Da komme ich des Morgens in die Küche und noch bevor ich mich über Herrn Zeilenende Sr. aufregen kann, der wieder einmal vollkommen desorganisiert und überflüssigerweise hin und her rennt, Schock. Nicht darüber, dass er meine morgendliche Ruhe nicht allein durch Anwesenheit sondern zusätzlich durch sein Verhalten stört, nein, viel schlimmer. Ich sage nur: Unheimliche Begegnung der dritten Art.

Ich war vollkommen nichtsahnend. Ich setzte zu einer Schimpftirade an, als mein Auge von etwas Schimmerndem abgelenkt wurde. Nun, was denkt man normalerweise, wenn es irgendwo schimmert? Als Sternzeichen Elster gehe ich davon aus, dass dort Silberlöffel liegen, die ich mir unter den Nagel reißen und in mein Schmuckkästchen schleppen muss, bevor es jemand anderes tut. Ich strecke meine Hand aus und verharre mitten in der Bewegung. Das sind definitiv keine Silberlöffel. Auch kein Silberschmuck. Schade, ich hatte mich schon so gefreut.
Ich schaue etwas genauer hin. Furcht macht sich breit. Unerklärliche Phänomene rühren an unseren tiefsten Ängsten. Welche Angst rührt sich da in meinem Innersten? Es ist nicht die Angst vor Riesenschnecken, die meine Ernte ruinieren, weil die kein Interesse an dem haben, was noch im Gemüsebeet steht. Es ist such nicht meine atavistische Furcht vor zusammengefallenen Biskuitböden, weil ich keinen Biskuit gebacken habe. Dann muss es meine Angst vor defekten Toiletten in der Bahn sein. Ja, ganz bestimmt. Ein rascher Blick um mich herum bestätigt mir aber, dass ich nicht in der Bahn bin: Die Sitze sind nicht aufgeschlitzt, die Wände nicht mit Graffiti beschmiert, niemand hat auf den Boden gepinkelt. Also gut, was ist hier los?
Vorsichtig nähere ich mich den unbekannten Objekten. Bilde ich mir das nur ein oder schweben sie wenige Mikrometer über der Tischplatte? Dementsprechend sind es also Unbekannte Flug-Objekte. UFOs, in meiner Küche. Die Furcht schwindet, ich bin begeistert. Weltfrieden, die Erforschung des Alls, Replikatortechnologie und wilde Sexorgien mit mehreren, fünf Meter großen blauen Tentakelwesen ziehen als Kinofilme nacheinander vor meinem geistigen Auge entlang, mit mir als Protagonisten … Außer in den Alien Porns natürlich, ich bin auch in meiner Phantasie prüde.
Ich klopfe vorsichtig an dem mittleren UFO, es klingt irgendwie hohl. Scheint niemand zu Hause zu sein. Herr Zeilenende Sr. scheint nichts bemerkt zu haben, aber er stiehlt sich in sein Arbeitszimmer davon. Ob er die Aliens entführt hat, um seine Entdeckung nicht mit mir teilen zu müssen? Nein, das ist nicht seine Art. So kopflos wie er ist, hat er die UFOs gar nicht bemerkt. Mauzi blickt mich betont unschuldig an. „Sag mal, du Ratte, hast du die Aliens etwa aufgefressen, nachdem du keine Lust mehr hattest, mit ihnen zu spielen?“ Sie schaut noch ein wenig unschuldiger, also packe ich sie an den Hinterbeinen und schüttele sie kopfüber aus. Zum Vorschein kommen ein Büschel Fell, etwas Gras, ein angenagter Elefantenrüssel und die Bundeslade.
„Elefant? Jetzt mal ehrlich, wo bleibt da der Nervenkitzel? Früher war es Nashorn. Du wirst alt, Madame.“ Während ich ihr predige, lasse ich unauffällig die Bundeslade verschwinden. Keine Ahnung, wo sie die gefunden hat, aber jetzt gehört sie mir. Aber keine Außerirdischen in Sicht. Die Katze ist aus dem Schneider. Ich brühe besser erstmal einen Kaffee auf. In der Mühle haben sich auch keine Aliens verborgen, die Kaffeebohnen riechen zwar abgespacet, sind aber Kaffeebohnen.
Mit einer Tasse in der Hand setze ich mich vor die UFOs. Also gut, ihr großen blauen Männchen, wo seid ihr, warum wollt ihr nicht mit mir in Kontakt treten? Ah, dieser Kaffee ist herrlich. Vorsichtig tippe ich gegen das mittlere UFO. Es raschelt. Sehr merkwürdig. Ob die UFOs beschädigt und notgelandet sind? Wollten sie womöglich gar nicht in meiner Küche landen? Das wäre sehr enttäuschend und nicht gut für mein Ego. Aber gut, wenn ihre Raumschiffe defekt sind, dann sind sie wahrscheinlich im Keller und suchen Werkzeug. Ich eile die Treppe herunter in den Werkzeugkeller. Ich sehe … Chaos. Ich stutze einen Augenblick, dann fällt mir ein, dass das hier Herr Zeilenende Sr.s Domäne ist und hier niemand aufräumt. Ich betrete diesen Raum normalerweise nicht. Das müsste, extrapoliert man das Aussehen seines Arbeitszimmers, also der Normalzustand dieses Raumes sein. Keine Außerirdischen? Billy lugt ums Eck, sagt Miau und verschwindet, bevor ich auch sie durchschütteln kann.
Zurück in der Küche beende ich erst einmal das Frühstücksritual. Kaffee Nr. 2, Lungenbrötchen Nr. 1, den Blick unverwandt auf die Kartoffelgebäcke UFOs gerichtet. Was geht hier bloß vor sich? Was verbirgt sich unter der Alufolie schimmernden Außenhaut? Irgendetwas stimmt hier nicht so ganz, ich weiß nur nicht was. Es ist einfach noch zu früh am Morgen.

