunderbare Nebenepisode zum Thema Knarre.

Story

Die Geschichte ist rund erzählt. Spring Break in Neptune, ein Entführungsfall, ein unfähiger Sheriff. Die Wirtschaftsgrößen der Stadt bilden einen Fond und engagieren Veronica. Einerseits haben sie Interesse daran, den Sheriff zu halten, der bald wiedergewählt werden will und unterstützen ihn. Andererseits schädigt die Entführung ihre Geschäfte. Veronica zu engagieren erlaubt ihnen, den Fall aufzuklären und den Sheriff, den sie so leicht schmieren können, zu halten.
Die Geschichte nimmt Fahrt auf, es gibt eine zweite Entführung und Veronica stürzt sich für ihre Ermittlungen in Gefahr. Das Lesewesen folgt ihr auf Partys, zu zwielichtigen Gestalten und staunt über ihre Hartnäckigkeit und ihre großartige Intuition. Das Ende ist verblüffend und auf dem Weg dahin baut die Autorin so manche interessante Wendung ein. Eine typische Detektivgeschichte, wie bei Veronica Mars üblich ohne allzu viel Gewalt, dennoch spannend, weil die Story großartig umgesetzt ist.

Kleine Schwächen

Über die Autorin gibt es nicht allzu viele Informationen. Der Klappentext klingt nach einer Hobbyautorin, ich vermute, sie hat durch Fanfiction auf sich aufmerksam gemacht. Ihr Talent, den Veronica-Mars-Ton zu treffen dürfte Serienschöpfer Rob Thomas überzeugt haben, sie gewähren zu lassen. An mancher Stelle merkt man der Autorin an, dass es ihr etwas an Erfahrung mangelt, ihre Umgebungsbeschreibungen neigen gelegentlich zum Klischee. Da liegt ein Wohnviertel in der Nacht ruhig da, nirgendwo brennt Licht außer den Straßenlaternen und irgendwo bellt ein Hund. Darüber lässt sich aber hinweglesen, denn Jennifer Graham ist durchaus talentiert.
Eine zweite Schwäche betrifft die Story. Die erste große, letztlich falsche, Fährte führt Veronica an ein Kartell, das groß, böse und bedrohlich geschildert wird. Sie solle sich mit den schweren Jungs nicht anlegen, ist der kollektive Rat. Sie tut es dennoch. Als sich die Fährte als falsch herausstellt, wird das Thema aber einfach unter den Tisch gekehrt, obwohl Veronica eine Party der schweren Jungs in wirklich großem Stil sprengt und Anzeige wegen Körperverletzung stellen will.

Fazit

Kleinere Schwächen verzeihe ich gern, wenn die Geschichte insgesamt rund, unterhaltsam und der Text zum großen Teil handwerklich sauber ist. Das trifft auf das Buch zu. Es lässt sich flüssig lesen, lädt zum Mitknobeln ein und erzeugt einen Spannungs-Sog. „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ ist zwar ein dämlicher Titel, aber das Problem haben Jugendbücher häufig. Im Original heißt er „The Thousand Dollar Tan Line“, nicht unbedingt besser, aber was soll ich mich künstlich aufregen? Das tue ich in meinen sonstigen Beiträgen schon zur Genüge. Für Fans von Veronica Mars und für Fans klassischer Detektivgeschichten im Stile Arthur Conan Doyles und Agatha Christies ist „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ in jedem Fall ein Lesen wert. Ich setze den zweiten Band jedenfalls auf meine Wunschliste.

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