Gedanken zum Nationalfeiertag

Ich habe ein gespanntes Verhältnis zu Deutschland, nicht als Staat, aber als Nation. Während ich Staatlichkeit und Staaten gut finde, weil sie einen Ordnungsrahmen geben und idealiter ein gesichertes Leben ermöglichen, gefällt mir die ideologische Aufladung des Staates in der Idee einer Nation nicht. Dennoch möchte ich den heutigen Tag nutzen, um meine Liebe zum 3. Oktober auszudrücken.

Genau genommen ist der „Tag der deutschen Einheit“ mein Lieblingsfeiertag, knapp vor Weihnachten und dem Tag der Arbeit. Am Ende der Skala steht einsam und verlassen „Neujahr“, das ich ziemlich trostlos finde.

Es hat eine Weile gebraucht, bis der 3. Oktober und ich miteinander warm geworden sind, denn ich habe ihn als schlechten Ersatz für Nationalfeiertage anderer Nationen wahrgenommen. Das ist meist der Tag im Feierkalender, an dem die jeweilige Nation stolz auf ihre Tradition zurückblickt und laut in die Welt hinausschreit, dass sie die großartigste Nation auf der Erdkugel sei. Nun ist der Nationalismus nicht mehr sonderlich en vogue, aber selbst das Umdenken des „Wir feiern uns selbst“ trägt die Zeichen des Nationalismus in sich.

Der Patriotismus zehrt wie der Nationalismus von den Leistungen anderer. Blicken wir in die Geschichte zurück, feiern wir große Staatsmänner, die sich oft deshalb einen Namen gemacht haben, weil sie unbarmherzig regiert, ihre Feinde erfolgreich niedergemetzelt und politische Gegner ins Exil getrieben oder exekutiert haben. Die Vergangenheit ist kein schöner Ort. Und berufen wir uns auf die Leistungen Wissens- und Kulturschaffender von Dürer bis Heisenberg, drängt sich mir bloß die Frage auf, was ausgerechnet die Nation zu deren Leistungen beigetragen hat und wieso ich stolz darauf sein sollte, den gleichen Pass wie einer der Gefeierten zu besitzen.

Nationalfeiertage haben aber zumeist eine zweite Ebene:

-Der 14. Juli erinnert an den Sturm auf die Bastille, den Beginn der Revolution und damit an die Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“

-Der 04. Juli erinnert an die Unabhängigkeit von Großbritannien und verschreibt sich damit den Werten der Unabhängigkeitserklärung. Daran angelegt feiern viele ehemalige Kolonien ihren Nationalfeiertag als Unabhängigkeitstag.

-Am 17. Mai feiert Norwegen die Unterschrift der Verfassung, den verbrieften Rechten und Ansprüchen des Volkes an den Staat

Der Nationalfeiertag ist immer eine Feier der Freiheit von Fremdbestimmung. Es mag wie Hohn klingen, dass Belarus seinen Nationalfeiertag am 27.07. begeht und dort die Unabhängigkeit von der Sowjetunion feiert. Ob dieser Tag einen Zugewinn an Freiheit bedeutet, ist zumindest zweifelhaft. Dennoch ist die Idee dahinter bestechend: Der Nationalfeiertag ist der Tag im Jahr, an dem wir Freiheit und Unabhängigkeit, die Möglichkeit der Selbstbestimmung feiern und – von meiner Warte als Bürger eines demokratisch verfassten Staates aus: Die Demokratie.

In Deutschland ist die Sache noch ein wenig spezieller: Wir feiern nicht nur die Demokratie, wir würdigen auch den letztlich erfolgreichen Kampf der Bürger*innen der DDR gegen ein erstarrtes, repressives und paternalistisches System. Wir erzählen eine besondere Geschichte von Bürgern, die ihren Staat beseitigt haben und kollektiv Teil eines anderen Staates geworden sind. Sie haben sich nicht nur von etwas befreit, sie haben sich auch bewusst für etwas entschieden.

Mir ist bewusst, dass es sich dabei um ein Narrativ handelt. Nicht jeder Bürger der DDR war unzufrieden mit seinem Staat, nicht jede Bürgerin wollte trotz Unzufriedenheit die Einheit der beiden deutschen Staaten. Entscheidend sind die Werte, die der Nationalfeiertag transportieren möchte. In Deutschland markiert der 3. Oktober den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich der Bundesrepublik und deshalb feiere ich an unserem Nationalfeiertag das Grundgesetz, nicht als nationales Regelwerk sondern als Dokument der Demokratie. Und weil sich Demokratie nicht auf Nationen verpflichten lässt, kann ich feiern, ohne mit Deutschland als Nation zu füßeln und am 4. Oktober noch intensiver darüber nachdenken, wo in Deutschland noch besonders viel demokratische Arbeit wartet. Frohen Feiertag, liebes Deutschland.

Advertisements

4 Kommentare zu „Gedanken zum Nationalfeiertag

  1. Tatsächlich kenne ich etliche ehemalige Bewohner der DDR, die der DDR zwar nicht nachtrauern, sie aber auch nie als wirklich schlimme Einengung empfanden. Gut, da mag immer auch ein gewisses Maß an nostalgischer Verklärung (»Früher war alles besser…«) enthalten sein. Wer aber keine politischen Ambitionen hatte und ein prinzipiell genügsamer Mensch war, der konnte in der DDR vermutlich sehr lange »unter dem Radar« fliegen und weitgehend sorgenfrei leben.

    Gefällt mir

    1. Wenn man das Politische ausblendet, ist das durchaus auch so. Die DDR hat in Sachen Kinderbetreuung m. E. Maßstäbe gesetzt, andererseits wurde das Instrument zum Einen zur Indoktrination der Kinder missbraucht, zum Anderen hat es die Haltung generiert, man müsse seine Kinder in Hort, Krippe, KiTa erziehen. In unserem Urteil über die Vergangenheit müssen wir immer schauen, auf welcher Ebene wir uns bewegen. In der DDR war nicht alles schlecht, ja. Aber dafür muss man die „nicht schlechten Dinge“ erst einmal von ihrer Herkunft und Zielsetzung lösen. Die Vorstellung, üble Regime seien so etwas wie die Hölle und die Leute hüpfen täglich in ein Schwefelbad, geht völlig an der Realität vorbei. Es gibt einen Unterschied zwischen Ideologie und Alltag. Wer das nicht sieht, geht den Ideologen auf den Leim.
      Vielmehr ist es m. E. so, dass die Leute, so sie nicht mitmachen, sich entweder eine Nische suchen, in der sie unbelastet vom Schlechten leben können oder sich ihre kleine Subversion suchen, um dem Regime etwas abzutrotzen. Und sei es der Konsum des Westfernsehens als kleiner Akt des Ungehorsams. Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass trotz widriger Umstände alles in Sack und Asche geht, wenn der Staat mies ist. Der Mensch ist nie nur Staatsbürger.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s