Über Emojis

Es ist schon eine erstaunliche Sache, dass ich in der WordPress-App zahlreiche bunte Gesichter und Symbole zur Auswahl habe, für diesen Beitrag habe ich mich aber an den Schreibtisch und Desktop-PC geflüchtet – und habe die Gelegenheit nicht. Egal, so kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren. Und wo wir schon einmal bei der WordPress-App sind, nochmal ein dickes Sorry. Die stellt bei der Bearbeitung schon einmal Beiträge online, bevor sie online gehören. In diesem Fall kam der Beitrag auf den Blog, bevor ich ihn einer finalen Korrektur unterziehen konnte.

Und sorry, solera, dein Kommentar ist leider weg. 😥

Emojis sind eine tolle Sache. Sie sind bunt, sie sind lustig, sie sind treffend, sie sind eindeuti… Moment. Fangen wir nochmal von vorne an: Emojis sind eine tolle Sache, so der Tenor. Sie seien bunt, sie seien lustig, sie seien treffend, sie seien eindeutig.

Emojis sind bunt, ja. Dafür behalte ich mir einen eigenen Beitrag vor.

Emojis sind lustig, unbedingt. Nesthäkchen wird von Mutter Zeilenende gern „Schnecke“ genannt. In der familieneigenen Whatsapp-Gruppe muss sie Nesthäkchen nicht beim Namen nennen, sondern kann einfach die Schneckengrafik einbinden. Und wenn sie sauer ist, gibt es Raketen, Bomben und Explosionen.

Emojis sind treffend: Statt seinen Überschwang durch zahllose Worte auszudrücken, reicht auch einmal ein breites Grinsen oder ein Herz.

Emojis sind NICHT eindeutig. Ich erinnere mich noch an Mutter Zeilenendes erste Reaktion auf die graphische Umsetzung des 😀 . Ich mag das zugehörige Emoji auch nicht sehr gern, ich bin ein Fan von *fg* oder einem ^^. Mutter Zeilenende fragte Bruderherz einst verstört, warum er über Whatsapp die Zähne gefletscht habe, ihr weitergeleitetes Bild sei doch sehr lustig gewesen. „Mutter Zeilenende, das war ein fett grinsendes Smiley.“ „Bist du sicher? Ich dachte, ich hätte was falsch gemacht.“ „Ganz sicher, Mutter Zeilenende, das ist so ein Internetding. Das Kürzel für den ist : – D, ein weit offen stehender Mund.“ „Naja, wenn du meinst. Ich mag den nicht.“

Damit sind wir mitten im Problem. Vor einiger Zeit machte eine Studie die Runde, die Emoji-Verwendung untersuchte und kulturelle Unterschiede auszumachen versuchte. Dabei kamen verschiedene Ergebnisse zutage. Franzosen verschicken demzufolge gern das Herz und befestigen damit das kulturelle Stereotyp der Franzosen als Romantiker.

Die Folgerung ist naheliegend, aber nicht sehr aussagekräftig. Wenn Emojis eindeutig sind, dann in solchen Fällen, in denen sie der Selbstdarstellung dienen. Der User wählt einen gelben Stellvertreter, um sein Wesen darzustellen. Ein Klassiker dürfte der Pistolen-Emoji sein, mit dem manch halbstarkes Userwesen um sich wirft. Was will Halbstarke*r uns damit sagen? Dass er oder sie eine Waffe hat? Dass er oder sie bald Amok laufen wird? Wahrscheinlicher ist, dass er oder sie sich als harter Hund stilisieren will. Die Lektion dahinter ist: Emojis dienen zu einem Gutteil der Selbstdarstellung und sind nur eindeutig und verständlich, wenn man mit der psychischen Verfasstheit des Verwendenden einigermaßen vertraut ist. Im Fall der französischen Herzen: Das Userwesen möchte als Romantiker wahrgenommen werden, ob es das ist steht auf einem anderen Blatt. Allgemein gesprochen: Die User reproduzieren bewusst, wenn auch nicht so reflektiert wie hier vorgeführt, gewisse ihnen vertraute Stereotype („Seht her, ich bin ein*e romantische*r Franzos*in“) und dekorieren sich damit. Wir als Empfänger dechiffrieren dies, ignorieren aber die bewusste Wahl und unterstellen den umgekehrten Fall, dass die Reproduktion erfolgt, weil das Userwesen Opfer eines Nationalcharakters wurde.

Eine gewisse Eindeutigkeit hat wohl nur der : – ) . Smileys sind älter als Emojis und haben wahrscheinlich einen höheren Universalisierungsgrad als die neueren Emojis, deren konkrete Darstellung immer vom verwendeten Anzeigeprogramm abhängt. Aber universell eindeutig sind auch die Smileys nicht, man denke an den hier. ; – ) Ich merke es an mir selbst. Er dient mir mal zur Anzeige von Ironie oder Sarkasmus, mal dient er dazu, die ausgesprochene Wahrheit etwas abzufedern: „Das ist die Wahrheit aber nimm es bitte nicht so schwer, ich meine es nicht böse.“ Das ist keine Ironie mehr, aber ein weit verbreitetes Anwendungsfeld für den ; – ).

