Migration, Integration, Gentrifizierung und die Rolle des Staates

Mein Beitrag zu Vertriebenen hat eine Resonanz hervorgerufen, mit der ich nicht gerechnet hätte, der aber seine Berechtigung hat, deshalb möchte ich im Folgenden die dort benannte Fremdheitserfahrung als maßgebliches Merkmal von Migranten jeder Art vertiefen und den Vorwurf der mangelnden Integrationswilligkeit auf ihre Ursachen zurückführen.

„Wenn ich in ein anderes Land gehen würde, dann würde ich die Sprache lernen.“ Der Satz ist beliebt, er kommt unschuldig daher und er formuliert eine Erwartung an Menschen, die zu uns kommen. Lernt die Sprache. Die Forderung ist berechtigt, weil soziale Teilhabe eine gemeinsame Sprache voraussetzt. Dennoch ist der Satz problematisch, denn er formuliert die falsche Perspektive: in ein anderes Land.
Wenn wir in ein anderes Land gehen, ziehen uns meist bestimmte Gründe in dieses Land: Traum, Landschaft, Arbeit. Wir wollen gezielt in das Land und dort leben. Im Fall der Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea ist die Lage aber eine andere. Sie gehen, getreu den Bremer Stadtmusikanten, an einen anderen Ort, denn etwas besseres finden sie überall. Sie haben nicht die Entscheidung getroffen, an einen bestimmten Ort zu gehen, sondern nur, einen bestimmten Ort zu verlassen. Sie gehen nicht in ein anderes Land sondern aus ihrem Land hinaus und werden zu Fremden ohne Heimat. Die Entscheidung für den zukünftigen Lebensort ist zunächst sekundär und Heimat muss der Ort erst werden. Das gilt mit Abstrichen sogar für Arbeitsmigranten, auch die haben sich nicht gezielt für ein Land entschieden, sondern wurden angeworben. Auch hier war die Priorität zunächst, die herrschenden Zustände zu verlassen.

Spanier, Italiener, Türken, die diversen Nationalitäten des Balkan, all diejenigen also, die als Gastarbeiter zu uns gekommen sind, wurden wie Gäste behandelt, als sie kamen. Für Gäste gilt nun aber: Gäste bleiben nicht, Gäste gehen wieder. Sie befinden sich momentan bei uns, aber sie gehören nicht hierher. Die deutsche Politik hat sich in dieser Vorstellung eingerichtet und den Gastarbeitern damit das Gefühl vermittelt: Benehmt euch wie Gäste, aber passt euch nicht zu sehr an. Der Anpassungsdruck war gering, ebenso der Anreiz für die Gastarbeiter, die Sprache zu lernen. Sie waren gekommen, um Geld zu verdienen, nicht um hier zu leben.
Solange ihr Deutsch ausreichte, um im Supermarkt zu bezahlen, kamen sie gut durch ihr Leben. Es galt für sie, wie Udo Jürgens in „Griechischer Wein“ sang: „Sie sagten sich immer wieder: Irgendwann geht es zurück.“ Aber sie blieben. Unabhängig von den Gründen ist damit eine verfahrene Situation entstanden: Sie haben sich in ihrer Existenz so gut eingerichtet, dass sie keinen Grund zur großen Klage haben. Warum sollten sie jetzt etwas ändern? Das Leben funktioniert doch.

Neben den Gastarbeitern sind politische Auswanderer ein weiteres Reservoir an Migranten. Ihr Motiv war zunächst, die Heimat zu verlassen. Der Grund dafür: Schlechte Erfahrung mit dem Staatsapparat. In diese Kategorie gehören viele Sinti und Roma, die in ihren Herkunftsländern zum Teil bis heute unter unwürdigen Bedingungen vegeterien müssen. Unabhängig von zahlreichen „Spezialproblemen“ jeder einzelnen Gruppe sticht das eine Problem hervor: Sie flüchten vor dem Staat, haben massiv negative Erfahrung mit staatlicher Autorität gemacht und misstrauen damit jedem Ansinnen des Staates, das nicht auf den ersten Blick als harmlos identifiziert werden kann.
Konkreter: Weil diese Menschen negative Erfahrungen gemacht haben, wollen sie vor Allem in Ruhe gelassen werden. Sie haben in der Repression gelernt, sich nur auf ihre kleine soziale Gruppe zu verlassen und allen Anderen mit Misstrauen zu begegnen. Der Staat, der sie zu etwas zwingt, weckt Erinnerungen an den Staat ihres alten Lebens, das nett gemeinte Sprachlernangebot kann unter paranoiden Bedingungen auch als Unterwanderungsversuch begriffen werden.
Der Hang, sich auf private Netzwerke zu verlassen gepaart mit dem Misstrauen staatlichen Institutionen gegenüber führt zur Bildung von Inseln, abgekapselten Gesellschaftsgruppen, die zum Leben alles bieten. Da das gebrannte Kind das Feuer scheut: Wieso soll ich mich auf den Staat oder die ihn tragende Bevölkerung einlassen, die Sprache lernen, wenn ich mein Leben hier geschützt vor Enttäuschungen auch ohne Sprachkurs führen kann?

