Doch Vertriebene

Seit einiger Zeit laufen in meinem Erleben zwei Phänomene ineinander, aber überraschend und erstaunlich. Da wären zum einen die vielen Menschen auf der Flucht, die nach Deutschland kommen und da wären die Ängste der Bevölkerung ob der Ankömmlinge.

Deutschland ist von einer Welle der Hilfsbereitschaft erfasst worden, so scheint es. Mancher Kommentator geht dabei so weit, Deutschland als einen Tugendfanatiker zu brandmarken, der seinen europäischen Kollegen gewaltig auf den Wecker geht. Das Denkmuster ist bekannt, die Kritik des Humanitarismus in konservativen Kreisen wahrlich keine Neuerfindung. Neben der Angst des Konservativismus vorm ‚Tugend-Terror‘ gibt es eine zweite Tendenz, die Angst vor der „Überfremdung“.

Zweiteres ist eine noch gefühlte und wenig artikulierte Furcht, aber sie ist spürbar. Nur so ist mir Sascha Lobos Vorschlag, „Flüchtlinge“ als „Vertriebene“ zu bezeichnen, erklärbar. Der BdV (Bund der Vertriebenen) verweist auf Unterschiede, erkennt die Idee dahinter aber an. Das entscheidende Argument gegen die Gleichsetzung durch den BdV ist, dass die Lage ‚unserer‘ „Vertriebenen“ damals eine ganz andere gewesen sei als die heutige Lage der „Flüchtlinge“.

Ich kenne einige „Vertriebene“, Menschen im gesetzten Alter, ideale Opfer der Konservativen, die sich vor „Überfremdung“ fürchten könnten. Hochbetagte mit Furcht vor den ganzen „Muselmanen“ und „verschleierten Frauen“, die auf uns zukommen und die Rente schmälern. Meine gegenteiligen Beobachtungen sind natürlich nicht allgemeingültig, aber sie sind herzerwärmend.

Frau N. und Frau F., die eine Sudetin, die andere Ostpreußin, sitzen am Tisch und wirken nachdenklich, als ich vorbeikomme. Eigentlich habe ich gleich Feierabend von meinen sporadischen Besuchen auf der Station, aber als ich die beiden grüße, winken sie mich heran. Ihnen liegt etwas auf dem Herzen, das merke ich sofort. Zwischen den Damen liegt eine Tageszeitung, mich beschleicht ein ungutes Gefühl. „Herr Zeilenende, wie soll das denn weitergehen?“ eröffnet Frau N. das Gespräch. „Die ganzen Leute, die da kommen, wo sollen wir die denn unterbringen?“ Ich will zu einer Erwiderung ansetzen, da sekundiert Frau F.: „Ja, die schreiben hier von Zelten, aber bald wird es Winter. Diese armen Menschen.“ Und schon bin ich mittendrin in zwei abenteuerlichen Geschichten, voller Angst und Fremdheitserfahrung, von jahrelangem Leben in Baracken. Und beide erzählen davon, wie sie sich fremd gefühlt haben.

„Nein,“ sagt Frau F., als ich mich traue, sie zu fragen. Sie seien sich nicht wie vertriebene Deutschen vorgekommen, sie haben sie wie Fremde gefühlt. Frau N. nickt und beide berichten davon, dass alles anders war: Die Umgebung war anders, die Menschen haben nicht ihre Sprache gesprochen, sie haben andere Bräuche gepflegt. Und die „Eingeborenen“, so nannte Frau F. sie, haben sie gemieden, im besten Fall. Beide erzählen mir davon, dass nicht nur sie sich fremd gefühlt haben, sondern auch befremdet wurden: Die „Eingeborenen“ haben sie auch nicht als Deutsche wahrgenommen, auch sie haben die „Vertriebenen“ für Fremde gehalten. „Wo soll das hinführen mit diesen armen Menschen? Die haben doch alles verloren, Herr Zeilenende. Und jetzt diese grässlichen Menschen da in Sachsen, die Heime anzünden. Das ist doch unmenschlich. Die Asylanten haben es doch schon schwer genug.“

