Es fließt der Wein, es fließt das Bier …

Ich verbringe verstärkt Zeit am privaten Schreibtisch, so zwei bis drei Stunden pro Tag. Mein Zimmer wird mir zur Klause des Eremiten. Ich weiß auch nicht genau, was mich hierher treibt. Vielleicht liegt es daran, dass Schreiben eine einsame Tätigkeit ist, die besser gelingt, wenn nicht alle drei Minuten irgendein Mitglied des Zeilenendeschen Haushalts hektisch vorbeigetrampelt gekommt oder gar stehen bleibt und Miau sagt.

Ich sage bloß, ich ginge hoch und freue mich darüber, dass sich niemand dafür interessiert, was ich dort oben treibe. Naja, werdet ihr denken, wie jeder junge Mann geht er in sein Zimmer und tut, was junge Männer da so tun: Kiffen, Boxsäcke verdreschen, Gediche schreiben – in der Reihenfolge. Meine Dachkammer habe ich in den letzten knapp anderthalb Jahren allerdings fast ausschließlich zum Schlafen verwendet, es ist durchaus ungewöhnlich, wenn ich mich dorthin verkrümele. Aber der Zeilenendesche Haushalt hat’s verstanden, dass ich nicht sonderlich auskunftsfreudig bin und nicht drüber reden mag.

Weil ich es nicht kann. Ich schreibe, ich sitze da, ich denke nach, ich google meinen Bauchnabel, vor Allem aber höre ich Musik(!) Okay, Fremd-oh, wer bist du und was hast du mit Zeilenende gemacht? – Doofe Frage, ich habe ihn gefressen, nachdem unser Hänsel ein paar Gramm angesetzt hat. Ich bin aber ohnehin der viel interessantere Kerl. Ich sehe dank intensiven Boxsackverdreschens noch besser aus als Zeilenende, bin durch übermäßigen Cannabiskonsum eine Spur witziger und verfüge über ein reichhaltiges Innenleben voller romantischer Poesie.

Genug geflachst für heute. Musik war nämlich eigentlich mein heutiges Stichwort. Jahrelang lag ein Großteil meiner Musiksammlung ungenutzt auf einer externen Festplatte herum. In früheren Zeiten war mein persönlicher Horror, dass diese Festplatte kaputt geht, heute stelle ich mir manchmal vor, dass sie mich von viel Datenballast befreien würde, von dem ich mich doch nicht trennen mag. Doch jetzt bin ich auf Entdeckungsreise und damit auch beim Beitragstitel.

Ich habe euch den Vorspann dabei gelassen, weil es eine sehr nette Geschichte ist. Das Lied selbst beginnt bei 2:28 und ist nach wie vor eines der schönsten, das Schandmaul gesungen hat. Nach Auskunft meiner Datenbank zudem dasjenige, das ich am häufigsten gehört habe. Schandmaul, das ist mehr als bloß eine Band, sondern der Klang meiner Jugend. Mit Schandmaul und Subway to Sally bin ich groß geworden und habe mich von Musik als Hintergrundgedudel aus dem Radio gelöst, bin zu Bands wie Lacrimosa gewachsen, um am Ende irgendwo zwischen Klaus Hoffmann und Joan Baez zu landen. Ohne jemals zu vergessen, „wo ich herkomme“, wie man so schön sagt. Man hat sicher manche Phase (den meisten Metal-Bands kann ich heute nicht mehr viel abgewinnen), manche Prägung bleibt. Ich weiß sogar noch, welches mein erstes Lied von Schandmaul war.

Auch wenn ich nie auf einem Konzert (dieser Band) war, Schandmaul live könnte ich mir tatsächlich gut vorstellen, obwohl mir Konzerte allgemein zu voll sind. Und so geschieht es, dass ich eigentlich gar nicht wusste, was ich genau tun sollte. Klar, erstmal was fürs Blog schreiben, aber worüber? Ich habe eine Liste an Themen, für den Fall, das mir nichts einfällt, aber aus dem Player erschallt das Trinklied und ich bin verzaubert, schwelge in Erinnerungen und überlege mir, ob ich die neueren Alben nicht doch kaufen soll, die erschienen sind, als ich mit anderen Bands beschäftigt oder ganz in der Isolation von Musik jenseits des Radios gelebt habe. Und die Worte fließen von selbst. Die Magie der Musik.

Wobei, es ist gelogen. Schandmaul war auch in „musiklosen Zeiten“ ein Teil meines Lebens, weil ich immer am 30.04. abends die „Walpurgisnacht“ laufen lasse und mich dazu bewege (Tanzen kann man das nämlich wahrlich nicht nennen).

Und weil ich zwar nicht an Magie glaube, aber fest davon überzeugt bin, dass es sie gibt, möchte ich euch auch die Gelegenheit geben, ein wenig davon zu spüren. Die beiden verlinkten Songs sind besonders, weil es das erste und das am häufigsten gehörte sind. Weil sie so besonders sind, haben sie keinen Platz in meiner Top 3 der besten Lieder von Schandmaul sondern spielen noch einmal in einer anderen Klasse.

Das schöne am Mittelalter-Folk-Rock ist, dass er so unglaublich lustige, tiefgründige, romantische und traurige Lieder hervorbringt. Die Spannbreite ist unbegrenzt. Das zweite schöne daran ist, dass es ein Genre ist, in dem Instrumentalstücke und solche mit Text und Gesang gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Sturmnacht ist für mich (neben dem Platerspiel von Corvus Corax) das großartigste Exemplar unter den Instrumentalen.

Das zweite, was ich an Schandmaul und den übrigen Vertreter*innen des Genres so sehr liebe: Geschichten. Das Lied ist nicht nur Lied, es erzählt eine Geschichte. Ja, letztlich erzählt jedes Lied irgendwie eine Geschichte, aber in den drei Prüfungen, als Beispiel für diese Art Musik zu machen, bekommt das Ganze eine neue Qualität, weil hier eben nicht irgendwie sondern im wörtlichen Sinne eine Geschichte erzählt wird.

Laute Töne, aber auch leise Töne. Fröhliches, aber auch eben trauriges. Schandmaul hatte für jede Stimmung das passende Stück für mich parat. Und wenn ich meine Melancholie streicheln wollte, dann gab es das Lied von der goldenen Kette. Vielleicht aus dramaturgischen Gründen nicht geeignet, um damit zu enden, aber ich bin für geeignete Enden ja eh nicht zu gebrauchen.

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5 Kommentare zu „Es fließt der Wein, es fließt das Bier …

  1. Schtümmt ja….die gibt es auch noch…ewig nicht mehr dran gedacht…und nun mal wieder vorgekramt und dank Apple Music auch mal wieder in andere Songs und Geschichten reingehört….I LIKE 🙂

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