Die Spätaussiedler sind partiell eine eigene Gruppe. Auch unter ihnen gibt es massive Integrationsprobleme und viele von ihnen lassen sich wahrscheinlich der zweiten Kategorie zuordnen. Dennoch scheint es bei vielen von ihnen besser geklappt zu haben. Sie haben ihre Fremdheitserfahrungen überwunden. Ihnen wurde es aber einfacher gemacht. Sie waren keine Gäste, sie wurden auch nicht weitestgehend ignoriert (in der deutschen Flüchtlingspolitik ein beliebtes Hobby), sondern sie wurden eingeladen, hier zu leben. Diese Einladung verpflichtet. Und sie wurde ihnen „versüßt“. Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, fängt ganz von vorn an. Wer als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen ist, wurde wie ein deutscher Staatsbürger behandelt, inkl. Rentenansprüche. mir geht es nicht um den monetären Aspekt, sondern um den Gedanken dahinter: Ihre Vergangenheit war im Unterschied zu der anderer Gruppen etwas wert. Spätaussiedler wurden häufig angefeindet, das will ich nicht kleinreden, aber sie wurden zur Abwehr mit dem Gefühl versehen, Deutschland sei auch ihr Land.

Zusammenfassend, für die großen Gruppen, lässt sich sagen, dass es trotz dieser Schwierigkeiten unter unseren „Fremden“ zahllose Erfolgsgeschichten zu finden sind. Sie sind dort zu finden, wo Menschen umgedacht haben. In den vergangenen 50+ Jahren wurde in der Einwanderungspolitik aber auch viel zu viel falsch gemacht. So konnten Strukturen entstehen und Strukturen sind zäh, langlebig. Wenn wir nun langsam umdenken, wird es noch lange dauern, bis sich die Zustände verbessern werden. Wichtig ist, die Neuankömmlinge beim Umdenken zu unterstützen und sie nicht zum Teil der bestehenden Strukturen werden zu lassen. Das bedeutet meiner Ansicht nach, an drei Punkten anzusetzen:

1) Verpflichtende Sprachkurse
2) Alltagsbegleitung
3) Segregation verhindern

Sprache bedeutet die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe: Die Migranten sollen an unserer Gesellschaft teilhaben können und es liegt in unserem Interesse, mit ihnen als Teil unserer Gesellschaft zu interagieren. Denn das „Wir“ und „Die“ des letzten Satzes ist schon falsch. Die Migranten und die Autochthonen gemeinsam sind das „Wir“.
Wichtig für das „Wir“ ist das Kennenlernen von Gepflogenheiten, Bräuchen und Abläufen. Ich habe in Ungarn mal verständnislos vor einem geschlossenen Supermarkt gestanden, weil ich nicht wusste, dass ein Feiertag war. Als Tourist ist das schon peinlich, als Bewohner ein Unding. Es darf nicht um Assimilation gehen, es geht lediglich darum, verständlich zu machen, warum in Deutschland z. B. so viele Behörden existieren, was dieser Karneval eigentlich soll und dass man vor dem Schornsteinfeger keine Angst haben muss.
Segregation zu verhindern erklärt sich wahrscheinlich von selbst. Gesellschaft lebt vom Geben und Nehmen, dem Gegenseitigen und dem Austausch. Die Soja-Latte-Muttis, auf die ich es häufig abgesehen habe, sind genau so ein Problem wie rumänischsprachige Wohnblocks in Dortmund. Sie gehören alle zur gleichen Gesellschaft, deshalb muss gewährleistet sein, dass alle einander begegnen können: Als Nachbarn, Kollegen oder gemeinsame Schwimmbadbesucher (und *innen!).

Damit ergeben sich drei weitere Forderungen. Damit friedliches Zusammenleben klappt, braucht es auch