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man gern. Da ist etwas dran. Die Stärke der Emojis liegt gerade nicht in ihrer Eindeutigkeit sondern in ihrer Simplizität, die dennoch hoch kompelex ist. Der Emoji ist immer kontextgebunden. „Können wir reden?“: Bekommt man einen Bierkrug als Antwort, heißt er wahrscheinlich: „Bin in Gesellschaft“ oder „Bin betrunken“, d. h. „Wenn du mit mir tiefgründige Probleme besprechen willst, warte bis morgen.“, wohingegen er als Antwort auf die Frage „Wollen wir uns treffen?“ so viel bedeutet wie „Ich sitz schon in der Kneipe und warte seit drei Stunden auf dich.“

Damit ist die Simplizität (Einfachheit als Wort ist mir zu einfach … 😉 ) dahin, denn der Emoji ist nicht nur uneindeutig, er bedarf zudem der Interpretation. Und sobald es ans Interpretieren geht, mag das die Kommunikation zwar bereichern, es verkompliziert sie aber zugleich. Bereicherung liegt in der Stellvertreterfunktion von Emojis für fehlende Gesten, Mimik und Tonfall, die wir im Gespräch relativ mühelos nebenbei einbeziehen, im Textverkehr aber fehlen. Die Verkomplizierung liegt darin, dass es sich um eine neue Kulturtechnik handelt, die wir erst zu lesen lernen müssen.

Damit wird der Emoji zu einer ernsthaften Herausforderung. Emojis sind Bilder und was zumindest unsere Gesellschaft betrifft, sind wir eine sehr bilderarme. Unsere Bilder sind sprachliche Bilder, denn so haben wir nichtsprachliche Kommunikationssignale im Text bislang kompensiert. Wir lernen in der Schule deshalb ausführlich, wie wir sprachliche Bilder verstehen können, die Bildanalyse lernen wir kaum. Die Bildercodes unserer Gesellschaft beschränken sich auf sehr wenige, weil wir eine literate Gesellschaft sind, die Wissen hauptsächlich in Texten tradiert und nicht wie früher in Bildform. Trotz oder gerade wegen der Bilderflut im Netz: Die Bilder betrachten wir in erster Linie, weil wir sie schön finden, sie sind reine Ästhetik (was nicht abwertend gemeint sondern ein wichtiger Zweck von Bildern ist!). Ihr glaubt mir nicht? Dann versucht mal, mit Student*innen oder Schüler*innen ein Diagramm, also einem formal stark und eindeutig strukturierten Bild zur Informationsweitergabe, zu lesen.

Die Bildwahrnehmung befindet sich natürlich im Wandel. Ich gehöre noch zu den Leuten, die analog aufgewachsen sind. Das Internet hat in meinem Leben zwar schon recht früh eine große Bedeutung gehabt, aber virulent wurde es für mich mit vielleicht 14 oder 15 Jahren, da war ein Gutteil meiner Sozialisation bereits abgeschlossen. Was nach mir kommt, dürfte Emojis besser verstehen. Aber wenn wir uns Mutter Zeilenendes Befremden bzgl. des 😀 anschauen, sollte deutlich sein, dass Emojis eben nicht eindeutig sind. Vielmehr tragen sie ein großes Potential in sich, missverstanden zu werden.

Das Missverständnis des Emojis ist also: Wer einfache (eindeutige) Kommunikation möchte, sollte weite Interpretationsspielräume meiden. Emojis werden je nach herrschender Kultur, Generationenzugehörigkeit, Empathie und „visueller Lesekompetenz“ unterschiedlich interpretiert und erweitern potentiell die Verständnis-Spielräume.

Damit werden Emojis zu einer Kommunikationsgefahr, weil sie den vom Sender intendierten Erfolg torpedieren – oder positiv formuliert: Emojis sind eine Chance, den Interpretationsspielraum zu vergrößern, den Sinn von Texten zu vermannigfaltigen. Und weil Zwischenmenschlichkeiten ohnehin schon kompliziert genug sind, sollte man Emojis genau so bewusst nutzen wie das einzelne Wort – und nicht als nette Spielerei.

15 Kommentare zu „Über Emojis

  1. Ich verwende Emojis gerne bei Freundinnen und Freunden und mit dem Liebsten. Selten im Blog, selten auf Twitter – der Fehlinterpretatinsmöglichkeiten mir bewusst seiend.

    Bei def WP-App immer nach dem Titel gleich auf Entwurf bei den Einstellmöglichkeiten! Android behält den Artikel im gleichen Ordner, iOS verschiebt den Artikel dann sogar in der neuen Version in einen neuen Ordner. Muss man erst mal drauf kommen. 😉 (das musste jetzt!)