Die spezifischen Umstände der „Vertriebenen“ des Zweiten Weltkriegs mögen andere gewesen sein, aber fremd waren auch sie. In der Geschichte gilt: Sie wiederholt sich nicht, jede historische Situation ist durch ihre spezifische Genese einzigartig. Aber das Gefühl damals und heute weist Parallelen auf: Die „Vertriebenen“ haben sich fremd gefühlt, sind oft auch als Fremde wahrgenommen worden. Gemeinsamkeiten bestanden lediglich auf dem Papier: Staatsangehörigkeit, Religion, Kultur. Aber konkret sind nicht Deutsche auf Deutsche getroffen, sondern Rheinländer auf Ostpreußen, Evangelische auf Katholiken (Ökumene ist eine recht neue Erfindung), Karneval auf Streuselkuchen. Das mag trivial klingen, aber die Beispiele symbolisieren unterschiedliche, einander fremde Lebenswelten. Ich bin geneigt zu sagen, „Eingeborene“ und „Vertriebene“ wussten damals weniger voneinander als „wir“ von den „Flüchtlingen“, die nun zu uns kommen. Zumindest haben wir es leichter etwas zu wissen, wenn wir es erfahren wollen, Internet sei Dank.

„Die sind genau wie wir,“ schließt Frau N., entschieden. Frau F. widerspricht: „Die haben keinen Krieg verloren.“ Aber in einem sind sie sich einig: „Mit denen kann man doch nicht so umspringen wie mit uns damals, dafür geht es uns doch viel zu gut.“ Und dann tippt Frau F. mir mit dem Finger gegen die Brust: „Haben Sie keine Angst vor den Asylanten, Herr Zeilenende. Die haben viel mehr Angst vor Ihnen.“

Lieber Sascha Lobo, du hast zwei neue Fans, vertriebene Fans.

14 Kommentare zu „Doch Vertriebene

  1. Das Wort „Verdriebene“ würde dem Ganzen Thema wohl auch eine andere Dimension geben und es für manchen in anderem Licht erscheinen lassen, denke ich. Immerhin ist „vertrieben werden“ ein passiver Vorgang, der nicht auf Freiwilligkeit beruht, „flüchten“ ist was Aktives und klingt mehr nach freiwilliger Absicht, seine Heimat zu verlassen. Was natürlich Quatsch ist, aber,ich denke, es kommt auf der emotionalen (und unbewussten) Schiene so beim „gemeinen Bürger“ an……

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  2. Was wir hier ja auch zu spüren bekommen, das ist dieses Fremdsein, dieses irgendwie nicht dazu zu gehören, wenn wir uns die damaligen Gastarbeiter anschauen, sie selbst haben sich arrangiert, aber deren Kinder und Enkel haben massive Identitätsprobleme, sie sind weder richtig deutsch noch richtig z.b. türkisch. Hier fühlen sie sich nicht wirklich angenommen und in der Türkei werden sie auch nicht für voll genommen.
    Die Gastarbeiter selbst haben ihre Probleme verdrängt, und sie quasi den Folgegenerationen übergeben…..und das könnte mit den jetzigen Flüchtlingen auch passieren.
    Es ist nicht einfach zwei Kulturen zu leben, weder im Innen noch im Außen, finde ich.
    Ich wüsste auch nicht, ob ich das so einfach hinkriegen würde.

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    1. Ja, man braucht Identitäts-Angebote. Ich sehe in letzter Zeit häufiger Wehrdienstleistende „mit Migrationshintergrund“. Auch wenn ich kein Riesenfan der Bundeswehr bin, ist das ein möglicher Weg, denn die Jungs arbeiten für Deutschland. Zumindest auf der basalen Ebene, dass die Bundesrepublik ihr Arbeitgeber ist. Letztlich klappt Integration dann, wenn die zu integrierende Gesellschaft sich interessiert, wo die Leute herkommen, aber nicht ständig darauf herumreitet, sondern sie genau so „kartoffelig“ behandelt, wie alle anderen auch.

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      1. Ja, das ist schonmal ein guter Ansatz. Wir haben hier auch endlich mal Polizisten im Einsatz mit Migrationshintergrund.

        Allerdings muss Integration von beiden Seiten gewollt sein, sonst funktioniert es nicht.
        Ich lebe hier in einem Viertel, wo 95% Migrationshintergrund haben, fast alle sprechen kein Deutsch und meiden auch die wenigen Deutschen hier.
        Sie kommen zu keinem Stadtfest, bleiben unter sich…. ich habe mir redlich Mühe gegeben, aber ich bin immer ins Leere gelaufen. SOOOO funktioniert Integration nicht.