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22 Kommentare zu „UFO-Landung

    1. Körperteile seit der Anschaffung der neuen Küchenmaschine nicht, früher hatten die Gebäcke darunter einen gewissen Anteil an menschlichem Finger. Es sind ganz profan zwei Kartoffelpufferts und links ein Watz, regionale Kartoffelspezialitäten für das alljährliche Kartoffelfest, den der Chor meiner Mutter ausrichtet.
      Puffert bitte nicht mit Puffer verwechseln, das sind Reibekuchen. Puffert ist Kartoffelbrot aus rohen geriebenen Kartoffeln, Mehl, Salz, Kartoffelstärke und Mehl.
      Watz (links) besteht aus geriebenen, ausgedrückten Kartoffeln, zahllosen Eiern und etwas Kartoffelstärke, wird knapp drei Stunden bei großer Hitze im Ofen gebacken und am nächsten Tag in der Pfanne ausgebraten. Die Rezepte kann ich bei Bedarf gern raussuchen. 🙂

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      1. Gern doch. 🙂
        250ml Milch
        1 Würfel Frischhefe
        1TL Zucker
        2 geh. TL Salz
        750g Mehl
        750g Kartoffeln (vorw. festkochend)

        Die Hefe in der lauwarmen Milch auflösen und mit dem Zucker ca. 20 Minuten stehen lassen.
        In der Zwischenzeit die Kartoffeln reiben und durch ein Küchentuch gründlich ausdrücken. Das Wasser auffangen und Stärke absetzen lassen.
        Die Kartoffeln, Mehl, Salz, die Stärke und die Hefe gründlich verkneten, die Konsistenz mit Kartoffelmehl und Milch steuern, sollte in etwa die eines Pizzateigs haben. Kneten, bis der Arzt kommt oder sich ein schöner elastischer Teig bildet, der sich vom Schüsselrand löst. Eine Weile ruhen lassen. So 15-20 Minuten.
        Kastenform einfetten (ich nehme Butter), Teig nochmal durchkneten, in die Form hineingeben und 30-60 Minuten gehen lassen, je nach Wetterlage. das Volumen sollte sich verdoppeln. Teig längs einschneiden und bei 200 Grad (Ober-/Unterhitze, vorgeheizt) 60-80 Minuten backen. Darf ruhig kräftig bräunen, ggf. aber mit Alufolie abdecken. Schmeckt frisch natürlich am Besten, geht herzhaft wie süß, am Besten aber mit Butter und Rüben- oder Apfelkraut.

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    1. Hihi, das würde er fertig bringen, wenn, ja wenn er sich im Supermarkt nicht immer verlaufen würde. Ich warte darauf, dass er da mal aus Versehen eingeschlossen wird, weil er hinter den Gewürzgurken falsch abgebogen und dann an einem ausgelaufenen Glas Honig kleben geblieben ist. 🙂

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      1. Hmpfgrmpfmpf … Da ich meine Talente kenne, habe ich ihn weggezaubert. Gestatten, Zeilenende Percival Wolfric Brian Dumbledore, Orden des Merlin, etc. pp. Ich guck mal, ob ich was finde, ansonsten musst du leider bis zum angepeilten Themewechsel Ende der Woche warten. 😦

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      2. Und ich freu mich auch über jeden Like, den ich ergattern kann. Das ist das Schöne an Social Media, der Einstieg in die Wertschätzung ist so niederschwellig, ein kleiner Button. Ich habe aber leider in den Einstellungen nichts Hilfreiches gefunden. Ich guck morgen mal am Desktop-PC … Selbst wenn es nur vorübergehend ist, es ärgert mich wenn etwas nicht so ist, wie es sein soll.

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