1) ein Gefühl von Sicherheit und Wertschätzung: Ihr seid hier angekommen, als Menschen angekommen. Eure vergangene Existenz zählt auch weiterhin, weil sie euch zu den Menschen macht, die ihr seid. Euer vergangenes Leben ist nicht vergeudet und wertlos.
2) Die Mehrheitsgesellschaft muss sich damit arrangieren, dass sie um ein paar Moscheen, Feste und Rituale reicher wird. Nehmen wir die Moscheen: Islam ist nicht gleich Islam. Ein russisch-orthodoxer Christ wird auch nicht begeistert sein, wenn man ihm sagt, er bekomme keine eigene Kirche, weil in der Nachbarstadt doch schon ein Königreichssaal der Zeugen Jehovas steht … Christliche Sekte ist doch christliche Sekte.
3) Geduld statt Euphorie, Ablehnung oder Enttäuschung: Da kommen keine Menschen, die unbedingt nach Deutschland wollen, sondern die weg wollen von dem Ort, an dem sie vorher gelebt haben und die nun fremd sind. Sich einzuleben braucht Zeit, die Erwartungen dürfen nicht zu hoch geschraubt werden und erneut: Die gewachsenen sozialen Strukturen Deutschlands werden uns noch viele Schwierigkeiten machen. Ein entwurzelter Baum muss an seinem neuen Platz aber erst wieder anwachsen. Man kann ihn dabei unterstützen, man kann ihn aber nicht dazu zwingen. Den Baum hin und wieder zu kritisieren ist nicht verboten, aber dem Baum Faulheit, mangelnden Willen, etc. vorzuwerfen, hilft auch nicht. Erst einmal sollte man nachfragen: Baum, wo ist dein Problem? Können wir es gemeinsam lösen? Man sollte den Baum nur nicht dem Wildwuchs überlassen, wenn man einen Garten möchte.

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7 Kommentare zu „Migration, Integration, Gentrifizierung und die Rolle des Staates

  1. Wenn es so einfach wäre, dann müsste es funktionieren.
    Aber so einfach ist es nicht.
    Du müsstest mal hier in dem Viertel leben, wo ich lebe, da würdest du auch anders denken.

    Ich habe sehr viel Geduld, Nerven und noch mehr Geld gelassen, um es wieder und wieder und wieder zu versuchen.
    Ich lebte hier mal mit zwei Pakistani zusammen, die bat ich mal nachzufragen, warum alle so abweisend sind, haben sie getan.
    Weder die Marokkaner noch die Pakistani wollen etwas mit den Deutschen zu tun haben, mit deutschen Frauen schon gar nicht, das sind in ihren Augen alles Huren.
    Ich habe wirklich einige tausend hingeblättert, um Einladungen zu übersetzen und schreiben zu lassen, KEINER kam.
    Selbst die Nachbarschaftsbeauftragte hier hat aufgegeben und die hat sich wirklich sehr viel Mühe gegeben.

    Ich schrieb dir von meinen spanischen Nachbarn, die ülber vierzig Jahren hier leben, die Frau kann kein Wort deutsch, sie könnte nicht mal einkaufen, weil sie auch nicht lesen kann.
    Vor einigen Wochen klingelte sie Sturm an meiner Tür, sie redete auf mich ein, heulte, gestikulierte wild, ich habe kein Wort verstanden, ich kann nunmal kein spanisch.
    Nach zehn Minuten brüllte sie immer lauter, schubste mich, irgendwann war es mir zu blöd und ich habe ihr die Tür vor der Nase zu gemacht.
    Später kam der Sohn, brüllte mich an, warum ich seinem Vater nicht geholfen hätte. Ich meinte, wieso, was ist denn los….tja, er hatte Schmerzen und ich sollte nach ihm schauen und einen Arzt rufen….ich sagte ihm, dass ich seine Mutter nicht verstanden hätte….er brüllte mich trotzdem an und beschimpfte mich übelst…..da vergeht mir dann auch die Lust, ihnen noch in irgendeiner Art entgegenzukommen.

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    1. Liebe Ilanah,

      ich sage gar nicht, dass es einfach ist, ich glaube auch nicht, dass ichvein Patentrezept für erfolgreiche Integration liefere, die hängt immer von den individuellen Faktoren ab. Meine Integration in China würde auch scheitern, wenn ich mit tausendjährigen Eiern beginnen müsste.
      Ich kenne die Zustände bei dir nicht, ich kenne sie hier. Ich könnte andere Geschichten, gelungene Integrationsgeschichten erzählen. Aber darum geht es mir gar nicht. Mein Punkt ist lediglich der, auf Erfahrungen hinzuweisen. Bei deinen Spaniern ist es so, dass sie offenbar irgendwie durchs Leben kommen und das seit 40 Jahren. Da hat sich viel eingeschliffen, was sich nicht mehr beheben lässt und das ist ein strukturelles Problem noch aus der Zeit, als sie nach Deutschland gekommen sind. Wahrscheinlich ein klassischer Fall von „Das haben wir schon immer so gemacht mit dem Spanischsprechen, das lassen wir so“.
      Das kann man missbilligen und verurteilen, gerade wenn man wie du viel Zeit, Geld und Energie investiert hat. Ich finde es auch nicht gut, dass die Zustände so sind wie sie sind. Aber es gibt meines Erachtens gute Gründe dafür, weil dieses Verhalten durch das staatliche Handeln gefördert wurde. Und deshalb halte ich mich mit meinem Urteil über konkrete Geschichten zurück. Mich interessieren in dem Zusammenhang einzig die zugrundeliegenden Mechanismen, die Behandlung als Fremde, nicht durch Einzelne sondern durch den Staat. Die gilt es zu bekämpfen, weil der Kontakt mit den Staat für unsere Migranten der primäre Kontakt ist.

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