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    1. Im privaten Umfeld komme ich meist ohne aus, weil die Leute auch so wissen, dass meine Gemeinheiten lieb gemeint sind. Im Netz achte ich jetzt stärker drauf, seitdem ich mir Gedanken dazu gemacht habe.

      Und: Argh, daran liegt es? Was für eine miese Nummer! Ich stelle meist erst das Datum ein, damit die Entwürfe oben hängen. Dank dir für den Tipp. 🙂

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  2. Lustig wird es erst dann, wenn sich mal ein kompletter Chat nur über Emojis unterhält.
    Das funktioniert aber auch nur, wenn die Gemeinschaft die Bedeutung der jeweiligen Zahlenketten kennt. 😀

    Die sind schon ein Phänomen, die kleinen Dinger. Aber gerade bei schriftlicher Kommunikation verzichte ich extrem ungern auf sie, weil vieles, das man schreibt, beim Leser ebenso viele Bedeutungen haben könnte, wie die Emojis. Mit denen kann man so manchen Satz oder Abschnitt ziemlich entschärfen.
    Aber ja, sobald man etwas komplexere Gesichtchen benutzt, wird die Interpretation zum teil schon schwierig. Erst recht für Leser, die für derlei noch einen ungeübten Blick haben. 🙂

    Übrigens, falls du dein Repertoire erweitern willst:
    http://japaneseemoticons.me/all-japanese-emoticons/
    ;D

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    1. Klar, das funktioniert auch … In meinen wilden IRC-Zeiten haben wir das auch gemacht, da hatten wir aber auch unsere gemeinsame „Geheimsprache“. Aber wer es nicht gelernt hat, steht vor immensen Problemen. Das ist ähnlich wie Native Speaker zu sein oder die Fremdsprache nur im Kurs benutzt zu haben. Ich muss nochmal Wittgenstein lesen, glaube ich.
      Aber danke für die weiteren Figürchen. Ich frage euch bei Gelegenheit ab und baue sie in den Blog ein 😉

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  3. Ohne, dass Du jetzt darauf antworten musst (Du wolltest jetzt endlich andere Blogs lesen….;-) ) Ich nutze ja auch gerne :-), 😀 oder 😉 in meinen Texten. Ich denke, dass hat einfach damit zu tun, dass ich davon ausgehe, dass einige der Leser mich nicht wirklich, bzw. persönlich gar nicht kennen. Ich versuche dann, auf diesem Weg meinen Texten den zum Beispiel wohlwollenden, freundlichen ( 🙂 ) oder ironischen, nicht ganz ernstgemeinten oder kumpelhaften ( 😉 ) Touch zu verpassen, bzw. zu unterstreichen, den ich mit dem Text aussagen möchte. Selbst im Bekannten- und Freundeskreis ist es ja mitunter schwierig, die gewollte Message per Textnachricht zu vermitteln. Was können dann mir völlig fremde Menschen da bloß alles reininterpretieren….Aaaah….Es geht doch nichts über Mimik und Gestik in diesem Zusammenhang….und da sind die kleinen Bildchen doch eine ganz nette Unterstützung. Also, zumindest der ein oder andere Smiley….;-)

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    1. Ja, 🙂 und 😉 halte ich noch für einigermaßen universell, aber was will mir 😵🙅😎 sagen? Noch schlimmer ist der hier: 👌, weil der Wahlweise, je nach kulturellem Kontext, „Super“ oder „Arschloch“ heißt. Es ist auch eher eine Bestandsaufnahme und eine Warnung: Verlasst euch nicht darauf, dass euer Text mit den Emojis eindeutiger wird, im Gegenteil: Er bekommt zusätzliche Bedeutungsebenen.

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      1. Jetzt hast Du ja doch geantwortet….;-) Ich stimme Dir aber zu, Vorsicht ist geboten beim Gebrauch von Emojis. Vor allem auch, wenn man interkulturell nicht so bewandert ist. Da kann das dann statt einen bloßen Missverständnisses zur echten Beleidigung werden. Da halte ich mich lieber an die „Klassiker“ :-), ;-), :-D, :-*, 😛 und hoffe, das da (fast nichts) schief gehen kann.

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  4. Ich finde Emoji´s klasse, weil man seinen Sätzen damit eine bestimmten Ausdruck geben kann, ohne es explizit zu schreiben.
    Die Default-Smilies von früher wie „Lächeln“ oder die berühmten „Unwichtigskeitszeichen“ sind mir oft zu allgemein.

    Es ist schon erstaunlich, was sich für ein Markt um die „Emoji´s“ gebildet hat.
    Es gibt ja mittlerweile alles mögliche an Merchandise Artikel.

    Wenn ihr bockt habt euren eigenen Emoji in haptischer Form zu haben, kann ich nur
    http://www.emojikissen.info weiter empfehlen.
    So gut wie alle Ausdrücke und Formen sind vorhanden und meiner Meinung
    ein gute Geschenkidee.

    Beste Grüße
    Felix

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