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        1. Klar, weil sie ghettoisiert werden. Das ist das gleiche Problem wie „Latte-Macchiato-Biosojamilch-SUV-Fahren-Prenzelberg-Mutter“ … Die sind genau so wohlstandsverwahrlost wie viele Migranten amutsverwahrlost sind. Der einzige Unterschied: Wohlstand sediert, Armut kriminalisiert. Ich hoffe, die Kommunen lernen langsam dazu, in München gibt es soweit ich weiß erste Pilotprojekte gegen Gentrifizierung.
          Ja, es muss von beiden Seiten kommen. Das heißt auch „Ih, da zieh ich nicht hin, da sind so viele verschleierte Menschen auf der Straße“ ‚Das geht gar nicht‘, um die Heilige Angela mal dekontextualisiert zu zitieren. 🙂

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          1. Nein, so ist es leider nicht.
            Die Rot-Grüne-Regierung hat in den Achtzigern beschlossen auf Freiwilligkeit zu setzen, sie waren gegen die sog. „Zwangsgermanisierung“.
            Ich fand das damals auch gut. Leider hat sich gezeigt, dass es ein Fehler war, die Migranten NICHT zum Deutschkurs zu zwingen.

            Damals hat man sie quer über die Stadt verteilt, und es dauerte nicht lang und sie taten sich zusammen und „eroberten“ sich ihre Viertel.
            Es wurde von der Stadt nicht mehr kontrolliert und so ergab es sich, dass wirklich solche Ghettos entstanden, die so nicht gewollt waren und auch einfach schlimm sind.

            Ich bin freiwillig hierhin gezogen, weil ich Multikulti gut finde. Ich wurde herbe enttäuscht, weil sich die Migranten nur abschotten und die Deutschen komplett ablehnen.

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            1. D’accord, ich habe vereinfacht. Ist so ein Reflex, wenn man viel Zeit mit Menschen verbringt, die in Wir-Die-Schemata denken. Es braucht auch einen Willen. Das Problem ist, dass unsere Migranten vergangener Tage als Gäste begriffen wurden, die nun dummerweise nicht gehen. Man hat ihnen damit signalisiert: Bemüht euch nicht zu sehr, euch hier heimisch zu fühlen. Da haz jeder gute Wille es schwer.
              Es braucht letztlich beides, Kontaktmöglichkeit und Integrationszwang. Warum haben sich die verteilten Migranten denn zusammengerottet? Weil der Deutschkurs nicht obligatorisch war und die Hürden, dort hinzugehen entsprechend hoch sind. Es ist wesentlich einfacher zu versuchen, sich eine Gegenkultur zu schaffen. Verteilung der Leute mit verpflichtendem Deutschkurs würde eine gänzlich andere Situation schaffen, in der so etwas wie Nachbarschaft entstehen könnte.
              Die Separationsprobleme, die wir jetzt haben, sind ja nicht von heute auf morgen entstanden. Die Abschottung ist eine Reaktion auf die stiefmütterliche Behandlung von Einwanderern bis über die 90er Jahre hinaus. Da wuchs teilweise schon die dritte Generation heran, die gelernt hat, dass man gut durchs Leben kommt, wenn man unter „seinesgleichen“ bleibt. Der Fremde ist in einer abgeschotteten Gesellschaft als Eindringling aber immer eine Gefahr. Noch so etwas, was die Wohlstandsverwahrlosten mit den Migranten gemein haben. Und es läuft -Achtung linker Reflex- immer auf das Gleiche hinaus: Der Staat muss Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, die er haben will. Er muss seine Migranten zum Deutschlernen zwingen, und die Kinder der Sojalatte-Mamis auf die Rütlischule schicken … Oder so.

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              1. Als klar wurde, dass die Gäste nicht wieder gehen, gab es hier in der Stadt zuhauf kostenlose Deutschkurse, sogar solche, die nur für muslimisch Frauen waren, wurde aber abgeschafft, weil niemand kam. Ich fand das sehr enttäuschend und für mich kam es auch so rüber als WOLLTEN sie nicht, sie waren lieber unter ihresgleichen.
                Es gab Treffs, wo deutsche Nachbarn ihre neuen Mitbürger treffen sollten, wurden auch geschlossen, weil nur deutsche Leute dorthin kamen.

                Ich finde nicht, dass alles der Staat machen soll, aber in diesem Fall geht es wohl leider nicht anders.
                Ich habe hier über mir spanische Nachbarn, die seit über vierzig Jahren hier sind. Die Frau spricht kein einziges Wort deutsch, der Mann nur ganz wenig, man kann sich kaum mit ihm verständigen. Die beiden Söhne sprechen zum Glück fehlerfrei deutsch.
                Meiner Meinung hat die Einwanderungspolitik schon in den 80ern versagt und tut es bis heute.
                Ich versteh allerdings auch die Migranten nicht, die sich nicht integrieren wollen. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen in ein anderes Land gehe, dann würde ich doch alles daran setzen, um mich halbwegs anzupassen, und vor allem als erstes die Sprache zu lernen. Und mein Denkfehler damals war es, dass auch die „Gastarbeiter“ so denken und handeln.

                ein gutes Bespiel gibt es aber auch, wir haben hier eine ziemlich große russische Gemeinde, wo viele Heimatvertriebene aus Sibirien kamen, Spätaussiedler, die in ihrer früheren Heimat sterben wollten, sie kamen mit kindern und Enkeln und alle lernten ratzfatz deutsch, hatten Jobs.
                Sie waren privat auch viel unter sich, aber sie waren trotzdem eingebunden und keiner erlebte sie als „fremd“, weil man sich problemlos mit ihnen unterhalten konnte.

                vielleicht war es deshalb, weil sie eine ähnliche Kultur haben, die muslimische Kultur ist eben doch total anders, da ist es vielleicht schwieriger, sich einzugewöhnen.

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              2. Ah, pack sofort die „andere Mentalität“ in einen Karton und stell ihn in einen dunklen Winkel! Es geht micht um Mentalitäten sondern um Fremdheitserfahrungen.
                Die Frage ist, wie man empfangen wird: Die Spätaussiedler wurden vielfach als deutsche Staatsbürger empfangen und ernst genommen, den Rest hat man geduldet und nicht empfangen, nicht von Seiten der Bevölkerung, staatlicherseits. Und mangelnde Wertschätzung wirkt eben nicht motivierend. Und wenn sich so ein Muster jahrzehntelang eingeschliffen hat, haben die „Betroffenen“ auch kein Interesse an einer Änderung. „Neuankömmlinge“ kommen ja nicht in unbekanntes Land, hier sind schon hanz viele von „ihresgleichen“, Menschen mit der gleichen Sprafhe, in der sie sich sicher fühlen. Und da sucht man eben zunächst Anschluss.

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              3. Das sehe und erlebe ich hier seit vielen Jahren eben ganz anders.
                Die Leute wollen ihre Ruhe haben, sie wollen sich abschotten, sie haben keinen Lust, sich zu integrieren. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber leider ist es so.
                Ich fand, dass die Deutschstämmigen Russen es eher schwer hatten, sie wurden hier arg angefeindet, weil sie viele Jahre nichts hier einbezahlt hatten und dann noch mehr Rente bekamen als die deutschen, die hier gearbeitet haben. Von daher habe ich hier nicht erlebt, dass die so willkommen waren. Sie haben einfach sehr viel Eigeninitiative gezeigt, haben sich ihre Gemeinde aufgebaut ohne nach dem Staat zu rufen.
                Auch für die Moslems ist hier sehr viel getan worden, man kann die Moscheen hier schon nicht mehr zählen, da haben die Marokkaner ihre eigenen Moscheen und die Türken und andere auch….das findet man sonst nirgendwo.

                Mittlerweile finde ich, dass man es machen sollte wie in den USA, meine Freundin musste zwei Jahre lang Kurse besuchen, Sprache, Kultur, Geschichte, um sich das „Bleiberecht“ zu sichern. Die, diese Prüfung nicht schafften, die mussten wieder gehen. Das sollte man hier auch so handhaben, da würden sich bestimmt viele doch ein bissel anstrengen.

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              4. Ich habe über das Thema heute morgen im Zug nachgedacht und einen Blogbeitrag dazu entworfen, handschriftlich 🙂 Ich muss zwei oder drei Dinge dazu nachschlagen, danke dir aber schonmal für die Anregung.

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